SEOs und gesellschaftliche Verantwortung: Optimierungspotential!

tl,dr: Selbst in den Bereichen eigener Expertise sondern Vorzeige-SEOs Zeug ab, bei dem man in die Tischkante beißen will. Insbesondere die eigene Rolle beim Prägen von Netz- und damit gesellschaftlicher Realität ist den Akteuren offenbar nicht unbedingt bewusst, und das ist scheiße. Denn sie haben Reichweite und generieren soziale Wirklichkeit und Normalität.

Zwei Aufhänger für ein generelleres Problem, das ich mal drastisch in den Raum stellen will. Ich bitte drum, dass sich niemand persönlich gepisst fühlt, ich kenn selber die Grenzen des im Alltagsgeschäfts bisweilen Möglichen, aber fänds gut, wenn das mal mehr zur Sprache kommt. Weiter schreibe ich besser und unterhaltsamer, wenn ich mich aufrege. Drittens: ich halte es für wichtig, dass man sich so und genau so öffentlich äußern kann, auch und gerade, wenn es um die eigene Branche geht.

Beispiel 1: Björn Tantau zu No-Go’s in Social Media.

Ich weiss nicht, welcher Algo mir den vier Wochen alten Artikel in die TL spülte, aber es grauste mir. „Wirklich niemals“, „never ever“, die Überschrift lässt keinen Zweifel am Allgemeingültigkeitsanspruch. Es folgt Triviales (Contentklau, Lästern über den Chef), schlicht falsches (Gerüchte), irrelevantes (Einkünfte), nicht ganz verkehrtes („Nächste Woche Urlaub!“-Einbrechereinladungen) und vages Allgemeingeraune („Was du nicht öffentlich haben willst“).

Sechs Punkte in Kurzzerlegung, 7 ist mir wichtiger. Dass sich der erste Punkt (Beleidigungen, Verletzendes) elegant drum drückt, „bestimmte aktuelle Themen“ zu benennen (es gäbe ja ausreichend linkbare Beispielfälle von rassistischen Arschlöchern, deren Chefs es dankenswerterweise niemandem zumuten wollten, mit jemandem zu arbeiten, der Menschen verbrennen will), das ist halt keine Eier in der Hose, aber geschenkt. „Gerüchte“ über Personen stehen en Masse im Netz und es soll Leute geben, die kriegen Geld dafür, sie zu verbreiten. Dass Contentklau und Chefdissen recht weit oben stehen, nun, die Prioritäten kann man natürlich setzen, auch geschenkt und gesellschaftlich eh weniger relevant. Und dann der letzte Punkt, „Alles, was du von dir generell nicht auf Dauer online sehen willst“: wird vage ausgerollt, mit einem (gekauften? sinnfreien?) Link garniert und darüber der „Wenn das die Runde macht, kriegst du vielleicht keinen Job“-Zaunpfahl geschwungen.

Der letzte Punkt regt mich am meisten auf, weil da eben pauschal ein „Lass das sein!“ gerufen wird und eben mal ein Social Media-Experte gepflegt ignoriert, dass sich über Social Media permanent eine erhebliche Zahl von Menschen mit für sie riskanten Meinungen, Ansichten, Zielen unter diversen totalitären Regimes bewusst Risiken aussetzen und das so richtig und wichtig ist wie nur was. Dass es eine Unzahl von Themen, Gruppen, Netzwerken gibt, die sich selbstredend mit Themen auseinandersetzen, die man nicht in der Zeitung lesen will, sei es Sexualität, HIV, Depression, whatever, diese Topics finden nun mal nicht mehr nur in geschlossenen (und kaum zugänglichen) anonymen Foren statt (FSM sei Dank). Und dazu heißts nun kaum verklausuliert „Sprecht da drüber nicht online“ und niemanden störts. Plus besagte Partybildwarnung, zu der ich mich von nebenan zitieren will:

Eine Gesellschaft, in der ich meine (auch öffentliche!) Sichtbarkeit nach beruflichen Verwertungsmaßstäben durchoptimieren soll, scheint mir eine Scheißgesellschaft zu sein. Enno sagte mal, von wem keine peinlichen Party-Suffbilder im Netz sind, der ist ein Arschloch ohne Freunde, das er nicht einstellen würde, und ich bin geneigt, ihn dafür irgendwann mal zu herzen und zu knuddeln, und wenn ich meine geheime Bi-Neigung ausleben könnte, meinetwegen auch ach, lassen wir das.
Ich bin jetzt sicher kein unbedingter Anhänger von Postprivacy, aber unter der Überschrift eine derartige Absage ans „Private“ zu machen, dessen Öffentlichkeit verdammt nochmal viel zur Schaffung gesellschaftlicher Normalitäten herstellt, das ist einfach Scheiße und daran ändern auch ein paar durchaus relevante „Sollte man eher lassen“-Punkte nichts.

