So, als ordentlicher Blutblogger muss ich mich gelegentlich profilieren, und halte es für mehr als angemessen, dass ich das mit einem Beitrag über Relikte des antifaschistischen Schutzwalls in der Ostzone mache. Da sollten nämlich noch ein paar mehr Leute hin, dort ists fein.

Der Bunker 302 sei ein “Museum der dramatischen Art”, ich unterschreib das. Kurzfassung, weil auf der Homepage stehts ausführlicher, außerdem sollen die Leute ja hin: Der Bunker 302 ist eine Bunkeranlage aus dem Ende des kalten Kriegs, ausgelegt auf das Überstehen eines thermonuklearen Kriegs mit A-Waffen-Einschlägen in minimal 20km Entfernung. Weiter befindet sich dort eine von insgesamt drei Troposphärenfunkanlagen auf DDR-Territorium, die mit Reichweiten von 300km auch nach einem Atomkrieg die Kommunikation sicherstellen sollten. ‘86 wurde das Ding fertig und kurz darauf auch schon wieder stillgelegt.

Nun, was tun? Man kann hin. Dann kann man sich Militär- und Schulungsfilme angucken, bis jemand kommt und einen in den Bunker bringt. Dort ists kalt, aber beeindruckend, und ein Großteil der damaligen Technik steht. “Steht” meint in diesem Fall “funktioniert”, da es einfacher war, den Bunker als autarkes Gebilde zu betreiben anstatt ihn neu zu verkabeln und an die entsprechenden Versorgungsleitungen anzukoppeln.

Weshalb da in sechs Meter Tiefe ein paar fette Aggregate aus sowjetischer btw. VEB-Produktion stehen und nach wie vor ihren Dienst tun. Hinzu kommt die passende E-Technik, mit der ein Knotenpunkt der Kommunikation nach der Bombe betrieben werden sollte. Entsprechend ausgestattet sind die Funk- und Telekommunikationsanlagen, bis hin zu so netten Details wie luftdruckgesicherte Kabelkanäle, die per Druckabfall Leitungsbeschädigung oder “Feind hört mit” signalisieren. Zu Deutsch, das Hardwarehackerherz dürfte hyphen.

Eingerahmt ist das Ganze mit ein wenig martialisch klingender Terminologie, wo man sich als Besucher natürlich an die Weisungen des Führungsoffiziers zu halten hat usw., das wird aber leider? glücklicherweise? nicht durchgehalten. Ich neige zum glücklicherweise und komm zum Teil, warum ich das alles hier schreibe.

Zum einen spricht das Ding für sich - wenn es gelegentlich fröstelt, liegt das nicht nur an Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Es spricht vor allem kein “Hey, guckt mal, solide ostzonale Militärtechnik”. Dass das ganze in einer Zeit entstanden ist, wo sowas wie “Weltweiter thermonuklearer Krieg” nicht bloß ne Textzeile aus War Games (1983) war, sondern eine reale Möglichkeit, nach der man dann eben nicht mehr eine nette Partie Schach spielen konnte.

Zum anderen haben da eben mal zwei Leute ein Riesending von Militärinstallation gefunden, gekauft, restauriert (unter teilweise heftigsten Bedingungen) und zu einem beeindruckenden Mahnmal, ja, Mahnmal umgebaut. Ohne, dass ihnen unter die Arme gegriffen wurde (ich hätte auf Landesmittel, irgendwelche Fonds für die Tourismusförderung, Stiftungen zur Bewahrung der Erinnerung an wasweissich getippt), nichts dergleichen. Was ich, ehrlich gesagt, nicht ganz verstehe. Meine private Theorie: Überzeugten Nichtlinken ist die Erkenntnis unangenehm, dass es zwei braucht zum Tangotanzen und der Kalte Krieg keine Erfindung des Warschauer Pakts war. Ergo, wir wollens nicht wissen. Was die regionalen Fördergeschichten angeht, werden die wiederum von allem Geschichtlichen wenig wissen wollen, was über Kinderhorte, Trabiwerke und Plaste und Elaste aus Schkopau hinausgeht. Allen und allen anderen ist das per se zu militärisch und damit schwer ideologisch zu verorten, also lässt mans lieber.

Nun ist das Ding aber offen und, vielleicht bzw. hoffentlich zum Ärger der richtigen Leute eine Sache, die einen recht global und wenig lagerbehaftet vor so Sachen wie Atomkriegen und Wettrüstspielchen warnt, so schön die Schiffsdiesel auch dastehen und die Lichter der Zuluftmessstationsüberwachungsschränke blinken. Und sagen wir so: ich kann mir auch lostplaces.de nen Nachmittag lang angucken und mach mir die einen oder anderen Gedanken dazu, weil man sich die dort eben machen kann - erzählt wird da ja jenseits der traurigen Fakten eher wenig. Aber sowas zu nehmen und in jahrelanger Arbeit in einen begehbaren Zustand zu versetzen, Material dazu aufarbeiten und in Eigenregie ein geschichtliches Denkmal im besten Wortsinn draus zu machen, das hat meinen derben Respekt.

Bilder hab ich keine, da sind sie wohl ein wenig ängstlich - darf man ohne extra Genehmigung keine machen und von der Webseite bediene ich mich mal nicht, arg groß ist da auch nichts, formattechnisch nun. Wie gesagt aber: wenns euch mal nach Mecklenburg verschlägt - nich weit von der A20, und zu irgendwas muss die ja gut sein. Ich denk, dafür ist sies.

(Kurzer Nachtrag: alle drei Troposphärenfunkanlagen plus Bunker sind bei der Wikipedia im Artikel zum Bunker 301 gelistet.)

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Geschrieben am um Tuesday, June 17th, 2008 , 12:45 pm , Kategorie ich gegen die wirklichkeit. Antworten per RSS 2.0 Feed. Kommentieren, trackbacken anyone?
1 Kommentar

  1. Fox zu July 19, 2008 8:12 pm

    hello,
    ich möchte mal nicht an Dein technischen Verstand zweifeln. Ich war heute dort und habe mir diesen besagten Bunker302 in Augenschein genommen. Da ich doch lange Zeit bei der NVA gedient habe und in einigen Bunkern mein Dienst getätigt habe, sowie im Nachrichtendienst tätig war, frage ich mich ernsthaft, was dort Wahrheit war und was nicht. Für mich entspricht die dortige Darstellung nicht im geringsten der Wahrheit. Man kann dort aber auch alles Aufzählen was nicht dem so ist und war. Zudem bekommt man nur 36% in einem grauen bis gar nichts sehenden Licht zu sehen. alle tech. Geräte die eigentlich zur Nutzung wichtig sind sind erst gar nicht vorhanden, usw. ein Atomschlag zu simulieren, nun ich Bitte doch, wer bitte soll das Simulieren können in einem Bunker? Die Frage sollte man sich doch mal stellen, selbst mit ein wenig tech. Verstand findet man doch schnell heraus das 12,50 € doch heftig für nichts sind.

    Eine Vermittlung der damaligen Geschichte der NVA wird dort nicht vermittelt.

    in diesem Sinne, best regards Fox

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