Fachtagung Jugend und Pornografie in Tübingen: Pädagogen raten zur Gelassenheit

Es ergab sich, dass ich einen Vortrag zu Pornmarketing im Internet auf einer Fachtagung für Jugendpädagigik an meiner alten Studienstätte halten durfte, dem IfE in Tübingen. Weiter bin ich stolzer Besitzer eines Monsterdildos. So lag der folgende Gedanke nahe: hält man mal einen Fachvortrag in der ehrwürdigen Alten Aula in Tübingen und hat dabei einen Monsterdildo auf dem Rednerpult stehen, dann hat man die Uni schon irgendwie durchgespielt (oder zumindest ein ziemlich geiles Achievement).

Uni durchgespielt: Vortrag mit Monsterdildo

Uni durchgespielt: Vortrag mit Monsterdildo

Ungeachtet schöner Accessoires: ich glaube, das war eine der erfreulichsten Veranstaltungen in Richtung Jugend- und Medienpädagogik, die ich seit langem erlebt habe. Ein unverkrampftes und sehr konstruktives Herangehen an die Fragestellung (ich sag bewusst nicht „ans Problem“), und das fing schon damit an, dass die von mir durchaus verehrte Nicola Döring einen feinen Eingangsvortrag hielt, der mit dem Wunsch garniert war, Schlagzeilen der Art „Pädagogen alarmiert: Jugendliche $whatever“ seien meist weder von Nutzen noch von unbedingter Faktizität.

Gegen Mittag überzog ich dann meine halbe Stunde mit einem foliengewittrigen Input zum Thema, wie Porn ins Netz kommt, was es für verschiedene Angebote, Monetarisierungs- und Vermarktungsmodelle gibt, einen Einsteiger-Rundumschlag eben von den großen Tubes über Affiliatemarketing, Amateurseiten, Sexdates etc.pp. und wie und wofür jeweils eben die Kohle fließt. Warum nun dies auf einer Pädagogik-Fachtagung?

Ich glaube, es fing mit dem Bericht vom HAR-Hackercamp 2009 an, als ich ein spannendes Gespräch mit einem der Techies von Pornhub hatte. Darüber gabs auch einigen Austausch mit Ex-Kommilitonen, die inzwischen in der Jugend- und insbesondere Jungenarbeit tätig sind, und man sprach immer mal wieder, wie so die jeweilige Perspektive auf Porn ist, einmal Jugendarbeit, einmal Onlinemarketing. (Nicht nur) Jugendlichen sei nicht immer klar, wie es käme, dass eben so viel Porn für lau im Netz stünde: wenn das keine „Just for Fun“-Pornclips von freizügigen, wahlweise sexuell verwahrlosten Exhibitionisten seien, warum wären sie dann alle für lau? Wenn das großteils Profizeug ist, warum kostets nichts? Wenns geklaut ist, warum tut niemand was dagegen? Und ich muss zugeben, diese Fragen triggern mich durchaus, denn was als „normal“ gilt/als „normal“ inszeniert wird oder wie neue „Normalitäten“ entstehen, beschäftigt mich eigentlich schon immer, auch und gerade im Bereich Sexualität. Diese „Gegenüberlegung“, dass ein höchst artifizielles Format wie Porn eben auch als gewissermaßen „normal“ wahrgenommen wird, weil wenns artifiziell/kommerziell wäre, gäbs es doch nicht in dieser Menge im Netz – diese Frage ist mir so noch nicht in den Sinn gekommen. Klar, Betriebsblindheit, man weiss ja, wies funktioniert, aber ich kanns niemandem verdenken, dass man da eben nicht draufkommt und die Vermutung hat, dass man bei vielem der Onlinepornangebote eben Lieschen Müller von nebenan bei ihrer Gangbangparty sieht und die typische sexuell aktive Frau von heute einen Schwanz im Arsch braucht.

Pädagogik gelassen: Die Jugend verdirbt nicht

Stellte sich raus: Die Generation Porn gibt diesbezüglich wirklich keine großen Anlässe, die moralisch zersetzende Kraft der Onlinepornografie zu beklagen. Die Statistiken zeigen in die andere Richtung: in Sachen Verhütung seien die Wissensstände international vorbildlich, die Maßzahl der Teenagerschwangerschaften erfreulich gering.

Angesichts der immens gestiegenen Kommunikations- und Netzwerkdichte, allzeit verfügbarer Flirtplattformen, mehr oder weniger einschlägiger Angebote, Versuchungen, whatever sei das Thema Treue/Verlässlichkeit eher noch wichtiger als in der Vergangenheit geworden. Als Probleme genannt wurden interessanterweise mehrfach das Thema „Umgang mit Eifersucht/Misstrauen“: angesichts immer möglicher Echtzeitkommunikation gibt es wenig Gelegenheit zu lernen, wie man mit einem „Ich weiss nicht, was mein/e Partner/In grade macht“ zurechtkommt.