Der Punkt: Björn ist gut in dem, was er macht, und es ist davon auszugehen, dass sein Text gelesen, gefunden, verbreitet wird. Schüler werden auf genau diesen Text stoßen, wenn sie das Thema mal für irgend eine Unterrichtseinheit recherchieren googlen sollen und sie werden da einen Experten lesen, der mit Social Media seine Kohle verdient, und der sagt ihnen, das sie online und im Social-Bereich sich so verhalten sollen, als ob das alles ihren zukünftigen Arbeitgebern vorgelegt wird, alles andere ist von Übel. Und da sind wir bei einem Netz und einer Öffentlichkeit angelangt, die eben jeglicher Onlinekommunikation die denkbar enge Grenze setzt, dass sie sich bitte im Rahmen dessen bewegen soll, was ein Personaler als genehmigungsfähig betrachtet.

Im Übrigen passiert anschließend dasselbe wie bei der vergangenen „Ein BILD-Redakteur warnt vor Wahlbeeinflussung und Demokratiegefährdung durch unternehmerische Medienmacht“ -Geschichte letztens: der Quatsch steht im Raum, wird vom SEO-Publikum gelesen und allenthalben gelobt.

Beispiel 2: Weniger aufregenswürdig, aber in eine ähnliche Richtung: SEO-Uniteds jüngster FAQ-Eintrag, warum Facebook wohl down ist.

Was steht drin? Allgemeinplätze, ein wenig „allestörungen“-Werbung hilfreicher weiterführender Link und am Ende ein Lesetipp: die Känguru-Trilogie, Affilatelink auf Amazon. Ich weiss nun nicht, ob ich lachen oder heulen soll oder ob ich ein Vollidiot bin, der da eine selbstreferenziell-ironische Mehrfachbrechung nicht kapiert hat: man lässt das in diesem Kontext höchstrelevante Thema Peering und Netzneutralität außen vor, spricht nicht mal an, dass manche „ist lahm/down“-Geschichte ihre Hintergründe dort hat, dass manche Netzbetreiber auch eben vom Contentanbieter Geld wollen, bevor was beim bereits zahlenden Kunden ankommt, wundert sich abschließend, dass es „…aufgrund der unvorstellbaren Größe von Webseiten wie Google, Facebook, Twitter oder auch YouTube sehr erstaunlich ist, dass derartige Seiten nicht viel öfter down bzw. offline sind!“ und setzt am Ende eines nichtssagenden Artikels nen Amazon-Provisionslink auf eine Trilogie mit einem radikal-maoistischen Protagonisten, der durchaus gekonnt gewisse Nebenwidersprüche des kapitalistischen Realismus thematisiert.

Wenn das die Intention war: Chapeau, Gretus, du hast mich gekriegt. Allein, ich zweifle, und hab das Gefühl, da wurde eben von einem Fachblog eine gern gegoogelte Keyphrase abgegriffen, ein wenig Content draufgeknallt, ein Affiliate-Link drunter und ein, hm, anderer Link reingesetzt und dann war die Kiste gut. Message: Wenn was nicht tut, ruhig bleiben, Sachen kaufen und es kann niemand was dafür. Und das sollten nach Möglichkeit die nächsten paar tausend „warum ist Facebook down“-Googler lesen und das Netz und seine Downtimes anschließend besser verstehen. Ernsthaft jetzt? Können wir das echt nicht besser?

Disclaimer 1: Ich mag keine sonderlich taugliche moralische Instanz sein und will mich sicher nicht als solche hier produzieren. Ich halte aber den Gedanken für teilenswürdig, dass man im angesprochenen Bereich mit einem inhaltlichen Blick über den Marketingtellerrand vielleicht mehr zum Besseren verändern kann als meinetwegen mit einem alljährlichen „Betrunken Gutes Tun“.

