Facebook-Basher bashen: Yet another Datenschutz/Überwachungs-Reframe

Grade hat Netzpolitik einen Lauf gegen facebook und nun spült man mir noch Schweizer Aluhüte in die Timeline, und ich fühle mich genötigt zur ausführlicheren Gegenrede/einem Nachklapp zu meinem „Facebook-Profiling ist fürn Arsch“ vom letzten Jahr.

Starke Thesen, wie immer im Sinne von „Ich leg das mal weit und agressiv aus, daran kann man Dinge deutlicher machen und sich leichter abarbeiten“:

1. Gutes Profiling ist im Interesse aller FB-Nutzer, weil man dasselbe Geld mit weniger Werbung kriegt und
2. selbiges Geld die Existenz einer extrem leistungsfähigen, kostenfrei nutzbaren Plattform sichert.
3. Wenn FB Adblocker blockt, dann ist das gut und richtig wie nur was.
3a. Im Gegensatz z.B. zu Leistungsschutzrechtbestrebungen gewisser Verlage
3b. Ich bin extrem dafür, dass Facebook weiterhin durch Werbung finanziert wird und halte das gerade aus Privacygründen für alternativlos.
4. Übliche „Cookies löschen“, „History löschen“ und „lass dich nicht profilen“-Gehampel ist sinnfreie bis schädliche Noceboscheiße.
5. Ich versteh mich durchaus als Verfechter von Privatsphäre und Gegner von Überwachung, wenn ich sowas schreibe.

Targeting done right

Targeting done right

Punkt 1 ist einfach. FB will finanziert sein, und im Unterschied zu gewissen Medienunternehmen stehen sie nicht mit dem Betteltopf an der Staatskasse, sondern kümmern sich selber drum. Ich wünsche mir sehr, dass das so bleibt. Zum Eigeninteresse: ich hatte nebenan schon geschrieben, dass Facebook von absolut niemandem „Daten verkauft“. Facebook verkauft Werbeplätze. Je besser diese Angebot/Zielgruppe zusammenbringen, desto höhere Preise kann FB aufrufen und desto weniger Werbung ist notwendig. Ich bin beileibe nicht so naiv zu glauben, wenn das Profiling mal so gut ist, dass jeder dritte Adklick ne Conversion bringt, dass wir dann nur noch einen Werbeplatz alle drei Tage sehen, aber ich bin mir *sicher*, dass es mehr und nerviger wäre, wenn die Quote sinkt. Ich bin mir *absolut* sicher, dass die ABP-Schmarotzer dazu beitragen.

Selbstverständlichkeiten dazu, von denen ich indessen annehmen muss, dass manche davon nichts ahnen: Stellen wir uns vor, dass ein imaginärer User auf Facebook, nennen wir ihn mal „Richie“, auf FB ein Nine Inch Nails-Video liked. Stellen wir uns weiter vor, Trent Reznor macht ein neues Album und will bei FB dafür werben. Facebook wird *den Teufel tun* und Trent in welcher Form auch immer sagen, dass da unter anderem besagter „Richie“ ein NIN-Video geliked hat. Reznor wird, Zuckerberg seis geklagt, nie von Facebook erfahren, wie sehr ich ihn verehre. Reznor kann bei FB Werbeplätze kaufen und die Ausrichtung dahingehend vornehmen, dass nur Leute die zu sehen kriegen, die mal was von NIN geliked haben. Das wars.

Ein anderer User, nennen wir ihn mal Bernd Vollhonk, postet „Arschloch“ unter das Karibik-Urlaubsbild seines Kollegen, mit dem der grade angibt. Anschließend sieht er Facebookwerbung für TuiFly. Bernd, Vollhonk, der er ist, geht natürlich davon aus, dass die Wichser von Facebook nun Tui gesagt haben, dass er, Bernd Vollhonk, wohnhaft in X, Einkommensgruppe Y, sexuelle Perversionen Z sich mit Karibikurlauben beschäftigt. Ich kann mir nicht helfen, ich lese oft dieses „Die machen X mit *meinen*! Daten!“, himmel, *deine* Daten interessieren einen Scheißdreck. Die Zusortierbarkeit eines Werbeplatzes zu einem bestimmten Benutzertyp, das ist alles, was zählt. (Das funktioniert btw. so beschissen wie eh und jeh. Ein AfDepp in meiner 300+-Freundesliste, die zum Zweck der Realitätskalibrierung dort verbleibt, sorgte für extremst ineffiziente Gruppenbeitrittsempfehlungen das ganze letzte halbe Jahr über.)

