Von Gravenreuth, Plänen und Geschichten, und wie es anders kam

Mein erster Gedanke zur Mail heute morgen war „Hm, Fake?“, dann folgten Informationen und Details, die so nur von GvG selber stammen konnten, und dann musste ich erstmal bei gemeinsamen Bekannten nachfragen und dann durchatmen.

Im Unterschied zu großen Teilen des deutschsprachigen Internet hege ich keinen Groll gegen Gravenreuth. Ich hab meine Gründe, die mag ich an der Stelle nicht groß diskutieren. Über seinen Selbstmord bin ich traurig, ziemlich im Wortsinn – ich kannte ihn letzten Endes nicht gut genug, um an dieser Stelle nach erträglichen Umschreibungen von „betroffen“ suchen zu müssen. Mit Selbstmord assoziiere ich in der Regel eher Mut und Konsequenz denn das übliche Feigheitsgefasel, und auch deswegen macht mich sein Tod nun eben traurig und gilt im Übrigen mein Mitgefühl den Angehörigen und Freunden.

Zu letzteren rechne ich mich nicht wirklich. Spätestens was die politischen Überzeugungen angeht, wäre das ja auch von vorne herein zum Scheitern verurteilt gewesen. Aber da fängt es ja schon an. GvG war eine wahrhaftig bunte Gestalt des deutschen Internet, auch wenn er politisch so schwarz war, dass er im dunklen Kohlenkeller noch Schatten geworfen hätte, um eins meiner Lieblingszitate im Zusammenhang mit GvG anzubringen. Getroffen hatten wir uns einmal auf der gulliwars-Releaseparty, wo unter anderem auch sein Schnupftabak einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ.

Seitdem hörte man wenig voneinander, bis vor kurzem, als er in Sachen Anzeige gegen die Käufer der Steuerhinterziehungs-CD mailte und ich drüber bloggte. Das erinnerte mich dann auch an eine überfällige Anfrage, die ich ihm dann zurückmailte und auf die dann aber keine Antwort mehr kam – ich fragte nach seinem Hafttermin und dass er doch bitte Bescheid geben sollte, wenn was feststeht, Enno und ich würden ihn gern besuchen. Und nun statt Nachruf einfach eine kleine Geschichte, zu der es nun nicht mehr kommt.

Natürlich wollten wir ihn nicht nur besuchen, sondern auch was mitbringen. Zuerst Baumarkt und dann die Küche heimsuchen und einen Rührkuchen mit Feile drin backen, das war der Plan. Ich hatte schon Erkundigungen eingezogen unter Profis (nein, nicht was ihr denkt, sondern Profis in Sachen Kuchen), wie man das am besten macht mit der Feile. Denn schließlich ist die ja recht schwer und könnte auf den Boden der Backform absacken, bevor der Kuchen ausgebacken ist.

Der Tipp: Löffelbiskuit unterlegen. Also eine Schicht Rührkuchenteig, dann die Biskuits, drauf die Feile und dann alles mit dem restlichen Teig zudecken. Die Biskuits sollten weitgehend während des Backens vom Teig absorbiert werden, geben aber solang aber der Feile genügend Halt, damit sie nicht irgendwo auf dem Kuchenboden sichtbar wird.

Keine Ahnung, was passiert wäre. Wenn uns im Gefängnis dann wer gefragt hätte, was wir dabei haben oder mitbringen, hätten wir halt gesagt, nen Kuchen mit ner Feile drin. Wie auch immer es dann weitergegangen wäre – wir hätten anschließend GvG und allen anderen was zu erzählen gehabt, und ich bin mir recht sicher, ihm hätte es gefallen. Wenn man schon mal im Knast ist, dann muss man auch nen Kuchen mit ner Feile drin kriegen.

Nun wird nichts draus. Es wäre eine dieser Geschichten gewesen, die nur mit wenigen Leuten die Möglichkeit zum in-Echt-passieren haben, und so jemand ist GvG eben immer auch gewesen, mag man von allem anderen halten, was man will.

Mein Netz- und Offlineleben hat GvG trotz seiner politischen Schwärze einige Male bunter gemacht, und dafür mein Dankeschön.

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7 Responses to Von Gravenreuth, Plänen und Geschichten, und wie es anders kam

  1. kantorkel says:

    auf, dass er in frieden ruhen möge

  2. Nachvollziehbar ist es schon. Die 18 Monate Knast wären wohl zu ertragen gewesen. Nur was dann? Als 61-jähriger Nichtmehranwalt einen Job zu finden ist bestimmt schwierig. Trotzdem: Mutig und konsequent wäre gewesen, es zu versuchen. Außerdem ist Selbstmord gegenüber den Verwandten, Freunden und Bekannten auch eine ziemlich rücksichtslose Angelegenheit, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

  3. DanteConstantin says:

    Danke für diesen Humorvollen Beitrag. Heut ist nur wenig geschmackvolles über seinen Tod zu lesen.
    Ich war aber ehrlich gesagt etwas überrascht dass du dich noch ein mal im Gulli Board eingeloggt und gepostet hast.

  4. Korrupt says:

    Unbenommen. Was GvG aber nicht auf die leichte Schulter genommen hat, und ebendeswegen kann ich nicht anders, als das zu respektieren. Wenn jemand trotz dieser Bedenken keinen anderen Ausweg sieht, dann kann ich mir kein Urteil mehr drueber zugestehen, was „mutig“ und was „ruecksichtslos“ ist. No Offense meant, so denke ich eben drueber.

  5. Bell says:

    Trotzdem: Mutig und konsequent wäre gewesen, es zu versuchen.

    Ich denke nicht, dass es ihm an Mut gefehlt hat. Ihm ganz sicher nicht.

    Und an Konsequenz hats ihm auch nicht gefehlt … das genaue Gegenteil trifft zu … er war konsequent bis in den Tod hinein.

    @Korrupt:
    Grüß Dich, schöne Geschichte das mit der Feile … eventuell hättet ihr eine Zelle mit ihm teilen müssen.

  6. Champanda says:

    Heftig.

    Damit verlässt eine schillernde Gestalt die (Netz-)Welt. Er hat immer polarisiert und für viel Wirbel gesorgt. Besonders im g:b war er immer ein streitbarer Diskussionsteilnehmer und hat die Debatten mit seinen Positionen am Leben erhalten. Allein für diese Standfestigkeit und das Durchhaltevermögen gebührt ihm (auch von seinen Gegnern) der nötige Respekt.

    Ich kannte ihn nicht persönlich, wünsche ihm aber Ruhe und Frieden und seinen Angehörigen die nötige Kraft.

    R.I.P. GvG

  7. madchiq says:

    Wieder ein ‚frueher‘ mehr… frueher war eh alles besser. :/

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