Tolstoi und Dostojewskij, ein Vergleich…

…zu dem ich mich gestern nach einer Mail berufen fühlte, die Tolstoi völlig zu Unrecht würdigte. Beim heute nochmal lesen, steht in meiner Antwort darauf meines Erachtens nach sehr viel gutes und richtiges drin, so dass es nicht zu vertreten ist, meine Einschätzung der beiden der Welt vorzuenthalten. Anlass: Jemand fand die gelinde gesagt gräßliche Kreuzersonate nicht nur gut, sondern auch ein beispiel an Gesellschaftskritik im Allgemeinen und der an der Ehe im Besonderen. Ich gehe mit dieser Ansicht nicht konform und verweise auf Fjodor selig, der all das besser konnte. Viel besser.

Die Message von der Kreuzersonate, um sie auf ein paar duerre Saetze einzudampfen: Die Menschheit ist suendig von Anfang an. Wenn sie das Ficken einstellt, wuerde sie rein. Zwar stuerbe sie dann aus, aber genau das ist Sinn der Sache, denn dann kommt das Reich Gottes. Das blieb bei mir haengen, und deswegen kann ich Tolstoi nicht ausstehen. Dostojewskij schafft es auch, verklemmt und christlich zu sein, aber ich bin mir sicher, Dostojewskij hatte mehr und besseren Sex als Tolstoi, und man merkt ihm das an. Tolstoi ist ein verbohrter, komplexbeladener Kleinbürger. Dostojewskij ist das Idealbild der zerrissenen, widersprüchlichen, vielschichtigen Persönlichkeit, der das Leben ausgekostet hat. Tolstoi ist ein blutleerer Langweiler, Dostojewskij hat, ums bildlich zu sagen, den Kelch des Lebens in all seinen Facetten bis zur Neige ausgekostet, und das trotz seiner christlichen Behinderung. Dafuer hat er meinen Respekt.
Ueber allen Rechten der Menschen an- und aufeinander kam bei Tolstoi die Christlichkeit. Bei Dostojewskij auch, aber der hatte die Groesse, seine Figuren trotzdem wild rumvoegeln zu lassen und das nicht mal zu verdammen, sondern als das menschliche schlechthin darzustellen. Wenn bei Tolstoi die „Liebe“ mehr als „Ich will, dass du in den Himmel kommst“ ist, Himmel, Koerperlichkeit auch nur ansatzweise ne Rolle spielt, dann schreibt der davon doch wie von Hautkrankheiten und Plumpsklos. Was lust- und damit menschenfeindlicheres wie Tolstoi faellt mir bei den Russen nicht ein, wenngleich ich zugeben muss, ausser
Turgenjew und Gogol keine weiteren gelesen zu haben.

Der Mensch mag das Vollkommene nicht haben, insofern ist es völlig menschlich, dass in dem vorangegangenem Text ein Fehler enthalten ist. Ich hab vergessen, die nun wirklich vollkommen göttliche „Reise nach Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew zu erwähnen. Sehts mir nach.

Kategorie: ich gegen die wirklichkeit. permalink.

5 Responses to Tolstoi und Dostojewskij, ein Vergleich…

  1. sara says:

    weisst du, ich hasse es, wenn du zum rundumschlag ausholst – weil dann wirst du genauso ungerecht und halbblind wie der rest der menschheit und dann bin ich immer richtig böse auf dich. so auch jetzt grade, einfach weil tolstoi für deinen geschmack ein mal das thema „ficken“ zu wenig oder gar nicht behandelt hat. oder einfach nicht nach deinem geschmack.

    ich mag auch nicht alles von tolstoi, ich kenn nicht mal alles, klar – aber ich kann ihn nicht so verdammen wie du das tust und ich will das auch gar nicht.

    ich bin geneigt ein „freundschaft, das ist wie heimat.“ herzukrakeln und dich zu fragen, was du von diesem satz hälst. aber ich lass das. weil ich angst hätte, du würdest es verhöhnen. was ich kaum ertragen könnte. so als freundin.

  2. Korrupt says:

    Oh jeh… das erinnert mich grade an die Situation, wie ich Akareyon im g:b erklaeren musste, dass ich mitnichten den Wave/Goth/Gruftkram hasse, auch wenn ich ihn grade zwei Threadseiten lang zerlegt habe, wie es die Wortgewalt zuliess. Aber wenn es dich besser schlafen laesst: Ich hab nichts gegen Tolstoi, ich mag nur die Kreuzersonate nicht. Es macht aber viel mehr Spass zu schreiben, dass Dostojewskijs Annaeherung an die suendigen Triebe der Menschheit so charmant wie die aengstliche Visite eines Priesterseminaristen im Moulin Rouge ist, der sich seiner Sittenhaftigkeit versichern will, aber die Chanteuse flammend begehrt, waehrend Tolstoi eher das Aequivalent des verklemmten Wichsens in einer ungeluefteten Jungsumkleide der Schulsporthalle mit anschliessenden Gewissensbissen ist.
    Ich werd mit sowas wohl beiden nicht wirklich gerecht, aber sowie hier machts mir mehr Spass zu schreiben, und manchmal hoff ich, auch anderen mehr beim lesen. Grade beim wild dissen nehm ich mich selber nun wirklich nicht mehr sonderlich ernst und brauchs auch nicht, dass jemand anders es tut. Dann kann ich naemlich solche Texte schreiben und kein „Hm, mir hat die Kreuzersonate nicht gefallen, der Bahndialog ist in meinen Augen deprimierend. Wie viel schoener und menschlicher hingegen Raskolnikows Leidenschaft fuer eine Prostituierte, wie erhebender ihr Mitgehen nach Sibirien, als so eine menschen- und koerperfeindliche fasel, literaturkritikabsonder.“

  3. Pingback:Warum Tolstoi spannend ist « plagiat bloggen

  4. Haiduk says:

    Die Kreuzersonate ist nicht für jeden geeignet. Mir ist sie auch schwer im Magen gelegen. Ungeachtet dessen war Tolstoi ein wunderbarer Mensch. Wir könnten glücklich sein, wenn Menschen wie er heute noch Bücher schreiben würden.

    Gott mit uns!

  5. Kl_Tr says:

    Sarah liegt sicherlich nicht verkehert. Aber genau darum geht es ja in Deinem Post: ungehemmt die Luft rauslassen!
    Übrigens in Sachen Sex darf man annehmen, dass Dostojewski lebenslang so blass wie seine Gesichtsfarbe war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere