Wikipedia (de) gegen KI-generierte Artikeltexte

Heute endet in der deutschen Wikipedia ein Meinungsbild, in dem über den Einsatz von LLM in der Artikelerstellung abgestimmt wird. Es war der dritte Anlauf dieser Art und bereits das (einzige) Pro-Argument ist meiner Ansicht nach bemerkenswert:

„Jetzt ist noch Zeit, die Wikipedia als ein Projekt menschengeschriebener Texte zu profilieren. Noch sind nicht so viele KI-generierte Inhalte eingeflossen, dass diesen nicht Einhalt geboten werden könnte.“

Es wird mit einfacher Mehrheit abgestimmt, entsprechend ist es vollkommen egal, ob es nun mit zweidrittel-Mehrheit angenommen wird oder dieses Ergebnis (knapp) verfehlt. Einordnend: in der deWiki sind Meinungsbilder selten. Lasst es ein, zwei im Jahr sein, die zuletzt vorbereitet und durchgeführt wurden, und angenommen/umgesetzt wurden naturgemäß noch weniger. tl;dr: das hier war was größeres, und konsequenterweise schrieb auch heise (durchaus differenziert) drüber.

Es wurden einige Kilometer Diskussion erzeugt und die wiederzukäuen ist überflüssig, aber ein paar Punkte, die mich einerseits beeindruckten und mir andererseits zu denken gaben:

Die einschlägigen Verkürzungen gabs zwar, aber die Diskussion ging erfreulich weit drüber hinaus. In vielen Kanälen bleibt eine Debatte um KI größtenteils auf dem Level „Scheiß auf den Slop, kein Mensch will das lesen“ vs. „Das ist die Zukunft, die kann fast alles und du lässt dich abhängen“ stehen, gesäumt von den üblichen „Haha, guckt hier, wie der Schrott versagt“ vs. „Stoppt die Presse, KI kann jetzt X“-Linkwerfereien. Ich bin einmal mehr fasziniert, wie weit ins Detail es hier ging und frage mich, wieviele Ecken im Netz es noch gibt, an denen eine Debatte dieser Tiefe einerseits geführt werden kann und weiterhin von exakt den Menschen geführt wird, die anschließend auch entscheiden und direkt mit den Folgen der Entscheidung umgehen müssen bzw. können.

Hauptargumente gegen das Verbot waren wiederkehrend
– die Frage nach der Erkennbarkeit und
– die slippery Slope zu „KI-Input“.

Ich finde beide nicht allzu überzeugend, mir (und dem MB) genügt völlig, dass es bei eindeutigem Einsatz Sanktionsmöglichkeiten gibt und die Unerwünschtheit grundsätzlich kommuniziert wurde und als bekannt vorausgesetzt werden kann.

Weiter seh ich die „Zuarbeit“ auch vollkommen unproblematisch. Ob wer mit Google oder Gemini Quellen sucht, ist Latte, nur müssen sie dann eben selber verstanden werden und vor allem sollte man das Ergebnis selber runterschreiben und sicherstellen, dass das dargestellt wird, was mit den Quellen belegbar ist.

Und weil die deWiki ja immer schon verknöchert und rückschrittlich ist: die andere und bessere englische Wikipedia ist da seit einiger Zeit erfreulich klar unterwegs:

enWiki vs. LLM. Klar und auf die Fresse.

enWiki vs. LLM. Klar und auf die Fresse.

Erst gestern fiel mir aber noch ein Punkt auf, der in manchen Kontexten über den Wassern schwebte, aber nie wirklich klar benannt wurde: Warum will man eigentlich mit KI Wikipedia-Artikel schreiben?

Die üblichen Apologeten werden kommen und sagen, weils die Zukunft ist und KI das bald eh auch besser kann als Menschen. Lass ich gelten, dann soll die KI gerne ne Enzyklopädie schreiben bzw. tut sie es ja bereits. Geht das die menschlichen Akteure in der deWiki an? Ich denke nicht.

Ernstzunehmender die Generationen- und Hemmschwellenfrage. Die KI schreiben oder zumindest formulieren lassen wird mehr und mehr Normalität, kids these days wachsen so auf, gehen so zur Schule und arbeiten so an der Uni. Dann kommen sie zur deWiki und es gibt eine Keule mehr, die ihnen bei den ersten Schritten dort übergezogen wird. Wollen wir das, können wir uns das angesichts der älter werdenden 5K Aktiven dort leisten? Aber nochmal: warum will man eine Enzyklopädie schreiben?

Denn ich lese da immer ein „warum will man eine Enzyklopädie schreiben“ , nicht etwa erstellen oder generieren. Mir scheint da impliziert, dass man schreiben will und schreiben können will, und ich denke, das ergibt sich durch Praxis. Gedanken ausformulieren, Sachverhalte erklären, eine Idee auf den Punkt bringen. Das Gemeinte verständlich in Worte fassen und anderen kommunizieren.

