Internetnostalgie, Technikoptimismus und Metaverse, ein Nachtrag

Im Rahmen einiger Gespräche zu aktivistischer Minimal Music gings auch um ein paar sehr technikbezogene Aspekte, die beim letzten Post hintenrunterfielen und die mir grade wieder im Kopf rumgehen, weil sich Zuckerberg mal wieder zum Affen macht und mit einem rassistischen Covidioten kuschelt. Metaverse, feuchter Traum untervögelter web3-Apologeten, bleibt ja nach wie vor den Beweis schuldig, in irgend einer Form relevant und zukunftsträchtig zu sein, es sei denn, man steht so sehr auf Büromeetings und Supermärkte, dass man auch noch virtuell dorthin will.

Techniknostalgie! Vor Jahren setzte ich mir die erste Cardboard-Brille mit nem iPhone und der Street View-App in VR auf die Nase und lief die Golden Gate-Bridge runter. Damals schwor ich mir, wenn ich mal als Vollpflegefall in irgend einem Bett liege und nicht mehr rauskann, dann hab ich ne Standleitung und ein VR-Set. Seitdem hatten wir Covid und eine zusammenbrechende Kulturszene. Nun erzählte mir Philip, dass beispielsweise das nebenan eingebundene Klavierkonzert in München deswegen so klasse aufgenommen/gefilmt worden sei, weil eben alles im Coronamodus war und extrem viel gestreamt wurde. Live sei das aber halt nochmal was anderes, vor allem in entspannteren Settings, wo sich Leute auch mal zwischen alle vier Klaviere/Flügel stellen konnten, wenn es ihnen danach war.

Ich bin recht sicher, nicht der einzige zu sein, der da an VR zu denken beginnt. An die Option, ein verdammtes Livekonzert, ob nun klassisch oder sonstwie, so „live“ wie möglich mitzukriegen, von wechselnden Standpunkten aus, mit dem jeweiligen Ausblick und dem zugehörigen Sound. Ob das nun Pflegefälle sind oder Risikogruppen oder einfach verdammt irgendwer ohne Bock auf Anfahrt, himmel nochmal, go for it.

Wir haben die Tech, nichts hindert uns dran, ein paar 360°-Cams auf den nächsten geilen Events aufzubauen, ein paar geile Mics dazuzupacken und ein paar sehr sehr handfeste Inklusions- und Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen, himmel nochmal, wir könnten Live-Events von Orten/“Standpunkten“ aus erlebbar machen, die man so normal gar nicht haben kann. Stell dich neben die Klampfe auf die Bühne, schwebe 20 Meter drüber. Geht alles.


Ich bitte um ein Akustik-Kontert an diesem Ort.

Und jetzt kommt Meta und baut… Besprechungsräume und Supermärkte in VR nach. Mit „Spatial Sound“. Und ich frage mich, was ist mit Leuten passiert, die VR-Tech bauen, Millionen an Mitteln zur Verfügung haben, geilste AV-Medien einsetzen können und den ganzen Tag „Immersion“ schreien, und dann EINEN VERDAMMTEN MEETINGRAUM NACHBAUEN! WEIL WIR ALLE NACHTS DAVON TRÄUMEN, IN MEETINGRÄUMEN ZU SITZEN UND MIT DEN KOLLEGEN IN SPATIAL-SOUND-SOURROUND KPIS UND MARKTCHANCEN ZU DISKUTIEREN!?!?!?ß

Was ist da in den Köpfen schiefgelaufen? Wie wird man eine so arme Lampe und kommt nicht drauf, sich noch rechtzeitig zu erschießen?

Ein Versprechen.

Ein Versprechen.

Es ist viele Jahre her, da kaufte ich ein 14.4er-Modem und warf Trumpet Winsock auf ein Win3.11. Wir waren jung und naiv, und das Netz war riesig. Irgendwann hatte der Netscape Navigator ein animiertes Logo, das während der Seitenladevorgänge animierte und dann nach dem Fertigladen stehenblieb. Es war ein kleines Detail, aber ich erinnere mich, wie fasziniert ich manchmal war – solang sich das Ding da bewegt, liefert irgend ein Rechner irgendwo auf der Welt Daten aus, die ich hier angefordert habe, und ich krieg sie, weil wir vernetzt und verbunden sind, ich hier mit meinem 486/dx33 und die Kiste woauchimmer. Es war ein Versprechen auf große Dinge, die wir hier noch schaffen werden. Und verdammt, wir machten geilen Scheiß.

Und nun sag ich ja gar nicht, man muss jede neue Tech erst mal auf Sex, Drugs und Rock’n Roll loslassen, damit sie ne Berechtigung hat. Ich hab nicht mal was gegen *Geschäftsmodelle*. Aber diese vollständige Visionslosigkeit. Diese Totalausrichtung von allem auf „Könnte es den VCs gefallen?“ Diese Reduktion der Menschen auf „arbeitet, kauft oder guckt Werbung“. Mir ist klar, dass ein Zuckerberg gar nicht mehr anders denken *kann*, aber ich erinner mich vage, dass man aus solchen Gründen schon gelegentlich Leute anstellte, die das dann für einen erledigten.

Es ist ein Elend, aber andererseits, in ein paar Jahren machen das die Kids mit der übernächsten GoPro. Zuck wird nichts dran verdienen, und meine Pflegeheimzeit ist gerettet. Drin vor „Hoffnung ist Mangel an Information“.

Kategorie: Allgemein Tags: , . Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.