Ein paar Worte zum Panopticon

Bei Kai hatte ich da ja schon was geschrieben und ein, zwei weitere Sätze zum Thema angekündigt. Hintergrund, dass ich seinerzeit in meiner Mag ein paar Absätze zum Thema Internet und Panopticon geschrieben hatte.

Kai wird da ein paar sehr bedenkenswerte Statements zu Überwachungsstrukturen los, die sich durch die gängigen Web2.0-Techniken ergeben. Folgend keine Kritik, das Thema taugt wohl für ein paar Doktorarbeiten, aber ne Ergänzung bezüglich eines Aspekts, den ich für durchaus wichtig halte.

Kai schreibt über einen Vortrag von Michael Zimmer, der in der Tat darüber aufklärt, wie die Preisgabe verschiedenster persönlicher Daten, Dokumente, Dateien über verschiedene Dienste Googles dazu führen kann, dass quasi alle privaten Aspekte einer Person bei Google zusammenlaufen und da zu einem detailierten Profil führen. Web2.0 mit seinem Schwerpunkt auf nutzergeneriertem Content und Selbstdarstellung durch Blogs, Bookmarks, Bildern usw. verleitet quasi dazu, in verschiedensten Kanälen sehr viel von sich zu offenbaren, dass diese Daten zusammengeführt werden können und zusammengeführt werden, ist hingegen den meisten Nutzern nicht bewusst.

Nun zum Panopticon bei Bentham und Foucault. Das Grundprinzip in Kürze: Das „Panopticon“ entkoppelt das Sehen und das Gesehenwerden. Wie eine Überwachungskamera: ich seh, sie ist da, ich seh aber nicht, ob mich über sie jemand sieht. Es kann sein, dass mich über die grade jemand beobachtet, aber ich kann mir wiederum nicht sicher sein. Die Idee: eine Überwachungsstruktur, in der niemand genau weiß, ob er grade überwacht wird. Entsprechend denkt jeder, er *könnte* grade überwacht werden und verhält sich entsprechend diszipliniert.

Genau das denke ich, ist bei den Beispielen Zimmers und auch bei Kais Text nicht der Fall. Im Gegenteil gehen die Leute bei den meisten Web2.0-Geschichten davon aus, dass sie eben *nicht* überwacht werden und geben entsprechend viel von sich preis. Dass da zum Beispiel Google extrem viel verknüpfen kann, ist nicht bekannt. Eben deswegen ist das überwachungstechnische Potential von Web2.0 so groß, eben weil die Technik des Panopticons *nicht* stattfindet: das funktioniert als Disziplinierungsinstrument, weil jeder die mögliche Überwachung fürchtet. Web2.0 funktioniert als Datamining-Instanz, weil eben die potentiell ständige Überwachung im Panopticon nicht angenommen wird.

Nun aber, wo schlägt das Panopticon irgendwann doch zu? Ich denke, immer durch die anderen. Web2.0 läßt einem die Illusion, man sei der Herr dessen, was über einen im Netz bekannt ist. Genau das Gegenteil des Panopticons wie von Bentham und Foucault gedacht eigentlich. Nicht ich bin der Unsicherheit ausgesetzt, möglicherweise im Augenblick überwacht zu werden, sondern im Gegenteil kann ich völlig frei entscheiden, was ich nach draussen sichtbar werden lasse – Blogeinträge, Bilder, Suchanfragen, die ich trotz gesetztem Google-Cookie mache und so weiter. Man ist Herr über seine Daten, macht einen Web2.0 glauben, und ob man seine Favorites über Audioscrobbler der Welt verkündet oder seinen Musikgeschmack lieber für sich behält, ist die eigene, freie Wahl. Ob man bloggt, was einen umtreibt, oder ein paar Themen nicht der Welt verkündet, bleibt einem völlig überlassen. Ob man das via eigener Domain mit Whoisdaten macht oder lieber anonym, bleibt einem, das Knowhow vorausgesetzt, selbst überlassen.

So, wo findet nun der Panoptismus statt? Ich denke, seine disziplinierende Kraft wird er durch die Dritte entwickeln – nicht ich mach mich selbst mit Web2.0 zum Objekt des Panoptismus, sondern durch das *mögliche* Handeln aller anderen, von dem ich nichts weiß. Das meint nicht ein Verantwortung abschieben, sondern ich meine damit das allgemeine Beobachten aller durch alle und dessen prinzipielle Zurückverfolgung.