Symbolbild: Menschliche Kommunikationsfähigkeiten gegen die selbstverschuldete Entmündigung durch LLMs

Symbolbild: Menschliche Kommunikationsfähigkeiten gegen die selbstverschuldete Entmündigung durch LLMs

Warum will man sowas nicht können wollen? oder besser darin werden? Ich sehe da zwei Gründe:

– man braucht das sonst selten und wo man es braucht, machts die KI

Kann ich respektieren. Nicht nachvollziehen, aber durchaus respektieren. Nur bin ich der festen Überzeugung, mit einem solchen Anspruch an sich und seine Kommunikationsfähigkeit sollte man sich als Hobby nicht ausgerechnet ein kollaboratives Internetprojekt zum Schreiben einer Enzyklopädie aussuchen.

– man will das an sich schon, aber es fehlt an Zeit, Lernfortschritt, vernünftigem Aufwand/Nutzen. Wegen zwei Sätzen Ergänzungen in der Wiki pro Quartal ist der Aufriss nicht angemessen.

Auch das scheint mir vollkommen verständlich. Ich würde tendenziell auf dem Hügel sterben, dass man dann besser was holpriges in den Artikel packt oder meinetwegen auf der Artikeldiskussion vorschlägt. Der Knackpunkt liegt bei „kollaborativ“, und ich empfahl schon mal das „im Zweifel viel kommunizieren“. Was holpriges kann man sich ansehen und fixen, im Zweifel hat man einen Menschen, der sich dabei was dachte und den man fragen kann. Wenn ich keinen Menschen hab, der wo was reinpackt, dann hab ich kein Gegenüber, mit dem ich einen Konsens oder was besseres finden kann.

Zusammengefasst: mir leuchten viele der Argumente beider Seiten durchaus ein. Mein Hauptknackpunkt bleibt aber vor allem das Motiv, warum man nun unbedingt im Wikikontext mit KI-generierten Texten arbeiten will. An anderer Stelle empfehle ich das Einüben von Kommunikations-, Argumentations- und Konsensfähigkeiten jenseits schnellebiger Social-Diskussionen zum Ausbilden einer demokratischen Grundkompetenz. Ich glaube ebenso, dass wir Orte brauchen, auf denen wir üben und praktizieren, uns selbst auszudrücken, unsere Überlegungen in Worte zu fassen und zu kommunizieren. Ich denke, hier ist einer, und wahrscheinlich brauchen wir mehr davon.

Nachtrag 19:02 Uhr: 208 dafür, 108 dagegen. 16 Enthaltungen. Regelwerk.

Abstimmung beendet.

Abstimmung beendet.

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4 Responses to Wikipedia (de) gegen KI-generierte Artikeltexte

  1. Patrick Jobst sagt:

    Monopole sind niemals gut. Weshalb es nun Grokipedia als Alternative gibt, wovon man halten mag, was man will.

    Letztendlich sollten die Anwender mit den Füssen (bzw. ihren Mausklicks abstimmen), was die Zukunft ist. Jede Website, die dogmatisch nur noch sich selbst, aber nicht dem Nutzer dient, verschwindet eher früher als später.

    1. Avatar-Foto Korrupt sagt:

      Vor weiteren Kommentaren deinerseits kurze INfo: du weißt schon, dass ich Links auf deinen „Geldverdienen im Netz“-Blog rauslösche?

  2. stefan sagt:

    Ich versteh immer nicht warum “das ist die Zukunft” ein Argument sein soll. Klar, wenn jeder der das hört mit Nachdenken aufhört und mit Nachlaufen anfängt, dann wird das die Zukunft. Umso weniger scheint mir das ein *gutes* Argument zu sein.

    1. Avatar-Foto Korrupt sagt:

      Ich glaube, das mit dem „man gewöhnt sich ans Tooling“ ist wirklich ein Ding. Wie man sich an Rechtschreibkorrektur gewöhnt hat oder Übersetzungstools. Ich „migriere“ gelegentlich Artikel von der enWiki nach deWiki, manchmal tatsächlich als Versionsimport und übersetz dann entlang, inzwischen öfter allenfalls als „inspirierter Neuschrieb“, weils mich zu sehr einengt, aber ich kann mir vorstellen, dass da ein passendes KI-Tool da sehr hilfreich ist und Dinge beschleunigt, grade, wenn mans nicht oft macht. Und in vielen Bereichen ist das auch wahrscheinlich vollkommen in Ordnung. Warum grade bei der wiki nicht, wo es überall anders doch geht und das Leben leichter macht? Ich will da nicht Advocatus Diaboli spielen, siehe oben, aber dass das durchaus auch naheliegend ist und in vielen anderen Ecken der Netz- und rechnerwelt in ähnlicher Weise passierte, spielt schon eine Rolle und hilft beim verstehen der anderen, imo.

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