Folgendes wird keine Remineszenz an Tocotronic-Fanboytage in den Nullerjahren, sondern eine Liebeserklärung an David Foster Wallace. An mir ging er lange Zeit komplett vorbei, ich weiß nicht, was mich auf „Unendlicher Spaß“ schubste, aber ich las und wußte nach den ersten paar dutzend Seiten, Ruppsel, da hast du wen gefunden, der kann über beliebiges schreiben und du liebst es und willst nicht damit aufhören. Ich las dann natürlich auch die biografischen Hintergründe und wollte mal wieder dem Universum als solchem in die Fresse schlagen, weil es ein verpfuschter Haufen Mist ist, wenn es solche Biografien hervorbringt. Dann las ich „Der Besen im System“, dann die „Alles ist grün“-Kurzgeschichten, irgendwann irgendwo online „Das hier ist Wasser“, was vielleicht der Form und dem Anlass halber ein wenig schlechter ins Bild passt, aber auf jeden Fall ein Manifest tief empfundener Menschlichkeit und Empathie ist, die ich Wallace unbenommen abnehme, und dann machte ich mich mit ganz ungutem Vorgefühl an „Der bleiche König“, nicht etwa, weils Fragment blieb und das bestimmende Thema die Langweiligkeit der Arbeit in einer Steuerbehörde war, sondern weil ich davon ausging, dass es danach nichts mehr größeres von Wallace für mich zu lesen gab.
Soweit, so schlecht, nun war letztens im Auto Radio an und jemand las aus einer Kreuzfahrt-Berichterstattung von David Foster Wallace, und siehe oben, ich hasse Kreuzfahrten wie jeder andere vernünftige Mensch auch, aber ich war vom ersten Satz weg begeistert und darüber hinaus die „Oh wie herrlich, da gibts nochmal was, ich muss suchen“-Vorfreude, und oh boy, da gibts noch was. „Der Spaß an der Sache“ ist die Essaysammlung von Wallace, da schrieb er viele von, und die Aussicht auf schlappe dreizehnhundert Seiten Wallace waren kaum, ach, eigentlich gar nicht getrübt von der Tatsache, dass der komplette erste Abschnitt halt ausschließlich (weil: Essays erst thematisch, und dann chronologisch sortiert) Tennis-Berichterstattung war. Nun spielt Tennis in „Unendlicher Spaß“ (und in Wallaces‘ Biografie) durchaus eine wichtige Rolle, allein, es interessiert mich an sich nicht wirklich. In „Unendlicher Spaß“ ist es indessen mehr als nur philosophisches wie auch handlungstechnisch rahmendes Mittel, ich las auch dort mit Begeisterung, und so dachte ich, ach, bevor du direkt zu den anderen Berichten springst, lies mal in die erste Reportage rein.
Nach der Vorrede überrascht es wahrscheinlich niemanden, dass ich grade mitten in den Tennisreportagen stecke und grade eigentlich nur deswegen aufgehört hab damit, weil ich nicht den ganzen Tag lesen will, weiter diesen Text hier der Welt zur Kenntnisnahme vorlegen möchte und außerdem das glücklich-bedauernde Buchschließen nach der letzten Seite so dermaßen rauszögern will, wie es nur geht, und ich lese (zu) schnell und es wird nicht klappen. Wallace beobachtet alles, findet Bemerkenswertes, denkt klug dazu, schreibt klug, aber nicht klugscheißerisch darüber, er findet mit traumwandlerischer Sicherheit die Aspekte einer beliebigen Sache, die dem Hirn was zum Bebrüten geben, ob man will oder nicht. Sein konkretes Thema, ja selbst die literarische Form ist vollkommen egal. Reportage, großer Roman, Fragment, Kurzgeschichte; gehts um Tennis, Sucht, Wohlstandsverwahrlosung, Herz-Lungen-Wiederbelebung oder Vorsteuererklärungen – man liest Wallace, versteht zwangsläufig die Welt und die Menschen ein wenig besser und ist irgendwas zwischen fasziniert, erleuchtet und von einer tiefen, unbestimmten Traurigkeit erfüllt.
Letztens schrieb ich wem einen kleinen Gruß in den ersten Band des Anhalters, sinngemäßes „Hier die Weisheit der Altvorderen, überreicht mit dem leisen Neid auf jemanden, der das noch zum ersten Mal lesen darf“, und so fühle ich mich grade bei den noch ungelesenen knapp tausend Seiten Wallace. Ich will grade dankbar sein für jeden Satz und jeden Gedanken, den er zu Papier bringen durfte und hasse alles, was es ihm zum Schluss unmöglich machte.






















