Post-Privacy-Buchrezension: Plomlompom sezt ein paar Diskussionsstandards

Gestern kam Plomlompoms aka Christian Hellers Buch „Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre“ hier an und sorgte für ein länger nicht mehr so drastisch empfundenes Gefühl meinerseits, bisher gehegte Ansichten neu überdenken zu müssen. Ich denke, das ist ungefähr das beste, was ich zu einem Sachbuch sagen kann – ich halte mich für geistig durchaus flexibel und bin recht gut darin, Positionen „stark zu lesen“, damit man sich auf die Inhalte einlässt, aber grundsätzlich Ansichten neu überdenken muss ich trotzdem höchst selten, noch seltener auf Feldern, auf denen ich mich an sich durchaus heimisch und kompetent fühle. Der Titel ist meiner Ansicht nach weiterhin eine Grundlage jeder weiteren Diskussion zum Thema. Wie gesagt, größeres Lob weiss ich keines und das mag ich hiermit gerne äußern.

Post Privacy, Christian Heller

Trotzdem oder deswegen gleich die Haken: ich halte den Titel für falsch gewählt, ich vermisse eine Differenzierung zwischen gezielter und ungewollter Aufgabe von Privatheit und ebenso die Differenzierung bei der Analyse der Nutznießer einer wie auch immer gearteten konkreten Entwicklung, die (richtig beobachtet) unvermeidlich zu einer Erosion verschiedener Vorstellungen und praktischen Realisierungen von Privatheit führt. Mit den Vorausschickungen zum Buch. Update gibts auch eines ganz unten.

„Post-Privacy“ fängt nicht allzu stark an – konkret ist die historische Herleitung des Privaten als neuzeitlich und bürgerlich geprägtes (Herrschafts-) Konstrukt anschaulich und richtig, nur lese ich da immer schon den Vorgriff heraus, dass das alles alte Zöpfe sind, die wohl mal abgeschnitten werden können. Hier wird (wie auch gerne im Folgenden) ohne Not vermengt, was pseudonym und was personenbezogen, was statistisch und was individuell analysiert transparent macht und wird. Dann packt Plomlompom aber den Foucault (explizit) und den Weber aus und legt dar, wie durch Privatheit entstehende Intransparenz eben Herrschaftsmittel zur Entsolidarisierung, Vereinzelung und Etablierung von internalisierten Machtstrukturen ist, und da trifft er den aktuell in der Diskussion extrem vernachlässigten Kern des Problems direkt.

Der stärkste Teil des Buches: es wird klar, dass Datenschutz kein Wert an sich ist, sondern im Gegenteil zu einem nicht unerheblichen (und von mir bislang drastisch unterschätzten Anteil) Herrschaftsmittel zur Schaffung von Intransparenz, Herrschaftswissen und gezielter Vereinzelung ist. Dies auch konkret und historisch erfolgreich. Es scheint mir nach Lektüre klar, dass Datenschutz in vielen, aktuell noch als selbstverständlich geltenden Bereichen eine nur vordergründig emanzipatorische Technik ist, die aber notwendigerweise im Zuge einer umfassenderen Emanzipation erodieren muss.

Das ist wie eingangs bemerkt die Basis, auf der sich meiner Ansicht nach alle Folgediskussion einfinden muss. Der Datenschutz als Selbstzweck ist abzulehnen, seine herrschaftsstützende Funktion weit stärker ins Blickfeld zu ziehen als bisher geschehen.

