Dreieinhalb Jahre Piratenparteien

Gestern auf dem Weg ins Büro freute ich mich ziemlich über die doch strategisch gut platzierten Wahlplakate der Piraten im Bochumer Bermuda3eck. Ich kam dann ein wenig ins Nachdenken, was da passiert ist und seit wann, und nahm mir vor, mal nachzugucken.
Piratenpartei-Wahlplakat in Bochum, Bermuda3eck
Kurz vorweg, weil jetzt viel Selbstverlinkung aus gullizeiten folgt. Ein wenig stolz bin ich natürlich drauf, dass wir das Thema Piratenparteien von Anfang an hatten und natürlich auch pushten, als noch viele eher dachten, dass das eine Spinnergeschichte ist, die sich totläuft.

Ich stell die letztere These einigermaßen reinen Gewissens in den Raum, weil ich natürlich auch selber beim Newstickern manchmal überlegte, ob da gerade die richtigen Prioritäten gesetzt sind, besonders, wenn mans in den Kommentaren mal wieder um die Ohren gehauen kriegte. Aber es war ein genuines Thema von uns und eines von mir – meine Güte, mein erster Kontakt zu gulli war ja eben wegen der Geschichte „politischer Aktivismus im Netz“ – und es freut mich derbe, dass dreieinhalb Jahre, nachdem in Schweden 4000 Unterschriften über einen Sammelaufruf auf einem DirectConnect-Hub (!! – und kennt noch wer DC++?) zusammenkamen, nun in Deutschland Wahlplakate der Piraten im Bermudadreieck hängen. Dreieinhalb Jahre sind netztechnisch eine Ewigkeit, im RL sinds eben dreieinhalb Jahre. Was in der Frist ganz in echt und unvirtuell erreicht wurde, ist heftig. Umso heftiger, wenn man nicht allzu weit zurückguckt, da sah gelegentlich alles ganz anders aus, sogar bei den Netzaktivitäten.

Die Österreicher waren beim Parteigründen ja nen Tick schneller, und im Interview mit Florian klingts auch an, dass ich 2006 da gelegentlich mehr als skeptisch war, ob der „politische“ Weg der richtige bzw. ein wichtiger ist. An sich denk ich bis heute, dass es trotz politischer Debatte und rasant wachsender Resonanz auf gar keinen Fall versäumt werden darf, die technischen Instrumente zu schaffen (und zu nutzen!), die die Überwachungsmaßnahmen aushebeln, die ja auch weiterentwickelt und mitnichten angesichts wachsenden politischen Widerstands gebremst werden.

Ghandy schrob seinerzeit zur Gründung in Deutschland. Im selben Jahr wurden in .de noch drei Landesverbände gegründet. Und ich bin beileibe kein Wikipedia-Basher, aber kurz aus dem Berlin-Brandenburg-Gründungsartikel zitiert:

„Der Wikipedia-Artikel zur Deutschen Piratenpartei wurde vor kurzem nach heftiger Debatte gelöscht, da Kriterien nicht erfüllt gewesen seien, die eine Aufnahme als Kleinpartei rechtfertigen.“

Heute sieht das anders aus.

„Die Piratenpartei wird niemals politisch auch nur ansatzweise mitreden können.“ ist einer der Kommentare unter der News zur Gründung des Brandenburger Landesverbandes 2007, und Das Fragezeichen ist einer der Kommentatoren, den ich immer gerne gelesen habe und ich bin sicher, dass er sich freut, damals falsch gelegen zu haben :) Noch im selben Jahr spuckte die MPAA wenig überraschend Gift und Galle, und ich weiß nicht, ob man das heute könnte, nachdem sich Angehörige der großen Parteien offenbar nur noch in bemitleidenswerten Einzelfällen für elementare Grundrechte einzusetzen versuchen.

Jedenfalls, dass sich die Besucherzahlen zwischen dem ersten und dem zweiten Bundesparteitag verdreifachten, lag noch am vergleichsweise geringen Zulauf. Mit dem, was heute passiert, hat das schlicht nichts mehr zu tun, was die Größenordnung betrifft.

