Living next Door to the Music Industry…

…sollte ja an sich seinen Reiz haben. Es wird ja viel über diese Branche geredet, gar von offener Feindschaft zwischen Fans und Business ist gelegentlich die Rede, und dann täglich live zu erleben, was dran ist an den Ausbeuter- und Blutsaugervorwürfen, das ist ja schon spannend. Am Anfang. Irgendwann deprimiert es nur noch. Denn in Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer.

Es begann mit dem Pronto-Vorfall. Eine der seltenen Freuden in unserem traurigen, von Hunger, Ausbeutung und Entbehrungen geprägten Dasein, ist ja das Tischkickern. Damit die Kickerstangen leichter laufen, braucht es gelegentlich Pronto. Wir sparten uns die drei Euro buchstäblich vom Frühstück ab, prontoisierten unseren Kicker und genossen einen dieser seltenen Momente stillen Glücks, wenn sich ein langgehegter Wunsch erfüllt und man das Gefühl hat, nun ist in Zukunft alles ein wenig freundlicher.

Zwei Tage später war das Pronto weg. Verschwunden. Schlicht geklaut. Und natürlich waren wir bedrückt, aber nochmal zwei Tage später kam die Wahrheit ans Licht, und die Bedrückung wich hilflosem Zorn. Mein Chef genehmigte mir meinen täglichen Toilettengang, und ich traf am Waschbecken, wie es häufiger geschieht, eine weinende Praktikantin der musikindustriellen Büronachbarn an, die versuchte, ihre übel zerfetzten Kleider notdürftig zu ordnen. Weitere Details bitte ich verschweigen zu dürfen. Sie habe sich geweigert, uns das Pronto zu klauen, daher ihr erbärmlicher Zustand, aber nicht alle dort hatten so viele Skrupel wie sie. Die Kokainreste auf den massiven Tropenholzmöbeln hätten gelegentlich gestört, aber erst, als sich die Möglichkeit bot, die Möbelpflege mit dem Bestehlen Bedürftiger zu verbinden, seien sie nebenan zur Tat geschritten. Das Pronto ist weg, wir rationieren grade wieder die Nahrung, um ein neues kaufen zu können. An sich zeigt diese Geschichte die menschliche und moralische Verkommenheit dieser Leute schon vollständig.

Wir dachten eigentlich schon bei einem Vorfall letztens beim Mittagessen, der Gipfel der Dekadenz und der Menschenverachtung sei erreicht. Ich tunkte grade meine letzte Brotrinde im mein Wasserglas, wir hofften noch, in den Küchenabfällen der WG unseres Chefs ein wenig Essbares zu finden, als die Bürokollegen der Musikindustrie sich von ihrem Chauffeur die Büropforte aufschließen ließen und sich die letzten Sushibröckchen von den Armanianzügen schnippten. Aus reiner Bosheit natürlich in ihr Büro hinein und nicht auf unseren Tisch, und dort musste sie die Reinigungskraft auf Knien aufwischen, den Lappen in den bloßen Händen.

Man sei in einem „schicken Etablissement“ gewesen, wo man nicht nur von nackten, japanischen Hostessen bedient, sondern die Speisen gar auf (etwas kleineren) knienden nackten japanischen Hostessen serviert wurden. Es sei halt inzwischen „ein wenig schwierig geworden, sich zu zerstreuen“, prusteten sie und spuckten dabei Lachskanapeereste, wenn man an sich schon alles gehabt hätte. Lachten und knallten die Türe zu, nicht ohne dem Chauffeur – einem distinguierten, älteren Herrn – einen Tritt zu geben.

Ach, das Türenknallen. Damit hat es ja in letzter Zeit etwas nachgelassen. Früher hatten die Kollegen nebenan die Angewohnheit, diverse Gliedmaßen von Künstlern in den Türrahmen zu klemmen und die Tür dann zuzuknallen. Wie sie sonst noch ihre Opfer folterten, um sie zum Unterzeichnen von Ausbeuterverträgen zu zwingen, weiss ich nicht und will ich auch nicht wissen, aber ich ließ mir heute sagen, es sei alles „human geworden, vergleichsweise“. Ich machte den Fehler, nachzufragen. Sie prügeln heute Musiker, die das Kleingedruckte lesen wollen, nur noch blutig, anschließend kann man einen ihrer Finger ins Blut tauchen und mit dem Abdruck den Vertrag rechtskräftig unterschreiben. Kommt es zu Rechtsstreitigkeiten, die man nicht mit roher Gewalt aus der Welt räumen kann, wird der Musiker per DNA-Analyse überführt.

Das war das letzte, was ich heute von den Nachbarn mitbekam – erzählt wurde mir das bei der Zigarettenpause um 12, der Kollege war auf dem Heimweg. Man müsse Freitag doch pünktlich Schluss machen.

Kategorie: ich gegen die wirklichkeit, mac hell 1: job. permalink.

10 Responses to Living next Door to the Music Industry…

  1. Pingback:Umgang » just madchiq!

  2. Greg says:

    Kannste mal für mich nachfragen, ob die noch ein Arbeitsplätzchen frei hätten?

  3. madchiq says:

    Sorry, aber wenn Du *diese* Frage stellen musst, gehoerst Du da nicht hin.
    Versuchs bei der Stadtreinigung… der Bund sucht auch immer wieder…

  4. Korrupt says:

    Nu, Greg, Praktikantinnen sind iirc durchaus gern gesehen. Ich frag am Montag mal nach.

  5. Greg says:

    Ich habe eine Putzmittel-Kleptomanie und einen reißfesten Judoanzug. Das kannst du denen ja beiläufig stecken, das scheint ja quasi ’ne Voraussetzung zu sein.

  6. Korrupt says:

    Werd ich, aber ich zweifle, dass ohne aussagekräftige und offenherzige Bildbewerbung und Tittennachweis da irgendwas zu reissen ist…

    Nachtrag:
    Meinten Sie: Zeitennachweis

    Es wurden keine Standard-Webseiten gefunden, in denen alle eingegebenen Suchbegriffe vorkommen.
    Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage – Tittennachweis – übereinstimmenden Dokumente gefunden.
    Strike!

  7. Greg says:

    Beginnende Biertitten, also eher Bierknnöspchen (Googleloch) könnte ich vorweisen, aber ich bezweifel, dass Bilder selbiger meiner Bewerbung dienlich sein würden…

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