Die Piraten und die Rechten, und Piraten überhaupt

Zum einen hatte mich Jonny bei einem Twittergespräch explizit aufs Thema angesprochen, andererseits besann sich auch SpOn mal wieder auf seine staatstragende Kernkompetenz und bashte die drei Fälle von Rechten, die man bei den Piraten aktuell zusammenbrachte. Ich hab gerade diesbezüglich keine Probleme mit den Piraten (und meinem Piratsein, ach ja, Disclosure: ich bin Mitglied) und mags auch gern erläutern, warum (und anschließend abschweifen).

Tja, SpOn. Die „Newcomer“ als „braune Altlasten“, an sich sollte man ja hier schon „netter Trollversuch, geht spielen“ sagen, aber nun. Ums kurz zu umreissen: ich hab mit Thiesen ein Problem und hätt ihn gern draussen, was sonst gerade passiert, stört mich kaum. Ein paar Details.

Ich unterstelle gerne Lernfähigkeit.

Das hat persönliche Gründe. ich weiss grade nicht, ob ich es an dieser Stelle schon öfter verbreitet habe, aber mein erstes Kreuz bei einer Wahl hatte ich als 18jähriger bei der CDU gemacht. Mir ist das einerseits durchaus irgendwie peinlich, auf der anderen Seite macht mir das Hoffnung dahingehend, dass mit 18 noch nicht alles verloren ist, auch wenn jemand größeren Scheiß baut. Man bleibt auch nach Erwerb der Volljährigkeit lern- und entwicklungsfähig, und wer lernt und sich entwickelt, hört selbstredend mit dem CDU-Wählen auf.

Das ist jetzt bewusst auch nett und zum Kichern erzählt, aber ernsthaft: das Unterstellen von Lernfähigkeit halte ich für eine durchaus wichtige und leider zu selten gepflegte Geisteshaltung. Ich gebe gerne zu, dass insbesondere in der Politik auch wenig Anlass besteht, eine solche, doch auch irgendwie optimistische Grundhaltung zu pflegen, aber trotzdem, ohne die gehts nicht und ohne die kann man sich an sich direkt jegliche Auseinandersetzung und Diskussion sparen.

Was mich dabei aber wirklich aufregt, ist der Aspekt, dass man an sich über jeden Aussteiger gottfroh sein müsste, wenns aber dem Bashziel dient, dann prangert man an. Was eigentlich? Dass wer was dazugelernt hat? Dass man nicht vor dem unbesiegbaren, hirnfressenden Rechtsvirus die Fahnen gestreckt hat? Sorry, aber wie dämlich ist das?

Ich halte rechtsextreme Orientierungen im Piratenumfeld für auf Dauer nicht haltbar.

Auch hier etwas Optimismus galore, der einfach nicht recht zu mir passen will. Es tut mir leid! Aber dennoch: es hat so ein wenig was wie die LSU. Dass Lesben und Schwule ausgerechnet in der Union ihre Interessen vertreten wollen, nötigt mir neben einem klein wenig Anerkennung insbesondere viel Mitleid ab.

Dass niemand eine umfassende Gesinnungsprüfung ablegen muss, um bei den Piraten einzusteigen, halte ich an sich für eine Gute Sache(tm). Dass man dann wiederum naturgemäß Leute zweifelhafter Einstellung in den eigenen reihen findet, dito. ich verfolge die rechten Postillen aktuell nicht wirklich, aber ich wüsste nicht, dass da ernsthaft von den Möglichkeiten einer Unterwanderung schwadroniert wird. Es passt einfach zu sehr vielem nicht – sei es der gern gepflegte Pluralismus, die Hackerethik, das Orientieren (bzw. der Versuch der hauptsächlichen Orientierung) an Sachargumenten und Realitäten, die das Durchsetzen rechter Orientierungen schlicht massiv erschweren. Ums platt zu sagen: rechte Orientierungen und Weltsichten sind dämlich und halten keiner empirischen Überprüfung stand. Das allein ist an sich schon eine höchst wirksame Hemmschwelle. Man mag kritisieren, dass das eine etwas technokratische Sicht sei und insbesondere die moralischen Verpflichtungen zu entsprechenden Haltungen da nicht vorkommen, allein, mir ist ein Handeln aus Einsicht und Analyse sehr lieb.

Kurz ein Aspekt, zu dem ich mangels eigener Beteiligung nicht wirklich groß eingehen kann: aber was sich in der programmatischen Ecke im letzten Jahr getan hat, ist erstaunlich, selbiges gilt für die nach wie vor höchst spannende LQFB-Thematik. Insbesondere zeigen sich für mich keine Zeichen einer programmatischen Unterwanderung von rechts.

