Stefan Recht zu Kinderporno und TOR: Gulli:news goes FBI-Postille

Schlimmer geht immer, ich hätte es nach meiner ersten Skepsis zur gulli-Übernahme wissen müssen. Dass es so schlimm kommt, nun ja.

Gamigo hat offenbar nun auch einen Mann für die News, und dieser heißt Stefan Recht. Schaut man sich sein Xing-Profil so an, scheint Stefan Recht, aka vyndariel, ordentliche Kenntnisse im Bereich MMORG zu haben und über selbige auch zu schreiben, und ich wünsche ihm bei dieser Betätigung allen Erfolg der Welt, denn dann braucht er keine unsäglichen Texte in Bereichen zu verfassen, in denen sich seine Kompetenz meines Erachtens nach in überschaubaren Grenzen bewegt.

„Da hat das FBI mal etwas richtig gemacht: Teile vom Tor-Netzwerk offline!“ lautet die Überschrift so schlimm wie falsch, und wer sich für eine kompetentere Sicht auf die Dinge interessiert, dem will ich die Betrachtung von Torsten ans Herz legen. Hier geht es mir um was anderes: dass jemand offenbar unbelastet von tiefergehendem Wissen um die eigentliche Problematik versucht, einen auf gute Nachrichten ausgerechnet von einem der Internetüberwachungsakteure schlechthin zu machen. Dabei einen Sieg gegen „…eines der schlimmsten Verbrechen“ feiert und übersieht, dass es durchaus schlimmeres gibt, als Bildmaterial von Kindesmissbrauch zu verbreiten. Beispielsweise: Kinder zu missbrauchen.

Ich neige in dieser Sache zu recht klaren Ansichten. Stefan Recht scheint auf den Kampf gegen die Verbreitung von Bildmaterial offenbar sehr großen Wert zu legen, immerhin schafft er es, in einem länglichen Artikel den Erfolg der Aktion zu feiern, ein paar Krokodilstränen über den „Rückschlag für die Verfechter von Anonymisierung“ zu verdrücken und überflüssigen Unsinn wie „…als auch die Erkenntnis, dass selbst anonyme Netzwerke, unter den richtigen Bedingungen, nicht anonym sind.“ abzusondern. Über den realen Missbrauch an realen Kindern verliert er indessen kein Wort. Weder darüber, dass die Verbreitung von Bildern im Netz beim allergrößten Teil der Missbrauchsfälle absolut keine Rolle spielt, weil diese Fälle eben im Familien- und Freundeskreis stattfinden. Ebensowenig darüber, ob die Aktion auch nur einen zukünftigen Missbrauchsfall verhindern kann. Tief blicken lässt angesichts dieser vollkommenen Ignoranz gegenüber dem realen und zugrundeliegenden Problem des *Kindesmissbrauchs* die mühselige Rechtfertigung einer Aktion im Kontext eines Anonymisierungsnetzwerks, das – oh seltsamer Zufall – ausgerechnet dann in kinderpornografischem Kontext an die Öffentlichkeit gezerrt wird, als sich einige Leute darauf besinnen, dass dieses Netzwerk wahrscheinlich eines der wenigen verbliebenen Orte ist, in die das Ohr von NSA und Co. noch nicht hineinreicht.

Vollends peinlich wird das zu guter Letzt dann, wenn man das auf der frischerworbenen Plattform tut, auf der auch ein Text von mir veröffentlicht ist, der eben diese Instrumentalisierung des „Kampf gegen Kinderpornografie im Netz“ angreift und – meiner Ansicht nach nicht zu Unrecht – auch und gerade unreflektierte und offenbar am Kindeswohl vollkommen uninteressierten Texten wie dem vorliegenden unterstellt, eben Missbrauch mit dem Missbrauch zu treiben.

Dem werten Stefan Recht würde ich daher gerne folgende Fragen stellen:

  • Glaubst du, dass die Aktion auch nur einen zukünftigen Missbrauchsfall in Zukunft verhindert?
  • Interessiert dich der weitaus verbreitete Missbrauch in Familie und Bekanntenkreis nicht? Interessiert dich überhaupt der Missbrauch an echten, realen Kindern?
  • Falls ja: warum wird er in deinem Jubelartikel nicht einmal erwähnt?
  • Hältst du dich in den Thema für ausreichend kompetent, um explizit wertende Artikel darüber zu verfassen und zu publizieren: Falls ja: warum?

