Echtzeit-Pornografie. Wie Deutschlandfunkkultur Pornoanalyse suggeriert

Vorab: Update am Schluss. Warum mich immer mal wieder Leute auf Pornthemen hinweisen, versteh ich nicht ganz hat wohl damit zu tun, dass es ein durchaus divergent rezipiertes Thema ist, das mich schon recht lang beschäftigt. Christian warf mir den Link zur DFkultur-Sendung „Illusion und Rhythmus – Wie Pornofilme Echtheit suggerieren“ zu und meine erste Reaktion war „Wie, Echtheit, was soll der Scheiß?“. Nichtsdestoweniger, ich wollts mir in Ruhe und ergebnisoffen anhören, tat selbiges und bin anderer Meinung, mehr noch, ich halte Format und Analyse in der Form für falsch und kontraproduktiv. Starke Thesen, die ich mit der Einschränkung versehen will, dass man in fünf Minuten Podcast keine tief differenzierte Genreanalyse liefern kann. Aber zur Sache.

„…wie schafft es der pornografische Film darüber hinaus, den Anschein von Authentizität zu erzeugen – und welche Rolle spielt die Zeit dabei?“ endet die Einstiegsfrage zu einer Textkurzfassung, bei der ich erst noch den Eindruck hatte, OK, das ist halt durch Kürze entstellt. Allein, die Sendung ist nicht wirklich tiefgehender. Lange Einstellungen, Gonzo-Stil, POV: es ginge um das Gefühl von Authentizität. Selbst im queeren/feministischen Porn und in Pornparodien, und der Erfolg von Livecam-Angeboten läge eben auch und grade im Authentischen und der Echtzeit.

Das kommt mir falsch vor und um ebenso verkürzt eine Gegenthese zu formulieren: nein. Porn ist in erster Linie eine Fantasieerfüllung, ein höchst artifizielles Format, meine zugespitzte Lieblingsdiagnose: Pornos sind sowenig normaler (lies auch: authentischer) Sex, wie Mad Max normales Autofahren ist. Dass „echter“ Sex stattfindet, geschenkt, da reden wir über die Genredefinition. Dass er „authentisch“ ist, „Echtheit“ suggeriert… nochmals zugespitzt, aber wenn sich authentischer Sex dadurch definiert, dass man nicht nur das Gleitgel-Nachlegen, sondern auch den Schnitt dafür nicht sieht, ist die Definition armselig.

Nein. Es muss "authentisches Autofahren" heißen.

Nein. Es muss „authentisches Autofahren“ heißen.

Meine These: DF Kultur nennt seine Sendereihe „Echtzeit“ und versuchte krampfhaft, den Bogen von Thema Porn zum Titel des Formats zu schlagen, und dann redet man eben über „Echt“ und „Zeit“ im Pornkontext, und naturgemäß kommt vergleichsweise nichtssagendes Allgemeingeplatze dabei raus. Ich denke, die befragte Leonie Zilch, die zum Thema forscht, kann da nicht mal was dafür und hat sicher zu interessanteren Aspekten von Pornästhetiken spannendes zu sagen, aber DF Kultur wollte es halt nicht wissen.

Warum aber „falsch und kontraproduktiv“? Ich bin beileibe kein Anhänger der These, Porn und realer Sex werde häufig verwechselt, und halte weiterhin eine „Porn ist gar nicht echt, bäh“-Kritik für bekloppt. Ich unterstelle der Branche hingegen durchgehend, sich des artifiziellen Charakters des Mediums völlig im Klaren zu sein und diesen auch aktiv zu inszenieren. Denn es geht eben *nicht* darum, „echten“, „authentischen“ Sex zu zeigen, sondern eine Fantasievorstellung davon, mit unendlicher Potenz (wie witzigerweise im Beitrag angeführt), mit den immer verfügbaren Partner/Innen, mit garantiertem „Ich mach was du willst“ (Livecams, anyone?), ohne Pannen, Peinlichkeiten, Haaren am Gaumen und ablenkendem Rumgekuschel vorher oder Rückenmassage danach. Ich denke, diesbezüglich haben wir einen breiten Konsens: Porn ist eine Inszenierung und das ist Konsumenten wie Akteuren klar. Natürlich soll die Inzenierung „gut“ sein. Aber damit hat es sich. Diesem konsensuellen Einlassen auf die Fiktion krampfhaft das „Echtheit“-Etikett anzuhängen, ist so sinnfrei wie zu behaupten, in Star Wars seien die Lichtschwerteffekte und -sounds deswegen so aufwändig inszeniert, damit das Publikum glaubt, sie seien echt. You don’t say.