Punkt 2 ist schwieriger, aber kürzer. Ich mag Facebook nicht (himmel, wer mag Facebook). Das, wofür ich selber privat FB brauche, kann ich mit FB aber sehr gut machen. Ich weiß von vielen Leuten, teilweise vollkommen andere Menschen wie ich, die teilweise völlig andere Dinge tun, dass es ihnen ähnlich geht. Folgerung: FB muss irgendwas richtig machen.

Punkt 3: Sie können das, weil sie einiges mit ihrer Werbung – und nur mit der – verdienen. Wer mit Blocker auf FB unterwegs ist, erschleicht sich a) die Leistung auf b) Kosten aller anderen. Wen er im Fall von ABP damit unterstützt, geschenkt, ich geb gern zu, dass man es sich nicht immer raussuchen kann, mit welchen Arschlöchern man sich in ein Boot gesetzt hat.
Im Gegensatz zu anderen Playern im Sektor erbringt Facebook eine offenbar sehr beliebte und überzeugende Leistung. Das bringt mich auch zu
3a: Die Adblock-Disserei wird in .de stark von Verlagen befeuert, die sich nebenbei ein irrsinniges Gesetz namens „Leistungsschutzrecht“ mundmalen ließen, mit dem sie a) andere Leute melken wollen und b) massiv auf die Schnauze gefallen sind. Es scheint mir bemerkenswert, dass hier versucht wurde, ein Angebot von Staats wegen quersubventionieren zu lassen. Auch das in erster Linie als Annäherung an
3b: mir graut vor allen „alternativen Finanzierungen“. FB wird kostenlos bleiben *müssen*, denn genau das ist Basis des Erfolgs und – direkt damit gekoppelt – des Nutzwertes. Unter dem Gesichtspunkt macht es mir geradezu massiv Sorgen, dass bei Netzpolitik explizit über den Charakter von FB als Infrastruktur für soziales Handeln und damit einhergehende „alternative Finanzierungsmodelle“ nachgedacht wird. Denn bei „Infrastruktur“ und „Finanzierung“ kriege ich dezente Assoziationen in Richtung „öffentliche Hand“, und eine öffentliche Hand wird ein Netzwerk vom Kaliber FB spätestens nach den letzten Wochen dermaßen rasterfahnden, dass einem ganz siebziger werden kann. Wir können durchaus froh sein an einer restriktiven Datenherausgabe, ob ich mich über faxverschickende Polizeidienststellen auch freuen soll, ich weiss grade nicht recht.
Ich halte aber das Modell „FB privat und werbefinanziert“ für derart offensichtlich besser, dass ein weitergehendes Beschäftigen mit der Frage nach „alternativen Finanzierungen“ bei Facebook einen kräftigen „Es ist meine Lebenszeit!“-Reflex auslöst. Es macht mich nicht wirklich glücklich, dass zwischen meinen Chatverläufen/Netzwerkdaten und de Maziere ausgerechnet Zuckerberg steht, aber wenn die Lösung Schlandbook heißt, dann lerne ich das Problem Facebook zu schätzen.

Punkt 4, Tracking- und Cookievermeider. Das las ich öfter im Sinne einer „Machts den Arschlöchern schwer“-Strategie oder gar, siehe erwähnte Schweizer, als ein aktives Vorgehen gegen Überwachung. Was dort steht, ist praktisch durchgehend Schwachsinn. Gefährlicher Schwachsinn in meinen Augen, weil er Gefahren wie auch Sicherheiten suggeriert, die so nicht existieren. Ich zerlege mal kurz.

