Denn wir sind anders. Von Jana Simon. Buchrezi, mal wieder

Madchiq stieß mich drauf und „Denn wir sind anders“ von … war ungefähr wie erwartet ein Buch zum in einem Zug durchlesen. Kurz, um was es geht, und vorneweg, es ist ne reale Geschichte.

Denn wir sind anders. Jana Simon

Felix ist deutscher/südafrikanischer Herkunft, wächst in der DDR bei seinen Großeltern auf, die in der KP Südafrikas und im ANC aktiv waren und ins Exil flüchten mussten. Die DDR kehrt heim ins Reich und in der entstehenden Umbruchssituation erteilt Felix allen Versuchen zur Normalbiografie eine Absage und widmet sich dem Kampfsport, wird deutscher Kickboxmeister und verdient sein Geld in der Berliner Türsteherszene, die mit ihm zusammen immer weiter ins extreme Hool-Millieu abdriftet, in die organisierte Kriminalität, in Koks-und-Nutten-Geschäfte und dabei einige Ideale von Gemeinschaft, Vertrauen und Ehre aufrechterhalten will. Was natürlich nicht klappt. Felix wurde in einer Kokainsache verurteilt und beging im Knast Selbstmord. Die Geschichte eines Deutsch-Südafrikaners, der sich für die deutsche Wehrmacht begeistern konnte wie für Bach, ein Leben führte zwischen Vollkontaktprügeleien in der dritten Halbzeit, Liebesgeschichten, Koksdealereien, den Widersprüchen kommunistischer Ideale und DDR-Kleinbürgerlichkeit, Türken- und Schalkehass und einem – ich kanns nicht besser sagen – Streben nach Identität und Intellektualität. Aus dem Stoff sind gute Geschichten, die dazu neigen, einen etwas ratlos zurückzulassen, und „Denn wir sind anders“ ist so eine Geschichte.

Wer hats geschrieben?

Jana Simon, Jahrgang ’72 ist die Autorin und war außerdem die Jugendliebe Felix‘, die nach dem Selbstmord ihres Freundes versucht hat, die Hintergründe zu recherchieren. Im Unterschied zu Felix hatte sie eine vergleichsweise geradlinige Biografie eingeschlagen und ist nachwuchspreisdekorierte Journalistin beim Tagesspiegel. Mit ihrem ersten Buch entstanden an sich einige Geschichten, die in „Denn wir sind anders“ zusammen- und nebeneinanderlaufen.

Was steht drin?

Da ist einerseits die jugendliche Wendebiografie, wie man sie schon ein Stück weit aus „Zonenkinder“ kennt. Da ist die Geschichte von Felix‘ Großeltern, er weißer Kommunist voller Ideale, sie farbige Pragmatikerin, die sich im Apardheidregime verliebten und zuerst in SA, später in mehreren Exilen für den ANC, für den Kommunismus, für ihre Ziele zu kämpfen versuchen und schließlich in Ostberlin landen und dortbleiben. Dann die eigentliche Geschichte – Felix, der bei seinen Großeltern aufwächst, Komplexe und Ablehnung mit Kampfsport, Gewalt und einer eindringlich geschilderten Härte zu sich selber kompensiert – teilweise erfolgreich, er bringts zum deutschen Kickboxmeister.

Sein Leben findet aber in der Hooligan- und Türsteherszene statt. Ich drück mich gerade dauernd um Metaphern wie „abgleiten“ oder „rutscht immer weiter in…“, weil an sich tut er das alles recht absichtsvoll selber: ein farbiger Deutscher in einer nationalkonservativen, gewalttätigen Szene, der Onkelz hört, Puffs bewacht und sich die nächtlichen Massenschlägereien gibt, während sich sein Großvater mit Aktivisten der südafrikanischen Befreiungsbewegung trifft und die linken Debatten führt.

Aber auch wenn man Jana Simons eine möglicherweise idealisierende Sichtweise unterstellt: Da ist einiges mehr als die Hool-, Militär-, Kampf- und Gewaltfaszination, da ist die mühsame Suche nach Sinn und Identität inmitten von Zerfall, Umwertung aller Werte, vollkommen zerrissenen Biografien, was Ort, Identität, Ideale und Lebensumstände angeht. Die biografischen Hintergründe sind so aufgelöst und zerfasert, dass man sie nicht glauben würde, wenn sich die Geschichte nicht so zugetragen hätte. Einiges erfuhr Simon nicht, anderes durfte sie nicht veröffentlichen, und so bleibt einiges der Vorstellungskraft des Lesers überlassen.

