Real World Eve revisited: Peter Gabriel multimedial 1997

Eher zufällig stieß ich letztens auf ein Peter Gabriel-Album und erinnerte mich an eine Multimedia-CD-ROM, die ich seit undenklichen Zeiten besitze. “Realworld Eve” nannte Peter Gabriel anno ’97 sein Epos, ich hatte es kurz nach Erscheinen in die Hände gekriegt und fragte mich nun natürlich spontan, a) wie alt das war, b) wie es mir heute gefällt und c), ob es überhaupt noch läuft. Die Kurzfassung: a) 12 Jahre, b) gut, c) ja. Die Langfassung beginnt mit diesem Installationsscreen:
Realworld Eve - Quicktime 2.1-Installation
Unter XP, wohlgemerkt. Ich kniff erstmal bei der Uralt-Quicktime-Variante, aber EVE meldete trotz aktuellem iTunes/QT tatsächlich, dass eben kein QT installiert sei und so keine Videos abgespielt werden können. Die braucht man aber, um das Ganze zu lösen. Also, Zähne zusammengebissen und anachronistische Apple-Software aufs XP geschmissen.

Vorweg mal kurz, um was es geht. Realworld EVE hat mit Eve Online natürlich absolut nichts zu tun. Es ist vielleicht am besten beschrieben als der Versuch Gabriels, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, wie es in den 90ern eben irgendwie nahelag, wegen dem ganzen Gerede um Medienkonvergenz und Multimedialität und was der Buzzwords damals noch waren. Gemacht hatte es damals dann trotzdem kaum jemand, nur Gabriel warf ein paar Millionen in das Projekt, und das rechne ich ihm hoch an.

Realworld Eve - Interactive Music Experience, oder wie das IMX heißen soll...

Was herauskam ist ein recht surreales, definitiv multimediales, mehr oder weniger “spielbares”, bisweilen missglücktes und bisweilen einfach großartiges… Ding.

Die Story

Hm, Story? Eine recht mystisch/surreale Paradies-Vertreibungsgeschichte, in der Menschheits- und Beziehungsgeschichten auf unterschiedliche Weise in, ich nenns Kunst- und Kommunikationsschnipsel in eine Art Spiel reincollagiert werden. Teilweise mehr recht als schlecht, siehe gleich.

Das Spiel

Realworld Eve - ein typisches Rätselkunstfindemausdrüberfahrbild

Das Spiel ist reines Mittel zum Zweck. Wenn das Adventuregenre Pink Floyd-Alben wäre, dann ist EVE “The Final Cut”. Irgendwie bar fast jeder Substanz, aber irgendwo müssen die ganzen Messages, Bilder, Kunstobjekte und Statements ja in eine Form gekippt werden. Dass man deswegen spielfortgangstechnisch quasi permanent den Bildschirm per Mauszeiger absucht, muss man eben in Kauf nehmen. Viele Fragmente und manche größeren Stücke sind für sich schön, was rundes, großes Ganzes wird das aber (als “Spiel”, wohlgemerkt) nicht.

Die “Rätsel” sind alles andere als intuitiv, aber trotzdem flach, eine Handlung im Wortsinn ist nicht vorhanden, Aktionen des Spielers und ihre Ergebnisse haben praktisch nichts miteinander zu tun. Man nimmt den grasgefüllten Rasenmäherbeutel, wedelt damit direkt unter den auffliegenden Raben über dem Weg, denn nur dort kann man dann einen Grashaufen auskippen, der wird zu einem Portalgrashaufen, da kommt man in ein Bild, dort kann man Gegenstände anklicken, die zu Musik-Fly-Ins werden. Kriegt man einen Eindruck?

Die Kunst

Das alles stört aber nicht mal unbedingt, wenn man eigentlich nur den ganzen Kram erkunden will, der in der CD drin ist. Das sind die “Kunstausstellungen” – die für sich aber auch eher flach bleiben, nur wenig erfährt man über die Sachen, die da gezeigt werden, passieren oder getan werden.