Einleitung: Cookies und Browserverläufe löschen. Mehr als ein „Dann muss ich bei Amazon dauernd mein Passwort neu eingeben“ passiert nicht. Wenn man den Browserverlauf löschen muss, weil die Mitbewohnerin nicht den Pornkonsum mitkriegen soll, ist das Problem nicht der Browserverlauf. Wirklich nicht, glaub mir.

1. HTTPS everywhere. Nett, hat mit dem Problem, das es lösen soll, aber nichts zu tun. Ab davon, dass Pornhub http ausliefert.

2. Zufällig generierte PWs/PW-Manager: Nett, hilft gegen Browserverläufe/Surfverhalten nichts.

3. SMS-Verifizierung für FB und Google. An sich empfehlenswert, aber muss nur ich husten, wenn da empfohlen wird, FB aus Datenschutzgründen auch gleich mal die Handynummer zu geben? Und das als „Lösung“, wenn das Problem ist, dass man dazu neigt, von öffentlichen Rechnern ohne Logout aufzustehen?

4. Übungsgedanke „Social Media Posts= Tshirt-Aufdruck“, und dann nicht schämen. Übersetzt: hör auf, dich mit anderen Menschen wegen Problemen, schambesetzten Themen oder möglicherweise in deinem Umfeld riskanten politischen Ansichten zu vernetzen. Bleib für dich. Weine leise. Mehr dazu hier.

Mit euren peinlichen Partybildern wische ich den Boden.

Mit euren peinlichen Partybildern wische ich den Boden.

5. Party, Filmriss, ohgottohgott. Google dich, nicht dass jemand Fotos machte usw. – Ich zitiere Enno mal wieder: von wem keine peinlichen Partybilder im Netz sind, der ist ein unsympathisches Arschloch ohne Freunde. Im Übrigen ist euer Social Media-Leben kein permanentes Bewerbungsgespräch und ist der Sinn einer öffentlichen sozialen Präsenz nicht, dass sie in erster Linie einem Personalberater gefällt. Ab davon: viel Spass beim Namensgooglen nach Partybildern auf Facebook.

6. Retargeting! Zalando-Schuhe verfolgen mich! PANIK JETZT! – Im Ernst – es interessiert nicht. Ein RT-Ad ist für den Werbenden in der Regel geringfügig teurer, die Klick- und Konversionsrate von vorigen Seitenbesuchern geringfügig höher. Deswegen wirds gemacht. Niemand weiß von eurem Stiletto-Analfetisch. Das ist alles.

7. In der Türkei nur mit TOR surfen! – das ist bereits bösartig blöde. Wer nicht weiss, was er tut und warum, sollte sich das überlegen. Ich bin sehr für Tor-Gebrauch und -Verbreitung und mein Tor-Server hier hat maßgeblich Anteil dran, dass ich inzwischen mit der Heimanbindung den Terabyte Traffic im Monat geknackt habe, aber a) kann man (verdammt, *muss* man) durchaus auch warnen, dass man mit angeschmissenem Tor in der Türkei auch ein schönes Fadenkreuz mit „Hier, ich mach was staatsfeindliches“ an seine Leitung pinnt, und b) ab davon: macht das mal im Urlaub mit dem Smartphone. Dass hier ein Vollidiot ohne Ahnung ein paar coole Anonymisierungs-Buzzphrasen zusammengetackert hat, merkt man nebenbei auch dran, dass es noch immer „Tor“ heißt und die Schreibweise „TOR“ ein zuverlässiger Indikator für jemanden ist, der die FAQs und Howtos dort eben nicht gelesen und entsprechend keine Ahnung hat.

8: Gegen WiFi-Tracking Wlan, Bluetooth und NFC(!!) deaktivieren. Äh, ja? Was haben letztere beide mit Wlan zu tun? Und was ist mit dem Bewegungsprofil beim Handyprovider? Kurz: wer kein Bewegungsprofil will, muss das Handy ausmachen oder daheimlassen. Aber hey, dann kann man ja nicht angerudfen werden. OK, so wahnsinnig machts mich dann doch nicht. Gesichtspalmierung deluxe. Lieber Moriz Mähr: bleib beim Banking.

