Den eigenen Nazi-Wurzeln hinterherrecherchieren…

…ist so eine Sache. Es ist ne Weile her, da rauschte auf Twitter ein Statement ungefähr der Art an mir vorbei, dass die Nichtaufarbeitung der NS-Vergangenheit in Deutschland ja eine generelles und nicht nur ein staatliches/institutionelles Versagen sei, dass durchgehend die Familiengeschichten geschönt seien und ja offenbar alle, (wie wir seit Oettinger wissen) selbst Verbrecher wie Filbinger irgendwie auch „im Widerstand“ waren, man fragt sich, wer eigentlich dabei war.

Ich empfand einen Anflug von schlechtem Gewissen: ich werd zu der Generation gehören, die als letztes die eigene Verwandtschaft hätte fragen können, was da eigentlich Sache war. Jetzt ists aber auch schon ein paar Jahre her, dass meine Großmutter starb, und ich fragte seinerzeit nicht. Das hat auch damit zu tun, dass sie eine Kriegswitwe war und mein Großvater in Stalingrad blieb. Entsprechend hatte ich nie viel von ihm erfahren und ein gutes Stück weit auch Hemmungen zu fragen. Ich hatte eine Großmutter, die nicht wirklich einfach, aber eine herzensgute Frau war, einen Vater, der uns immer vermittelte, dass es uns nie so wie ihm gehen sollte: aufzuwachsen ohne einen Vater, der sein Kind lieben und sich kümmern konnte. Natürlich will man in solchen Kontexten keine Großväter als Täter sehen. Ich fürchte, wahrscheinlich erfährt man im Folgenden mehr über mich denn über die Familienvorgeschichte. Aber nun.

Meine ersten Erinnerungen dahingehend, dass mein Großvater bei mir unter Naziverdacht geriet, betreffen interessanterweise ein Jugendbuch, das ich irgendwo mal beim Stöbern fand. „Der wahre Robinson“ von Oskar Kloeffel, ich erinner mich, dass ich den „richtigen“ Robinson damals schon gelesen hatte, das Buch fand, las und sehr eigenartig fand. Das ist nun sehr lang her, aber um die ferne Erinnerung noch weiter zu verkürzen: eine Robinsonade, in der der „Robinson“ sich die Hälfte der Zeit den Kopf zerbricht, ob er seinem (farbigen) Freitag trauen kann, weil der ja wild und degeneriert ist, ob er sich und seine Kultur verrät, wenn er mit ihm kooperiert usw., der naive Richie damals kapierte es schlicht nicht, aber es blieb hängen und irgendwann mit mehr Kontext verstand er ein wenig besser, warum das seinerzeit wohl als gute Jugendliteratur gegolten haben könnte.

Ein Nachweis der arischen Abstammung

Ein Nachweis der arischen Abstammung

Was erfuhr ich sonst über ihn? Nicht viel – meine Großeltern heirateten kurz vor dem Krieg (1937), er war wohl Arbeiter im Nachbarort, und dann war er zuerst direkt auf dem Frankreichfeldzug und später dann in Russland. Ich erinnere mich an eine Erzählung, dass mein Vater ihn kaum, wenn überhaupt bewusst (weil Baby) gesehen hatte und das sollte auf einem Zwischenstopp der Bahn gewesen sein, mit dem er an die Ostfront gebracht wurde, und bei der Durchreise von West nach Ost noch mal schnell Frau und Kind treffen konnte. Und aus Stalingrad dann zum einen, dass er ein Bein verloren hatte und zum anderen, dass er zuletzt von einem anderen Soldaten im Schneetreiben gesehen wurde, der ihm zurief, in welche Richtung der Sanka sei, und in die sei er dann auch verschwunden. Dann nichts mehr, die einschlägigen Hilfs- und Recherchedienste hatten auch Jahrzehnte später nichts zu berichten. Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Leave a comment

CCCamp2019, es war mir ein Fest

c-base, nachts. Überhaupt, Camp nachts.

c-base, nachts. Überhaupt, Camp nachts.

