Geschichtenrettung…

…weil die Paparazzi nun doch großflächig anmeldepflichtig sind. Lang lang ists her, und ich hatte damals trotz alem eine feine Zeit. 2002 tippselte ich folgendes in den schönen Strang „Wahnsinnige, die frei rumlaufen dürfen“, und vor den nachfragen: nein, ich weiss seitdem nichts mehr neues.

Zwei sehr alltägliche Arten von Wahnsinn, ich hoffe, das Niveau nicht über Gebühr zu senken…

Ich wohnte im Dachgeschoss, im mittleren wechselte es, und im Erdgeschoss hatte die Eigentümerin ihre christlich-nächstenliebende Ader damit realisiert, einem chronischen Alkoholiker Obdach zu gewähren. Die erste Zeit wars unproblematisch, dann zerlegte er zum ersten Mal die Wohnungseinrichtung und begann mit regelmäßigen Versuchen, bisweilen passierende Frauen im Treppenhaus zu begreifen, meist selbst allenfalls mit Unterwäsche angetan. Nach einigen Nächten, wo wir wegen anhaltendem Geschrei („I war Schmied! I ben Schmiiieeed gwä!“) polizeiliche Unterstützung anfordern mussten und einem etwas beängstigendem Heimkommen („Du muuuuuasch mir helfe! Du bisch mein oin-zi-ger Fraind!“, gepaart mit beiläufigem Rumfuchteln mit einem Teppichmesser, das er zufällig in seiner Jackentasche fand), beantragten wir eine Hausversammlung unter Hinzuziehung seiner „Vermieterin“ – meines Wissens nach lag die Miete bei Null, es ging ja, wie sich herausstellte, um mehr.

Ja, sie wüsste um die Probleme, sie würde ja auch mit ihm meditieren, und er würde auch wegen der negativen Gefühle, die wir ihm entgegenbrachten, hier immer verstört sein. Wir sollten für ihn beten, sie würde ja auch für uns alle beten, auch wenn wir ihr hier so feindselig gegenüberstünden, sie würde das ertragen, nur er könne diese negativen Schwingungen…. und so weiter, Bibelzitate, Vergebung und eine große Menge Esoterik.

Wir warfen ihr vor, sie könne das nur sagen, weil sie ja angenehmerweise woanders wohnen würde, aus der Ferne beten sei ja nett von ihr, wenn man selbst grade im Treppenhaus gewürgt würde, aber wirke nicht unmittelbar verbessernd auf die Situation ein. Doch, das täte es natürlich.

Im Übrigen lagen wir damit tatsächlich zumindest teilweise falsch, zumindest was den „wenn sie hier wohnen müsste“ – Aspekt betreffend. Die Geschichte zog sich noch recht lange, es gab Gefängnisaufenthalte, tatsächliche oder vorgelogene Therapien, und irgendwann forderte die christliche Nächstenliebe ihren Tribut, die Vermieterin musste im Erdgeschoss einziehen, die zahlreichen sozialen Projekte, die sie verfolgte, sprengten die finanziellen Rahmen. Und sie zog ein, und unser Problemfall blieb da. Die Wohnung wurde noch ein paar mal demoliert, bisweilen kam die Polizei, inzwischen gab es sogar ein Hausverbot, aber, wie der diensthabende Beamte uns erläuterte, das wäre das Papier nicht wert, auf dem es stünde, solang eine der beantragenden Parteien die des Hauses verwiesene Person regelmäßig wieder bereitwillig einließe.

Erst nach einer Episode, wo ihr nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmter Mann von unserem Problemfall mit gesteigerter Sensibilität auf negative Schwingungen aus dem Rollstuhl geschmissen wurde, ging ihr offenbar der Unterschied von betender Theorie und der normativen Kraft des Faktischen auf.

Ihn sehe ich bisweilen noch auf den entsprechenden Treffpunkten in der Stadt herumstromern, üblicherweise mit Bierflasche. Auf die von mir ausgehenden negativen Schwingungen reagiert er gewöhnlich nicht. Zu ihr hab ich seit Auszug keinen Kontakt mehr, und ihr Mann ist einige Zeit später gestorben. Wer jetzt verrückter war, vermag ich auch mit dem heutigem Abstand zur Sache nicht wirklich zu entscheiden.

Kategorie: ich gegen die wirklichkeit. permalink.

2 Responses to Geschichtenrettung…

  1. madchiq says:

    Wieso hab ich grad ein Deja vu? :o

  2. Pingback:Tales from the Mac Hell » Druckergeschichten…

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