Facebook-AGB, die mich nicht werben lassen wie ich will

Vorweg: Schalten von FB-Werbung ist nicht meine Kernkompetenz. Wer das kann: bitte gerne Tipps, Kritik, Korrekturen.

Anlass: Alle heulen sie wegen der neuen Facebook-AGB. Alle werden sie nun völlig transparent und jeder dahergelaufene Marketingtyp kann ihre Daten kaufen, die Facebook immer dreister, flächendeckender, böswilliger und wasweissichnichtalles noch aggresiver erhebt. Das ist Schwachsinn, und ich wills erläutern. Und weil ich böses tue, weil ich böse bin: mal aus der Perspektive eines solchen schmierigen Gesellen, der die Zwangstransparenz seiner Mitmenschen ausnutzen will, die sich vom Druck zur Online-Vergesellschaftung anfixen ließen und nun nackig machen mussten. Disclaimer: wie gesagt ist das mitnichten meine Kernkompetenz und es fällt mir ehrlich gesagt grade deswegen ein wenig schwer drüber zu schreiben, weil man ja ungern mit den Themen hausieren geht, wo andere vielleicht vieles besser wissen.

Also. Tatsächlich hoffte ich angesichts des jüngsten Aufschreis um die FBAGB auf ein paar Werbemöglichkeiten, die ich gerne hätte. Ein erster Blick in die entsprechenden Backends machten mir indessen wenig Zuversicht. Aber schauen wir doch einfach mal. Es kann sich nämlich jeder problemlos selber ein Bild machen, was FB so an Targetingmethoden anbietet, wie die Transparenzen, Möglichkeiten und Grenzen so sind. Einfach mal selber ne Kampagne aufsetzen, kostet nichts, solang mans nicht live schaltet.

Typische Facebook-Werbezielgruppe

Typische Facebook-Werbezielgruppe

Wenn ich nun nur Frauen zwischen 16 und 65 errreichen will, Deutschland außer Berlin, die offene oder komplizierte Beziehungen führen und auf heiße Lesben stehen, dann wird die Zielgruppe zu schmal zum darstellen. So weit, so gut traurig, geschenkt. Man sieht, die Möglichkeiten sind interessant. (Übrigens, wenn sich wer berufen fühlt, ein Essay zu den Möglichkeiten für Racial Profiling auf Facebook zu schreiben, ich würds lesen.)

Late Adopter, mein Arsch.

Late Adopter, mein Arsch.

In der Praxis ist alles meist deutlich trivialer. Man kann bei jeder Werbeanzeige von Facebook gucken, warum man die kriegt. Gelegentlich wird man dann als „Late Adopter“ beschimpft, fick dich, Facebook!, also soviel zu den „Targetingfähigkeiten“, aber auch hier, seis drum. Oft genug kriegt man denkbar triviale Scheisse: „You’re seeing this ad because 99designs Deutschland wants to reach men aged 25 to 45 who are in Germany.“ BTW., wers noch nicht kennt: mal das Geburtsjahr dahingehend einstellen, dass man für Facebook über 80 ist. Kuriert ein wenig von den Targeting-Verherrlichungen, die man manchmal so implizit mitkriegt.

Ähnlich, aber anders uninformativ sind die Infos der Art „You’re seeing this ad because de.eachbuyer.com wants to reach people on Facebook through Criteo, an advertising company that uses Facebook’s ad exchange. Opt out of seeing ads based on websites and apps off Facebook“.

Criteo seh ich insbesondere für Remkarketing auf Facebook. FB gibt dem externen Werbenetzwerk Einblendeplatz (und erlaubt im Unterschied zu den meisten anderen, dass man das einfach abschaltet), und Criteo bindet dort Werbung nach den eigenen Kriterien ein. Wenn ich mir bei conrad.de meinen Fünfjahresvorrat Lötspitzen ansehe, aussuche und kaufe, schaltet sich ein Remarketingalgorithmus ein, der glaubt, ich kaufe alle vierzehn Tage einen Fünfjahresvorrat Lötspitzen und zeigt mir deshalb auf allen Werbeplätzen, die nicht bei drei auf dem Baum sind, Werbung für Lötspitzen bei Conrad. Es wird der Tag kommen, an dem meine Großneffen und -nichten auf Facebook via Criteo Werbung für Lötzinn kriegen, nachdem sie sich Lötspitzen gekauft haben, aber DIESER TAG IST NOCH FERN!

Was sehen wir bislang: meine Profilinfos, die in der Regel zum recht groben Targeten genutzt werden, weil man sonst schlicht kein Schwein mehr erreicht. Am Rande: ich glaube nicht, dass FB ein Interesse dran hat, derbst exakt Zielgruppen anzusprechen, weil die Werbeplätze ja gefüllt sein wollen, um Kohle zu machen, und man die Konkurrenz braucht, damit die Gebote hoch bleiben. Das ist jetzt extrem verkürzt und vereinfacht, aber der Aspekt wird gern komplett vergessen, wenns um die monetären Interessen der Datenkraken geht. Daten haben ist das eine, die den anderen zur Verfügung stellen was vollkommen anderes. So viel wie nötig, so wenig wie möglich, das macht die Gießkanne größer, den Wettbewerb schärfer und die Preise besser.

