Es sind noch nicht ganz zwanzig Jahre, da schrieb ich hier „Strunk vs. Schamoni: The Punk-Rezi of Death“ anlässlich des Erscheinens der beiden Bücher Dorfpunks (Schamoni) und Fleisch ist mein Gemüse (Strunk). Ein ähnlicher Anlass führte nun zur Parallele, dass ich auf Heinz Strunks Zauberberg 2 stieß und auf dem Weg zur Kasse noch auf Pudels Kern von King Rocko Schamoni, und gegen das Schicksal aufzubegehren ist sinnlos, wie wir von den alten Griechen lernten. Punk ist beides nicht mehr oder nur in Teilen, aber ich denke, die textlichen Sachzwänge an der Stelle sind unmittelbar klar.
Kurzfassung Strunk: literarisch ambitioniert und für meinen Geschmack klasse geschriebenes Buch über den Aufenthalt des Protagonisten in einer psychiatrischen Privatklinik. Trocken, direkt, oft genug trostlos und deprimierend und dennoch an vielen, auch überraschenden Stellen erheblich warmherzig. Einblick in auf vielfälige Weise entsetzliche Biografien, grauenhafte Kurzgeschichten. Dazu typische Strunkismen („Wichsdichte“, „Hassdruck“).
Kurzfassung Schamoni: als Fortsetzung von „Dorfpunks“ durchgehende autobiografische Erzählung von einem teilweise scheiternden Weg ins Musiker- und Künstlerdasein voller Selbstzweifel, Prominenz und ungesunder Lebensweise. Persönlich, offenherzig und voller Wechsel zwischen Fremdscham, Mitgefühl und Mitfreude, dazu auf Erzählungs- und Metaebene paralleles Schwanken zwischen Starallüren und Impostersyndrom.
Ich musste beide Bücher jeweils weitgehend in einem Rutsch durchlesen, empfinde für beide Autoren große Sympathien, finde aus teils vollkommen unterschiedlichen Gründen beide sehr fein und lesenswert und empfehle vorbehaltlos weiter. Ob es allen anderen bei beiden Titeln genauso geht? Wahrscheinlich nicht, Geschichte, Form und Stil sind jeweils grundverschieden, ich mag trotzdem andere Sachen einzelwerten, weil sie mir irgendwie passender scheinen.
Einzelwertungen:
Drogen
Strunk: Benzodiazepine, selten Alkohol. Bei den Benzos gibts ne schnelle Anhängigkeits- und Absetzeskalation. Eine Wodkaeskapade endet… tja, wie? Tragisch ist mir zu einseitig, vielleicht so gut, wie man es allen Beteiligten vielleicht wünscht. Ich denke an solche Episoden, wenn ich anfangs von einem warmherzigen Text schrieb. Im Unterschied zu Schamoni kommt mir die Phrase „Konsum ohne Arschlochwerdung“ in den Sinn, man mag sich kleingeistigerweise streiten, was das für eine Botschaft kickt, aber ich denke, das gibts und es ist schön geschrieben.
Schamoni: Alkohol und Speed, beides viel, gelegentlich noch psychedelisches. Nun ist „Pudels Kern“ nicht ganz eine Sex/Drugs/Rock’n Roll-Geschichte, aber Sex/Drugs/uneinordenbarer Indie-Schlager ist nah genug dran, um das alles rund zu machen. Bemerkenswert fand ich, dass trotz recht klarer Abhängkeitsindizien der Begriff „Abhängigkeit“ meiner Erinnerung nach nie genannt wird (ich wills nicht beschwören). Das geht für eine Coming of Age-Geschichte im Indie-Musikbereich vollkommen in Ordnung, im Alter und den Umständen des Protagonisten macht man sich da keinen Kopf, nichtsdestotrotz finde ich es bemerkenswert, wie andere Symptomatiken durchaus belastender Art offenherzig beschrieben und besprochen werden und diese hier nicht.
Wertung: Strunk (parteiisch entschieden, fürs Problembewusstsein.)
Pickel
Schamoni: Tja, direkt zum Einstieg die Fettfresse. Später noch ein wenig speedbedingte Hautprobleme, aber es zieht sich nichts durch, trotz Zinkpasten-Herumdoktern. Ich gönne es ihm von Herzen.
Strunk: Wirkt kuriert, wie schon besprochen (jaja, das hier ist nicht autobiografisch, aber whatever).
Wertung: Schamoni (aber ist das ein Sieg?)
Punk und Prominenz
Schamoni: tja, die Creme der hamburger und berliner Musikszenen geben sich ein Stelldichein. Zitronen, Fehlfarben und weitere Punk-Gewächse, dann die Neubauten, die Hamburger Schule, Lassie Singers, Funny van Dannen, und so weiter. Man merkt, es schweift vom Punk ab, ist und bleibt aber hochklassig. Anfangs wild entschlossen, Bodensatz der Ghettos zu werden, will Schamoni halt irgendwann doch musikalischen Erfolg und Anerkennung, auf den diversen Tourbeschreibungen tut er einem beim Lesen dann einfach vor allem leid (mit leisem Ärger über Arschlochallüren), und wirklich tragfähig werden halt die Sachen, die dann weniger mit selber Musikmachen zu tun haben. Punk gibts entsprechend weniger, Prominenz durchaus. Ich tu Schamoni ein wenig unrecht, denn er hadert schwer mit seinem „mittendrin, aber trotzdem irgendwie Randfigur und mehr Vernetzer als erfolgreicher Musiker“ und das kann ich beim Lesen bestens nachfühlen. Ich stell es mir schwer vor, das zu beschreiben, ohne mindestens ungewollt das „guck, die kenn ich und die mögen mich“ zu kicken. Und keinesfalls hier der Vorwurf, er schmücke sich da mit irgendwas, himmel, er stellt seine Zweifel und Selbstwertprobleme da nicht nur nicht unter den Scheffel, eher in ein sehr grelles Scheinwerferlicht.
