Utopiastadt, Zeit und die Philantrophie reicher Leute

Wir hatten heute Workout in der Gepäckabfertigung (Update: die WZ schrieb drüber :) )und ich muss ein paar größere Bögen schlagen. Kurzer Einstieg, was wir da grade machen, und dann ein paar Gedanken zu Projekten dieser Art und ein paar Nebenwidersprüchen des kapitalistischen Realismus.

Demontage solider Technik in der Gepäckabfertigung

Demontage solider Technik in der Gepäckabfertigung

Utopiastadt fiel ja hier gelegentlich und auch nebenan, es ist ein ziemlich großartiges Projekt in Sachen Stadtraumgestaltung, Vernetzung, und, ach, ich nenns einfach allgemein mal Empowerment. Hackerspace, Utopiastadtgarten, offene Werkstatt, Fahrradschrauber und -verleih, Foodsharing, ne fette Dosis Kunst, Kultur, Bierchen respektive Flora Mate. Dinge, die das Leben schöner machen, und die vor allem einem dabei helfen, das konkrete eigene Leben schöner und besser zu machen. Das Ganze in einem in akuter und laufender Fortentwicklung begriffenen Bahnhofsgebäude bzw. dessen Umgebung. Jeden zweiten Samstag im Monat ist Workout – Leute, die Bock haben, treffen sich, und bauen Utopiastadt weiter. Jeden ersten Samstag ist Gartenworkout – da sind wir weniger regelmäßig, aber auch irgendwie. Und heute war Special, weil die alte Gepäckabfertigung saniert wird und wir anfingen auszuräumen, Altlasten auszubauen, Fenster zu renovieren und so weiter. Den halben Arbeitseinsatz verbrachte ich mit der Demontage der Reste einer Telefonzentrale und dem Strom/Signalverteiler (glaube ich) für die Bahnstrecke. Ich hatte Spass. Und hinterher ein paar gusseiserne AEG-Kabelführungen über, die sich gar schick unterm Schreibtisch machen.

Hinterher haben wir gegrillt und uns gefreut, dass man doch ein ordentliches Stück vorangekommen ist. Irgendwann wird hierhin die ganze offene Werkstatt und dev/tal/ übersiedelt, und in die jetzige Werkstatt kann dann der Fahrradverleih rein, und dann kann der hässliche Drahtkäfig/Verschlag vor dem Bahnhofsmittelteil weg. Und ich bin nun seit einiger Zeit mehr oder weniger regelmäßig dort zugange, bin froh dran, dass gelegentlich dort Werkzeug zur Verfügung steht, das ich selbst nicht habe, kann mich abends noch auf nen Mate auf die Palettenliegewiese flaggen (und nebenbei gucken, ob mal wieder ein Klotz gewechselt werden muss), und wenn wo was ist, dann kann ich mir nen Schlüssel holen und was tun.

Grillpause, und ein Erinnerungsbild für später, wies mal aussah

Grillpause, und ein Erinnerungsbild für später, wies mal aussah

An sich also diese klassische „erweitertes Wohnzimmer“-Situation, wo man mit anderen (und mehr) Mitteln mitgestalten kann, wie die Gesellschaft um einen selber rum (besser) funktioniert, für die man auch mit verantwortlich ist, und nun zum ersten Bogen: in der man sich mehr Möglichkeiten erschließt, von der man selbst viel hat. Einer dieser klassischen Orte für „Weak Ties“, man ist ne Weile dort unterwegs und kennt zu allen möglichen Sachen jemanden, der/die jemanden kennt, wo man mal nachhaken kann und was losmachen. Das alles, und dass da in ein paar Monaten eine deutlich größere Utopiastadt steht, wo ich hingehe und weiss, das ist ein Stück weit mit meins, das sind ein paar recht coole Privilegien. Die verdanke ich natürlich meinem Engagement und allgemein meinem hart erarbeiteten Status als Mensch der Premiumklasse.