Antworten bitte gerne hier in den Kommentaren oder nebenan auf dem Board. Bis zum Antreten des Gegenbeweises gehe ich mal davon aus, dass du hier ein bisschen Kontroverse für ein paar Klicks machen wolltest. Solang das in Bereichen von AMD vs. Intel oder Ubuntu vs. Arch spielt, ist das legitim, möglicherweise gar amüsant. Ausgerechnet Kindesmissbrauch für sowas zu instrumentalisieren, halte ich hingegen für schlichtweg ekelhaft. Das will ich dem Stefan Recht daher auch gar nicht unterstellen, nur eben eine gewisse Inkompetenz in Bezug auf das Thema. Die ist, zusammen mit einer gewissen Lernbereitschaft, einigermassen entschuldbar. Letztere würd ich daher gern irgendwann mal zu Gesicht bekommen.

(Disclaimer: Ich bin mir recht sicher, dass die Abänderung des Titels meines Textes auf gulli.com – von „Gegen Anti-Kinderporno!“ hin zu „Kontroverse Kinderporno-Seiten“ bereits zu Wiener Zeiten/durch INQnet vorgenommen wurde. Ich steh als Autor nach wie vor drunter, der Titel ist nicht von mir, ich finde den scheiße und unangemessen und man hat mich nicht gefragt. Geschenkt aber, was ich an der Stelle klarstellen will: *das* will ich Gamigo nicht vorwerfen, da können sie nichts für. Ansonsten und fürs Protokoll: diese aktuellen gulli:news haben definitiv nichts mehr mit dem zu tun, was ich 2005 irgendwann mal losgetreten habe und ich fühle mich bemüßigt, folgendes klarzustellen: *Das* hab ich nicht gewollt.)

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10 Responses to Stefan Recht zu Kinderporno und TOR: Gulli:news goes FBI-Postille

  1. Lars Sobiraj says:

    Ob er weiß, dass der 1. April lange vorbei ist?

  2. Sölderin says:

    Hey,
    fefe merkt zu recht an, dass Tor tot ist. Hilft da die Gamification wirklich noch? Erinnert mich ein bisschen an „Emule mit manipuliertem Upload“-pushen. :(

    Wie wär es mit der Rückkehr zu VPN-Ringnetzwerken mit einer Traffic-Multiplikation größer 3…

  3. Artesia says:

    Das, was er geschrieben hat, ist keine News. Das kann man schon als pure Demagogie bezeichnen.

    Man fragt sich nur kopfschüttelnd: Cui bono?
    Und eigentlich will man die Antwort darauf lieber gar nicht wissen.

    Ich schätze das da war mein letzter Posting, bevor man mich bei Gulli sperrt. Ist mir aber auch schon Wurst. Mit manchen Menschen will man einfach nicht per DU sein und von manchen Firmen will man sich nur distanzieren.

  4. Mr. J says:

    Wenn man mal schaut was der Herr Recht so bisher verfasst bzw. freigegeben hat, dann fällt das alles in den Bereich stümperhafter Artikel deren Qualität sich doch signifikant von den anderen News unterscheidet. Zum Teil ist auch noch billige Werbung dabei, insgesamt aber zeigt sich recht deutlich dass die Schreiberei nicht zu seinen Kompetenzgebieten gehört.

    MfG
    Mr. J

  5. Kugelfisch says:

    Ich kann mich dir nur anschliessen, Korrupt. Einerseits sehe ich die grundsätzliche KiPo-Instrumentalisierungsproblematik genauso, auch stimme ich dir zu, dass eine News zwar an sich sachlich formuliert sein kann (wobei man das als Vor- oder auch als Nachteil sehen kann), aber *immer* eine Meinung transportiert, mindestens durch die Auswahl des Themenspektrums.
    Ich lese an sich auch gerne andere Meinungen, aber dass ich einen *derart* schlecht recherchierten Artikel *auf gulli.com* lesen muss, hat mich vollkommen unabhängig davon, was ich im g:b im letzten Monat erlebt habe, doch sehr enttäuscht.