Ja, nachts ist das Camp immer noch mal ne Liga für sich. Ich war einmal mehr begeistert vom Input, den Leuten, der Stimmung und dem gelegentlich bewussten Realisieren, dass eine bessere Welt möglich ist, aber an der Stelle lass ichs nun auch mit den ganz großen Kalibern. Unpassend, aber mit etwas unbehaglichem Hintergedanken: an sich wärs mir lieber, wenn das „nächstes mal noch geiler“ nicht weiter über die „große“ Campausstattung gefahren wird, sondern etwas dezentraler, kleiner, über Villages usw. Was ja bereits jetzt stattfindet, aber ums zuzuspitzen: ich tausche jederzeit zwei der großen Flakscheinwerfer gegen einen Cat5-Kabel-Gartenzaun mit LED-Leuchtaugengartenzwergen. Whatever.

Einhörner, Lichter, alles.

Einhörner, Lichter, alles.

Die Infrastruktur war ansonsten eine sehr feine Sache, Mate- und Tschunknachschub jederzeit sicher und ich ließ mir leider nur erzählen von einer „Betonmischmaschine, Rum, Mate, Limetten, Zucker und Trockeneis“-Aktion, die eine interessante Diskussion lostrat, wie unser GPA-Betonmischer ggf. auf vertretbar hygienische Weise in eine Tschunkmischmaschine transformiert werden könnte. Ich musste dann aber gehen, als es spannend wurde, weil ich einen Workshop unbedingt mitnehmen musste: Hirnwellen scannen mit DIY-Einfachstelektronik. Die mit dem erstaunlichsten Label-Zustimmungsstatement kam, das ich bisher sah. Es gibt theoretische Szenarien, mittels derer man sich bei inkorrekter Anwendung den Vorderhirnlappen toastet, deswegen kann man das Hirnwellen-Messkit leider nicht im Netz ordern.

Spätverkauf, CCCamp2019.

Spätverkauf, CCCamp2019.

icibici-Warnung vor dem Workshop

icibici-Warnung vor dem Workshop

Im Endeffekt gehts aber nur um drei Elektroden, die via Frequenzmodulation und -verstärkung Hirnwellen auffangen und via Audioeingang an weitgehend beliebiges Gerät ausliefern können. Man sollte die Kabel flechten (damit alle die gleichen Störeinstreuungen kriegen) und abschirmen (damits möglichst wenige sind). Dann packt man sich die Elektroden an den Kopf, fixiert mit einer (in meinem Fall pinken) Billigbademütze (teuerstes Einzelteil des ganzen Kits) und misst bzw. experimentiert. Es gibt eine Applikation, mit der man quasi via Hingucken Knöpfe drücken kann: man hat z.B. „Ja“ und „Nein“ als unterschiedlich schnell blinkende Icons auf dem Screen. Guckt man drauf, wird die Blinkfrequenz des jeweils fokussierten Buttons im Sehzentrum teils nachgebildet und messbar – die Messung der jeweiligen Blinkfrequenz löst dann den Klick auf den passend blinkenden Button aus. Getestet, und Treffer waren reproduzierbar sehr deutlich über Zufall.

Icibici-Hirnstromscanner, Drahtflechten

Icibici-Hirnstromscanner, Drahtflechten

Hirnstromscanner auf dem CCCamp2019, fertig und einsatzbereit

Hirnstromscanner auf dem CCCamp2019, fertig und einsatzbereit

Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , , , | Leave a comment

CCCamp2019, ein paar Eindrücke

Zivilisierte Existenz auf dem CCCamp2019

Zivilisierte Existenz auf dem CCCamp2019

Das Camp dieses Jahr ist, ich lege mich fest, großartig und ich bin grade ein wenig tiefenentspannt, und das ist ein wenig eine neue Erfahrung für mich auf Hackerzusammenkünften. Tag 0 angekommen, Aufbau, und nun ja, wir reden ja nicht von Luxus, sondern den Grundlagen einer zivilisierten Existenz.

