dmexco-Rückblick und ein paar Gedanken zu Marketing und dem Internetz als solchem

An sich dachte ich, ich muss mal ne Gegenrede zum etwas schwächlichen Rant auf Netzpolitik schreiben und beim allgemeinhirnen, was ich dieses Jahr so von der dmexco mitgenommen hab, bin ich ein wenig vom Hundertsten aufs tausendste gekommen. Insofern: einige konkrete Gedanken zur Marketing-Messe und dem dort notwendigerweise stattfindenden Messe-Marketing, deren Rolle im Netz und dann aber auch, gelegentlich etwas drüberschwebend, ein wenig zum „Wohin gehts netztechnisch so allgemein?“ Im Gegensatz zur dmexco mag ich ankündigen, dass es für marketingtreibende und un- bis desinteressierte gleichermassen (un)interessant werden wird.

Globale Eindrücke. Ich mag mit der Kritik anfangen: das Niveau der Vorträge und der „Messekommunikation“ an sich war erstaunlich niedrig. Das Busswordgesumme täuscht da nicht drüber weg, im Gegenteil, und bösartige Randbemerkung am Rand ist bösartig: das scheint mir das einzige zu sein, was Linus nebenan einigermaßen zutreffend erkannt hat. Allein, daraus die interessante Information zu destillieren hats nicht mehr gereicht. Die besteht darin, dass die Aussteller offenbar davon ausgingen, dass a) eine Menge besucherseitige Inkompetenz auf die Messe kommt und b), dass sie damit nicht wirklich falsch lagen. Das wiederum heißt, dass eine Menge potentieller Player noch gar nicht im Netz aktiv sind. Das seh ich gar nicht wirklich negativ, auch ohne die zynische Randbemerkung, dass das vermarktungstechnisch eine Idealkonstellation ist. Im Netz hats genug Platz und je mehr Player, desto mehr Information und desto mehr Transparenz.

Spezifischer: Mobile.
Wenn man das Buzzwordgrundrauschen rausfiltert, hat sich definitiv Mobile als Das Ding Schlechthin rauskristallisiert, allein, weil Google derbe drauf abgeht. Auch das ist eine Gute Sache(tm). Die Netzabdeckung wird besser werden müssen, die Datentarife günstiger, die Endgeräte noch leistungsfähiger usw., alles Aussichten, die ich durchaus positiv besetzt sehe.

An der Stelle komm ich zum Bashen des Artikels nebenan und mancher kommentierender Vollidioten. Ich sags grade wieder ein wenig drastischer, weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass da ein paar Leute die Lästerzunge lang hängenlassen, die sich andernorts über verpixelte Streetview-Fronten aufgeregt haben und zu blöde sind zu kapieren, dass die Google-Kamerawägen deswegen an der Tanke Sprit bezahlen können, weil ne Latte Werbetreibende größere Mengen an Geld in die Adsense-Pumpe füllen. Wer sein privates, unkommerzielles Internetz will, kanns haben, er braucht sich bei der täglichen Lektüre nur auf die üblichen Verdächtigen a la F!XMBR beschränken, dann braucht er auch keine Angst haben, dass sein beschränkter Horizont aus den Fugen gerät. Dass Schöne Dinge wie mobiles Internetz, die zugehörige Infrastruktur etc. gebaut werden, dass Google ne Latte coole Scheiße hochzieht, mit denen sie nicht wirklich direkt Geld zu drucken anfangen können, das und noch ne Latte mehr kommt halt dadurch zustande, dass einige Leute Geld aufs Netz schmeißen. Wenn das manche etwas unkoordiniert tun und wegen des Buzzwordbingoplayern allerlei Couleur, nun ja, ich bin ein Freund zielgerichteten und effizienten Mitteleinsatzes, aber ich kann damit leben. „Mehr Geld fürs Internet“ sagen die der kapitalistischen Verwertungslogikhuldigung unverdächtigen monochrom, und sie haben (wie praktisch immer) recht, auch und gerade in dieser pauschalen Form.