Woraus was folgt, wofür sie nichts kann: man fragt sich oft, warum wer wie tickte – ob jetzt Felix oder viele der Leute aus seinem Umfeld. Es wird manchmal angesprochen, manchmal sichtbar, manchmal vermutet, manchmal deutet es sich nur an, wie es nun eigentlich kam mit dem allgemeinen Türkenhass, mit der überall drüberschwebenden Annäherung an rechte Lager und Felix‘ nicht gerade reinarischer Herkunft. Es deutet sich manchmal an, dass ihm andere einfach wegen der Freude an der Subversivität halfen. Die Sprach- und Hilflosigkeit der Familie scheint ebenso immer durch, aber richtig verstehen – das ist bei alledem schwer. Das wird es wohl auch für die Protagonisten gewesen sein. Man steht am Ende ratlos da.

Was mich stört

Wofür sie was kann: die Distanzierung durch die komische Erzählform in der dritten Person. Simon schreibt über sich als „sie“, „Sie saß in dem Jugendzimmer Felix und überlegte…“, „Sie machte sich Vorwürfe, dass sie in dieser Zeit…“ usw., und das ist nicht nur manchmal schwer verständlich, wenn man bei manchen Szenen nicht mehr weiß, wer jetzt Simon ist und wer ihr weiblicher Gesprächspartner, es verschenkt auch einiges an Nachdenk- und Beschreibungspotential. Manchmal saß ich vor dem Buch und dachte mir ein „Himmelherrgott, lass doch diese bescheuerte Pseudodistanziertheit und sag einfach, was du gedacht hast“, ich denke, dann hätte man oft Felix‘ Wirkung auf andere besser verstanden.

Das nächste: das Geschichtendurcheinander. Ein Nebenher der Exilgeschichte der südafrikanischen Großeltern, der Lebensgeschichte Felix‘ und der Wendejugend im Allgemeinen bzw. der Simon im besonderen kann man bringen, aber ich denk, es geht übersichtlicher wie im Buch, da schien es mir gelegentlich ein etwas unmotiviertes Herumgespringe in den Zeitläufen. Was auf der einen Seite ne Stilftrage ist, macht auf der anderen Seite meinem Eindruck nach einiges kaputt, weil die Linie einfach manchmal fehlt: man versucht, einen roten Faden in Felix‘ ohnehin zerfallender Biografie zu finden, und wird permanent rausgerissen. Form follows Content, irgendwo auch wieder, aber ich glaub, anders wär besser gewesen. Das aber eigentlich nur der Vollständigkeit halber.

Wer solls lesen?

Wer sich in irgend einer Form dafür interessiert, was im Rahmen der Wiedervereinigung außer Solibezahlen gelaufen ist, sollte „Denn wir sind anders“ lesen. Wer sich manchmal fragt, was und warum Gewalt fassziniert, warum da manche intelligenten Menschen auf Assoziationen wie Rein- und Klarheit kommen, wer sich für diverse lost generations und frozen men interessiert und nicht nur wissen will, wie man die zu produktiven Mitgliedern der Erwerbsgesellschaft macht: einpacken, lesen. Gebrochene, globalisierte und zwischen alten und neuen Konflikten zerriebene Identitäten: vielleicht ein Extrembeispiel, eines, das vieles in diesen Kontexten sichtbar macht, was Menschen zugemutet wird; was Menschen angesichts dessen oder trotzdem auch von sich selber fordern und wie beides zusammen in den Zusammenbruch führt.

Bei Amazon ists offenbar immer mal wieder gebraucht zu haben. Und ich bin gespannt, was die angeber.in zu sagt, die hats ja auch.

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4 Responses to Denn wir sind anders. Von Jana Simon. Buchrezi, mal wieder

  1. madchiq says:

    Mh. So musskann ’ne Rezi aussehen?
    Wusste doch, irgendwie ist mir das zu anstrengend. :)
    Fuer die Faszination an der ach so boesen Gewalt ist uebrigens das Pilz-Buch (oder falls Du es wissenschaftlicher magst) um einiges aufschlussreicher.

    Dass die Angeberin was dazu sagt, bezweifel ich. Die hat mit Hunden und WII glaub ich genug zu tun.

  2. Korrupt says:

    Ach, muessen, koennen… ich mag mir halt auch gelegentlich ein Buch von der Seele schreiben, nachdem ichs gelesen hab :) Ich merk halt auch manchmal beim Schreiben, was sich noch alles so denken laesst, und das ist mir bei manchen Buechern lieb.
    Der Pilz klingt mehr als spannend, aber ich hab auch noch ein paar Bernhards auf der Liste grade… immer eins nach dem anderen.

  3. Michi says:

    Tolle Rezession, weiß zwar nicht ob ich mir das buch „antun“ werde, aber so etwas ausführlicher und gut gegliedert ist das schon mal was anderes als 2 zeilen auf amazon!

    lg Michi

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