Queer as Folk, eine Liebeserklärung (und Serienempfehlung)

Queer as Folk. Guckts euch an.

„Queer as Folk“, schwule Kurz-Serie aus den späten Neunzigern, lief bei Arte (noch ne Weile in der Mediathek) und ich gebe zu, ich hatte ein wenig Angst, wie sie sich über die zwanzig Jahre gehalten hat. Nun: hervorragend. Es ist nach wie vor das Beste, was ich in der Art je gesehen habe und ich kann nur raten, sich das anzugucken. Wichtiger Hinweis: es gibt ein US-Remake, nie, never mit dem verwechseln, wir reden von der UK-Ursprungsversion.

Ab in die Neunziger. Ruppsel saß in Tübingen und stieß auf Queer as Folk. Geguckt hatte ich das seinerzeit in meiner Lieblingslesben-WG, und Himmel, es war ein Umhauer. Erste Folge startet auch 20 Jahre später verblüffend rasant und durchaus sehr explizit, was einerseits Sex und andererseits Leben in einer schwulen Szene der 90er und dem deutlich feindlicheren Umfeld angeht. Ich sag mal so: wir waren seinerzeit alle komplett geflasht, was da tatsächlich im Fernsehen kam. Queer as Folk hatte maßgeblichen Anteil dran, dass ich eine Motorola-Episode in meinem Handylebenslauf hatte, weil ich das Star Tac unbedingt so cool zuklappen wollte wie Stuart. Aber ich greife vor.

Queer as Folk spielt in der schwulen Szene von Manchester, dreht sich hauptsächlich um Stuart, Vince (Freunde seit Kindesbeinen) und Nathan (der mit 15 sein Schwulsein und die Szene entdeckt). Und es drängt auf zwei Handvoll Folgen so viel Geschichten, Entwicklungen, Emotionen, Grausamkeiten, was auch immer zusammen, dass es irgendwie ein kleines Wunder ist, dass die Serie dabei vollkommen rund bleibt, ein konzentriertes und faszinierendes Bild der Facetten und Widersprüche gleich mehrerer Welten darstellt. Ich muss das erklären.

Was mich so fasziniert, ist diese Nähe von, ich nenns mal, „typischen Gegensätzen“. QaF macht absolut keine Schönfärberei schwulen Szenenlebens. Es macht auch kein Gruselkabinett auf, im Gegenteil. Wir kriegen die Oberflächlichkeit, den Jugendkult, die Priorisierung der Äußerlichkeit (und ggf. der Genitalien/der sexuellen Perfoemance) aufs Brot geschmiert, mal direkt, mal in meiner Ansicht nach der noch grausameren Beiläufigkeit, die es überall geben mag, die ich in der schwulen Szene aber häufiger und drastischer auszumachen glaube als woanders. Wir sehen aber direkt daneben Freundschaften und von Herzen kommende Zärtlichkeit, die gern beschworene Solidarität, mal direkt und anschaulich, mal um drei, vier Ecken rum. Verdammt, man sieht sogar, wie oft als destruktiv wahrgenommene Verhaltensweisen auch schlicht der Mehrheitsgesellschaft geschuldet sind, die ausgrenzt, diskriminiert und durchaus handfest unterdrückt. Und manche Grausamkeit ist durchaus auch mal ein notwendiger und, (ich unterstelle vielleicht, aber guter Hoffnung) ein voller Liebe getaner Schubs in eine richtige und wichtige Richtung.

…und das alles ist jetzt recht „breit“ beschrieben, genauso fasziniert mich an QaF aber auch so vieles im Detail. Wie viele Gesten, Blicke, Winzigkeiten so unglaublich treffend sind, vieles vorwegnehmen, mehr rüberbringen als fünf Minuten innerer Monolog. Ich habe die Ahnung, ich könnte die ganze Staffel durchsehen und nur drauf achten, welche Blicke Stuart wirft, wie er die Hand bewegt, wie er das Gesicht verzieht, das sitzt alles so unglaublich und bringt derart viel rüber, es ist schlicht der Hammer. Und ich rede hier nicht von einem Arthaus-Drama, ich rede von einem auch für die heutige Zeit erstaunlich schnell und dicht gedrehten Film, in dessen eineinviertel Staffeln mehr Handlung und persönliche Entwicklungen reingepackt sind wie in manche sechs Staffeln Nullerjahrekram. Whatever.

So, genau so! wollte ich auch das Star Tac zuklappen!

So, genau so! wollte ich auch das Star Tac zuklappen!