Wie eine konkrete Umsetzung dieser Analyse in der Praxis aussehen kann, bleibt trotz eines umfassenden Kapitels der Post-Privacy-Strategien offen. Ich sehe (vielleicht im Unterschied zu Plomlompom) ein enormes Ungleichgewicht der Transparenz und insbesondere keine Verbindung zwischen dem emanzipatorischen Potenial allgemein steigender Transparenz und der Möglichkeiten, mich persönlich und nicht pseudonym immer stärker sichtbar zu machen, auch und gerade in „privaten“ Bereichen. Konkret gesagt: die Herstellung von Normalität, die Plomlompom wie auch ich mit am anschaulichsten mit Ugols Law beschrieben sehen, kann auch pseudonym erfolgen, die entstehende Solidarisierung und individuelle Entfaltung durchaus ebenfalls bzw. eben im privaten; nach wie vor ist der Hebel, den andere (mächtigere) Positionen über diese Information ansetzen können, länger als der, den ich mir damit schaffe. Noch konkreter: nach wie vor gibt es zahlreiche private Informationen, die ich durchaus mit (auch zahlreichen) anderen teilen will, nicht aber mit Krankenkasse, Einwohnermeldeamt, Arbeitgeber usw., und ein größeres emanzipatorisches Potential ihrer personenbezogenen Offenlegung ist für mich nur schwer zu erkennen. Auch an diesem Thema arbeitet sich Plomlompom durchaus einleuchtend am Beispiel Schwulenbewegung/Outing ab und ich kann es bestens nachvollziehen, dass er gerade ausgehend von den dort gemachten Erfahrungen für eine aggressivere Offenheit auch in anderen Bereichen ist. Ich bin mir in der Sache aktuell schlicht nicht sicher bzw. kann wie gesagt keine Verbindung herstellen zu den an anderen Stellen genannten Punkten, wo eben immer mehr Transparenz durchgesetzt wird – sei es durchs Profiling über Suchanfragen, Tracking via Checkins usw. -, auch die Differenzierung eines „Outens“ privater Dinge mit anschließendem emanzipatorischen, solidarisierenden und normalisierenden Effekten mit dem in der Regel rein kommerziell geleiteten Userprofiling (und der entstehenden weiteren Akkumulation von Herrschaftswissen) scheint mir so noch nicht auflösbar. Platt und anschaulich: wenn ich mir bei Amazon den grossen Hämorrhoiden-Ratgeber bestelle, meint Amazon, etwas über mich zu wissen und nutzt dieses Wissen auf durchaus systemstabilisierende Weise (und schaltet Doc-Morris-Anzeigen, beispielsweise). Ist es meine Pflicht als emanzipatorisch denkender Mensch, diese Information daher transparent zu machen, die ich ansonsten Amazon exklusiv gebe?

Offen bleiben generell die Fragen nach personenbezogener und pseudonymer Transparenz, nach den emanzipatorischen Potentialen konkreter Datenverarbeitungsprozesse (wenn Google seine Nutzerschaft profilen kann und ich ebenso, verdient trotzdem Google damit Geld und ich nicht) und den konkreten Folgen einer persönlichen Hinwendung zur Post-Privacy, die eben in der konstatierten Übergangszeit mitnichten immer ein reiner Erweiterungsprozess persönlicher Handlungs- und Entfaltungsoptionen ist.

Der Knackpunkt zeigt sich am deutlichsten auf Seite 139, wo es nach der ausführlichen Erörterung der Unvermeidlichkeit und der Vorzüge der Erosion von Privatheit auf einmal heißt:

„Sich auf diese Weise der Kritik und der Anregung der Welt bis vielleicht noch ins Intimste zu öffnen heißt nicht unbedingt, die eigene Selbstbestimmung aufzugeben. Welchen Vorschlägen ich folge, welche Warnungen oder Kritiken ich ernst nehme, ist letztlich immer noch mir selbst überlassen.“

Das ist an dieser Stelle ein etwas unerwarteter argumentativer Rückzug, weiter habe ich eben daran meine Zweifel und eben deswegen bin ich nicht sicher, ob das Setzen auf Transparenz generell ein Wert an sich ist. Hier vermisse ich am stärksten eine notwendige Differenzierung dahingehend, dass persönliche Transparenzstrategien aktuell insbesondere die Position derer stärken, die umfasssenderen Datenzugriff haben, größere Möglichkeiten zum Zusammenführen von Daten, Profilen, Informationen besitzen, diese Informationen machtvoller (und kommerziell erfolgreich) verwerten können usw. Ebenso fehlt der Aspekt erneuter individueller Vereinzelung (beispielsweise in den Facebook-Blasen homogener Gruppen, in der Google-Blase optimierter, zur Weltsicht passender Suchergebnisse, als individuelles Ziel von wie auch immer gearteten Disziplinierungsmaßnahmen) bei gleichzeitiger Verwertung durch zielgerichtete Beeinflussungs- und Kontrollregimes. Hier stößt die im Buch gesetzte Diskussionsgrundlage etwas schmerzlich an ihre Grenzen. Als Gegenposition zum Datenschutz als (höchst fragwürdigen) Wert an sich ist sie jedoch erstaunlich weit begründbar und bietet zahlreiche praktische Anwendungen sowie viele bereits verzeichnete Erfolge. Insofern: großen Dank für ein Buch, bei dem man erst nach Lektüre merkt, dass es ein höchst notwendiger Beitrag zur Debatte war.

