27C3-Rückblick: Anonymität, Darknets und das Ende der großen Erzählungen

Weniger ein Rückblick denn ein „Was war nicht?“ Das Thema Anonymität und Privatsphäre ist ja ein wie immer großes gewesen, nur hatte ich den Eindruck, die „großen Pläne“ diesbezüglich sind stillschweigend begraben worden. Gekommen ist mir der Gedanke, als ich irgendwo einen i2p-Aufkleber gesehen hatte und dachte „Ach, da war was“. Auf die Gefahr hin, einigen engagierten Entwicklern und Usern unrecht zu tun: aus dem Bauch raus hab ich das Gefühl, das Thema Darknets und/oder anonyme P2P-Strukturen ist irgendwie durch und ich frag mich, ob, und wenn ja, warum. Ein paar Beispiele aus beiden Richtungen.

Freenet Project. Auf vergangenen Congressen immer wieder präsent, diesmal nicht (oder ich habs nicht mitbekommen) und an sich eine Technologie, die mit der Zeit wachsen könnte/sollte. „Traditionell“ für Textinhalte gedacht und in der früheren Vergangenheit unter langsamen Leitungen, insbesondere schmalem Upstream leidend, sollte der DSL-Ausbau mit inzwischen regelmäßig deutlich dreistelligem Upstream hier an sich vermehrte Nutzbarkeit bieten. Klar, rennen wird die Geschichte nach wie vor auf ner Latte Rechner, und was in China freenet-technisch geht, entzieht sich eh meiner Kenntnis. Aber der Punkt (der mich zum zweiten Thema bringt) ist, dass die „relevanten Enthüllungen“, die anonymisiert publiziert werden sollten, eben nicht über FP gingen, einem dem Anspruch nach unzensierbaren, dezentralen Netzwerk. Das ist nach wie vor Sache von Cryptome und natürlich nun Wikileaks. Kein Darknet ist da in den letzten Jahren zur ernstzunehmenden Alternative geworden.

Wikileaks. Ich hatte auf dem HAR mit einem der deutschen Köpfe dahinter ein wenig geredet, der hatte mir erklärt, wie das so ganz grob servertechnisch läuft (oder lief, inzwischen mirrort ja eh alle Welt) – sie haben für die Submits eine TOR-ähnliche Struktur und die Hostingserver seien wiederum hinter sowas wie Proxys – wie gesagt, es war etwas grob erklärt und es klang mir, als ob eben zwischen Frontends und den eigentlichen Daten-Servern eben Proxys/TOR-Strukturen hängen. Ob dem auch heute noch so ist, das bezweifle ich, und wie gesagt, seit der jüngsten Mirror-Aktion wird der Schutz eh durch Streisandeffekt und Masse statt technisch zuverlässiger, nicht knackbarer Anonymisierung gewährleistet.

i2p. Es lebt noch, ich weiß nicht wie, und überhaupt sollte ich es mir mal wieder ansehen, aber auch das ist nicht irgendwie in der Debatte geblieben.

4Chan, Krautchan und Konsorten. Der Spruch geht ja rum, dass die Jugendschutz/KiPo-Debatte nur deswegen nicht gleich im „Verbieten wir das Internet“ mündet, weil bislang noch kein Politiker (oder zumindest die CSU) die Imageboards entdeckt hat. Witzigerweise ist m00t durchaus öffentlich bekannt, KC ist da ja vorsichtiger, was die Betreiberfrage angeht, aber auch hier: an sich rückverfolgbares und/oder sperr/löschbares Hosting, das eben auf die bekannten Maßnahmen vertraut, Whoisprotection, robuste Serverstandortwahl, und das wars. Keines der „großen“ umstrittenen Contentportale setzt auf massive Anonymisierung oder gar verteiltes P2P-Hosting in einem Darknet. Alles, was irgendwie mit Warez/Cracks usw. zu tun hat, sowieso nicht, sieht man von den üblichen „Kleingruppenstrukturen“ um die jeweiligen FTPs ab, die eben von vorneherein nicht auf Öffentlichkeit ausgerichtet sind.