Wie immer auf dem Camp: ich neige mehr zum rumstiefeln, gucken, quatschen, chillen, statt in jedem zweiten Workshop/Vortragsslot zu sitzen, und ich bin dieses Jahr auch ein wenig mit dem Gedanken hier, mich ein wenig für den ganzen Utopiastadt/GPA-Komplex inspirieren zu lassen. Was die Paletteninstallationen angeht, wurde insbesondere mit dem Duschwunderland ziemlich vorgelegt.

Duschwunderland-Palettenliegewiese

Duschwunderland-Palettenliegewiese

Okaye Theke.

Okaye Theke.

Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , , | 1 Comment

Newslettertracking, die böse Marketerperspektive

Das nimmt grade ein wenig überhand mit der Trackingdekonstruktion, und ich sehs nicht als mein Kernthema, aber jetzt lief mir erst Netzpolitik mit dem Newslettertracking über den Weg und nun eskalierts der von mir außerordentlich geschätzte diplix nochmal eins weiter (1), und dann juckts den Tippfinger. Vorab: folgendes soll absolut keine Rechtfertigungsschrift sein, sondern schlicht eine weitere Perspektive aufs Problem, das ich zugegebenermaßen jetzt nicht als sonderlich groß empfinde. Weiter bin ich einmal mehr kein explizit mit NL-Marketing befasster Onlinewerber, hab aber durchaus damit zu tun gehabt und eine Latte Backends und Auswertungen von hinten gesehen und auch durchaus strategisch mitgeplant.

tl;dr: Viel tolles Marketinggerede von Marketingdienstleistern ist Marketinggerede, viele maximalinvasiv wirkende Techniken sind in der Praxis weitgehend irrelevant, es geht nicht immer ums User maximal durchleuchten, sondern oft genug ums „wir haben den geilsten Tech, kauft unsere Plattform“. Ein Newsletter ist eine ausgelagerte Webseite, auf der man angemeldet surft, handle mit es.

Kurzgefasst das Problem: In Newslettern sind Trackingpixel, mit denen wird gemessen, ob und wann der Newsletter geöffnet wird. Das ganze in der Regel individualisiert, sprich, ich sehe, wann du (ja, genau du) meinen NL aufgemacht hast. Wenn du einen Link in einem Newsletter klickst, ist der in der Regel auch kein Link der Art https://www.example.com/zielseite, sondern https://www.example.com/zielseite?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=heutigesdatum-nl&utm_content=produktlink-3 und wenn man das selber nachbauen will, Google hat ein Tool dafür. Sinn davon: wer klickt, wird auch auf der Webseite als Besucher erfasst, der über Link X vom Newsletter Y kam.

Ausgebaut das Problem: wer jetzt seinen Newsletterordner durchsieht, findet dort aber meist keine Links nach Muster https://www.example.com/zielseite?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=heutigesdatum-nl&utm_content=produktlink-3, sondern vielmehr was deutlich kryptischeres in der Art von https://nl.example.com/u/bla.php?v1=xyz&v2=abc&usw, und das liegt daran, dass die Newsletterplattform gleich via Subdomain in die eigene Domain integriert wird. So kann idealerweise auch gleich das passende first Party-Cookie gesetzt werden, kann man individuelle kryptische URLs für jeden einzelnen Empfänger generieren und diese nach wiederum individualisiertem Usertracking auf eine URL mit den oben genannten Parametern weiterleiten, damit der Webseitenbesuch wieder separat weiter erfasst wird. Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , , , | 2 Comments

PWAs am Desktop installieren, auf Chrome und Chromium: warum?

Vorsicht, ungute Paarung: ein Tech-Thema, zu dem mir einiger Tech-Hintergrund fehlt und ich mir in erster Linie ein paar „Wozu ist das gut?“-Gedanken mache. PWA, ist die Abk. für „Progressive Web App“, und wer die letzten Jahre nicht ganz unterm Stein verbracht hat, bekam mit, dass das eine Art „Apps für Arme“ ist: eine Website, die man wie eine „Beinahe-App“ auf dem Smartphone installieren kann.