Filterblasen 1: meine

Ich war in der luxuriösen Situation, mich nicht mit Problemlösungen rumschlagen zu müssen. An sich ist die Pornmarketing-Perspektive größtenteils trivial: Kinder und Jugendliche sind als Zielgruppe vollkommen uninteressant, weil man mit ihnen keinen Umsatz machen kann. Wirksame Zugangsbeschränkungen will man in den meisten Fällen aber nirgends haben, weil der Googlebot eben keine Altersverifikationssysteme ausfüllt. Wer nicht will, dass auf dem eigenen Endgerät Pornkram abgerufen werden kann, muss die entsprechenden Kastrationen dran vornehmen, und ich sehe die in der Regel für einen aufgeweckten Jugendlichen in die Kategorie „Herausforderung“. Probleme: selber hat man keine. Einschränkung: Meist ist man selber auch ein gutes Stück weit zynisches Arschloch geworden, sieht das aber halt auch weniger als Problem denn als notwendigen Entwicklungsprozess. An der Stelle aber trotzdem ein Nachtrag in eigener Sache: wenn ich das Bedenken äußere, dass es Leute geben könnte, die angesichts vielfach aufpoppender „fickwillige Schlampen in deiner Nähe!“-Werbung zu Frauenhassern werden, weil sie wider Erwarten in der Realität nicht zum Schuss kommen, dann will ich mitnichten Frauen als Schlampen abwerten, sondern mich eher abwertend über das leicht defizitäre Weltwissen einschlägiger schwanzgesteuerter Idioten äußern.

Filterblasen 2: vor Ort

Wenn viele Leute zusammen über den Umgang mit und die Gefahren von Pornografie reden, gilt immer: Anwesende können das natürlich alles richtig einordnen, aber die anderen! Bisher mein Eindruck von den einschlägigen Konferenzen etc., im konkreten Fall aber überaus positiv gewendet: es schien mir weit geteilter Konsens, dass einerseits ein nachhaltiges Sperren einschlägiger Inhalte vor Jugendlichen ein Ding der Unmöglichkeit ist einerseits, bei einer funktionierenden Kontextualisierung das aber durchaus kein Problem ist und die Empirie den Befund durchaus stützt, siehe oben. Die anwesenden Jugendlichen vermittelten auf der Podiumsdiskusson durchaus überzeugend, dass sie bestens in der Lage sind, zwischen Porninszenierung und realem Sex zu unterscheiden und insbesondere die Ansagen zu machen, was sie selber wollen, weiterhin, dass sie bestens in der Lage sind, ihre Kommunikation der Kontrolle der Eltern zu entziehen. Es liegt aber eben in der Natur der Sache, dass (volljährige) Jugendliche, die bereit sind, auf einer Fachpäd-Konferenz auf dem Podium mitzudiskutieren, jetzt weniger mit Problembiografien, mangelndem Selbstbewusstsein und anderen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben.

Filterblasen 3: aus den Institutionen

Der für mich interessanteste Teil: eine Reihe von Fallvorstellungen aus der praktischen Jugendhilfe. Der Bias da ist klar: wer dort ankommt, wurde verhaltensauffällig und problematisch. Grade dort kann ich es durchaus nachvollziehen, wenn die Skepsis gegenüber einer „Porn ist ein normaler Teil des digitalen Erwachsenwerdens heute“-Grundeinstellung groß ist, weil man permanent und überwiegend mit den Fällen konfrontiert wird, wo das eben nicht hingehauen hat. Andererseits wäre es bekloppt, das mit einem „Die überwiegende Mehrzahl kommt prima klar“ abzutun. Beide Verkürzungen wurden überhaupt nicht thematisiert, ich finde das bemerkenswert.

Zwei Fälle gaben mir zu denken: eine Geschichte, wo ich den Eindruck hatte, da wurde tatsächlich eine Bondage/SM-Geschichte (an sich einvernehmlich, aber in einem sehr problematischen Setting) durchgespielt, eine andere, in der sich ein Pärchen – sie mit Lernschwäche – auf seine Initiative und direkt inspiriert von entsprechenden Pornfilmen ein Mehroderweniger-Cuckold-Szenario mit einem eigens per Netz gesuchten Dritten gebaut hat. AFAIR reden wir hier durchgehend von Minderjährigen.

