Depressionen: wir haben einen Rollback

Notwendige Richtigstellung

Notwendige Richtigstellung

Einigemale spülte es mir letztens dieses unsägliche Wald -> „This is an Antidepressant“, Pillen -> „This is Shit“-Meme in die Timeline, und während mich die Propaganda der einschlägigen Esotrottel und Alternaiven eher nicht berührt, war es, hihi, deprimierend, das von Leuten zu lesen, die ich an sich durchaus für intelligent halte. Soweit, so ärgerlich, aber die Geschichte scheint allenfalls ein Aspekt zu sein vom offenbar stattfindenden Rollback in Sachen Depression und ihre Behandlung. Jedenfalls begegnet mir das auf einer zunehmenden Zahl von Kanälen. Mein Eindruck: unter dem Druck mehr oder weniger prominenter Suizide mag man die „Volkskrankheit“ anführen, ihre, gottseidank, längst stattgefundene Enttabuisierung und heutzutage gute Behandelbarkeit ansprechen und sich drunter mit dem mundgemalten „Hilfe bei Suizid-Gedanken“-Hinweis verantwortlich gerieren. Aber wenn die Prominenz das Selbstmorden dann wieder ein paar Monate bleibenlässt, dann ist das Feindbild Pharmamafia irgendwann halt wieder attraktiver und die von Depression Betroffenen bestenfalls arme Verführte. Schlimmstenfalls Scheißefresser, die zu blöd sind, um den nächsten Wald zu finden, wo man sich bekanntermaßen im Grünen bei frischer Luft wieder zusammenreißen kann.

Wirklich irritiert hatte mich Doccheck. Eingangsfrage zum „Antidepressiva-Reflex war die dem Autor bei Depressionen unangebracht scheinende Frage „Warum hat der Patient kein Antidepressivum?“, Zitat „Diese verführerische Frage nach dem scheinbar Naheliegenden taufe ich den Antidepressiva-Reflex.“

Scheinbar naheliegend. Klar, scheinbar naheliegend wäre auch zu fragen, warum das gebrochene Bein nicht im Gips ist, und hier wie dort bin ich sicher, dass es genügend Fälle gibt, wo man diese Fragen vollkommen zufriedenstellend beantworten kann: das nicht verordnete Medikament, der nicht gemachte Gipsverband gut und richtig begründet werden können. Nur: diese Frage ist zu stellen und die Antwort ist zu begründen, sie ist mitnichten „scheinbar“ naheliegend, sondern beste ärztliche Praxis, und einem Doc, der sie nicht stellt, würde ich bestenfalls Nachlässigkeit unterstellen, denn die nachgefragte Information ist behandlungsrelevant und wichtig.

Schön auch die ZEIT: dort verbreitet man sich ausführlichst über die „…Kampagne der pharmazeutischen Industrie“, die sich einen AD-Markt quasi selber baut, in den USA leicht und in Japan schwer, dort waren ja bis ins Jahr 2000 „Traurigkeit und Schwermut … gesellschaftlich akzeptierte Gefühlszustände.“ In einem Land mit der doppelten Suizidrate wie Deutschland und einem Problem mit dem, haha, Tabuthema Depression. Ich nenn das mal tapfer argumentiert, aber es geht noch weiter. Angesichts steigender Diagnosezahlen und zunehmender Medikamentenverordnung in den letzten Jahrzehnten kommt das interessante Zwischenfazit für Deutschland, Achtung:

„Vielleicht trauen sich heute mehr Kranke zum Arzt. Mit Sicherheit nahmen sich damals mehr Menschen das Leben – unter ihnen vermutlich etliche unbehandelte Depressive (die Zahl der jährlichen Suizide in Deutschland sank in den letzten drei Jahrzehnten von 18.000 auf 10.000). Aber…“

Aber! Dann kommt ein Aber, und es folgt a) ein Fallbeispiel einer schweren und erfolglos austherapierten Depression und b) der Verweis auf Bewegung, frische Luft und weniger Alkohol bei leichten und mittelschweren Episoden.