Installier! Mich! Jetzt!

Installier! Mich! Jetzt!

Sehr verkürzt: ein Manifest und eine Latte Javascript, mit der Website-Ressourcen gezielt lokal/mobil gecached werden, was vor allem bei schlechten/unzuverlässigen Mobilverbindungen hilfreich sein kann. Dazu ein bisschen hübsches Blingbling, damit der Mobile-Browser, in dem das läuft, ein wenig „app-artiger“ aussieht. Ich kling grade ein wenig abfällig, ich meins mitnichten so: an sich ist das eine ziemlich clevere Sache, die nervige Situationen (schlechtes mobiles Netz) entschärft, Ressourcen spart und im gleichen Aufwasch die Usability verbessert. Im Unterschied zu anderen googlegetriebenen „Netzverbesserungen“ wie AMP sogar quasi komplett in Webmaster/Client-Hand. Einziger Haken: wirklich verbreitet/bekannt seh ich das kaum, jenseits einer sehr eng begrenzten Zielgruppe von Leuten, die sich gelegentlich mit Mobile Speed-Optimierung auseinandersetzen.

Eine Weile schon – mir fiels erst heute auf – kann man nun PWAs auch auf dem Desktop „installieren“, genauer gesagt: mit Chrome/Chromium. Linux, Mac, Win, naturgemäß egal. Hier via Kubuntu legts einen Starter unter $home/.local/share/applications an, der macht an sich nichts, als Chromium mit einem separaten Profil und den PWA-Daten zu starten, in einem netten eigenen Fenster. Von dem aus kann man natürlich sonstwohin surfen, für nen Kioskmode scheint mir das nicht geeignet, aber wohl auch nicht gedacht. Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , | 3 Comments

Browserfingerprinting und Märchenstunden von digitalcourage

Mal wieder zwei recht verschiedene Aufhänger: Einmal die jüngsten Big Brother-Awards und digitalcourage, die von einer der relevanten deutschen Institutionen in Sachen Netz und Bürgerrechte zu einem Zugunglück verkommen sind, das zu beobachten mir langsam selber peinlich wird. Zum anderen: Browserfingerprinting. Wahlweise ein Schreckgespenst, das man rausholt, wenn einem die Argumente ausgehen oder eines der Werbeversprechungen von Werbeunternehmen, die, nun, Werbeversprechen sind. Digitalcourage ist der Aufhänger, Browserfingerprinting eher die Frage ans interessierte und informierte Publikum, ob ich meine aktuelle Einschätzung „Fingerprinting ist ein nettes Verkaufsthema, das ungefähr wie die Kernfusion permanent in $zeitspanne was wird“ überdenken sollte.

Wer sich an drastischen Urteilen stört, folgendes tut mir leid und es wär mir lieber, wenns anders wäre. Meiner Einschätzung nach ist die ganze BigBrotherAwards-Blase zu einer Bande selbstgerechter Arschlöcher verkommen. Aufhänger: Zeitonline kriegte einen der „Negativ-Preise für Datenkraken“ verliehen und hat im Folgenden plausibel dargelegt, was an der Laudatio zur Preisverleihung alles falsch war. Wenn daraufhin auf Seite der Verunglimpfer Preisverleiher mit keinem Wort auf eigene Fehler eingegangen wird, dann ist das eine sachliche und moralische Bankrotterklärung.

Fehler? Wir machten doch keine Fehler!

Hier wurde eine Trackeranalyse grundlegend und in mehrerer Hinsicht vollkommen verbockt, und es fällt kein Wort der Entschuldigung, kein Wort darüber, was man selber falsch gemacht hat, man lässt sich zu einem „…klingt plausibel“ herab und verkennt, dass man sich gerade grundsätzlich als kompetente Instanz disqualifiziert hat, die das beurteilen könnte. Sahnehäubchen: „Am Wesenskern meiner Laudatio ändert sich nichts.“

Third Party source, ist doch alles dasselbe, oder?