    Ich sehe hier diverse Punkte, die man meines Erachtens eindeutig anprangern *muss*, auch unabhängig von der persönlichen Meinung zur Bekämpfung von Missbrauchsdarstellungen im Internet. Da wird offensichtlich versucht, einen *Provider* für die auf seinen Servern liegenden Daten verantwortlich zu machen, ausserdem wurde mutmasslich eine 0-Day-Schwachstelle in Firefox ausgenutzt, um ungezielt Malware zu verbreiten, die dann Benutzer lokal ausspioniert hat, um sie zu de-anonymisieren. Bei Freedom Hosting waren auch Projekte gehostet, die durchaus legal waren und sich u.U. vor Repressalien fürchten mussten, die sind nun ebenfalls offline. Meines Erachtens ist jeder, der das so bedingungslos bejubelt, entweder extrem missinformiert oder ein Troll. Schade, eben das als *News* auf gulli.com lesen zu müssen …

    Zu Fefes Einwand, Tor sei tot: Da stimme ich nur teilweise zu. Sicherlich kann ein Angreifer, der die Möglichkeit hat, den Datenverkehrt von und zu ausreichend vielen Knoten zu überwachen (die NSA), mit entsprechendem Aufwand Tor-Nutzer de-anonymisieren. Dazu muss jedoch für *jeden* zu de-anonymierenden Nutzer eine gewaltige Datenmenge ausgewertet werden, um das nachträglich ermöglichen zu können, müssten die Daten zumindest temporär gespeichert werden. Ich gehe davon aus, dass das zumindest nicht automatisiert und nicht längerfristig geschieht.
    Sicherlich ist Tor kein Allheilmittel, doch für die Anonymisierung von Echtzeit-Traffic die wohl ausgereifteste Lösung. Timing-Attacken werden da immer möglich sein, lediglich die Korrelation aufgrund der Paketgrössen könnte man erschweren, allerdings nur, indem man das Netzwerk zusätzlich mit Fake-Traffic belastet.

    P.S.: Korrupt, auf der Startseite deines Blogs ist die Darstellung problematisch, wenn am Ende der Artikelvorschau ein (float-)Bild ist. Das liesse sich leicht lösen, indem man dafür sorgt, dass die overflow-Eigenschaft von .round-Elementen ungleich visible ist:
    .round { overflow: hidden }

  6. lim says:

    Wer ist schon dieser Fefe bitte und wieso wird er als Prophet angesehen?

  7. Korrupt says:

    Zu Fefes TOR-Kritik: Ich stimme ihm nicht zu, Tor ist per se durch das von ihm beschriebenen Angriffsszenario nicht tot. Einmal spricht fefe *nur* über die Verbindungsdaten, nicht die Inhalte. Zweitens ist sein Angriff prinzipiell denkbar, aber immens aufwändig und müsste in einer vollkommen anderen Größenordnung Analyse und Rechenpower fressen als „normakle“ Abhörmaßnahmen, weiter kann er per se nicht zuverlässig sein, da es keine eindeutige Zuordenbarkeit gibt zwischen einem Datenpaket, das in einen TOR-Server reingeht und dem korrespondierenden Paket, das anschließend rauskommt. Mit einem ordentlichen Timeshuffling und ausreichend TOR-Traffic scheint mir das von ziemlich hoher Sicherheit. Absolute Sicherheit gibts nicht, das ist klar, aber kurz zur Illustration: Wir haben aktuell um die 5000 Server im TOR-Netz, die alle permanent miteinander kommunizieren. Mit lauter verschlüsselten Paketen von verschiedenen Absendern an verschiedene Empfänger, die über zahlreiche verschiedene Routen und Server laufen. Wie hier die Pakete einander zugeordnet werden sollen, die vom gleichen Absender an den gleichen Empfänger gehen, erschließt sich mir nicht, vielmehr ist es genau die Funktion von TOR, eben diese Zuordnung unmöglich zu machen. Nochmal: nach außen sehen alle diese Pakwete „gleich“ aus und der Inhalt ist verschlüsselt. Insofern: ein Timerangriff scheint mir weitgehender overkill bei dürftigen Ergebnissen.

  8. Kugelfisch says:

    Die Pakete sehen nicht unbedingt gleich aus. Die Inhalte sind verschlüsselt und damit (unter der Annahme, dass die Kryptografie sicher ist) unbrauchbar, die Paketgrössen sind jedoch nicht unbedingt identisch und erleichtern damit ggf. eine Zuordnung. Zwar versucht Tor, das zu vermeiden, das ist jedoch wie z.B. in gezeigt nicht unter allen Umständen effektiv (Thread in tor-talk: https://lists.torproject.org/pipermail/tor-talk/2012-February/thread.html#23409). Timing-Angriffe lassen sich bei Echtzeit-Anonymizern maximal erschweren, und dabei helfen ausreichend Traffic ebenso wie die von Tor implementieren (und teilweise meines Wissens noch geplanten) Vorkehrungen …

    Anyway – grundsätzlich stimme ich dir wie erwähnt zu. Es ist meines Erachtens auch bezeichnend, dass *alle* bekannten realen Tor-Deanonymiserungen auf Side-Channel-Angriffen (z.B. der Ausnutzung von Browser-Schwachstellen wie in diesem Fall) oder auf Social Engineering, jedoch niemals auf Angriffen direkt auf Tor beruht haben.

