Warum sie uns hassen, von Ruby Rebelde. Eine Leseempfehlung.

Ruby Rebelde, Warum sie uns hassen. Buchcover.

Ruby Rebelde, Warum sie uns hassen. Buchcover.

Ich bin spät dran, auf den Namen stieß ich vor einiger Zeit über eine Soliaktion der Mitternachtsmission, das Buch scrollte dann gelegentlich an mir vorbei, und irgendwie wars so ein „sollte ich lesen“ und dann meist ein „ich ahne, ich weiß eh, was drinsteht“, aber ich täusche mich gelegentlich und ich täuschte mich auch hier.

Viele Positionen Rubys sind klar und wenig überraschend: Entkriminalisierung der Prostitution, Stärkung der Rechte Sexarbeitender und eine gesellschaftliche Debatte, die mit statt über Personen in der Sexarbeit spricht. Nachdem ich ohnehin schwer zu Erwerb und Lektüre rate, werde ich mich weniger tiefgehend über inhaltliche Details verbreiten (das taten kompetentere Menschen als ich schon) und einen sehr gerafften Überblick gibts im nd von Ruby selber.

Von was hat man nach der Lektüre eine klarere Vorstellung?

– von langen und umfassenden historischen Kontinuitäten bei der Unterdrückung mehrfachstigmatisierter Gruppen
– von den Verflechtungen rechtskonservativer und evangelikaler Kräfte in Gesellschaft und Politik und ihrem Agendasetting
– letzteres im Detail auch während Corona
– von Intentionen und konkreten Folgen des ProstG 2002 und des ProstSchG 2016 (insbesondere letzteres hatte ich in seinen positiven Aspekten deutlich überschätzt)
– von der extrem ungesunden Allianz zwischen „feministischen“ und Rechtsaußen-Akteuren
– von der durchgehenden Sensationalisierung und Skandalisierung des Themas, egal wo, sowie
– den erheblichen Widerständen, sich aufgeschlossen und ernsthaft jenseits einiger rumgereichter Tokens mit den Betroffenen auszutauschen, dito egal wo, und
– nicht zuletzt von den Schwierigkeiten bei Selbstorganisation und Selbstermächtigung in den erwähnten, mehrfachstigmatisierten Gruppen, den Gründen dafür, von Fehlern, die man machen kann und Strategien, die gelernt wurden.

Das Ganze nochmal auf einem Level drüber gegen Ende und in den abschließenden Interviews. Ich hab selten in einem Buch in dem Maß das Gefühl gehabt, dass hier Leute wirklich offen über schwierige und umkämpfte Themen und ihre eigenen Positionierungen, Überlegungen und auch Unsicherheiten und Fehler sprechen. Vor allem angesichts dessen, dass es die Gegenseite eher nicht tut. Mitnichten naiv, im Gegenteil. Ambivalent nicht in einem „gut oder schlecht?“ -Sinne, eher hin- und hergerissen: auf der einen Seite denke ich, es ist gut und richtig, wenn man klar, offen und vertrauensvoll kommuniziert. Es ist auch gut und richtig, wenn man darstellt, welche Stricke einem aus Offenheit und Vertrauen gedreht werden können, damit andere was draus lernen können. Und irgendwie ist es traurig, dass solche Lehrstücke notwendig sind, wenn man in einem vergifteten Diskurs wahr- und ernstgenommen werden will.

Was fiel mir auf?

Eine für mein Empfinden sehr angemessene Mischung zwischen klarer und fundierter Analyse und subjektiven Urteilen, Statements, Spitzen. Es wird sicher Leute geben, die sich am Diss zwischenrein stören, die da sachte ein „in sachlich und distanziert hätte das die eigene argumentative Position möglicherweise besser unterstützt im Diskurs“ anmerken möchten. Allein, ich ahne, diese Klientel will vieles eh schlicht nicht zur Kenntnis nehmen und braucht nicht groß berücksichtigt zu werden. Weiter halte ich die Nachvollziehbarkeit von Enttäuschungen, Frustrationen, ja Wut für ein Kernelement des Buchs und zum Verständnis für die beschriebenen Gruppen.

Was störte mich zunächst?

Tcha, dass ich mit der Nase auf eigene Mackerigkeiten gestoßen wurde. Tatsächlich begann ich zu lesen und so nach den ersten 50, 100, 150 Seiten dachte ich, hm, das wurde aber schon mal erwähnt. Hm, darum gings doch vorher auch? usw., und verfiel in meine Lektorenlesehaltung. (Ich kann da gelegentlich nicht anders, da hab ich einfach zu viele Abschlussarbeiten gegengelesen im Lauf der Jahre.) Irgendwann fiel mir auf, dass ich meine „das geht besser und klarer und ich kanns erklären, wie“ -Brille dringend wieder abnehmen sollte, denn es stellte sich heraus, dass das mitnichten eine Reihe von „das war doch vorher schon?“ -Fällen war. Vielmehr ergibt sich dadurch mit der Zeit ein Gesamtbild, das man anders nicht hätte. Dass es eben Aspekte, Zusammenhänge und überaus wirkmächtige Strukturen gibt, über die sich die mehrfach aufgegriffenen Themen auf jeweils andere Art und Weise miteinander verknüpfen.

Was störte mich am Ende noch?

Ha, ich hab auch ne begründete Kritik, nichts kann man mehr einfach mal uneingeschränkt gutfinden!, aber: Stichwort/Glossar/Personenverzeichnis fehlt. Das Buch ist solide recherchiert, ein hervorragender Einstieg ins Feld, und man will hinterher nochmal Sachen nachlesen, weiterrecherchieren, die Quellen zu Person X oder Sachverhalt Y durchsehen, das Buch lädt ja gerade dazu ein, aber dafür wirds wahrscheinlich einfach irgendwann das epub/pdf/whatever geben.

Das Störende ist vollkommen unpassend zum Schluss, daher mag ich mich einfach der Bewunderung anschließen, die nebenan in bessere Worte gefasst ist, als ich sie tippern könnte: für „Rubys Klarheit, den Mut, sich in Debatten einzumischen und die tiefe Menschlichkeit, die auf jeder Seite dieses Buches spürbar ist.“

Hier für 24 Ocken einpacken, mitgelieferte Antifasticker verkleben, 429 Seiten lesen und vieles besser verstehen. Hiermit empfohlen.

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