Third Party source, ist doch alles dasselbe, oder?

Für ChPietschs anschließendes Twitterstatement, ein Googlefont-Abruf übertrage dieselben privaten Daten wie ein FB-Pixel, fällt mir beim besten Willen nur die Interpretation der bewussten Lüge ein. Witzigerweise versucht er später zurückzurudern, es würden „prinzipbedingt“ dieselben Daten übertragen und unklar sei nur, ob sie gespeichert würden. Das geht immerhin als halbwahrer Blödsinn durch, wenn es tatsächlich nur um eine IP-Adresse ginge, aber dann müsste man ja zugeben, dass die Aussage Googlefoont=FB-Pixel eben falsch war (und padeluun mit seiner Einschätzung von Googlefonts als Trackingtool, („…mit die Schlimmsten….“), Müll redet. Unnötig zu sagen, dass ich im Zuge dessen natürlich geblockt wurde und padeluun den ganzen Mist durchfavt, inclusive dem Statement, dass Cookies ja eh durch seien und Browser-Fingerprinting der neue heiße Scheiß.

Meine Sicht der Dinge: Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , , , | 5 Comments

JusProg: Von Jugendschutzprogrammen und unerwarteten Ablebensgründen

Letztens bekam ich die Vorbeben mit, dass dem einzigen von der KJM zertifizierten Jugendschutzprogramm ebendiese Zertifizierung entzogen werden soll, führte einige nette Gespräche und nun ists soweit. Torsten Kleinz schreibt was bei SpOn und liefert einen schönen Überblick. Das Thema verfolge ich schon etwas länger, daher ein paar Anmerkungen, Zuspitzungen und wilde Theoriefindungen meinerseits. Denn an sich hielt ich sowas für überfällig, wundere mich grade aber sehr über die Gründe.

Kurz Rahmeninformationen. Die KJM ist die Kommission für Jugendmedienschutz, die den Jugendschutz im Privatrundfunk und im Internet reguliert. Extrem verkürzt: sie ist quasi die „staatliche Seite“, die qua gesetzlicher Verpflichtung ein Interesse dran hat, dass „Jugendmedienschutz faktisch stattfindet“. Das Ganze als Verbandsorganisation der Landesmedienanstalten, weil Rundfunk Ländersache ist.

Die FSM ist die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter und somit quasi die „Unternehmensseite“: sie hat unter anderem ein durchaus wirtschaftliches Interesse daran, dass „Jugendmedienschutz faktisch stattfindet“: denn dann sind etwaige strengere Regulierungen nicht notwendig und kann man in Ruhe Geld verdienen. Daher liegt auch der FSM aus durchaus naheliegenden Gründen daran, dass es in Deutschland eine funktionierende Jugendschutzlösung auch und grade fürs Internet gibt.

Die gabs bislang mit JusProg, dem Jugendschutzprogramm des gleichnamigen e.V., der selbiges entwickelte. Und wer sich wundert, dass nun in der FSM-Mitgliederliste ebenso wie im JusProg e.V.-Vorstand Namen wie RTL, Vodafone, Pro7/Sat1 auftauchen: das ist weder ungewöhnlich noch hat es ein „Geschmäckle“, denn natürlich sind es genau dieselben Interessen, die von denselben Akteuren vertreten werden: wir verpflichten uns zu freiwilliger Selbstkontrolle, und dazu gehört auch, dass wir eine Lösung anbieten, um bei Bedarf jugendgefährdende Inhalte im Netz von den Eltern auf der Kiste sperren zu lassen.

