#oipd12, Spackeria, Googles Fickschaftrend und etwas Postprivacy-Abschlusskritik

andreasdotorg hats vorweggenommen und fragt, was Selbstouting mit post privacy zu tun hat, aber darum gehe es ja auch nicht. Nun ja, man fragt sich, worum dann, wenn man nicht zu den bereits angeführten Kampfthesen zurückgehen will, dass hier halt Leute übers Ficken reden wollen. Aus dem und anderen Gründen wollte ich mich explizit nicht an den oipd12 anhängen, aber es hatte sich gestern ergeben, dass mich ein thematisch passendes Thema ansprang, konkret ging es um Fickschafe und einen längst vergessenen Screenshot aus dem Jahr 2008. Dass Netz war jung und unschuldig, und Google fand zum Stichwort „Fickschaf zum Aufblasen“ deprimierende null Treffer. Inzwischen sind wir alle so postprivacy, offen und selbstbewusst zu unseren heimlichen Gelüsten stehend geworden, dass sich diese Situation nachhaltig ge gibts 23 (!) Treffer, mit dem Blogpost wohl noch einen mehr, und nun ja, ist die Welt eine bessere?
Fickschaf SERP bei Google, 2012
Ich denke ja, aber wirklich eher nur so graduellst-minimalst.

Ich mag das aber zum Anlass nehmen, um meiner Abarbeiterei an der Spackeria nochmal eine Umdrehung zu verpassen. Nach wie vor ist mir unklar, was es soll und welches Problem damit erschlagen wird, dem gegenüber steht das vage Bauchgefühl, dass einerseits an der Kritik an Datenschutz als Herrschaftswissen einiges dran ist, andererseits ein Umgang mit einer durchsichtigeren Gesellschaft, mit präsenterem und weiter definiertem „Normalraum“ der Spielarten der privaten Befindlichkeiten, Interessen und sonstigen Sachverhalten umgegangen werden muss und wird. Das ist ja auch kein neuer Prozess, sondern eben eine recht konstante Entwicklung, die meiner Ansicht nach maßgeblich durchs Netz ge- und befördert wird.

Beispielhaft lässt sich das am – witzigerweise mspr0 vorgehaltenen – Personalchef-Argument festmachen. Erst hiess es „Um Himmels Willen, denkt dran, dass ein Personalchef euch googlen könnte, stellt nichts mit Realnamen ins Netz“. Dann kam die Erkenntnis, dass es inzwischen recht seltsam bis dequalifizierend wirken könnte, wenn man im Netz keinerlei Präsenz, Interesse, whatever durchblicken lässt, auf einmal musste man also gefunden werden, aber eben nur in gefälligen, positivem Licht. Augenblicklich kommt mir die Situation so vor, als ob sich diese (naive) Vorstellung auch wieder dekonstruiert, denn schließlich nimmt man es niemandem ab, dass er im Netz ausschließlich seriösen, staatstragenden und im Allgemein positiv besetzten Interessen nachgeht. Ernsthaft, will man wirklich einen lebenslauf- und wahrnehmungskosmetiktreibenden, verklemmten Heuchler einstellen? Im gern geäußerten „Wer keine peinlichen Partybilder im Netz hat, ist ein langweiliges Arschloch ohne Freunde“ stecht ja durchaus ein Kernchen Wahrheit. Und ich sags gerne nochmal – zumindest in den Branchen, in denen ich so unterwegs bin, ist es natürlich ein massives Einstellungshindernis, wenn man *nichts* über einen Bewerber im Netz googeln kann.

Einmal mehr meine grundsätzliche Kritik: Mit dem gerne pauschal eingeforderten Komplettouten der privaten Persönlichkeit hat das aber alles wenig zu tun, diese ist nach wie vor unnötig, in jeglicher emanzipatorischen Hinsicht überflüssig und angesichts der bestehenden Herrschaftsverhältnisse schädlich. Nicht nur für den Einzelnen, sondern auch grundsätzlich. Das ist meiner Ansicht nach problem- und lückenlos argumentativ herleitbar, ich muss zugeben, die Lust zu dieser Arbeit grade nicht aufzubringen, weil sich schließlich nach einer ganzen Latte Vorlagen noch kein Spacke die Mühe gemacht hat, einen positiven Entwurf ihrer Grundsatzkritik, -anliegen und -utopien wenigstens mal anzufangen. Dass das ein durchaus spackenkritischer Korrupt selber machen musste, um sich mal einigermassen damit auseinanderzusetzen, beginne ich mit der Zeit ein wenig übelzunehmen.

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3 Responses to #oipd12, Spackeria, Googles Fickschaftrend und etwas Postprivacy-Abschlusskritik

  1. fuggoklob says:

    Von „alle dürfen alles posten, daraus darf kein sozialer Druck entstehen“ zu „inszenier dich gefälligst als krass lebendiger Rebell mit vielen Freunden und Sauffotos, sonst gehörst du nicht dazu und kriegst keinen Job vom Personalchef“, naja toller Fortschritt. Süß auch die „peinlichen“ oipd12-Fotos (crazy Brille oder Drink in der Hand statt Amateur-Pornografie, Kotzelachen, Bongs, Lines oder Toiletten-Malheurs).

  2. Korrupt says:

    So negativ würde ich das nicht mal sehen, diese Normalisierung von alltäglichem Leben und verschiedensten Interessen und Befindlichkeiten scheint mir durchaus vorhanden. Der soziale Druck dürfte auch dahingehend geringer sein, wenn man einfach sein „Onlineleben führen kann“ und nicht analog zum Lebenspaufschreiben bei allen drei Monaten ohne sinnvoller Aktivität in Rechtfertigungsdruck gerät. Da ist die Online-Sichtbarkeit (oder -unsichtbarkeit) in meinen Augen weitaus weniger begründungsbedürftig.

    Das ist auch, wie gesagt, überhaupt nicht das Problem, das ich mit der ganzen Sache habe, im Gegenteil sehe ich hier an sich die meisten Fortschrite. ich kann daraus nur keine sinnvolle Begründung ableiten, warum daraus nun ein Postprivacy-Zeitalter anbricht oder gar das Verschweigen privater Befindlichkeiten als in irgendeiner Form negativ, schweinesystemstützend oder sonstwie nachteilig generalisiert werden kann.

  3. Pingback:Das Personalchefargument « Erich sieht

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