Und hier wird Web2.0 interessant. Selbst hat man vielleicht Verfügungsgewalt darüber, was man alles an Informationen über sich im Netz hinterläßt. Aber die einschlägigen Dienste machen einen zum Gegenstand einer durchaus panoptischen Struktur. Man geht aus und jemand knipst einen mit dem Handy. Man wird gefilmt und irgendjemand kloppt die inhalte ins Netz, weil er Zugriff auf die Aufzeichnungen hat und nen Lacher auf $funsite kriegen könnte. Man trifft Leute, die darüber was bloggen. Was weiß ich.

Alleine die Möglichkeiten in Bezug auf Bilder sind immens. Kai schreibt über den Mainzer Pilotversuch zur Videoüberwachung mit integrierter Gesichtserkennung. Die Software, die das Gesichtserkennen für Rolltreppenbilder leistet, kann das auch bei Online-Pix machen.

Und dann sind wir soweit, dass man permanent in der Öffentlichkeit geknipst und geflickrt werden kann, und dass irgendeine intelligente Soft gelegentlich die Bildergalerien absurft und Gesichter erkennt und zuordnet. Dann ist man mit jemandem auf der Party, der auf der Fahndungsliste steht, und dann stöbern die Ermittler nach anderen Bildern im Netz, die Leute dort zeigen. Und dann finden sie eigene Blogbilder und hoppla, schon steht man mit den Domaindaten in ner Datenbank.

Ich denk, das kann man recht freudig weiterdenken, dass man aus unerfindlichen Gründen am Flughafen Stress kriegt mag ärgerlich sein, dass man vielleicht den Job im öffentlichen Dienst nicht bekommt, ist wahrscheinlich schon wieder viel zu paranoid, und natürlich wird wegen solcher Sachen auch kein weiterer Eingriff in die Privatsphäre erfolgen, Himmel.

Aber hier, denke ich, greift das panoptische Prinzip, wie Bentham und Foucault es sich gedacht haben. Man kann sich nicht mehr so recht sicher sein. Und was Bild-Leserreporter heute für die Promis und die Unfallopfer sind, kann morgen jeder mit dem Fotohandy für einen selber sein, von den öffentlichen Cams und dem ganzen bekannten Kram ganz zu schweigen.

Kategorie: das richtige leben im falschen, ich gegen die wirklichkeit. permalink.

3 Responses to Ein paar Worte zum Panopticon

  1. Oli says:

    Man ist Herr über seine Daten, macht einen Web2.0 glauben, und ob man seine Favorites über Audioscrobbler der Welt verkündet oder seinen Musikgeschmack lieber für sich behält, ist die eigene, freie Wahl.

    Völlig korrekt, setzt aber Leute wie dich, Kai, Missi, mich etc. vorraus – Leute die ein grobes technisches Verständnis mitbringen oder gar tiefere Einblicke. Der Otto-Normal-Bürger, ich verzichte absichtlich auf Inet-Nutzer, ahnt von all dem über nichts, er ist mit der Technikwelt ob im Netz oder in diesem sogn. Reallife hoffnungslos überfordert.
    Denn sie wissen nicht was sie tun … greift da wohl eher, schreibst du also aus deinem Kontext heraus ist das wohl im groben und ganzen korrekt. Die Projektion so jedoch auf die Allgemeinheit paßt da nicht, da ist Kais Perspektive griffiger.

  2. Korrupt says:

    Das ist mir klar, dass den meisten das nicht bekannt ist. Es geht mir eher drum zu zeigen, dass das mit dem Panopticon, wie von Foucault gedacht, keine Rede sein kann: Diszilpinierung durch Panoptismus funktioniert nur, wenn man sich der Ueberwachung bewusst ist. Das ist zugegebenermassen eine etwas akademische Geschichte nun, aber ich halte in dem von Kai und von Zimmer verwendeten Kontext den Begriff Panoptikon fuer falsch verwendet. Nicht jede Üeberwachung ist Panoptismus.

  3. Pingback:Videoüberwachung im Berliner ÖPNV: This is why you fail | Tales from the Mac Hell

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