Bei den authentischen Girls fehlt das "Anzeige".

Bei den authentischen Girls fehlt das „Anzeige“.

Das ist bestenfalls trivial, und weil wir von Porn reden, wo eben doch manchmal Mad Max und echtes Autofahren verwechselt werden soll, stört mich diese „Echtheitsfixierung“ durchaus, vor allem, weil sie meines Erachtens nach vollkommen ohne Not geschieht und wild zusammenrührt, was nicht zusammengehört. Ein POV soll halt besonders geil machen, ein gut/lang geschnittener Porn ist gutes Handwerk sowie Fantasieerfüllung endloser erotischer Bemühungen, und eine Camsession ist schlicht und ergreifend eine recht handfeste Prostitution auf Distanz, die sich mitnichten durch Authentizität oder Echtheit auszeichnet, sondern durch den bekannten Dreisatz „Kunde/Dienstleister/Geld“.

Diese ganzen Differenzierungen scheinen mir relevant, die Frage nach der Echtheit in X Formaten, die alle eben nur unterschiedlich artifiziell sind, vergleichsweise sinnfrei. Plattformen, die tatsächlich auf „normalen Sex von normalen Leuten“ ausgerichtet sind mit dem Anspruch eben keiner Inszenierung (makelovenotporn) kamen nicht vor, obgleich mich da auch der Aspekt interessiert, ob nicht auch das definitionsgemäß scheitern muss, sobald die Akteure die Cam anmachen. Was ist mit Amateurplattformen und User-Drehs, die immerhin eine „authentische Teilhabe des Publikums an der Inszenierung“ darstellen könnten? Was mit den fließenden Übergängen zwischen Selbstinszenierung, Dating, Pornografie und Prostitution? (ich schrieb am Rande drüber). Aber Differenzierung und spannende Fragen ans Genre gabs halt keine, immerhin das schöne Statement „Wichtig ist, dass Sex stattfindet“.

Zumindest da pflichte ich bei.

Update/Nachtrag: Interessantes Gespräch mit Leonie gehabt, und tatsächlich gehts ihr in ihrer Forschung weniger um die beim Beitrag stark rausgestellte „Authentizität“ und die „Zeitlichkeit“. Ästhetiken und Inszenierungen, grade im Übergangsbereich „Amateur“ und Studioproduktion kommt mir hingegen wie ein hoch spannendes Thema vor und ich seh mich schon nerven, einen Blick aufs schließliche Werk werfen zu dürfen. Ich bleib bei meiner Kritik am Sender, bei dem mir das Anpassen der Fragestellung/Thematik ans eigene Format wirklich was spannendes kaputtgemacht hat, denn grade die Wechselwirkungen zwischen Porninszenierung/Ästhetik und ihr Wechselspiel zu „weniger professionellen“ Selbstinszenierungen, in die Randbereiche von Pornproduktion wie eben Amateur/Nebenbei-Selbstinszenierung bis rein in die „Normalbevölkerung“ finde ich superspannend, einmal wie Porn eben Sexualität mit beeinflusst, Enttabuisierung und grade auch Normalisierung von kinky Lifestyles mitbeeinflusst, und dann eben auch die technische Seite: spielt es eine Rolle, dass Equipment für technisch gut gedrehte Clips inzwischen für jedermann erschwinglich ist und es in erster Linie eine Frage des Wollens ist, ob man einen 4K-HDR-Porn dreht und schneidet? Wie gesagt, ich bin gespannt.

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