  9. ExGulliUser says:

    Danke Korrupt für diese verbal-rhetorische Ohrfeige, schallender hätte ich/man sie nicht austeilen können.
    Mit Gewalt (Ohrfeige) sollte man zwar nichts abstrafen („Niemals Gewalt“ A. Lindgren), aber da kommen einem ja

    Gelüste, gerade wenn man eine Beziehung zu Gulli hat/te!

    Das schlimme ist nicht, dass einer so denkt und es so verbreitet, sondern das er zu so einer Meinung gekommen

    ist. Da sehe ich mich als mündiger Bürger und gefühlter Advocatus Diaboli in der Pflicht aufzuklären. Je

    emotionaler, desto dumm, könnte man mutmaßen.
    Daher die Frage: Wie kommst du zu einer solch differenzierten Sichtweise, trotz Korruption?

    Das Thema war aber Freedomhosting und die Verhaftung eines Hosters. Ich spekuliere aktuell, dass er auch

    Webmaster etc. für illegale Inhalte gewesen ist und es nur noch nicht nachgewiesen wurde. DANN würde sich

    natürlich alles ändern… Wird sich zeigen, ob man mehr Infos über seine Rolle bekommen oder/und, ob die

    Portale LC, TLZ, OPFA (stand so in Pastebin) wieder online gehen werden.

    > „Davon lenkt der aktuelle Hype ab und dadurch macht sich jeder Mithypende mitschuldig daran, dass das

    Interesse für die meisten Missbrauchsfälle und Morde an Kindern gegen Null tendiert.“

    Da reicht ein Blick in die PKS aus. Die (sexual) Morde an Kindern sind extrem rückläufig. Böse Zungen

    behaupten, dass das Internet seinen Verdienst daran hätte. Dennoch gibt es beim sexuellen Missbrauch

    (neudeutsch: sexuelle Gewalt gegen Kinder) eine wahrscheinlich sehr hohe Dunkelziffer. Das ist leider kein

    Thema, weil Nachrichten keinen aufklärenden Zweck mehr erfüllen, sondern nur noch informieren und ggf.

    meinungsbildend sind. Das journalistische Ich ist nötig, aber die Kunst es im Text unterscheidbar zu machen,

    ist mitunter Laien nicht vergönnt.

    Du (?) schreibst in dem Text auf Gulli, dass eine massive Ueberwachung nichts bringt. Einerstanden. Was ist mit

    dieser Aktion? Bringt es etwas Seiten mit KiPo abyuschalten? Ich bejahe das. Es setzt ein Zeichen. Die Feds

    haben rund 5 Jahre zugeguckt und jetzt erst etwas unternommen, was sehr drastisch ist, aber wohl effektiv.
    Seiten muessen aus dem Sichtbaren Netz, damit der Buerger wieder beruhigt schlafen kann, weil er das Problem

    nicht mehr sieht. Die Auswirkungen, keine Chatlogs mehr vor Gericht u.a., stoert keinen, da niemand auf das

    Treiben aufmerksam wird. Es bildet sich eine Subkultur, die nur bei Straftaten an die Oberflaeche tritt und

    dann dementsprechend bewertet wird. Was ist gut? Was das Volk will oder was den Einzelnen, den Kindern dient?

    Die traurige Antwort kenne ich.

    In der Besprechung der PKS der vergangenen 30 Jahre vergisst du, dass in den 90ern die Missbrauchsdebatte

    ausgeloest wurde. Ein so notwendiger wie radikaler Schritt nach der Emanzipation. Da war die Bevoelkerung

    sensibeler fuers Real Life. So meine Erkenntnis bislang.

    Bitte um Verlinkung der angeblich nachfolgenden Texte ueber den Missbrauch des Missbrauch und Nebenfolgen der

    Hysterie!

  10. Artesia says:

    So hätte die betroffene News bei Gulli aussehen müssen:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/aus-dem-maschinenraum/verschluesselung-angriff-auf-die-anonymitaet-im-netz-12452293.html

    Aber solches Niveau ist von einem Reisebürokaufmann und Game-Junkie halt nicht zu erwarten. :-(

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