Disclaimer 2: vor vielen Jahren hatte ich a) einmal CDU gewählt und b) einen Pilzinfekt am Penis. Es ist beides irgendwie peinlich und ekelhaft, ich will beides nicht wirklich in der Zeitung lesen und es steht beides seit Jahren im Netz. Noch kein Personaler hat mich drauf angesprochen. Von beiden Informationen weiss ich aber auch, dass es im Kontext ihrer Äußerung Leute gab, die das gelesen und denen es geholfen hatte, das zu lesen, allein um zu wissen, gegen beides kann man erfolgreich was tun.

P.S.: Genau bei diesem Text ist der „ist das jobtechnisch gesehen sinnvoll, das hier so rauszuhauen?“ Gedanke naturgemäß da. Ich will keine SEO-Branche, kein Netz, keine Öffentlichkeit und keine Gesellschaft haben, in der ich dann „hm, schwierig“ denke und genau sowas dann für mich behalte.

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5 Responses to SEOs und gesellschaftliche Verantwortung: Optimierungspotential!

  1. Flo says:

    Ahoi,

    weil ich mal wieder reingeguckt hab und dann gerade den Text hier fand, der ein Problem anspricht, welches ich selbst gerade „habe“, bzw. darüber nachdenke:

    Danke, ja, sehe ich eigentlich ähnlich. Wenn nun einer wirklich so ein irres Problem mit einer Person hat, dann passt das ja sowieso nicht. Und ständig nur noch kuschen und nicht mehr Mensch sein dürfen, das kanns auch nicht sein.

    Meinetwegen, wer sein Leben voll auf Karriere ausrichten will und ihm letztlich egal ist, für wen er arbeitet, hauptsache die Kohle stimmt, für den mag so ein Vorgehen sinnig sein. Für den Rest, der Glück und Lebensinhalt noch anders definieren kann oder halt möchte, würde ich auch vorschlagen, einfach so zu sein, wie man ist. Letztlich gibts eh immer mehrere Wahrheiten. Das alte Lied von der Wahrheit gegenüber den einen, den anderen und sich selbst.

    PS: Ich wusste nicht, dass Du mittlerweile schreinerst! Warum erfahr ich sowas erst Jahre später? :-D
    Ich muss Dich echt mal besuchen. Irgendwann, ganz sicher… ;-)

    Eine schöne Zeit Dir erstmal! :-)

    • Korrupt says:

      Hehe, komm vorbei :)
      Aber zum Punkt: klar, ich will definitiv niemandem das Recht absprechen, sein Social Media-Profil nach Belieben stromlinienförmig durchzudesignen. Es ist nur vollkommen Panne, wenn ein SMO-Experte kommt und sagt, das müsse jede/r und immer.
      Um zum Rant auch noch den Nachtritt zu liefern: ganz besonders peinlich wirds dann, wenn bei den Posts und den FB-Einträgen dazu noch gedampfplaudert wird, wie wichtig einem Kommentare und Kritik sind. Weder Kommentare noch Trackbacks wurden freigeschaltet, weder bei Sistrix noch bei Tantau. Und bei Gott, von beiden ist anzunehmen, dass sie nachgucken, wo sie ihre Backlinks und ein paar Neubesucher herkriegen. *Das* wirkt auf mich besonders peinlich, und es würd mich freuen, wenns wenigstens wirklich nur am allgemeinen Trackbackspamaufkommen läge, allein, mir fehlt der Glaube.

      • Flo says:

        Das mit dem Kommentaren hab ich mir nich näher angeguckt und auch den Text dort nur überflogen, weil er eh schon zusammengefasst wurde. Wenn dann da nicht gepflegt wird, ist das schon etwas sehr komisch.

        Ich denk auch, es gibt sicher Jobs, wo sowas wohl sein muss, weil halt die Arbeitgeber so drauf sind, aber allgemein wäre wünschenswerter, man würde Menschen auch ihr Privatleben etc. zugestehen. – Ich für meinen Teil hatte mich eigentlich eh irgendwann entschieden, lieber ehrlich zu verhungern als für irgendwen Dinge zu tun, die und/oder den ich ablehne. Ein wenig schwierig bleibts dennoch. :-)

        Auf jeden Fall ein guter Gedanke, den man nicht vergessen sollte.

        Btw.: Ich würde behaupten, es heißt „einen Tag her“ und nicht „ein Tag her“. ;-)

        Ich notiers mir mal wieder und irgendwann bei Zeiten, bevor wir alt und grau sind, komm ich vorbei… :-D

        Machs gut. ;-)

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