Politische Internetnaivität, Recap: Alles ist ein Klick weit weg

Was waren wir naiv, so ein Satz, der gelegentlich fällt, wenn die Generation Modem vonm früher spricht und den Vorstellungen und Hoffnungen, die man mit einem noch neuen Internet verband, Brecht, Radiotheorie, anyone, Demokratisierung des Diskurses und so weiter. Es gab auch Unabhängigkeitserklärungen des Cyberspaces und einige mehr Pubertätstotschämerinnerungen, und heute mag ich über einen Aspekt schreiben, der mir ein wenig hinten runtergefallen vorkommt, der aber seit einiger Zeit etwas Elefant zumindest in meinen Räumlichkeiten ist: die Ablösung schlecht archivierbarer politischer Diskursmedien (Print, Radio/TV) durch, hihi, Hypertext und die permanente Überprüfbarkeit von Aus-, insbesondere aber Zusagen.

Ich persönlich bekenne mich schuldig, vor vielen Jahren davon ausgegangen zu sein, dass es ein bedeutender Diskursfaktor werden würde, wenn Aus- und Ansagen vom Vorjahr nicht mehr im Altpapier liegen oder sich im Äther versenden, sondern permanent und verfügbar den berühmten Klick entfernt sind. Ich ging davon aus, dass eine „Was schert mich mein Geschwätz von gestern“-Haltung schwerer durchzuhalten ist, wenn zu diesem Geschwätz nicht mehr nur mit „Sie vertraten doch mal die Ansicht/versprachen/garantierten, dass…“-Nachfrage nachgehakt wird, sondern man direkt ein „Vergleiche hierzu (link)“ anflanschen kann. Und damit verband ich die Hoffnung, dass (politische) Stellungnahmen, Verortungen, Zusagen etc. ein Stück weit verlässlicher werden *müssten*, denn schließlich kann man viel leichter, konkreter und anschaulicher festgenagelt werden.

Tja, was war ich naiv, und natürlich ist dieser Veränderung der medialen Verfügbarkeit die (gefühlt zunehmende) Aalglätte der einschlägigen Äußerungen zu verdanken. Und an sich würde das reichen, um schlusszufolgern: „Nun, ja. Kam halt anders, hätte man sich auch denken können.“ Nun habe ich seit einiger Zeit aber das Gefühl, es kam nicht anders, sondern schlimmer: wir haben heute unsere alternativen Fakten und statt verlogenem, aber immerhin den Schein der Konsistenz wahrenden Rumgewiesel ein gefühlt zunehmendes Scheißdrauf, nicht nur bei den üblichen Faktenverdrehern vom Schlag Trump und unseren AfDeppen, sondern als ganz normale Haltung im ganz normalen Diskurs.

Und dem auf den Fersen natürlich das „Ist das wirklich neu?“ Prinzipbedingt ists neu, klar. „Hat sich was verändert?“ Nun ja, es wurde in der Vergangenheit viel Scheiße geredet, es ist heute nicht anders, insofern, nein. Ein „Man kann den Naivitätshaken setzen und im Prinzip ists halt wie gehabt“ mag ich trotzdem nicht konstatieren, denn ich hab das Gefühl, letzten Endes hats schon was zum Schlechteren verändert: das Hinnehmen kognitiver Dissonanz ist ein Stück weit normalisiert worden. Das schien mir bisher ein Metier der üblichen Vollidioten zu sein – „Masken helfen eh nicht“ schreits meinetwegen gestern aus der Deppenecke, und wenn die BILD mal wieder rassistische Hetze betreibt, folgt heute ohne Probleme ein „Die Ausländer halten sich nicht an Maskenregeln und stecken alle an“.

Aber auch in den „vernünftigeren“ Kontexten scheint es mir eben Spuren hinterlassen zu haben. Wir haben Streeks „keine dritte Welle“ vor der Nase, wir können die „Steuer-ID wird keine Personenkennzahl“-Versprechen der einschlägigen Akteure gestern wie heute nachlesen, allein, es ist… nun, ein wenig wie die alternativen Fakten, es ist normal, kein Grund, eine Diskussion direkt mal abzuhaken und zu bitten, nach der Realitätssynchronisation nochmal nachzufragen. Es ist ein normales Muster im Diskurs geworden.

Nun ja, und kein „Das müssten wir nun tun“ am Ende, denn ich weiss nicht, was und das Ganze ist wieder ein klassischer Fall von „and normal wasn’t so great to begin with“. Nicht müde werden, die Sachen auf der Agenda halten, die Widersprüche benennen und mit dem Finger drauf zeigen, und dann denk ich, naja, man weiss es doch und es spielt offenbar nicht die Rolle, die man sowas im Allgemeinen zuschreiben sollte, aber hier sind wir nun. Wie gesagt – ein Recap auf ne naive Hoffnung, deren Art und Weise der Nichterfüllung mich grade aber etwas beunruhigt.

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