Ich erwähnte bereits, dass beim ersten Sehen in den Neunzigern bei mir vor allem Stuart (und ansonsten natürlich in erster Linie die beiden anderen Hauptprotagonisten) hängenblieben. Ich bin heute nach dem zweiten mal Sehen erheblich fasziniert, was bei ihren Eltern für Facetten, Entwicklungen aufgetan werden. Ich denke gelegentlich an den Satz, dass LGBTI die einzige „Minderheit“ ist, die quasi im gegnerischen Elternhaus aufwächst. Auch der Aspekt wird in einer erheblichen Bandbreite aufgerollt – von den kontaktabbrechenden Eltern, die den Sohn komplett verstoßen, über durchdrehende, bornierte Väter, unsicheren und unterstützenwollenden Müttern bis hin zur fantastischen Übermutter, die vor und hinter ihren Kindern steht, komme was wolle, obgleich sie direkt noch einige weitere Päckchen durch ihr Leben trägt.

Ich kanns nicht aus eigener Betroffenheit nachvollziehen, wie schwierig, schmerzhaft etc. ein Outing ist oder sein kann. Nur bin ich recht sicher, wenn man QaF gesehen hat, ist man zumindest einen Schritt weiter im Verständnis. Wer ist wo geoutet und wo nicht, warum nicht? Warum doch irgendwann? Es gibt eine ganze Menge folgender Schwierigkeiten, Probleme, Schmerzen, handfester Nachteile bis hin zu existentiellen Fragen in allen möglichen Bereichen, und auch hier haut QaF eine enorme Bandbreite raus – vom offensiven Rausstellen der eigenen Sexualität über Szene/Arbeit/Familie je nach Belastbarkeit bis zu den Wochenendschwulen, die der Ehefrau was von den längeren Verhandlungen im Business simsen. Und vieles, vieles ist nachvollziehbar. Und Himmelherrgott, neben dem allen ist die Serie noch derart oft derart witzig und geistreich, es ist wahrhaftig alles sehr dicht aneinander.

Queer as Folk ist zwanzig Jahre alt. Man merkts an sehr wenigen Punkten. Wer ein Faible für alte Macs hat und sich an Singledatingzeiten mit 56kModem erinnern will, here you go. Wenn man dort die aggressive Schwulenfeindlichkeit nicht nur in den einschlägigen pubertierenden Machoritualen sieht, sondern quer und allüberall in beliebigen Gesellschaftsbereichen: ich habe die vage Hoffnung, wir sind ein Stück weiter. Aber eben allenfalls ein Stück, und man merkt, dass das alles noch nicht lange her und noch längst nicht überwunden ist. Klopfen wir auf Holz.

Zu guter Letzt: Das Ende. No spoilers ahead, es gab die Staffel 1 mit acht Folgen und dann wurde keine zweite Staffel, sondern (IIRC) ein Featurefilm zum Abschluss gedreht, der dann als quasi-Zweiteiler versendet wurde. Man könnte denken, es wird vielleicht alles etwas hektisch zu verschiedenen Abschlüssen gebracht, ich meine mich zu erinnern, es kam mir seinerzeit so vor, nun hatte ich das Gefühl nicht. Also keine Panik vor dem GoT-Staffel8-Effekt. Es passt schon alles bestens.
Guckts euch an. Arte, es sollte noch ne Weile (aber nicht ewig) in der Mediathek sein. Problemlos downloadbar über mediathekview und die anderen einschlägigen Tools. Englisch/OmU, alles andere geht eh nicht. Allein wegen dem Manchesterslang könnte man es auch gucken, aber hey. Packts auf die Platte, jedes Byte wert.

P.S. Adrian weist mich auf die hartgecodeten Untertitel der ARTE-Fassung hin. Das ist richtig. Untertitelfreie Originalfassung gibts ganz normal als Warez.

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2 Responses to Queer as Folk, eine Liebeserklärung (und Serienempfehlung)

  1. Adrian Heine sagt:

    Danke für den Tipp! Ich hab bei Mediathekview nur die Version mit hardgecodeten deutschen Untertiteln gefunden, aber gibt ja noch Piratebay. Du könntest noch erwähnen dass du über die UK-, nicht die US-Serie schreibst ;)

    1. Korrupt sagt:

      Die „Auf keinen Fall US!“-Warnung hatte ich seinerzeit beim Tweet, als die Staffel rauskam bei Arte. Daher hier wahrscheinlich nicht mehr dran gedacht. Danke für beide Hinweise, ist ergänzt. Bloggte ich eigentlich mal drüber, wie man bei Kinox via Chrome-Devtools Filme runterladen kann? ;)

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