Flüchtlingshilfe, ein paar Gedanken und Geschichten

Vorneweg: Eine Portion Rechner hatte ich ja sukzessive deutsch/englisch/arabisch für Flüchtlinge eingerichtet und den letzten letztens bei einer Familie untergebracht, dazu gleich die Geschichte. Falls ich jemanden im Umkreis hab, der wo arbeitet, wo gelegentlich noch Lubuntu16.04-taugliche Rechner ausgemustert werden, die man für wenig Geld weiterverwerten könnte, ich hab immer gern so ein paar als Reserve dastehen und bin für Hinweise dankbar :)

Folgendes ist eine Geschichte, wie sie wahrscheinlich zuhauf passiert, aber ich finde, sie sollten auch erzählt werden. Meine Teuerste macht regelmäßig Flüchtlingsberatung, und in dem Kontext bin ich dann gelegentlich zugange, wenn wo ein Rechner gebraucht wird oder bei Bewerbungsschreiben etc., und so ergab es sich, das wir mit eingerichtetem Rechner zu einer Familie fuhren, wo es an selbigem eben mangelte.

Es war recht amüsant, dem einen achtjährigen Sohn zu erklären, wie man die Benutzer/Sprachen wechselt, der dann dem Vater und den Geschwistern erklärt, wie das geht – er darf zur Schule und kann deswegen am besten Deutsch, für den älteren Bruder gibts noch keinen Schulplatz und der Integrationskurs für den Vater ist irgendwann in sechs Monaten. Die Schwester ist gehbehindert und dass sie eine Wohnung im dritten Stock bekommen haben, macht ein Übriges: sie kann nur extrem schwer die Treppen steigen. Mit Rechner können sie immerhin nun online Deutsch üben, bis es dann Schulplätze und Kurs gibt.

Hinterher saßen wir noch bei Obst und Tee zusammen und erfuhren, dass sie über die Balkanroute kamen, große Stücke zu Fuß. Dann in Thüringen Erstaufnahme und ein knappes Jahr auf dem Dorf. Ambivalentes Klischee: sie zählten uns erst die Kinder von der Schule auf, mit denen sie sich gut verstanden hatten, und dann hinterher, wie die Polizei kam, als jemand mit der Knarre auf ihre Fenster gezielt hatte. Vorher schon die Fahrradreifen zerstochen, und dann sind sie nach Wuppertal. Und das mag nun alles vergleichsweise gut ausgegangen sein, was mich da vollkommen mitnahm, war, wie glücklich die Geschwister dasaßen und uns übern Tee solche Geschichten erzählten. Von den vollgebluteten Schuhen nach irgendwelchen Vierzehnstundenmärschen und Naziarschlöchern in Thüringen, und da sitzen sie, erzählen und strahlen einen an, weil, nun, ich weiss nicht, weil sie in Sicherheit sind? Weil einer von ihnen zumindest schon in der Schule ist und jetzt uns beiden ihre Geschichte erzählen kann? Warum auch immer, ich fands einfach phänomenal, da haben drei Kiddies extrem was durchgemacht, wurden dann nach all der Scheiße noch von den allgegenwärtigen Naziarschlöchern bedroht und hier sitzen sie und freuen sich, dass sie da sind und ne Chance haben.

Was mich immer wieder zuversichtlich macht: wie viele, verschiedenste Menschen da einfach machen und schauen, dass es für alle besser wird. Und was mich immer wieder frustriert: wie die Debatte von denen vergiftet wird, die gar nicht auf die Idee kommen, dass wir hier keine Nichtnullsummenspiele spielen und ihre „im Zweifelsfall selber besser, aber Hauptsache anderen schlechter“-Gülle erfolgreich in die politische Debatte kippen. Statt zu schauen, dass es keine acht Monate dauert, bis jemand nach Anerkennung einen Integrationskurs kriegt. Die Geschichten hat man an allen Ecken: X nicht, weil Y, Y nicht, weil Z und Z ist in nem halben Jahr. Oder die netten anderen knüppel, die eben so geschmissen werden. Nachdem ich bei einer anderen Bewerbungsgeschichte letztens aushalf – Abschlüsse, mehrjährige Erfahrung, Leitungsfunktionen, Auslandseinsätze, CAD-Kram, aber bis hin zum Führerschein halt nichts, was OOTB anerkannt wird hierzulande – fiel mir Sebastian von 9elements ein, die einige sehr coole Ausbildungs- und Praktikumsplattformen gecoded haben. Ich fragte ihn, wie das sinnvollerweise in die Standardplattformen reinpackbar ist und wie das bei ihnen aussähe. Stellt sich raus, sie stehen vor noch elementareren Problemen – sie würden gerne einen Flüchtling für ihre Designabteilung haben und müssen nun nachweisen, dass sie keinen gleich qualifizierten Inländer kriegen.

Und da kriege ich so nen Hals. Ein Kreativjob! bei nem IT-Startup! wo ich den Sachbearbeiter sehen will, der mir klarmachen kann, was in so einem Fall die Qualifikationen sein sollen, die A besser geeignet machen als B. Und schlussendlich hab ich da das Gefühl, dass halt gezielt verhindert werden soll, dass sich Menschen dafür engagieren, dass *für alle* was besser wird, weil sonst Seehofer ja wieder heult und Höcke den Göbbels macht, und das kotzt mich an. Man mag mir Vereinfachung komplexer Problemlagen vorwerfen, aber ich hab letzte Woche drei trotz derbster Widrigkeiten glückliche Kiddies getroffen und es hat mich riesig gefreut, obwohl ich mit Kindern eher nicht kann, und deswegen, werft ruhig vor, es ist mir egal.

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