Strunk vs. Schamoni: The Punk-Rezi of Death

An sich naheliegend, aber völlig spontan geschehen: zur Zugfahrerei packte ich mir das immer mal wieder vorgenommene, nie eingepackte „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk ein. Auf dem Weg zur Kasse begegnete mir ein Stapel von Rocko Schamonis „Dorfpunks“, und da ich Realist bin, was meine Lesegeschwindigkeit angeht, der Strunk nur knapp über 250 Seiten aufweist, ich Schamoni von Herzen mag und überhaupt die Lektüre der beiden Biografien ein interessantes Kontrastprogramm versprach, ließ ich meinem Greifarm freie Bahn zum Zweitbuch.

Kurzfassung Strunk: Häßlicher Versager aus kaputten Verhältnissen entwickelt Talent und Können am Saxophon, spielt in einer Tanzkapelle gräßliche Musik, vertreibt sich die Zeit dazwischen mit fleischreicher Ernährung, Bier, Geldspielautomaten, Wichsen und Depressionen.

Kurzfassung Schamoni: Gutaussehender Dorfbauer wird Dorfpunk, übersteht seine Pubertät mit Alkohol, Mopeds, musikalischen Versuchen und Randale, verabschiedet sich von der bürgerlichen Gesellschaft und scheint zuletzt die Wirren der Selbstfindung zu überstehen.

    Einzelwertungen:

Drogen:

Strunk: Wenn Cholesterin eine Droge wäre: klarer Punkt für ihn. Der Fleisch- und Eierverbrauch auf den 255 Seiten ist immens, ansonsten gibts überwiegend Bier, alternativ Antidepressiva. Bonusdroge, nicht zur Einnahme bestimmt: ein wackerer Hang zur Automatenspielsucht.

Schamoni: Überwiegend Bier (Karlsquell!) und Punkbilligwein. Abzüge für geklaute Edelweine, die, mit Zucker gepanscht, anschliessend geext werden. Gelegentlich härtere Sachen, selten LSD oder Speed. Endorphinkicks durch Prügeleien, Nachtspaziergänge und Wichsen auf unbefahrenen Hauptverkehrsstrassen.

Wertung: Klarer Punkt für Schamoni

No Future:

Strunk: Er hat keine. Die große Hoffnung: mal aus der Kapelle auszusteigen. Ansonsten sieht man ihn nach Ende der Lektüre entweder irgendwann dem Herzinfarkt durch ungesunde, fettreiche Ernährung erliegen oder im Schlaf an den eigenen Fürzen erstickt. Strunk ist komplett desillusioniert, beispielsweise dass er ein Suchtproblem mit Daddelkästen hat, ist eben so, das wird wertfrei betrachtet und beschrieben, Ende Gelände. Er wird niemals Sex mit jemand anderem haben und er erklärt auch einleuchtend, warum. Mögliche Auswege: Geisteskrankheit, die liegt in der Familie.

Schamoni: Zeigt in dieser Wertung erhebliche Schwächen. Dem Alkohol wird exzessiv und überzeugend gefrönt, die Folgen werden weitgehend ausgelassen. Was sich indessen kaum mit dem erhobenen Zeigefinger verträgt, den man dann bei Speed- oder LSD-Geschichten vor sich sieht, in denen das „ich nahms nie wieder“ ein penetrantes „Lasst die Finger davon“ durchblicken lässt. Dass das mit dem Sex nicht so hinhaut, hat was mit pubertären Übergängen zu tun, das wird besser, selbst die Lehre wird abgeschlossen und es wird sich angemessen drüber gefreut. Zum Schluss grosse Liebe und Aussicht auf die strahlende Alternativlaufbahn.

Wertung: Strunk, eindeutig.