Nochmal extrem verkürzt: Die Unternehmen (FSM) versprechen den Ländern (KJM), dass sie (freiwillig) die notwendigen Maßnahmen ergreifen, damit der Jugendschutz im Netz gewährleistet ist, und das erreichen sie unter anderem mit einer geeigneten Jugendschutzsoftware (JusProg). Die KJM schaut sich JusProg an, findets in Ordnung, alle sind glücklich und man redet nicht weiter drüber. Gedanke meinerseits: Schon gar nicht darüber, dass das alles niemanden interessiert, nichts nützt und niemandem was anderes bringt außer Ärger. Denn dann müsste man sich eingestehen, dass man völlig sinnlos Zeit und Ressourcen vergeudet, um zumindest so zu tun, als ob man einen verlorenen Posten halte. MAN REDET NICHT WEITER DRÜBER.

Nun schaute sich die KJM JusProg aber wieder an und fands nicht mehr in Ordnung. Nur für Windows, nur für Chrome, das sei nicht mehr zeitgemäß. Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , , | 2 Comments

Herr Sonneborn geht nach Brüssel, eine Kauf- und Leseempfehlung

Sehr gutes Buch: Herr Sonneborn geht nach Brüssel.

Sehr gutes Buch: Herr Sonneborn geht nach Brüssel.

Ich weiß, die Rezis häufen sich, aber ich las das Buch letztens und muss es sehr weiterempfehlen, und nicht mal, weil es ein lustiges Buch eines hervorragenden Satirikers über die gern geschmähte EU und ihre Institutionen ist. Ich bin der festen Überzeugung, Sonneborn ist ein besserer Europäer als viele, die sich das entsprechende Mäntelchen gern umhängen, und weiter, dass er mehr für Europa und die europäische Einigung, die „europäischen Werte“, das Interesse und die Wertschätzung für den Einigungsprozess und nicht zuletzt für die Demokratie tut als ein Großteil seiner Amtskollegen.

Weglesen kann man den weitgehend chronologischen Bericht seiner ersten Amtszeit am Stück. Wer die „Berichte aus Brüssel“ aus der Titanic kennt, wird den Stil wiedererkennen, wobei mir die Buchform ausgearbeiteter und ausführlicher vorkommt, naheliegenderweise. Dem „Knackig und auf den Punkt“-Stil tut das keinen Abbruch. Es gibt viel zu erfahren, es gibt viel zu lachen und es gibt, das finde ich am erstaunlichsten und erfreulichsten, viel, was Mut macht in mehrerer Hinsicht. Ich drösel das mal auf, spoilere ein paar Pointen dabei, aber ich denke, das Buch sollte man ohnehin eher als Informationsquelle lesen und es bleiben wirklich viele andere für die Lektüre übrig.

Wollte ich das wissen?

Ich erlaube mir oft den Luxus zu glauben, dass viele Leute nicht dumm und durchaus auch guten Willens sind. Das gilt auch für Akteure aus der Politik, auch der europäischen. Gelegentliche „Das darf doch nicht wahr sein“-Erkenntnisse verderben mir das gelegentlich, aber die einleitende rhetorische Frage beantworte ich dann doch mit „ja“. Beispielsweise wenn ich lese, dass die 3%-Stabilitätsklausel, mit der diverse Staaten zu ruinöser Austeritätspolitik geprügelt wurden, auf den Wunsch Mitterrands zurückgeht, irgendwas Einfaches entgegnen zu können, wenn Ministerien Geld von ihm wollen. Man habe sich „…die Zahl von drei Prozent in weniger als einer Stunde ausgedacht. Sie wurde auf einer Ecke des Schreibtischs geboren, ohne jegliche theoretische Reflexion… Drei Prozent? Das ist eine gute Zahl! Eine Zahl, die die Epochen überdauert hat, das ließ an die heilige Dreifaltigkeit denken. Nehmen wir doch drei Prozent!“.

Oder eines der Beispiele für die „Lobbyisten schreiben die Gesetzesentwürfe“ – Geschichten. Am Rande wird erzählt, dass die CSU ein Gesetz in den Landwirtschaftsausschuss eingebracht hat, das dem Handel das Überschreiten gesetzlicher Normen für Umwelt- und Qualitätsstandards verbietet. „Mehr Bio als der Mindeststandard“ sei nicht erlaubt, und eingebracht hat es ein Albert Deß von der CSU, und so sieht seine Homepage aus:

Willkommen bei Albert Dess.

