[esc]ape impossible

Ich habs versucht. Wirklich. Aber es ging nicht. Und nun muss ich einfach noch mal kurz Scheiße brüllen wegen dem Eurovisionsdreck. Ich hab das Lied meines Wissens nach noch nie gehört, mich interessiert schlechter Pop nicht, gleichzeitig ist mir klar, dass a) in einer multidirektionalen Medienwelt das Filtern der Inhalte eben einem selbst überlassen bleibt und ich b) ein Musikfaschist bin. Nachdem ich mich aber bislang erfolgreich um den Scheißhype grade drücken konnte, was mich wiederum in meiner Auffassung bestärkte, das Filtern durchaus hinzukriegen, wurde ich gestern und heute drastisch eines besseren belehrt.

Ich les die Leute gern, denen ich followe. Die meisten mag ich, und die, die ich nicht mag, interessieren mich zumindest. Die meisten hätte ich für nicht-ESC-anfällig eingeschätzt, so spontan. Ich irrte mich. EXTREM.

Jetzt ist es natürlich ein naheliegender Einfall zu sagen, „Na, Ruppsel, dann eben mal nen Tag Internetpause. Oder zumindest Twitter und Facebook meiden.“ Ja, himmelherrgottverdammt noch mal. Als JackBSmoke dann noch seinen Matrixgang ankündigte, dachte ich, hey, Calling all Nations, Rock- und Gruftkram, ich bin sicher. Ich hätte falscher nicht liegen können.

Ich bin ja schwer gegen den Dogmatismus in der schwarzen Szene, so nach dem Motto „wer sonst nicht schwarz rumrennt, ist eh nicht true, cool, wasweissich“. Man kann W:E mögen und trotzdem gelegentlich das rosa Shirt überwerfen. Ich halte auch bei den Doppel-X-Chromosomenträgerinnen ein Leben ohne Kajal für möglich. Und mal im Ernst, Stoffhosen voller Karabiner sind albern. Aber ich schweife ab. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass ich mit einer geradezu überquellenden Toleranz gesegnet bin, was die Konsistenz der musikalisch-ästhetischen Orientierungen meiner Mitmenschen angeht. Aber in der Matrix zum Cafe reinkommen, durch die Tür vom Rockpalast leise schon Slayer hören und die Bude ist voll! mit Gruftgören! und Metallern!, die den Eurovision Song Contest gucken, ich kann vieles ertragen, aber sowas kann ich nimmer ertragen.

Dass die Scheiße heute grade so weitergeht, konnte man sich denken. ESC gewonnen! Wir sind wieder wer, aber wer, und warum wieder, und warum immer wir, aber wenn die gern von mir gehassten Ruhr Nachrichten das dann auf Dreiviertel der Titelseite ausbreiten und die Bankrotterklärung der fossilen Brennstoffversorgung in ner Vier-Zeilen-Box abtun, dann wundert mich der Zustand der Menschheit nicht.

RN, SpOn, wasauchimmer, deren Wichtigkeitsgewichtung überrascht mich nicht. Dass ich aber von Leuten, die ich völlig anders eingeschätzt hätte, die ich als einigermaßen psychisch filmkompatibel betrachtete, mit denen ich Gemeinsamkeiten assoziierte, mit dem Kram zugemüllt wurde, das macht mich ein wenig fertig. Und macht mich an ein Klogedicht aus Tübingen denken, von dem ich nicht mehr weiß, ob ichs wörtlich zusammenbekomme, aber sinngemäß gehts so:

Ich bin wie du
und du bist wie ich
und trotzdem
bin ich
anders als du
Arschloch.

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12 Responses to [esc]ape impossible

  1. leuk says:

    ui du referenzierst Jack, da wird er sich freuen :)

  2. Korrupt says:

    Oh, ich hab mich auch drüber gefreut, ihn zu treffen, man fühlte sich dann gleich nicht mehr so steinalt :)

  3. leuk says:

    lol das wiederum wird in nicht freuen *g*

  4. Berni says:

    mein lieber korrupter Richie, nach vielen Jahren deiner „bittersüßen“ Beleidigungen, was die Musik in deiner ehemaligen Stammkneipe im „wilden Süden“ anging, erlaube ich mir das so zu beurteilen: „Deine Musiktoleranz ist unendlich klein“. Und hey, das waren doch immer prima Diskussionen mit ungewissem Ausgang- da zählte die „Weizenstimme“ noch etwas ;) doch was den ESC betrifft, da müss mer net diskutieren- das sind Lieder die die Welt nicht braucht ;-)

  5. Korrupt says:

    Hey! Ich bin dageblieben, ich hab niemanden umgebracht, ich bin wiedergekommen. Ich hab den Leuten sogar erklärt, was guter und was schlechter Musikgeschmack ist (und warum ihrer schlecht und meiner gut ist), sprich, ich hab mich mit ihnen beschäftigt, auseinandergesetzt, mit ihnen Bier getrunken und alles *ertragen*, was dazu an Mucke lief. Auch die Hooters. Wenn *das* nicht geradezu kosmische Musiktoleranz ist, was denn dann?