Nächster Punkt, der den einschlägigen Vollidioten ebenso nicht ganz klar zu sein scheint – ich zitier mich einfach mal selber:

Den Dampfplauderern hier mag ich mal raten, in Googles Webmastertools und die Webmasterrichtlinien diverser Dienste zu gehen, die sicher auch von euch allen mit begeisterung genutzt werden. Und wenn ihr denkt, Google hat irgendwo seine schwarzen Kisten mit der Aufschrift “Hier passiert ein Wunder” und deswegen funktioniert das alles, dann der vage Hinweis: das muss nicht unbedingt mit der Realität zu tun haben.
Ich kanns nur für mich sagen, aber ich mach SEO mit einigen Kunden und ihren Seiten, da geht es schlicht und ergreifend drum, deren Seiten, Angebote, Niederlassungen etc. einfach nur für Google ordentlich *erschliessbar* zu machen, und wer denkt, dass das Google doch von alleine kann, der denkt rührend naiv.

Man kann sich nun auch ganz kurzfassen und feststellen, dass die ganze Kohle, auf der das Internet läuft, schlussendlich aus der Werbung kommt. Weiter kann man noch ein wenig dazuverallgemeinern und feststellen, dass das bei praktisch allen heutigen Medienformaten ganz bis mehr oder weniger genauso ist, Tendenz zu ganz, siehe TV und die einschlägigen Printformate. Beim Internet haben wir den enormen Vorteil, dass man tatsächlich zielgruppengenauer unterwegs sein kann. Wer sich über Werbung im Netz aufregen will – geschenkt, einfach machen. Wie Gießkannenwerbung aussehen würde, mit der größere Medieninfrastrukturen finanziert werden müssen, kann man sich aber an einem beliebigen Nachmittag im Privatfernsehen ansehen. Und dann ist mir das Oxfam-Banner auf netzpolitik oder die 1&1-Werbung auf TP doch ein wenig lieber wie die Zwangsbierwerbung, ohne die man einen einigermaßen okayen Film heute nicht mehr kriegt oder das „Argh, ich bin nicht Zielgruppe“ bei allem, was auch die Kiddies sehen könnten. Wie gesagt: wen das auf dem Level wie im Netz geschehend stört: lasst so finanzierte Dienste einfach mal ne Woche aus und schaut, wie weit man kommt. Schritt zwei: lasst auch das weg, was das remixt, weiterverarbeitet, kommentiert, disst etc., das ist aber für Fortgeschrittene.

Könnt ich noch zu ein paar Sachen (Leute, Angebote, Seminare, whatever) fortsetzen, aber geschenkt. Die Kurve zum Schluss: allein, was mobil an Innovationen und Möglichkeiten kommen wird, da könnt ich mich einige Abende spannend unterhalten und mein Nerdherz freut sich auf den größten Teil der Sachen, die damit einhergehen. Nochmal: die kommen, weil Google derb Kohle reinsteckt, die von anderen in Google gesteckt wird. Ich freu mich auch, dass noch mehr Leute, Gruppen, Unternehmen, Akteure ins Netz kommen, weil das Netz sehr gut drin ist, Transparenzen, Feedbackkanäle und Kommunikation zu ermöglichen, wo es vorher keine gab. All das erreichbar und verfügbar auf *eigenen* Wunsch und nicht zwangsberieselt. Diese Trends sind nichts neues, aber ihr Vorhandensein bzw. ihr Zuwachs an Stärke sind zwei der zentralen Sachen, die auf der dmexco sehr anschaulich zu sehen waren und die einem so durchaus helfen, sich auf Kommendes einzustellen, egal aus welcher Perspektive – ich glaube, für die BWLer wirds dabei sogar vergleichsweise langweilig.

Mal wieder Disclaimer: ich zahl meine Miete und einiges mehr mit Kohle, die ich mit „was mit Internet“ verdiene, das verdiente ich in der Vergangenheit auch schon auf moralisch durchaus hinterfragbarere Art und Weise und ging dabei nicht auf Marketingmessen.