Willkommen bei Albert Dess.

Oder die Geschichte seiner Rede, in der u.a. die witwensichere Endlagerung der Kanzleraltlast Kohl konstatiert wird und die Forderung aufgestellt wird, dass Deutschland nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen soll als das Mittelmeer. Ich kann mich gut an die allgemeine Entrüstung im Blätterwald erinnern, aber hier las ich zum ersten Mal, dass ein EU-Parlamentarier mal nachgehört hat, welche Inhalte seiner Rede wie in welche andere Sprachen übersetzt wurden. Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , , , | Leave a comment

Echtzeit-Pornografie. Wie Deutschlandfunkkultur Pornoanalyse suggeriert

Vorab: Update am Schluss. Warum mich immer mal wieder Leute auf Pornthemen hinweisen, versteh ich nicht ganz hat wohl damit zu tun, dass es ein durchaus divergent rezipiertes Thema ist, das mich schon recht lang beschäftigt. Christian warf mir den Link zur DFkultur-Sendung „Illusion und Rhythmus – Wie Pornofilme Echtheit suggerieren“ zu und meine erste Reaktion war „Wie, Echtheit, was soll der Scheiß?“. Nichtsdestoweniger, ich wollts mir in Ruhe und ergebnisoffen anhören, tat selbiges und bin anderer Meinung, mehr noch, ich halte Format und Analyse in der Form für falsch und kontraproduktiv. Starke Thesen, die ich mit der Einschränkung versehen will, dass man in fünf Minuten Podcast keine tief differenzierte Genreanalyse liefern kann. Aber zur Sache.

„…wie schafft es der pornografische Film darüber hinaus, den Anschein von Authentizität zu erzeugen – und welche Rolle spielt die Zeit dabei?“ endet die Einstiegsfrage zu einer Textkurzfassung, bei der ich erst noch den Eindruck hatte, OK, das ist halt durch Kürze entstellt. Allein, die Sendung ist nicht wirklich tiefgehender. Lange Einstellungen, Gonzo-Stil, POV: es ginge um das Gefühl von Authentizität. Selbst im queeren/feministischen Porn und in Pornparodien, und der Erfolg von Livecam-Angeboten läge eben auch und grade im Authentischen und der Echtzeit.

Das kommt mir falsch vor und um ebenso verkürzt eine Gegenthese zu formulieren: nein. Porn ist in erster Linie eine Fantasieerfüllung, ein höchst artifizielles Format, meine zugespitzte Lieblingsdiagnose: Pornos sind sowenig normaler (lies auch: authentischer) Sex, wie Mad Max normales Autofahren ist. Dass „echter“ Sex stattfindet, geschenkt, da reden wir über die Genredefinition. Dass er „authentisch“ ist, „Echtheit“ suggeriert… nochmals zugespitzt, aber wenn sich authentischer Sex dadurch definiert, dass man nicht nur das Gleitgel-Nachlegen, sondern auch den Schnitt dafür nicht sieht, ist die Definition armselig. Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , | Leave a comment