Und mit dem Aspekt kommen wir zu meinem bösen feuchten Traum. Ich hätte gern die Möglichkeit, exakt den Leuten Werbung zu zeigen, die auf einer, oder ein paar bestimmten Domains waren. Nicht meine Domains (dann würds über Retargeting gehen), sondern auf denen anderer Leute. Angemerkt: ich will nicht wissen, wer das ist. Ich will nicht wissen, wie die sexuellen Vorlieben dieser Leute aussehen. Ich will weder ihre Adressen noch ihre Kreditkartennummern. Ich will nicht mal wissen, wo genau sie meine Werbung sehen. Ich will nur, dass sie die sehen. Was ist? Es geht nicht.

Theoretisch kann Facebook das. Praktisch werden sie es wahrscheinlich nicht tun, schon allein, weil man sich unbeliebt macht, wenn man explizit das gezielte Bewerben der eigenen Kundschaft durch die direkte Konkurrenz ermöglicht, indem man bei sich einen Facebookbutton auf die Seite packt. Ich denke, aus ähnlichen Motiven wird es auch bei den anderen Trackerdiensten nicht kommen, ab davon, dass ich mir sagen ließ, dass auch hier praktisch nur über Targetgruppen gearbeitet wird und das Echtzeitanalysieren einer wie auch immer erstellten Besuchshistory bestimmter Userprofile bei allem Rechnerkapazitätswachstum schlicht noch immer Overkill ist. Wenns wer aus dem Stand können *sollte*, dann in der Tat Facebook, und ich warte drauf, dass ihre neue Display-Plattform Atlas endlich mal public live geht, denn das könnte ein ziemlicher Display-Killer werden, aber der wird immer nur so gut sein wie das Profiling, das den *Werbenden* zur Verfügung gestellt wird, und wenn da dasselbe möglich ist wie schon jetzt auf Facebook, dann wird man dieselben Ads eben auch woanders sehen, die man jetzt schon auf FB sieht. Und alle so „Yeah“.

So, ein wenig abgeschwiffen, aber mal zurück zum Anfang: Facebook ist die Wurzel allen Übels, was die Datensammelei und -vermarktung angeht. Wenn man das nun aber böswilligerweise für das gezielte Werben bei den ach so gläsernen Usern verwenden will, stößt man recht schnell an höchst vernünftige Grenzen. Wenn man andersherum bei FB gezielt den einen oder anderen Scheiß einfach nicht haben will, finde zumindest ich es erstaunlich, wie gezielt und in welchem Umfang sich da verschiedenste Anbieter, Inhalte, Profilinformationen einfach weghauen lassen.

Und dann guck ich bloss mal den Datenschutz von Spiegel Online an. Aktuell: Infos zur eigenen Erhebung, Facebook, Google/Doubleclick, IVW/AGOF und Meetrics. Nun seh ich beim schnell-mal-querscrollen da Ads von Metrigo, Unister, Ligatus usw usw. Und natürlich tracken die mich, und natürlich bietet mir SpOn keine Informationen an, warum und wie gesteuert die Geschichte eingebunden wird. Und um ehrlich zu sein: es ist mir auch scheißegal, zumindest solange, bis keiner von denen kommt und sagt „Hey, wir bieten euch gezielte RTB-Kampagnenplätze an für alle Leute, die in der letzten Woche auf SpOn waren.“ Dann wäre ich wahrscheinlich sehr schnell sehr interessiert.

Aber wenn ich mal wirklich paranioid werden will, dann sicher nicht wegen der Vorstellung, dass ich irgendwann mal den Lötzinn zu den Lötspitzen angeboten kriege oder weil die fortwährend in meinem Browser eingeblendeten Werbebanner für Fickschafe zum Aufblasen zu unangenehmen Beziehungsgesprächen führen. Dann eher, wenn die einschlägigen *staatlichen* Stellen irgendwann mal auf die Idee kommen, bei Werbenetzwerken Daten fürs Profilen anzufordern. Entsprechende Szenarien bitte selber ausmalen. Der Witz ist, sie müssten da schon ziemlich auf den rechtlichen Deckel hauen. Denn die ganzen Netze, Tracker, Social Media-Plattformen verkaufen eben *nicht* eure Daten. Sie verkaufen verdammte Werbeplätze.

Nochmal fürs Protokoll: Berichtigungen, Kritik, Ergänzungen gerne. Wie meist formulier ich Thesen und Gedanken lieber stark, daran kann man sich in der Regel besser abarbeiten und kommt zu klareren Widersprüchen und Lerneffekten.

P.S.: die spannendste Sache, die mir in Sachen „gezieltem Targeten“ bei Facebook bislang ins Auge gesprungen ist, ist das Werben nach den Profilangaben zum Arbeitgeber. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel plausibel aussehende Angaben da zu finden sind und wie groß dann doch die Personengruppen sind, die man da möglicherweise wirklich gezielt ansprechen kann. Überflüssig anzumerken, dass es natürlich hier auch wieder jedem selber überlassen ist, ob er das in sein Profil schreibt oder ob ers lässt, und dass ich als Anzeigenschaltender nur hoffen kann, *dass* die Sachen gesehen werden, ich aber eben wieder nicht weiss, von wem. Was mich im übrigen auch nicht im geringsten stört.

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3 Responses to Facebook-AGB, die mich nicht werben lassen wie ich will

  1. madchiq says:

    Du bist nicht böse, da nicht ausreichend banal.
    Schönes Reframing, danke.

  2. Pingback:Facebook-Basher bashen: Yet another Datenschutz/Überwachungs-Reframe - Tales from the Mac Hell

  3. Pingback:Facebook Ad Targeting und Nazis bei der Bundeswehr, Howto - Tales from the Mac Hell

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