  6. JackBSmoke says:

    Ich sag nur: schwarz ab 30 :-)

    Aber mal im Ernst, ich zitier‘ mich ja am Liebsten selbst, sogar dann, wenn ich nur andere zitiere; daher nochmal der Beitrag von @diktator: „Lena?? Wenn ich 19jährige Mädchen sehen will, die kein Englisch können, aber auf schlechten Pop und Raab stehen, gehe ich in die Dorfdisco.“

    Der Anblick der Leute im Café hat mich aber auch gut überrascht, und da möchte ich mich deinem Musikfaschismus anschließen…und nochmal klarstellen, dass ich mit dem ganzen ESC nichts am Hut hatte, habe und überhaupt.

    ESC – das ist schon passend – das hat man früher auch gerne mal gedrückt, um Dinge abzubrechen….

  7. Annika says:

    Also normalerweise ist mir ja hochgradig egal, was meine Mitmenschen hören, solange sie mich nicht zwangsbeschallen. Und ich halte meinen Musikgeschmack für alles andere als besonders toll oder elitär. Aber dieser Hype, den du beschreibst, klingt echt krass. Kann ich ja von Glück sagen, dass ich das Wochenende frei hatte und fernab von Twitter, Facebook und Fernsehen war.

  8. Horst says:

    Der ESC scheint dieses Jahr ziemlich zu polarisieren.
    Auf Nerdcore gibts zu Renes Lobpreisung auf Lena inzwischen über 200 Comments und es ist das reinste Schlachtfeld.
    Warten wir es mal ab, was da noch so kommt.
    Aber schon erstaunlich, dass man in sovielen Blogs, bei denen man nicht damit gerechnet hat, was von Grand Prix liest. ;)

  9. champanda says:

    Glaub mir, Du willst bestimmt gar nicht erst wissen, was hier in Hannover los war…

    Schon am Freitag wollte mich ein RTL-Kamerateam quasi dazu zwingen, voller Inbrunst „Lena, Lena!“ in die Kamera zu schreien. Ich so: „Nee, lieber nicht, ne.“

    Wie soll die selektive Medienfilterung denn auch funktionieren, wenn man auf allen nur erdenklichen Kanälen doppel- und dreifach penetriert wird?

    Unabhängig vom Musikfaschismus geht mir ja auch einfach dieser wieder erstarkte WM-eske Patriotismus härtestens auf den Senkel. Da empfängt ein Christian Wulff „unsere“ Lena am deutschlandflaggengeschwängerten Flughafen um ihr die offiziellen Glückwünsche der Kanzlerin zu übermitteln und endlich ist Deutschland wieder ganz vorne mit dabei. Germany, clap your hands together! Ich wünsch mir endlich wieder „ein bischen Frieden“ vor Lena.

    Ich halt’s mit nem alten Helmut Schmidt Zitat und sage: Wenn ich Visionen habe, gehe ich zum Arzt.

    PS: Ich hätte Bock, nächstes Jahr den „Antivision Song Contest“ zu veranstalten, wer macht mit?

  10. Ypsilon says:

    Wenn man es wirklich wollte/will, konnte/kann man es schaffen, dieses Lied von dieser Lena nicht zu hören. Ich kenne es jedenfalls noch nicht und werde dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Und hört mir auf mit Fußball. (btw, heute schöne Konversation gehabt: Hier guck mal, da gibts ne Maiden-Flagge! Da kannste deine Deutschlandflagge endlich mal wegwerfen! – Deutschlandflaggen wirft man nicht weg. – Stimmt, man verbrennt sie…(ok, so extrem bin ich dann doch nicht drauf… aber trotzdem.))

  11. Lauscher says:

    @Champanda: Hier. Ich!!1 Mail ist eingetragen und gültig. Mal im Ernst, wäre doch wirklich mal eine Idee.

  12. madchiq says:

    Ich finde es passend, dass Du ein Tuebinger Klogedicht dazu kloeppelst.
    Intependance ist ja direkt nach Dir ins Abort geklettert und die aktuellen „Nachfolge“-Veranstaltungen treiben mir regelmaessig die Traenen in die Pupillen (Nein, nicht aus Freude, Mensch!). Wenigstens ist der Musikinteressierte damit nachts an der frischen deutschen Luft und kann die komischen Flaggen auf den Parkplaetzen um den untersten Streifen erleichtern.
    Wer ist eigentlich Lena?

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