Twitter vs. Nazis und eine Zensur-Quatschdebatte

Die Scheiße ist schon großflächig durch den Ventilator, aber ich fühle mich grade genötigt, doch nochmal deutlicher zu erklären, warum die „Zensurbach“-Diskussion in meinen Augen in erster Linie ein großer, stinkender Haufen Mist ist.

Kurzzusammenfassung der Ereignisse:

  • Auf Twitter verbreitet das Account einer verbotenen Naziorganisation braune Gülle.
  • Twitter sperrt erstmals einen Account für die Nutzer eines bestimmten Landes (hier: Deutschland).
  • Herr Urbach erklärt, direkt löschen wäre besser gewesen.
  • Eine Latte Vollhonks (zuzüglich des von mir sehr geschätzten Udo Vetter leider auch) erklärt Herrn Urbach zum Zensurverfechter.

Kurzzusammenfassung der Beurteilung:

  • Herr Urbach hat Recht.

Nun ist das alles natürlich ein wenig komplizierter, als es einige der offenbar recht einfach gestrickten und, so vermute ich gelegentlich, eher von persönlichen Animositäten denn von ihrer Expertise getriebenen Diskutanten so darstellen. Aber grundsätzlich ist es ganz einfach. Plattformanbieter können es sich aussuchen, wem sie diese Plattform zur Verfügung stellen. Sie sichern sich dahingehend auch bemerkenswert konsequent ab, damit niemand auf die Idee kommen könnte, sich ein Nutzungsrecht einfordern zu können. Dementsprechend kann sich jeder Plattformbetreiber raussuchen, ob er Steigbügelhalter für die Naziwichser spielt oder selbiges eben bleibenlässt.

Ich komm natürlich mit dem schönen Gullibrettvergleich. Wir hatten auch unsere Vollidioten im Politikforum, und viele haben lang und ausgiebig dort spielen können, aber irgendwann war Schluss. Einen Extrathread für die Freunde des Nationalsozialismus, den sich die Gegner eines solchen ja einfach nicht hätten angucken brauchen, haben wir nicht gehabt, selbiges wäre direkt gelöscht worden (plus Kickstiefel in den Nazihintern) und wenn mir einer der einschlägigen Trottel mit Zensur kam, hab ich ihm gesagt, das Netz sei groß und das Einrichten einer eigenen Plattform selbst für minderbemittelte Gülleköpfe keine unüberwindliche Hürde auf dem Weg zur Weltherrschaft.

Bei Twitter ists dasselbe, und deswegen haben ein paar Zensurschreier grade insbesondere ihre Merkbefreiung offensiv kommuniziert. Denn genau das ist der Punkt: Kein Plattformbetreiber darf gezwungen werden, sich ausgerechnet mit den Faschotrotteln gemein zu machen und ihnen seine Plattform zur Verfügung stellen zu müssen. Auch Twitter nicht. Wenn sich die rechten Deppen vernetzen wollen, können sie das gefälligst selber machen und wenn irgendwer meint, es sei Zensur, wenn man ihnen nicht dabei hilft (und genau das ist es, wenn man den Dreck vor der eigenen Haustüre duldet), dann ist er dumm im Hirn oder ein Naziunterstützer oder beides.

Es hat niemand ein einklagbares Anrecht drauf, auf öffentlicher Plattform XY eine ebensolche Plattform geboten zu bekommen. Ich kann mich auf den Kopf stellen und mit den Beinen wackeln, trotzdem druckt der Spiegel meine Weisheit nicht und muss ich sie hier auf diesem Blog verbreiten. Und wenn Twitter einen Funken Anstand in der Hose hätte, dann würden sie ihr „Wir können Ihre Benutzerkonten zeitweilig sperren oder kündigen oder Ihnen die Bereitstellung der Dienste jederzeit aus beliebigem Grund verwehren“ hier – durchaus wohlbegründet – anwenden. Mit Zensur hat das ungefähr exakt gar nichts zu tun.

Im Übrigen: Nazipropagandisten, die offensiv den „Nationalen Sozialismus“ predigen, wissen genau, was sie da konkret fordern und die, die gemeint sind, wissen das auch. Wer das nicht als „Drohung und Gewalt“ betrachtet, wie Twitter sie in ihren TOS explizit untersagt, ist naiv oder ein Nazi.

Es ist wirklich so einfach. Das einzige, was ich als Diskussionsthema so gelten lassen würde, ist der „slippery slope“, was anderswo ungeliebte Inhalte angeht (und auf dem wir uns auch schon mit der jetzigen „Lösung“ befinden). Ob eben auch das $unterdrückerregime entsprechend Löschungen veranlassen könnte. Ich halte es aber für recht einfach, den Unterschied zu vermitteln zwischen Kommunikation und dem dringenden Bedürfnis, Menschen zu Nachttischlampen zu verarbeiten. Mich erstaunt, dass der Punkt eigentlich nie explizit angesprochen wurde, obwohl, ach, wenn ich mir die Kritiker so angucke… nein, doch nicht.

Disclosure: ich bin mit Herrn Urbach nicht persönlich befreundet oder bekannt, schätze seine Arbeit sehr, fand seine Gesprächsbereitschaft mit Dr. c/p Guttenberg eher mittel und finanzierte mit Freude sein frisches Arbeitsgerät mit.

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2 Responses to Twitter vs. Nazis und eine Zensur-Quatschdebatte

  1. mike says:

    Ack mit Einschränkungen … und Präzisierungen. Wenn ich demnäxt Zeit finde äussere ich mich nochmal dazu.

    btw: IRC is tot, oder wie?

  2. grainne says:

    +1 äh danke dafür dass du zwar korrupt aber offenbar kein Vollidiot bist ;)

    Aber voll die Zensur dass du oben in der Plattform schreiben kannst und ich nur hier unten in den Kommentaren. Das ist ungerecht und gemein: ZENSUR(!) ;)

    btw IRC lebt, zumindest #piratenpartei etc., bei freenode, aber Vorsicht, wer dort Nazi-Kram schreibt, könnte der bösen „Zensur“ zum Opfer fallen ;D

    ähem… noch nen btw. an das liebe interwebs: hätt‘ auch gern nen T-Shirt, wenn der Urbach schon eins bekommt, gerne auch mit ein paar Beschimpfungen bestickt.

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