Outsiderfaktor:

Strunk: Seine Mutter mag ihn. Nur ist die manisch depressiv und zum Schluss völlig verwirrt. Er mag sie auch. Sonst mag er niemanden und ihm mag auch keiner. Doch, sein Kneipenwirt, bei dem der den Automaten füllt. Aber auch nur bis zu den vergammelten Calamares. Gelegentlich mögen ihn seine Zuhörer, die mag er aber nicht. Wenn dann auch noch der Hochzeitsvater zur Rede auf die Bühne der Kapelle kommt und von der durchgefurzten Luft dort fast wieder die Stufen runtergehauen wird… nun ja.

Schamoni: Seine Mutter mag ihn. Nur ist ihm das zu erdrückend. Ansonsten mögen ihn viele Leute, zum Teil zwar nur, weil sie dasselbe saufen und dieselben anderen Klamotten tragen, aber nun. Irgendwann gar deswegen, weil er nicht auf dieselbe Weise nonkonformistisch ist wie alle anderen Nonkonformen. Natürlich ist er gelegentlich siffig und stinkt, aber keine Chance gegen Strunk, vor allem, wenns irgendwann in die kuschligen Liebesnester geht.

Wertung: Strunk mit Sonderpunkt, weil er will eigentlich kein Outsider sein, Schamoni durchaus. Strunk ist aber einer, Schamoni nicht.

Texte:

Strunk:

„Dein Spargel schreit nach Erlösung, stich ihn heraus, stich ihn heraus!
Doch du kannst melken und melken und melken und melken;
Du legst den Sumpf niemals trocken.

Festgeklebt am eigenen Schmand
Zuckst du noch ein, zwei Tage,
Bis die Masse endlich hart wird und verkrustet.
Dann kommen schon bald die Männer und hauen die Placken ab mit großen Stöcken.“

Schamoni:

„Das ist unsere Politik
Sie fördert nur den Atomkrieg“

„Abendrot, ohoho,
Manuela ist schon lange tot, ohoho
Und wie damals sitz ich heute wieder hier
Auf dem einsamen Felsen
Auf dem Felsen der Liebe.“

Wertung: Beidseitiges K.O.

Persönliches Selbstidentifikationspotential:

Strunk: Akne Conglobata, nebenwirkungsreiche Roaccutantherapie, anschließend weitgehend Ruhe vor den Eiterbeulen und sehr sympathischer Hass auf Eigenbluttherapie-Geldschneider.

Schamoni: Dorfkind, schwierig verlaufende Pubertät mit Hang zu Drogenexperimenten. Freude auch an hindilettierter selbstgemachter Musik. Irgendwie kaputt und trotzdem attraktiv, trotz bewahrtem, kindlichem Gemüt auf eine düster-geheimnisvolle Art und Weise sexy.

Wertung: Ganz klar Schamoni.

Musik (eigene):

Strunk: Grauenhaft. Wenn man sich auf den letzten Seiten freut, dass er mal „Nehmt Abschied, Brüder“ spielen durfte, ergibts ein Bild? Oder muss ich noch Klaus und Klaus erwähnen?

Schamoni: Schwierig. Die meisten Sachen hören sich von der Beschreibung her recht unterirdisch an, mit Potential, das zum Ende hin deutlich durchscheint.

Wertung: Unentschieden wegen Mitleidsbonus für Strunk.

Musik (andere):

Strunk: siehe oben.
Schamoni: Kann hier richtig punkten. Pistols, Cure, Siouxie, DAF, Fehlfarben, Killing Joke, Malaria, Bowie… wenn am Rande Golden Earring oder Kajagoogoo (!) reinlinsen, störts nicht, im Gegenteil.

Wertung: Schamoni

Sex:

Strunk: Um den Geekcode zu bemühen: „Ja. Ach, mit anderen? Dann nein.“ Den aber gelegentlich exzessiv beschrieben, teilweise gar in Gedichtform (s.o.).

Schamoni: Erst wenig, dann mehr, typische Pubertätslaufbahn, erstaunlich kuschlig und wenn die Tür zu ist, dann ist sie zu und gibts auch nichts mehr zu lesen.

Wertung: Schamoni. Unverdient.