Feuer und Blut, von George R.R. Martin

George R.R. Martin, Feuer und Blut Bd. 1

George R.R. Martin, Feuer und Blut Bd. 1

Spontankauf auf dem Flughafen: besagter Titel, und nachdem ich jetzt schon durch bin, spricht das fürs Buch. Zugegeben, ich bin ein Fan, aber ich meine, mit vertretbaren Gründen. Sollte man es lesen, wenn man das „Lied von Eis und Feuer“ mag? Um einem unvermeidlich folgenden Tolkien-Vergleich vorzugreifen: Die Bedenken spielen nicht in der Liga von „Wer den Herrn der Ringe mochte, wird mit dem Silmarillion nicht zwangsläufig glücklich“, aber in schwächerer Form gehts in die Richtung. Die Westeros-Bücher sind spannend erzählte Romane, die Serie eine teils deutlich gedrängte, aber unbestreitbar detailreiche und charakterstarke Version, aber „Feuer und Blut“ ist ein Stück weit eben „Geschichtswerk“, in dem Charaktere und Geschichten naturgemäß deutlich knapper umrissen sind. Während die bisher erschienenen Bände eine Handvoll Jahre umspannen und dafür viele Bäume sterben mussten, bringt Feuer und Blut zwar knappe 900 Seiten mit, frühstückt damit aber eben mal ca. 150 Jahre ab. Es hat mir gefallen (das in den nächsten Absätzen etwas ausführlicher) und es macht mich ein wenig generell nachdenken bezüglich Martins Westeros-Geschichte und wie ich sie wahrnehme, dazu dann später.

Erzähler ist ein Erzmaester, der die Geschichte des Hauses Targaryen von (vor) der Landung in Westeros bis zum letzendlichen Fall des Hauses vor der Zeit der Serie erzählt. Martin tritt als „Übersetzer“ in Erscheinung, eine charmante Idee, die mich, hihi, an die Hassliebe zwischen Walter Moers und Hildegunst von Mythenmetz erinnert, aber ich sollte nicht im zweiten Absatz bereits abschweifen. Ich musste mich an den Stil gewöhnen, aber gebe gern zu: Martin macht das wirklich gut. Die Quellen des Erzählers werden regelmäßig genannt – meist Maester oder Septone, aber auch die typischen „unzuverlässigeren“ Chronisten. Deren Versionen der Geschichte werden benannt und bewertet, unser Erzmaester lässt seine Favoriten in Sachen Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit deutlich erkennen und windet sich gelegentlich, wenn eine dem Glauben und der Weisheit eher weniger zugeneigte Quelle dann doch gelegentlich die plausibleren Erklärungen und Hintergründe bietet, und was dann gar zu unplausibel wird, bekommt trotzdem die eine oder andere Fußnote. Man kennt das Erzählmittel, für meinen Geschmack setzt Martin es gekonnt ein, und zu guter Letzt ist es eben nicht nur ein Erzählmittel, sondern eröffnet einfach noch mal eine weitere Ebene und Tiefe der Geschichten: man kriegt eben auch mit, was man sich zwanzig Jahre später in den Kneipen und Bordellen erzählt hat, welche Gerüchte, Zuschreibungen, Ausschmückungen und Übertreibungen entstanden, und unabhängig vom „Wahrheitsgehalt“ gibt es einfach noch mal einen ganz anderen Eindruck von der Gesellschaft, in der sich die Ereignisse zutrugen.

Die Geschichte selbst: ich werd sie nochmal lesen müssen, denn erwartbar wird man von der Zahl der Akteure und ihrer Namen teils schlicht erschlagen. Das kann bei der Menge erzählter Zeit und eben dieser Zahl der Beteiligten nicht ausbleiben und spricht meiner Ansicht nach eher für das Buch, aber Geschmäcker, Verschiedenheit und so. Man ist eben nicht mit verschiedenen Akteuren lange Zeit unterwegs, selbst die Zeit des „Alten Königs“ Jaehaerys sind eben nur knapp 50 Jahre und somit allenfalls ein Drittel des Buchs. Das, und die Erzählung durch einen Chronisten aus zweiter Hand bringt einem die Personen natürlich nie so nah, wie es beim „großen Epos“ der Fall ist, aber auch hier muss ich wieder loben: trotzdem bekommen die Personen viel Farbe und Charakter, und sind von vielen eben die einen oder anderen großartigen, dramatischen, sprichwörtlichen oder anders bemerkenswerten Sätze natürlich überliefert, die sie bei verschiedenen Anlässen, Wendepunkten etc. eben fallenließen, und bei vielen davon hat man nicht nur selbst seine helle Freude, sondern merkt, die Chronisten hatten die auch. Weiterlesen

Geschrieben in Allgemein | Getagged mit , , | 1 Comment