174 Seiten, TB, 12,95. Bestellen via plomlompom.

Nachtrag: Warum alle immer aneinander vorbeireden

Ich denke, das Hauptproblem liegt darin, dass sowohl im Buch als auch bei manchen Diskussionen mit der Spackeria nicht ganz klar wird, was man da jetzt alles in den Datenschutz- und Datensparsamkeitstopf wirft. Wenn mir der Staat einen Fingerabdruck im Pass aufoktroyiert, dann ist das eine Zurichtung an seine Kontrollinteressen, die nichts weniger als meine persönliche Freiheit oder Emanzipation zum Ziel hat. Wenn mir andererseits Facebook ermöglicht, Gleichgesinnte zu finden und, ums marxistisch zu wenden, von beispielsweise einer Klasse an sich zu einer Klasse für sich zu werden, Google Streetview mir die soziale Situation an anderen Orten veranschaulicht, auch wenn das manche Akteure nicht wollen etc., dann geht es um diesen freiheitlichen Aspekt der Datenverfügbarkeit, dem durchaus reaktionär wirkende Datenschutzinteressen entgegenstehen könnten.

Es geht hier meines Erachtens nach aber wirklich um zwei Paar Stiefel. Die Daten, die Facebook übers Tracken der (nebenbei auch hier eingebundenen) Likebuttons auch von nicht angemeldeten Usern bekommt, nützen einer wie auch immer gearteten emanzipatorischen Gruppe überhaupt nichts, die Information, welche Personengruppen beispielsweise hier überdurchschnittlich unterwegs sind, mit denen ich mich solidarisch fühlen kann etc. erhält Facebook, nicht ich. An dieser Grundsätzlichkeit in Sachen Informationszugriff ändern auch große Mengen geleakter Accountdaten gar nichts. Diese Asymmetrie wird bestehenbleiben und sich, insbesondere angesichts der wachsenden staatlichen Zugriffsbegehrlichkeiten, eher verschärfen, da kann noch so viel geleakt werden.

Insofern halte ich es durchaus für den realitätsnäheren Ansatz, von emanzipatorischen und von reaktionären Datenschutz/Datenbefreiungsstrukturen zu reden, die gehen *manchmal* ineinander über, aber beim so grob Drüberdenken sehe ich da durchaus gute Differenzierungsmöglichkeiten. Dass es reaktionäre Datenschutzbestrebungen gibt, jenseits reiner staatlicher Intransparenzen, das scheint mir der eigentliche Punkt zu sein, den das Buch klar macht und an dem man sich in Zukunft vermehrt abarbeiten muss.

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7 Responses to Post-Privacy-Buchrezension: Plomlompom sezt ein paar Diskussionsstandards

  1. Hätte es mir ja jetzt direkt bestellt, wenn es denn digital zu haben wäre… :/

  2. Torben says:

    Schließe mich Carsten Dobschat an, wird es digital zu erhalten sein? Wann? Und warum nicht gleich?

  3. Korrupt says:

    Meine Vermutung, dass es der Verlag halt (vorerst?) nicht wollte, wobei ich grade nicht weiss, wie erschrocken da Beck an sich ist mit ihrem ganzen Jurakram.
    Leseproben digital gibts immerhin.

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  7. doc says:

    Meines Erachtens liegt die Stärke von Hellers Buch gerade darin, systematisch herauszuarbeiten, was unser Arbeiten im Netz in der Konsequenz bedeutet bzw. bedeuten kann.

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