Abgesehen davon aber: ich bin absolut kein Freund eines frohen „Ist doch alles gut, was wollt ihr denn?“ Was ich grade tippere, schreib ich nicht aus dem Bedürfnis raus, irgendwas schönzureden, abzuwiegeln oder zu dämpfen, sondern mit dem durchaus angenehmen Gefühl im Bauch, dass da draussen im Zombieland eine ganze Latte Piraten sitzen, die innerparteiliche rechte Umtriebe recht zügig und öffentlich benennen. Es mag unter dem Gesichtspunkt einer „Professionalisierung“ ein etwas unbequemes Lob sein, dass Piraten wohl die einzige Partei sind, die dermassen offensiv interne Misstände öffentlich diskutieren und anprangern, allein, das ist eine allenfalls vermeintliche Unprofessionalität, mit der mir pudelwohl ist und die mir eher bei anderen Parteien und Organisationen fehlt. Um aufs Anfangsbeispiel zurückzukommen: die CDU ist nach wie vor kein schwuler Verein. Traurig, ist aber so. Es würde auch niemand auf die Idee kommen, ihr das vorzuwerfen.*)

Egal was man macht, es ist scheisse.

Ich kanns mir nicht verkneifen, aber wer was zum bashen will, wird was finden. Aktuell ist definitiv viel zu tun, das fängt mit der Professionalisierung in Berlin an und hört mit dem Aufgreifen der aktuellen Staatstrojanergeschichte auf, wenn nun die wahrnehmbarste Tätigkeit der Piraten das Finden und Rauswerfen von tatsächlichen oder potentiellen Rechten wäre, dann wäre vollkommen zurecht kein Kübel Gülle zu gross, um ihn über uns auszukippen.

Kurz zum Schluss.

Eingangs hab ich meine CDU-Verirrung aus tumben Jugendzeiten gebeichtet. Ich meine das sehr ernst und es ist eines meiner prägendsten biografischen Elemente, was meine politische Entwicklung angeht – für mich selber ists wichtig zu wissen, dass ich in der Lage war, eine Überzeugung nach längerer Auseinandersetzung mit anderen und besseren Positionen aufzugeben, allgemein gilt dasselbe: sowas passiert, und dem Himmel bzw. den engagierten Diskutanten sei Dank, die einen da nicht direkt nach der ersten aktiven Landtagswahl abschreiben.

Unsicherheiten meinerseits bei der ganzen Geschichte: es fällt es mir extrem schwer, in solchen Dingen zu priorisieren (einmal, weils irgendwie unsinnig ist, zum anderen, weil in Wirklichkeit eh Dinge immer parallel passieren). Ich weiss nicht, obs „ok“ ist, dass ich beispielsweise aktuell auf die Causa Theisen einfach scheisse, schlicht, weil ich nicht den Eindruck habe, dass sie die Partei in irgend einer Weise aktuell prägt (und selbstredend wünsche ich mir, dass irgendjemand grade auch dafür die zeit findet, vollends klar Schiff zu machen). Ich weiss nicht, ob SpOn mit dem eingangs gedissten Artikel nicht einfach gut getrollt hat und ich drauf reinfiel (ich denk, eher ja) oder obs nicht ein wichtiges Element der Selbstjustierung ist, dass man sowas immer wieder auf dem Brot hat, wenn man es nicht eh regelmäßig selber draufschmiert. Nur: mein Eindruck ist der, dass rechte Programmatik tatsächlich keinen Stand hat. Dass man trotzdem wachsam bleiben muss – das erscheint mir fast schon trivial, insbesondere, weil ich das gern und regelmäßig selber einfordere.

Der Marx und die Piraten.

Ein Fass, das ich ohne Jonnys konkrete Anmerkung gar nicht aufgemacht hätte. Und das ich angesichts des fortgeschrittenen Blogposts vielleicht besser in einem Folgepost aufmache. Vorwarnung, ich hab schon einiges getippert dazu und hab den Verdacht, dass man das alles schon weiss. Kommt noch, und danke fürs Lesen.

*Das geht in eine Richtung, die ich mir eigentlich verkneifen wollte: „Guckt mal, die anderen…“. Ich mag das LSU-Beispiel zum einen, es rückt vielleicht Perspektiven zurecht. Zum anderen ist der Sachverhalt in Sachen Piraten und Rechte ohnehin ein komplett anderer: letztere werden intern wie extern angeprangert. Die LS in der U nicht. Ich mag ein UDIAGS dazuwerfen.

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2 Responses to Die Piraten und die Rechten, und Piraten überhaupt

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