Äußerlichkeiten:

Beides sind schnucklige rororo-Taschenbücher, der Strunk (naturgemäß) etwas dicker als der Schamoni. 8,90 vs. 7,90, subtiles Detail: obgleich vom selben Verlag und an der selben Buchhandlung gekauft, war im Schamoni ein RFID-Chip, im Strunk nicht. Schamonileser werden offenbar als das subversivere Pack gesehen und müssen drahtlos zu identifizieren sein.

Wertung: Extrapunkt Schamoni

    Gesamtwertung:

Schamoni gewinnt zwar mit fünf zu drei Punkten, muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen, dass der Kapellenmucker Strunk über lange Strecken weit mehr Punk ist als der Dorfpunk Schamoni. Ich bin sogar geneigt zu sagen, dass Strunk in der Punkwertung hier eindeutig der Gewinner ist, da er offensichtlich die Punktwertung verloren hat. Und Punk ist eben mal auch Verlieren.

Lesen sollte man beide. Aber zuerst den Strunk.

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11 Responses to Strunk vs. Schamoni: The Punk-Rezi of Death

  1. missi says:

    Feine Rezi geworden. :)

  2. mike says:

    Na tolle Wurst, dann brauch ich’s nicht mehr lesen jetzt :)

  3. Greg says:

    Ich war da letztens mal im Theater drin. Also in der auf Fleisch ist mein Gemüse aufbauenden „Operette“ namens „Phoenix – wem gehört das Licht“ mit Studio Braun. Falls das nochmal aufgeführt wird, kann ich nur jedem empfehlen, da dringend reinzugehen!

    Zum No Future-Faktor hätte ich noch die „Erschießungsphantasien“ angeführt…

  4. Korrupt says:

    An Erschiessungsfantasien kann ich mich bei Strunk jetzt nicht erinnern. Bei Schamoni gibts die auch nicht, daher schlechtes Vergleichskriterium. Das Thema Selbstmord per se vielleicht, dass Strunk den wacker auf Raten betreibt und Schamoni sich eben eher die Arme aufsaegt. Oder generell „Selbsthass“, da wuerde Strunk auch eher punkten. Bei Schamoni gibts da zugegebenermassen eine allerliebste Stelle, wo er aufhoert, sich Sicherheitsnadeln durch die Backen zu stecken, weil er Angst kriegt, das Getraenk koennte ihm aus dem Miund laufen, wenn die Loecher nicht wieder zuwachsen. Das scheint mir in Bezug auf autoaggressives Verhalten eine vernuenftige Prioritaetensetzung zu sein.

  5. Greg says:

    Kann sein, dass das mit den „Erschießungsphantasien in der Lüneburger Heide“ nur in der Operette, aber nicht im Buch vorkommt. Wobei ich schon meine, mich daran zu erinnern. Ist aber auch keine 1:1 Umsetzung des Buches…

    Rockos Buch muss ich mir aber wohl in den Semesteferien auch mal zu Gemüte führen.

  6. Greg says:

    „Erschießungsphantasien in Niedersachsen“ ist der richtige Name. Findet dann aber in der Lüneburger Heide statt. Die Mutter träumt davon, von zwei Männern auf dem Feld erschossen zu werden… Seltsam, kam aber lustig rüber.

  7. Struppi says:

    Vom Titel her, hätte ich mich mehr mit King Rocko Schamoni identifiziert. Gelesen hab ich aber bisher nur den Strunk und kann der Rezension inhaltlich nur beipflichten.
    So wie’s aussieht werd ich von Schamoni enttäuscht sein.

  8. OgGy says:

    Oh ja, der gute Heinz. Danke, hast mich wieder auf den Geschmack gebracht! :)

  9. Korrupt says:

    Nachtrag: Schmoni soll verfilmt werden. Ich bin auch verfilmungstechnisch für Strunk.

  10. Ich kenne niemanden, der nicht beide Bücher gleichzeitig, also so direkt hintereinander wechgelesen hat. Astreine Ware, das. Strunk ist groß.

  11. Pingback:Die Zunge Europas: Strunks Ausweitung der Kampfzone | Tales from the Mac Hell

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