Berlin 2: Deutschland, ich liebe es(tm)

„Deutschland muss sterben“, so der Titel eines beliebten, immer wieder gern gehörten Schlagers von Slime, aber sie haben nicht recht, auch wenn einem das gewöhnlich nicht unmittelbar einleuchtet. Manchmal leuchtet es nicht nur nicht ein, sondern man fühlt eine große Wahrheit und Gültigkeit in diesem Satz, die man sonst allenfalls mit gegossenen Lettern auf ehernen Tafeln, großen roten Siegeln und mit Todesanzeigen in überregionalen Tageszeitungen assoziiert.

So ging es mir eigentlich recht schnell, als ich dachte, stiefelst du noch über diese Prachtstraße zur Siegessäule, bevor du dich wieder auf den Rückweg machst. Erst viel Polizeipräsenz, dann eine Bühne, dann eine endlose Reihe von Ständen. Abwechselnd Deutschland – Land der Ideen-Propagandastände, Wurststände, Fußballstände, Bierstände, Wurststände, Deutschland – Land der Ideen-Stände, Bierstände, Wurststände, ihr seht, worauf ich raus will. Irgendwann kam ein Deutschland-Fanzelt, Eintritt nur für ausgewiesene Deutschlandfans. Ich ging rein, drin gabs Bier. Ich ging wieder raus, nach Bier war mir weniger, aber es war doch interessant zu wissen, dass es in einem Deutschland-Fanzelt in erster Linie Bier gibt. Es deutete auf eine gewisse Weltoffenheit hin, dass man auch ohne Fannachweis reingehen durfte, das war irgendwie beruhigend, ich ging weiter, um kurz danach von einem dieser unsäglichen Promotypen angequatscht zu werden, ob ich Deutschlandfan sei. Mit den Fanbeitrittserklärungsformularen wedelte er vor meiner Nase, und die mir angeborene Schlagfertigkeit wählte einen ungünstigen Zeitpunkt für einen Kurzurlaub in den Kopf von irgend jemand anderem, der dann wohl völlig unerwartet was unglaublich Geistreiches von sich gegeben hat. Ich sagte jedenfalls nichts dergleichen und hatte nur den Gedanken im Kopf, wenn ich die zuviel.org nicht schon hätte, jetzt wöllte ich sie, denn ich kriegte langsam wirklich ein wenig zuviel.

Deutschland, Land der Ideen, das ist schon allein für sich so bekloppt, dass man sich irgendwie Zähne ziehen will, nur um zu prüfen, ob man wirklich schon schmerzfrei ist oder bloß eine gesunde Resistenz gegenüber idiotischen Kampagnen entwickelt hat. Deutschland, ich liebe es! haben sie wahrscheinlich bloß deswegen nicht genommen, weil sich das schon McDo als Marke eintragen ließ. Das wäre noch angemessener gewesen, leider hat das jetzt nicht Deutschland bekommen, sondern halt die bekannte Hamburgerschmiede, aber Deutschland hin, McDo her, es ist ja alles derselbe Müll.

Aber immerhin, gut, jetzt wusste ich, was es mit „ausgewiesenen Deutschlandfans“ auf sich hat. Deutschlandfan wird man, wenn man ein Formular ausfüllt, das haut irgendwie hin, das passt zusammen, versöhnte mich ein wenig. Und da fing dann auch an, der Gedanke zu greifen, dass das mit dem Deutschland sterben müssen so eine Sache ist, die man heutzutage vielleicht nicht mehr ganz so vehement verfechten sollte. Gibt es doch Kampagnen, die in ihrer Beklopptheit das ganze Nationalismusgedönse bis zur Kenntlichkeit entstellen. Sie transportieren tatsächlich sogar durchaus subversive Botschaften. In Deutschland tritt man ein, wie man in ein Bierzelt eintritt. Man gibt sich als Fan, unterschreibt einen blöden Wisch und kann anschließend in Deutschland hineintreten. Man tritt in Deutschland hinein, wie in ein Bierzelt, und man nimmt seinen Platz in einer Stadt oder einem Dorf ein wie auf einer Bierbank.

Und dann kriegt man Bier. Und genauso sollte es doch auch tatsächlich sein.

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