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4 Responses to dmexco-Rückblick und ein paar Gedanken zu Marketing und dem Internetz als solchem

  1. champanda says:

    Seit geschätzten 15 Jahren habe ich beruflich wie privat mit Messen jeglicher Couleur zu tun. Habe sie besucht, im TV gefeatured, Messestand(miss-)erfolgsevaluationen durchgeführt, Standparties mitgefeiert und durchlitten, selber den Promo-Arsch hingehalten, mich mit anderen Promo-Ärschen unterhalten, bin in vollen Gängen über echte Profis wie auch giveaway-jagende Beutelratten gestolpert und habe diversen berufliche anwesenden Daddys auf einwöchigem Freigang beim Begutachten (und bisweilen leider auch Betatschen) weiblicher Promo-Ärsche beobachtet. Zudem komme ich aus Hannover, Du weißt schon, diese Messestadt.

    Zusammenfassend und rückblickend kann ich also sagen, ich hab‘ die Scheiße durch, im positiven, vor allem aber im negativen Sinne. Nennen wir’s mal Messemüdigkeit. Bei manchen Messen neige ich gar dazu, ihre Existenzgrundlage als solche zu hinterfragen. Aber das ist zum Teil auch wieder selbst- und lebenslaufverschuldeter Überdruss. Grundsätzlich ist ja Messe, was man draus macht und wie man’s ansteuert.

    Online-Marketing kenn ich fachlich kaum, können tu ich’s noch weniger. Dass Einige dort richtig was können und auf Branchenmessen wie der dmexco (auf der ich allerdings noch nie war) selektiv und zielgerichtet gute Sachen ™ mit nach Hause nehmen – nun, davon bin ich überzeugt. Wäre ja auch absurd wenn nicht.

    Mein herzhaftes und aufatmendes „Einfach nur DANKE“ bei NP war einem ganz anderen Affekt geschuldet: Da tummelte und befummelte sich einfach zu viel „Fuck yeah, ich bin auf der dmexco“-Geseier in meiner Timeline. Schlimm genug. Schlimmer noch, wenn man ein paar von den chronisch derbst early-adaptierenden Vollversagern privat kennt (und gleichzeitig lieber nicht mehr kennen will…) und sich zum erneuten Male in seiner Annahme bestätigt fühlt, dass es wieder mal nur um ein weiteres Häkchen auf der „Been there, done that“-Liste ging.

    Und diesen Typus hat’s für mich mit dem Rant (den ich – aller Messemüdigkeit zum Trotz – als Glosse verstanden habe) recht gut getroffen und für erleichternde 10 Minuten versenkt ;)

    Was die Notwendigkeit von Geld-ins-Internet-schütten und die allgemeine Looking-Forward-auf-Alles, was da noch so (mobiles) kommen möge angeht, da bin ich wieder ganz bei Dir!

  2. champanda says:

    * „Mein herzhaftes und aufatmendes “Einfach nur DANKE” bei NP war _aber zudem noch_ einem ganz anderen Affekt geschuldet:“

    möcht‘ ich hier noch einschieben, mangels edit-Option ;)

  3. Korrupt says:

    *auflach* ich mags NP grade auch nicht mehr richtig übelnehmen, manchmal brauch ich eh so nen Schubser, dass ich mich üpber was ärgere, damit ich was länglicheres tippere, und beim Tippern kriegt man dann eh erst die vagen Eindrücke in eine konkrete Information gefasst, die man dann mitnehmen kann.

    Der „Messeeffekt“ ist vermutlich überall in der Form präsent, mit deutlichem Übergewicht dort, wo es eben auch ums Vermarkten geht. Über eine „Jagd und Hund“ stiefelt man schon anders als über meinetwegen die Achema und die dmexco ist halt irgendwo näher an CeBIT wie an ner Tabakmesse. Ich wage zu behaupten, je „konkreter“ die auf der Messe präsentierten Produkte, desto nützicher und interessanter eben auch für Aussenstehende. Ansonsten ists ne Sache, was man draus macht und *machen kann*, denn da war natürlich einiges im Argen, angefangen mit den überfüllten Seminaren…

  4. Pingback:Google Products, Places und Pains in the Ass | Tales from the Mac HellTales from the Mac Hell

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