25c3: Sex, Sowjets und schöne Aussichten

So, Rückblick, einer von mehreren, schätze ich. Genug Zeug hab ich gesehen und gedacht, damits noch ein paar f’ups geben sollte. Daher jetzt mal drei Sachen.

Sex. Ich hatte mich mit Johanes von Monochrom noch ein wenig unterhalten und kriegte im Verlauf des Gesprächs einen Tagungsband zur Arse Electronica in die Hand gedrückt. „pr0novation? Pornography and technological Innovation“ nennt sich das Teil, und ich verdanke ihm neben einigen interessanten Gedanken auch das Überstehen einer durchgemachten letzten Tagungsnacht, inclusive dem netten Gefühl, auf einem Hackerkongress mit einem Buch in der Hand in der Ecke zu sitzen und im Unterschied zu anderen Anwesenden Medien auf Totholz zu nutzen. Distinktionsmittel ftw.

Ich bin so nur ein Drittel durch, aber hab sehr großen Gefallen an einem Buch, das zum Themenbereich Sex, Technik und Medien sehr komprimiert sehr viele Gedanken anregt. Zuvorderst steht bei mir die Erkenntnis, dass ich, obwohl grade ich es besser wissen sollte, nicht immer auf dem Schirm habe, wie weit wir eine unglaublich weitreichende sexuelle Befreiung durch das Internet bereits *erreicht* haben, das ist nichts, was man sich noch groß erhofft, sondern ein unglaublicher und in meinen Augen noch nicht mal wirklich antizipierter gesellschaftlicher Fortschritt. Desweiteren finden sich so schöne Themen, warum Menschen Sex mit Maschinen haben, wie mit Anonymisierung und Outing in nicht-anonym tabuisierten Themenbereichen umgegangen wird bzw. was selbige ermöglichen und verursachen, einige schöne medienhistorische Betrachtungen der Pornografie und vermutlich noch einige weitere Felder, wie gesagt, ich bin noch nicht durch. Was mir am besten dran gefällt, daher auch das „…Gedanken anregt“ vorhin, das Buch regt an, statt Kram zu verkünden. Ich hab das Gefühl beim Lesen, dass ich da weniger Ansichten und Positionen anderer Leute zu den Themen vertickt bekomme, als dass sie eben laut denken und Fragen stellen, es ist vieles einfach sehr offen, optional, wie es bei einem so hoch subjektiven Thema einfach auch sein muss. Amazon, 19 Tacken plus Versand. Ich wink mal in die Richtungen von madchiq und dem plagiat.

Sowjets. Zum einen, ich würd mich gut als Führer eines solchen machen, musste ich nach einer Ausschnittsvergrößerung erkennen, die ich vom folgenden Bild machen musste, nachdem es mir von ClemensBW freundlicherweise geschickt wurde – hast nen Mate gut, Clemens :o)
25c3: Sowjet-Unterzögersdorf, a nation in transit
Zum anderen muss ich zugeben, dass mich monochrom immer wieder drankriegen. Während der Sowjet-Unterzögersdorf-Präsentation hatte ich mich ja unter die Betatester gekämpft, deswegen auch diese Bühnenpräsenz hier. Nun waren ja die Rahmenbedingungen dieser Präsentation recht repressiv, Ordner gabs sonst ja keine und gewalttätige disziplinarische Maßnahmen auf dem CCC-Congress sind ja auch tendenziell eher verpönt. Kurz die Anekdote: ein Gegner der letzten verbliebenen Sowjetrepublik wollte ja auch die Veranstaltung stören und wurde aus dem Saal entfernt. Anschließend kümmerte sich das Sicherheitspersonal durchaus auch um „weniger bedeutsame“ Zwischenfälle, beispielsweise nicht angemessenes Applaudieren oder Ablenkung durch klingelnde Telefone. Einer meiner Mitstreiter wurde während der laufenden Ansprache mehrfach auf dem DECT-Fon angeklingelt, was dazu führte, dass auch er von Bühne und Saal herunter- und hinausbefördert wurde.

Und ich sag mal so: abgesprochen schien mir das nicht (und wars, wie es sich herausstellte, auch nicht). Ich hatte ein paar Worte mit ihm gewechselt, weil er neben mir auf der Bühne stand, und später sagte mir Johannes auch, nee, das sei nicht geplant gewesen, überhaupt seien mit den Ordnern auch eher nur Rahmensachen und keine konkreten Aktionen abgesprochen gewesen. Zum einen also eine interessante Sache, was passiert, wenn man Leuten Macht in die Hand gibt und sie dann im Rahmen einer totalitären Inszenierung machen lässt. Zu anderen aber auch die Frage, die ich mir dann stellte – warum steh ich da daneben und überleg, ob das jetzt Teil der Performance ist oder nicht, wenn der Typ neben mir wegen einem verdammten Telefon rausgeschmissen wird? Klar, man steht auf der Bühne und der Saal guckt zu, und man braucht sich ja auch nicht inszenieren oder was auch immer, aber auf der anderen Seite gehts darum doch gar nicht, sondern darum, dass man eben dazwischengeht, wenn Scheiße passiert, auch wenns möglicherweise Teil einer Inszenierung ist? Bzw., grade dann? Wird jetzt nicht so ne große Sache sein, aber es geht mir nach, muss ich zugeben, und dass es zum einen nicht sonderlich rühmlich für meine Seite war im Nachhinein und zum anderen, dass mir das einfach imponiert, dass es monochrom grade auf einer so anarchischen Veranstaltung wie dem 25c3 geschafft hat, sehr konkret die Auseinandersetzung mit Macht und ihren Ausübern einzufordern. Wenn ich recht drüber nachdenke, scheint es mir irgendwie eine gute Idee zu sein, sich da für zukünftige Inszenierungen eine Strategie zu überlegen, wie man als Teil des Publikums mit einer solchen umgeht. Toll wars ja, aber im Nachhinein kommt es mir der Sache angemessener vor, eben nicht zu klatschen, sondern sich eine andere Art des Umgangs mit totalitären Inszenierungen zu überlegen. Anregungen willkommen :o)

Zum Thema auch noch: Video-Interview auf Netzpolitik.

Tja, und die schönen Aussichten. Jetzt wurds wieder lang, also verschieb ich die auf später. Zum aus der Überschrift schmeißen ists mir zu schade um die Alliteration. An der Stelle auch wieder: Videomitschnitte aller Vorträge gibts hier.

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One Response to 25c3: Sex, Sowjets und schöne Aussichten

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