Dazu nun ein paar Gedanken

Porn spielte immer eine Rolle – danach wurden die Fälle ja ausgewählt – aber er schien mir (und, so mein Eindruck, vielen anderen) nicht der eigentliche Ansatzpunkt, nicht das eigentliche Problem. „Grundlegender“ schienen meist das Fehlen einer jener „Selbstverständlichkeiten“, die mir selbstverständlich vorkommen, aber die das eben nicht unbedingt sind:

– Es ist OK, nein zu sagen, wenn man was nicht will
– Nein heisst nein und dann ist Ende
– Der eigene Selbstwert hängt nicht davon ab, dass man allen Wünschen und Projektionen des Partners entsprechen kann
– Pornos sind sowenig normaler Sex, wie Mad Max normales Autofahren ist.

Kein Anspruch auf Vollständigkeit, aber ich würde mich nicht wundern, wenn hier Grundprobleme eines sehr großen Teils der einschlägigen Fälle weitgehend benannt wären. Angemerkt: ich will hier mitnichten einen „Ihr seid ja doof, die Grundprobleme sind elementar, hier, a), b), c), d), einfach vermitteln, Probleme gelöst“-Bashingeindruck vermitteln. Ich halte diese Punkte durchaus für vermittelbar (und bin gottfroh dran), es ist indessen klar, dass das leicht gesagt und oft genug schwer getan oder befolgt ist. Wir reden von einer Lebenslage, in der das Grenzen austesten/überschreiten dazugehört, in der das Entwickeln der eigenen Persönlichkeit, das Führen von Beziehungen begonnen und gelernt wird, in der der Austausch darüber schon so schwer genug ist, und ganz besonders mit den Erwachsenen, die eh keine Ahnung haben, was in einem vorgeht.

Mein Punkt hier ist erstmal nur der, dass „die Pornos“ hier nicht unbedingt der Ansatzpunkt sind, über den man zu Lösungen kommt. Wer nicht sagen kann, was er/sie nicht möchte, hat grundsätzlich ein Problem, nicht nur, wenn Partner/Partnerin ein falsches Bild der Realitätstauglichkeit einschlägiger Pornosettings hat. Wer auf ein „Nein“ beim Sex keine Rücksicht nimmt, scheint generell mit der Anerkennung des Gegenüber als selbstbestimmtes Subjekt ein ziemliches Problem zu haben, usw., ich glaube, man sieht, worauf ich hinauswill.

Abschließendes

Baustellen gibts genug, und ich muss zugeben, ich bin nach wie vor froh, dass ich da in der luxuriösen Position bin, da in erster Linie von außen draufzusehen und mit den Veränderungen, die die Allverfügbarkeit von Porn mit sich brachten, nicht direkt konfrontiert zu sein. Ich denke, es braucht mehr diesbezügliche Inhalte an den Schulen – insbesondere eben je nach Alter – und man wird nicht umhinkommen, da einige etwas explizitere Themen schlicht auch zu behandeln. Ich meine nicht eine Trivialphrase „Vier Doppelstunden Aufklärung mehr im Lehrplan“, sondern eine gezielte Erweiterung der Inhalte an die faktischen (auch digitalen) Lebenswelten. Konkrete Beispiele: Man muss damit umgehen, dass sich der Großteil einer Klasse 15jähriger, wenns in Bio zu den menschlichen Fortpflanzungsprozessen kommt, schon länger Gedanken macht, warum Analverkehr in den ihnen zugänglichen einschlägigen Inhalten eine so große Rolle spielt und warum Schamhaare dort weitgehend nicht stattfinden, während sie ihnen wachsen. Ich halte auch den Inhalt meines Parts auf der Veranstaltung – was im Netz an Porn passiert, passiert in der Regel aus dem und nur dem Grund, dass man damit Geld verdient, auch wenns sehr viel für lau gibt – für eine durchaus relevante Erkenntnis, die man machen/vermitteln sollte, um die Möglichkeit zu haben, die Inhalte der einschlägigen Seiten eben auch einzuordnen. Die Empirie deutet in die Richtung, dass die Kiddies früher oder später durchaus von selber auf alle diese Sachen draufkommen, aber ich denke, das Rätselraten zu beenden, wenn sich die entsprechenden Gedanken gemacht werden, ist selten verkehrt. Dagegen demonstrieren ja gelegentlich Leute, aber nun.

Man muss sich Korrupt als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Man muss sich Korrupt als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Zu guter Letzt: ich denke, meine Grundeinstellungen zu alledem scheinen einigermaßen eindeutig positioniert, das Thema beschäftigt mich aber nach wie vor mit einem „Allzu festgefahren-dogmatisch biste nicht, Richie“-Gefühl dabei und ich komme nicht umhin festzustellen, dass ich permanent dazulerne. Lerninput bitte immer gerne.

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