Strunk: Vielleicht meinerseits über-reininterpretierte Doppelbödigkeit. Prominenz gibts nicht wirklich, andererseits reden wir über eine teure Privatklinik und Leute, die solang dort bleiben, wie es ihnen gefällt. Hintergründe klingen an (viel/altes Geld), selbstgewählte Nicht-Promis. Alle indessen wegen inhärenter Kaputtheit am Ort des Geschehens versammelt und mehr oder weniger an den tristen Umständen scheiternd; ein nie ausgesprochenes, aber über allen hängendes No Future. Wenn dann eine gewisse Scheißegalhaltung bei manchen Nebenpersonen dazukommt und das Schicksal seinen Lauf nimmt – tja. Ich sag da Punk dazu im besten Sinne.
Wertung: Strunk, einfach so.
Psychische Störungen
Strunk: Depression, Angststörung, Suizidalität. In Nebenrollen substanzinduzierte Psychosen, PTBS uvm. Insbesondere beim Protagonisten teilweise hervorragend beschrieben (soweit ich es auch einschätzen kann), ich ahne erheblich autobiografische Elemente. Weiter unterschiedliche Theapieansätze, allenfalls teilweise Erfolge.
Schamoni: Depression, Angststörung, Imposter-Syndrom, Suchterkrankung, ich tippe weiter auf was bipolares. Therapie wird gelegentlich erwähnt, aber am Rande, in der Regel als nicht hilfreiche, nicht weiter vertiefte und irgendwann abgebrochene Nebenhandlung.
Ums an dem Punkt mal gemeinsam zu behandeln: So unterschiedlich die Beschreibungen und Detailtiefen, so nah sind beide an dem, was ich selber wahlweise kenne oder im Umfeld erlebt habe. Beide Bücher verschaffen Einblick in Innenwelten, die man unbetroffen weniger leicht erhält. Beide zeigen keine konkreten Lösungswege und -schritte auf, das meine ich nicht negativ, im Gegenteil. Strunk geht deutlich detaillierter auf die vielen meist frucht- und freudlosen Ansätze ein, die man in einer Ganztagesbetreuung halt abbekommt. Bei Schamoni wird das „irgendwann besser klarkommen“ sichtbarer, bei Strunk passierts nicht oder man kanns halt hoffen. Immerhin, man kanns gelegentlich hoffen.
Wertung: beidseitiges KO.
Sex
Strunk: Copypaste von vor 19 Jahren: Um den Geekcode zu bemühen: „Ja. Ach, mit anderen? Dann nein.“ Überhaupt hatte ich beim Lesen permanent die Assoziation zu „Ausweitung der Kampfzone“ und stelle fest, so gings mir bereits bei Strunks Zunge Europas. Man mag von Houellebecq denken, was man will, ich halte die Kampfzone für ein großartiges, entsetzliches Buch.
Schamoni: Auch hier Ähnlichkeiten, weil einerseits ja, weiterhin gleichbleibend „wenn die Tür zu ist, dann ist sie zu und gibts auch nichts mehr zu lesen.“ Man gönnts ihm nicht mehr so wie früher, weils teils arschlochig rüberkommt.
Wertung: Schamoni, zwangsläufig (pun intended)
Happy End
Schamoni: Ja
Strunk: Nein
Wertung: Kann man nichts machen.
Metaebenen und Wechselbeziehungen
Schamoni: als er mit seinen Pickelproblemen anfing, war ich einen kurzen Moment fest davon überzeugt, dass er die Punk-Rezi of Death irgendwann las und dachte, verdammt, die Pickel muss ich noch nachholen, das war bei Strunk stark. Die betreffende Wertung gewann er aber schon 2007, insofern wärs nicht notwendig gewesen.
Ab davon trifft er im Lauf seines Buches auf einen gewissen Hans Strunk, den er demnach bereits beim Erscheinen von Dorfpunks bereits kannte, dessen erste literarische Aktivitäten er verfolgte, schätzte und teils auch ermöglichte – mir war bekannt, dass die beiden inzwischen einiges zusammen machten, wie lang das schon so ist, war jetzt für mich überraschend.
Strunk: kloppt ein „Für Rocko“ vor das Buch. Wow. Ich gönns beiden von Herzen, dass sie sich demnach fanden und seitdem gegenseitig guttun, und hoffe, dass das noch lange so bleibt.
Gesamtwertung
Ach, doch nicht. Ich seh keinen Sinn drin, die Punkte auszuzählen, beide Bücher sind auf die eine Weise so verschieden, wie sie nur sein können, und scheinen mir andererseits nah verwandt. Beide haben mehr oder weniger kaputte Psychen als ein zentrales Thema bzw. handlungstreibende Elemente, ohne dass man beim Lesen das Gefühl hat, es geht dauernd um kaputte Psychen, Krankheitsbilder und Therapien. Bei Schamoni ist es die anekdotische, offenherzige biografische Erzählung, in der die einen schrillen Sachen zu den anderen führen. Bei Strunk ist es ein literarisch geschriebenes und gedachtes Werk, das trotz durchgehend und auf vielfältige Weise kaputter Akteure und den zahlreichen schwer finsteren Betrachtungen über die Welt, das Leben und die Menschen meinem Empfinden nach nicht im eigentlichen Sinn deprimierend oder traurig ist, eher erhellend. Schlussinfo: Man muss Manns Zauberberg nicht kennen, ums zu mögen.
Schamoni: Heyne 2024, ISBN 978-3-453-42524-8, 13 Ocken.
Strunk rororo 2026, ISBN 978-3-499-01547-2, deren 15.