Die “Interaktiven Songs”, deren man sich drei zusammensuchen kann, sind schon besser – insbesondere der erste. Das ist surreal, schön und lädt zum rumspielen ein. Heute nicht mehr State of the Art, ist Come talk to me in der IMX-Ansicht trotzdem irgendwie ein völlig verspulendes Erlebnis, bei dem ich einige Zeit davorsitzen kann und die diversen Moods und Rhythmen durchklicken und anreichern kann.

Die Umsetzung

Realworld EVE, auch eines der surrealeren Motive mit Musik drin

Für die damalige Zeit war Eve ein Knaller. Tolle Grafiken, “Multimedialität”, die den Namen verdiente und Interaktivität, die in Bereichen aufschien, wo man sie kaum in dem Maß kannte – bei den Songs. Im Spiel und bei den “Kunstgalerien” wirkt sie hingegen oft genug “eben noch reingewurstet”, den Sinn vermag man nicht zu erkennen (außer, dass mans zum “Weiterkommen” braucht). Einige schöne Videos und – trotz allem Gestückeltsein – ein Gesamteindruck, der einen irgendwo berührt.

Der Anstaubfaktor

Technisch erstaunlich gering – ich hätte wie gesagt nicht damit gerechnet, dass ich das Ding einfach zum Rennen kriegte. Mit QT2.1 wie gesagt anstandslos am Start, und angesichts hoher heutiger Auflösungen und Vollbildmodus war der einzige Haken, dass während der Laufzeit eben auch nach Alt-Tab die Auflösung irgendwas in Richtung 800×600 war.

Realworld EVE - Ruin, Welt fünf der eigentlich vier Welten des Spiels

Inhaltlich, konzeptuell und spielsteuerungstechnisch ginge die “Story” gar nicht mehr. Grafisch und musikalisch ist hingegen alles recht zeitlos. Damals wie heute überwiegt bei mir beim Spielen der Eindruck, sich in der etwas wirren, aber gerade dadurch interessanten Gedanken- und Kunstwelt eines spannenden Menschen zu bewegen, der versucht, viel Botschaft in etwas reinzupacken, wo die Botschaft eben zu einer Collage wird, die aber trotz allem Gestückelten ein Ganzes bildet, das fasziniert und einen nicht loslässt. Angemerkt – zur gleichen Zeit ungefähr kam Myst raus und wurde begeistert rezipiert, aber trotz des damaligen grafischen Overkills und der stringenteren “Geschichte” ist mir das Collagenhafte, Zerrupfte, Improvisierte von EVE an sich eigentlich… nicht lieber, sondern am ehesten näher ;)

Eve würde heute häufiger bzw. drastischer verrissen werden als damals, trotzdem denke ich, dass man Eve spielen und sich vortrefflich Gedanken machen kann dabei, warum nicht mehr in der Art passiert ist, was ohne Eve wohl nicht so passiert wäre, wofür die Geschichte Vorreiter war oder was auch immer. Am stutzigsten macht mich, dass mir zu letzterem irgendwie wenig einfällt. Year Zero vielleicht? Irgendwie enttäuscht mich der Gedanke bei der ganzen Geschichte momentan auch am meisten.

Fazit

Wenn man aktuell einfach keinen Bock auf den x-ten politischen Diss hat, kann man eine uralte CD-Rom rauskramen, spielen, sich dran erinnern, wie fasziniert man vor zwölf Jahren war, und dabei auch ganz aktuell fasziniert sein, weil das Ding a) schön ist und b) immer noch tut. Ich hab mir aber mal ne Iso auf die Platte gelegt, sicherheitshalber.

Wer noch weiterlesen mag: ein Verriss aus der ZEIT von damals und einige Eastereggs, die einer der beteiligten Entwickler gesammelt hat.

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