Illustration zum Thema Handlung und Handlungsfähigkeit

Illustration zum Thema Handlung und Handlungsfähigkeit

Das ist nicht dumm, das ist bösartig. Hier wird konkret suggeriert, dass bei schweren Depressionen eh nichts hilft (Strick, anyone?) und bei weniger schweren Fällen der Wald. „Eine Therapie sei mindestens genauso zu empfehlen wie Medikamente“, als ob letztere keine Therapie wären und als ob irgendwer bestreitet, dass eine ordentliche VT zu einer medikamentösen Behandlung dazugehören *muss*, schon allein, damit man die Medis auch nimmt. Im Übrigen bestreitet niemand die Wirkung > Placebo von SSRIs in schweren Fällen, nicht einmal die ausführlich diskutierte „spektakuläre“ Kirsch-Studie, und es ist rührend zu sehen, wie man sich um die konkrete Benennung der Tasache drückt, dass bei ernsten Episoden SSRI eben besser wirken als Placebo, ab davon, dass man von einer Wirkstoffgruppe aus eben mal den Rundumschlag gegen medikamentöse Therapie per se macht. Vollkommen verwegen wirds, wenn man in .de knapp halbierte Suizidraten in den letzten 30 Jahren konstatiert und gleichzeitig die schlechte Medibehandlung anprangert.

Zusammengefasst: auf allen Kanälen schallt mir grade wieder ein „Die Depris müssen an die frische Luft“ entgegen, standardmäßige PT-Ansätze (Verhaltenstherapie), die zu jeder Medikation dazugehören, werden plötzlich als *die* neue und endlich mal anzuwendende Monotherapie hingestellt und nebenbei so getan, als ob jegliche AD nur den Zweck hätten, ein paar schlitzohrige Konzerne reich zu machen. Da muss es ja niemanden mehr wundern, dass die Alternaiven aus den Löchern gekrochen kommen und behandlungsbedürftigen Kranken mal wieder empfehlen, in den Wald zu gehen.

Wie gesagt, nach einer Erfolgsgeschichte wie besagten halbierten Suizidraten kann man das bringen, ist dann aber halt scheiße. Natürlich ists auch schon wieder lang her, dass sich ein Enke umgebracht hat, und nun wundert sich natürlich alle Welt, warum mehr verschrieben wird, nachdem in den letzten Jahren gottseidank einiges dahingehend passiert ist, dass man die Leute nicht mehr mit dem Ratschlag „Bewegung und viel frische Luft“ heimschickt und sie auf eine Halbjahreswarteliste für einen Therapieplatz setzt. Der gern für die „Oh Gott, wir behandeln Kranke inzwischen ja tatsächlich, tu doch einer was“-Panik herangezogene TK-Depressionsatlas sieht stagnierende Fallzahlen und steigende verordnete Tagesdosen. Man kann daraus schließen, dass endlich behandelt wird, wenns notwendig ist. Interessanterweise nicht mal unbedingt, wie es angemessen/möglich wäre, denn wenn man mal nicht mit der „Pöhse Pharmamafia“-Brille unterwegs ist, sondern anhört, was von Betroffenen geäußert wird, dann kann man da schon rauslesen, dass bessere Medikamenten-Wirksamkeiten gerne genommen würden, aber die Kassen sich eben sperren.

Von daher: wenn sich wieder wer berufen fühlt, Leute an die frische Luft zu schicken, weil Pharmamafia: Jens hat vor ein paar Jahren ein Diskussionsformat zum Thema aus durchaus guten Gründen für beendet erklärt, aus dem Grund, dass es nun an der Zeit wäre, den Leuten zuzuhören. Das mag man eigentlich jedem um die Ohren schlagen, der ein idiotisches Mem zum Thema postet und meint, irgendwem damit geholfen zu haben.

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4 Responses to Depressionen: wir haben einen Rollback

  1. Pingback:Depressions-Rollback: der Deutschlandfunk rollt fleißig mit - Tales from the Mac Hell

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