Jedenfalls, das kam mir so in den Sinn, als ich gestern dieses Plakat sah. Und wie auch in anderen Kontexten gesagt: es macht Mut. Es ist verdammt viel passiert, in im Nachhinein erstaunlich kurzer Zeit, und wenn man sich die Anfänge anguckt, fällts noch stärker auf. Und wenn ich schon beim Sachen positiv wenden bin: eine der Hauptressourcen des wachsenden Erfolgs der Piraten sind die Einschränkungen der Bürgerrechte. Und mal ganz neutral betrachtet: egal, wie die kommenden Wahlen ausgehen, diese Ressource wird in absehbarer Zeit nicht knapp werden.
Piratpartiet Schweden auf der Hacking at Random 2009
In diesem Sinne: Harr!

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7 Responses to Dreieinhalb Jahre Piratenparteien

  1. roflmao says:

    Über Piraten unter falscher Flagge liest man hier so einiges:

    fastix.blogspot.com

    Nunja, nu kann man gewisse Motive endlich mal richtig ergründen – es lebe der investigative Journalismus ;P

  2. Jens says:

    Primär steht jedoch der „bildliche“ Erfolg der Piratenpartei für das Versagen der etablierten Parteien im Bereich der Bürgerrechte und des – ich nenn das jetzt mal so – IT-Rechtes.

    Würden da die Parteien nicht einfach unbeschriebene Blätter anbieten (okay, es gibt da Ausnahmen – beispielsweise sind die Grünen recht netzaffin, zumindestens vom Programm her), würde da jetzt ein BüSo-Plakat hängen (und hier wohl eher nicht thematisiert werden…).

  3. Korrupt says:

    Jens, das ist zu einfach, wobei ich natuerlich verstehe, dass du das so sagen musst ;o)

    Natuerlich resultiert der Erfolg auch im Versagen der anderen. Es ist aber ein immenser Verdienst, ein durchaus komplexes Thema zur gesellschaftlichen Debatte gemacht zu haben, bei dem man sich eben nicht mal schnell drei Zeilen Milchgeldsätze anlesen kann, bevor man die eigene Nichtahnung dem Wähler kompetent vermittelt.

    Umso höher schätze ich diesen verdienst angesichts der Anfänge ein, bei denen das alles schon auch mal ganz anders ausgesehen hat und man sich nur recht schwer vorstellen konnte, dass da in zwei Jahren was draus wird, was wirklich Resonanz und Debatte erzeugt, auch und grade „offline“.

    Letzteres zu guter Letzt das eigentlich bemerkenswerte, was ich it dem Bild zum Ausdruck bringen wollte. Wenn da ein BüSo-Plakat mit ähnlicher Aussage gehangen hätte, wär das in der tat nicht hier thematisiert worden. Die haben sich ja nicht innerhalb von drei Jahren von einem rudimentären und nicht selten vollkommen chaotischen Anfang im Netz innerhalb extrem kurzer Zeit zu einer in meinen Augen wichtigen Bürgerrechtsbewegung und notwendigem Korrektiv in der deutschen Parteienlandschaft entwickelt, sondern waren, man verzeihe mir mein flapsiges Gedankenabkürzen, halt schon immer so irgendwas.

  4. scaR says:

    Danke an unsere Bochumer Piraten !

    wenn ihr mehr über die Piraten Partei in Bochum erfahren möchtet, besucht doch die Seite

    http://forum.piraten-bochum.de

    oder ab kommt jeden Donnerstag zum Bochumer Stammtisch ins „Absinth“

    Rottstr. 24
    44793 Bochum

    Gruß

    scaR

    -Bermuda Crew Bochum-

  5. Korrupt says:

    Steht an scih seit ewigkeiten auf meiner Todo, aber ich hab grade berechtigte Zweifel, dass ich bis zur Wahl noch irgendwelche freien Abende habe :) Aber ich tu, was ich kann.

  6. Jens says:

    Ich muss gar nichts sagen, ich sehe das wirklich so. :)

  7. Pingback:Das Betriebssystem erneuern. Piratenpartei-Buchrezension nebenan. | Tales from the Mac Hell

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