Warum Merkels Neuland-Spruch gefährlich dämlich ist

Durchaus wertgeschätzte Mitnetzbewohner scheinen mir gerade in die „Wenn alle scheisse schreien und Witze machen, sollte man sachlich dagegenhalten“-Falle gegangen zu sein. Man müsse ein wenig differenzierter und ohne den Netz(spieß-)bürgerdünkel mal gucken, was Sache ist, um anschließend festzustellen, dass das Netz heute wie auch vor zwanzig Jahren noch aus Neuland besteht (Friedemann Karig, vom geschätzten Lukas leider* als „klug“ geadelt), Johannes verweist in der Süddeutschen auf die bekannten Nonliner-Studien und die gewachsene internationale Dynamik. Das ist in dem Kontext Unsinn bzw. geht alles am Punkt vorbei. Merkels Spruch ist a) dumm und b) gefährlich. Ich fang von hinten an.

Der Neuland-Satz ist eine gigantische Geheimdienst-Verharmlosung

Der Satz wäre wahr gewesen, wenn wie vor meinetwegen 10 Jahren die Nerds ihren Spass getrieben hätten und ein paar Krawattenträger bemüht unauffällig und staunend zugeguckt haben. Aktuell verhält es sich jedoch so, dass die Welt erstaunt feststellt, dass ihr „Neuland“ seit Jahren schon eine umfassend durchleuchtete Geheimdienst-Spielwiese ist, die mit dem Wissen und dem Segen politischer und wirtschaftlicher Spitzen ein Überwachungs- und Abhörregime errichtet haben, das ungefähr das Gegenteil eines unberührten und ungeregelten Neulandes ist.

Um das „Neuer Kontinent“-Bild zu bemühen: Merkel tut so, als kämen wir grade alle in ein neues, seltsames Land und müssten uns *alle* erst mal zurechtfinden, weil noch unberührt usw. Das Gegenteil ist der Fall: wir sitzen alle in einem durchaus länger besiedelten, durchaus dynamisch sich verändernden Land, das wir aber bisher für im Merkelschen Sinn „neuartig“ oder zumindest für immer aufs neue „unberührt“ hielten, bei dem sich nun aber herausstellt, dass es von den Geheimdiensten schon praktisch komplett verdrahtet, durchgescannt und überwacht ist.

Unter dem Gesichtspunkt ist Merkels Satz eine groteske Perspektivenumkehr. Wir sollen meinen, für sie wie für alle anderen ist das alles noch neu, wenig durchschaubar, noch komplett offen, wo es hingehen soll. „Guckt mal, ich weiss doch auch nicht, was hier alles sein und werden könnte, wie alle anderen auch“. Eine „Wir sitzen im selben Boot“-Metapher, die die Ungleichverteilung von Macht und Kontrolle auf besagt groteske Weise leugnen soll. Tatsächlich ist die Geschichte schon von einer staatlichen Durchdringung geprägt, die im Nichtvirtuellen schlicht vollkommen unvorstellbar wäre. Und genau nur das ist grade für viele „neu“. Nur eben nicht für Merkel, nicht für Obama. Und wenn sie noch so treudoof tun.

b) Tja, und der Satz ist dumm.

Das ist dumm. Und man soll ja nichts mit Bösartigkeit erklären, was auch mit Dummheit erklärt werden kann, aber mein Eindruck ist, dass hier beides zutrifft. Und weiter, dass es recht teuer erkauft ist, hier einen auf sachlich-zustimmend-bedacht-differenziert zu machen, ein wenig wohlfeiles Netzbashing zu betreiben, die gepflegten Distinktionskeulen rauszuholen und um ebendieser Distinktion vom Spaßmob willen die wahren Kerne in der Merkelschen Quatschmetapher zu suchen. Man macht dabei nichts anderes, als fleißig mitzuvernebeln, was in meinen Augen ein Fall fürs Neusprech-Blog ist: die massive Verharmlosung einer überwachten Welt und das treudoofe sich-aus-der-Verantwortung-Stehlen der Akteure, mit denkbar dämlichsten Anbiedern an die herbeigelogene, angeblich gemeinsame Unwissenheit.

Nachtrag: Bei der ZEIT denkt man in die richtige Richtung.
* Nachtrag 2: Ich scheine Friedemann etwas unrecht getan zu haben, nebenan wurde geupdated. (Und auch Lukas mag ich die edle Erhabenheit seines hohen Zieles des Hipsterbashings nicht absprechen.)
Nachtrag 3: Danke, Nerdcore.

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17 Responses to Warum Merkels Neuland-Spruch gefährlich dämlich ist

  1. Ich habe einen Satz geupdatet, auf das Video des O-Tons hin, weil sonst evt. der Eindruck entstehen könnte, ich finde die Prism-Dimension des Merkels-Satzes nicht so skandalös und gefährlich, wie sie eindeutig ist:

    „[UPDATE: Als erstes muss man ihre Assoziationen von wegen Feinde der Demokratie usw. usf., wie sie sie im O-Ton anhängt, dumm und gefährlich finden. Ohne wenn und aber.]“

    Beim Rest, der ungeachtet der Überwachung gilt oder eben nicht, bleibe ich dabei: Die Mehrheit würden den Satz so unterschreiben, also ist das das Problem, nicht die Opportunistin Merkel.

  2. Korrupt says:

    Ich hab mal auch ein wenig nacheditiert :) Nix für ungut, ich war leicht in Rage.

  3. Geschenkt, Lukas meinte ja auch den Text, nicht mich ;).

  4. Flo says:

    Danke für den Text zu diesem echt gefährlichen Statement von ihr. Und ja, „gefährlich“ war echt das, was mir da als erstes durch den Kopf ging. Danach dann „saudumm“, denn anders kann man das leider nicht nennen. Dachte, ich werd nicht mehr.

    So direkt ihr Satz auch ist, so subtil finde ich die Aussage dabei dennoch.

    Ich weiß nach meiner täglichen News-Lektüre schon gar nicht mehr, wo ich zuerst hinkotzen soll.

  5. Pingback:Webperlen: Neuland-Häme, Echtzeit-Journalismus und die abnehmende Wichtigkeit von Links bei Google

  6. Flo says:

    Ich korrigiere „saudumm“ hin zu „verlogen“. Die weiß glaub ich sogar haargenau, was sie da sagt, daß es nicht stimmt und was sie eigentlich damit bezwecken und rechtfertigen will.

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