Warum der Verriss vom armen Moriz jetzt? Ich finds symptomatisch. Mit diesem Halbwissensstand widerspricht man auch den Facebook-AGB und meint, man hats ihnen gegeben. Das bringt mich eben auch zu Punkt 5, ich seh mich durchaus als einen Verfechter von Datenschutz und Privatsphäre. Aus eben dem Grund geht es mir enorm auf den Zeiger, wenn irgendwelche Honks kommen und sagen, deswegen muss man Werbung blocken, Cookies löschen und Facebook verkauft dich an die NSA. Mir geht die Doppelmoral auf die Nerven, mit der FB (Google, Apple) gebasht und FB-Werbung als Datenschutzproblem galore gesehen wird. Währenddessen macht FB eine Vollverschlüsselung von Whatsapp und de Maziere bemüht sich, das knacken zu wollen, zusammen mit den Franzosen. Aber klar, mit Leuten wie de Maziere sollte man sich über alternative Finanzierungskonzepte von Facebook unterhalten und parallel die Finanzierungsmodelle einer Plattform austrocknen, die das verbreitetste Ende/Ende-verschlüsselte, werbefreie Chattool überhaupt anbietet. Ihr habt doch alle den Schuss nicht mehr gehört. Wir haben in .de die Adressabgreifer, die Bürgerämter, die immer noch schick dabei sind, Einwohnermeldedaten zu verticken. Wir haben ein neues Terrorpaket, wo das alte noch nicht mal evaluiert ist, aber hey – erst mal Cookies löschen, Facebook abziehen und das Zalando-Retargeting killen, dann wird alles gut. Ich glaube, das ist damit gemeint, wenn Leute keine Probleme, sondern Lösungen sehen.

Insofern: ok, wir brauchen nur noch ein passendes Problem, dann können wir mit obigen „Lösungen“ vielleicht was anfangen. Hint: der Überwachungsstaat ists nicht.

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9 Responses to Facebook-Basher bashen: Yet another Datenschutz/Überwachungs-Reframe

  1. Ein echter RuppslRant! Ich kann’s komplett unterschreiben, bin mir aber nicht sicher, wieviele der Leser, die dich nicht schon etwas länger kennen ALLEN Gedanken folgen können…

    • Korrupt says:

      Hehe, danke fürs Lob aus berufenem Mund :) Ich hatte schon eine weitere Rückmeldung, dass manches für den Nicht-Fachmenschen etwas kryptisch ist, aber es ist nicht ganz trivial, eine Latte verschiedener Punkte ausreichend komplexitätsreduziert und dennoch korrekt in kürzerer Form auf nen Punkt zu kriegen. Nicht, dass es nichtz besser ginge, das tuts sicher. In erster Linie hätte ich aber eh gerne, dass es die „Anlass-Autoren“ (Netzpolitik, daslamm.ch) kapieren, und nachdem sie im Thema drin sind, schätze ich, können sie. Wenn nicht, umso schlimmer.
      Weil ich es auf FB nebenan nachgetragen habe: Ich weiss, dass ich nicht das Maß aller Dinge und der dicke Fisch im Onlinemarketing bin. Angesichts meines durchaus im OM- wie auch Netzpolitik/Privacy-Lager angesiedelten Freundes- und Bekanntenkreis aber auch hier der Nachtrag/die Nachfrage, ob diese beiden Gruppen überhaupt miteinander reden. Konkret: als Datenschutzaktivist/Privacyverfechter kann man durchaus mal mit einem Onlinemarketer reden, der wird einem sicher gern von Möglichkeiten und Grenzen des Genres erzählen. Also ich tu das jedenfalls.

  2. Tom says:

    Dachte hätte nettes Blog gefunden, aber die Punkte sind – nunja – nicht nur sprachlich auf einem Niveau, das weder zur Diskussion noch zum Nachdenken einlädt.
    Ich empfehle mal Jaron Lanier zu lesen, nicht nur bezüglich Punkt 3x

  3. Pingback:Facebook Ad Targeting und Nazis bei der Bundeswehr, Howto - Tales from the Mac Hell

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