Warum? Ich würde mal sagen, weils nicht notwendig ist. Es geht ja auch so, und warum sich quasi selber ins Abseits kanten und in ein Netzwerk von ein paar tausend Nerds und dem Bodensatz an Nazis, Pädophilen und sonstigen Gestörten abwandern? Schließlich gehts all den genannten Projekten ja um Öffentlichkeit und Erreichbarkeit, trotz allem „Do not talk about /b/“. Weiter *gibt* es einfacher nutzbare, anonyme Kommunikationsstrukturen, dank TOR und SSH. Mail kann man anonymisiert via Tornodes einrichten und abhörsicher abrufen, wenns nicht völlig paranoid ist, auch eiinfach per https/Webmail. Ebenso lassen sich so „normale“ Blogplattformen nutzen, über die man a) Öffentlichkeit erzeugt und dabei b) eben selber anonym bleibt. Die Diskussion über TOR läuft nach wie vor, die Situation in Sachen Exitnodes usw. ist ne andere Baustelle, aber es ist im Unterschied zu anderen hier angesprochenen „großen Erzählungen“ der Anonymisierung eine Baustelle, an der gearbeitet und über die gesprochen wird.

Die verbreiteten heutigen Probleme sind auch ein wenig andere. Da gehts eher um das „Wer weiss was über mich“, um vernünftiges Identitätsmanagement, um Privacy-Richtlinien in pseudonymer oder Realnamen-Öffentlichkeit und dem selektiven Freigeben von Informationen.

Und nu? Ich kann mir nicht helfen, ich für mein Teil hab immer noch das Gefühl, es wäre gut, ein „echtes“ Darknet in der Hinterhand zu haben. Solang mans nicht braucht, wunderbar, aber sowas wie eine anonyme BBS-Struktur im Freenet einfach mal nebenher mitlaufen lassen, ein Proof of Concept für den Ernstfall, einfach so eine kleinere Rückversicherung für schlechte Zeiten. Wobei ich mir auch vorstellen könnte, dass sowas dann auch nicht mehr wirklich funktioniert, wenn mal tatsächlich die „jetzigen“ Strukturen nicht mehr funktionieren sollten. Aber zugegeben, ich bin da grade etwas unentschieden und würd mich über anderer Leute Sicht auf die Dinge freuen.

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2 Responses to 27C3-Rückblick: Anonymität, Darknets und das Ende der großen Erzählungen

  1. Adrian Lang says:

    Um das Nichtfunktionieren der aktuellen Strukturen geht es ja grad quasi überall, von der 27c3-Keynote über Der Kommende Aufstand bis Ägypten. Allerdings sind Darknets kein Ersatz für «die» Strukturen, sondern bestenfalls für einige «unserer» Strukturen, und ich glaub ehrlich gesagt, erstere sind wichtiger. Cypherpunks werden immer einen Weg finden oder im richtigen Moment eben ein Darknet haben, aber alle anderen werden irgendwann nicht nur ohne anonymes Netz, sondern mehr oder weniger ganz ohne Netz dastehen. Ansätze wie Freifunk, die mehr auf Breite als auf Tiefe gehen finde ich da wesentlich wichtiger.

  2. Korrupt says:

    Die geschichte ging mir bei den jetzigen Netzabschaltungen auch im Kopf rum, und dass es in der Tat (auch?) andere Fallbacks braucht. ich finde die fidonet/bbs-geschichten grade natuerlich sehr spannend, andreasdotorg twitterte, dass es nachdenkenswert wäre, „emergency mobile comms infrastructure“ in der Hinterhand zu haben.

    Zwei Sachen gehen mir dazu im Kopf rum: einmal, dass die eigene Mobilfunk-INfrastruktur, wie auf dem 27c3 demonstriert, durchaus eine Sache ist, die auch „von privat“ organisierbar sein könnte. Die andere Frage: welcher Art die „kritische INfrastruktur“ denn ist, die im Fall der Fälle tatsächlich notwendig ist. Ich denke, die „allgemeine Vernetzung“ spielt eine größere Rolle als Kommunikationskanal x oder Dienst y, ich muss auch griunsen beim gedanken an die Fragen, ob nun wirklich da ne Revolution geht, ohne dass man sein Twitter-Avatar aendern muss. Das ist zynischm, aber irgendwo auch sehrt wahr, selber machte ich ja auch mal die Bemerkung, dass das Netzabschalten eine ganz probate Massnahme ist, um die Leute auf die Stzrasse zu kriegen, und bei aller Kommunikaton: *dort* werden Sachen veraendert.

    Aber abgeschwiffen, und grundsaetzlich: ja, ich denke, in der Richtung hast du durchaus recht und liegt da mehr „knackpunktpotential“ wie in einem Darknet.

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