Haha, nein. Tatsächlich hat es unter anderem damit zu tun, dass da einiges an Förderung schon geflossen ist, Unterstützung aus einer ganzen Latte Ecken kommt und dass ein paar sehr feine Leute überhaupt mal damit angefangen haben. Aber *personlich* hats in erster Linie was damit zu tun, dass ich die Zeit und die Möglichkeit habe, mich da mit reinzuschmeißen. Das beginnt mit einem durchaus verträglichen Anteil der Erwerbsarbeit an meinem gesamten Zeitbudget, mit einer klassisch möglichkeitsmaximierenden Partnerschaft (double income, no kids), es hat was mit exzellenter räumlicher Erreichbarkeit zu tun und damit, dass man doch vergleichweise häufig den Kopf freihat, was anderes zu machen als das, was schlicht notwendig ist. Ich denke aber, das meiste kann man auf die resultierenden Faktoren Zeit und Möglichkeit vor Ort runterbrechen. Dass es solche Stadtteilkonzepte und -möglichkeiten braucht einerseits, dass es verdammt viel zu echter Lebens- und Umgebungsqualität beiträgt, dass die nicht unbedingt von selber entstehen, sondern auch durch Unterstützung von Kommunen und Institutionen, bzw. nicht durch, aber zumindest einfacher. Und alles das ist wahrscheinlich allgemein bekannt, und deswegen reite ich so auf dem Punkt „Zeit und Möglichkeiten“ rum, der es eben *mir ganz persönlich* ermöglicht, da mitzumischen und schlicht auch eine ganze Menge dasvon zu haben, abgesehen vom Muskelkater sonntags.

Persönliche Privilegien: gusseiserne Schreibtischverkabelung

Persönliche Privilegien: gusseiserne Schreibtischverkabelung

Und deswegen ist mir bei vielen Diskussionen um Partizipation/Teilhabe, Stadtentwicklung, neuen Konzepten von Kooperation, Vernetzung, whatever dieser Faktor „Zeit“ irgendwie immer ein wenig unterrepräsentiert. Und das bringt mich zu meiner zweiten Kurve, den diversen philantropischen Engagements, die vor allem in der riesigen Ausprägung grade als die Institutionen gelten, die die großen gesellschaftlichen Räder drehen, siehe beispielsweise die Bill und Melinda Gates Stiftung. Die ich btw. für eine verdammt coole Sache halte. Ich hab (nicht nur) bei den großen Vermögen, die da gelegentlich irgendwann mal zum Wohl der Allgemeinheit rausgehauen werden, halt nur manchmal das Gefühl, besser wärs gewesen, den Leuten mehr Zeit und Möglichkeiten zu geben, selbst was mit gestalten zu können. Das dachte ich beim Werkeln gestern etwas unausgegoren vor mich hin, und seh natürlich ne Latte Grauzonen, Punkte, wo das an sich ja durchaus auch passiert, Bereiche, denen man diesen emanzipatorischen Partizipationsgedanken nicht aus dem Bauch raus direkt zuschreibt, wo er aber selbstredend auch vorhanden ist und hingehört (Stichwort Vereinskultur und -förderung), ich seh da auch gar nicht die nach wie vor laufende BGE-Diskussion so derbe mit drin. Kieze und Gentrifizierung, da sind wir wieder näher dran.

Ich glaube, grade Utopiastadt ist da in vielerlei Hinsicht bemerkenswert niedrigschwellig und inkludierend, aber beim generellen Bedenken diverser Modellprojekte scheint es mir letzten Endes immer dieser „Faktor Zeit“, der mir da zugunsten der harten wirtschaftlichen Rahmenfaktoren irgendwie immer ein wenig unterrepräsentiert scheint und der aber meines Erachtens nach der Punkt ist, mit dem es steht und fällt, wer denn nun wirklich was losmachen kann und wer nicht. Der halt auch am schwierigsten „gezielt“ zu adressieren ist. Ich weiss nicht recht, ob ich das irgendwann noch konkreter kriege, aber ich wollts mal in den Raum gestellt haben.

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