Folgendes wird ein Erklärbär über häufige Missverständnisse und Konfliktthemen der (insbesondere deutschen) Wikipedia zum gelegentlichen Linkwerfen, um mal einmal ordentlich und nicht immer wieder schnell zwischenrein Kram zu erklären. Quicklinks:
– Relevanzkriterien, warum, wie und überhaupt
– Die andere und bessere Englische Wikipedia
– Alte weiße Männer
– Typische Löschdiskussionen
– Von mir als solche empfundene Probleme
– Optimistische Schlussschlenker
„Erklären“ bedarf der Vorwarnung. Ich bin
– ein alter, weißer Mann (meh),
– mit ein paar tausend Edits in der deWiki und
– nochmal soviel in diversen anderen Wikiprojekten.
Das macht mich zu einem kleinen mittleren Licht. Ich schreibe und überarbeite vor allem Artikel (im Gegensatz zu Leuten, die eher wartend/verbessernd/aufräumend unterwegs sind). Ich hab ein kleines Faible für die Löschdiskussion und begann die vor ein paar Jahren recht konstant zu verfolgen, um ggf. Artikel retten zu können. Das tu ich dann auch in einer leider recht kleinen (inzwischen mittel zweistelligen) Zahl von Fällen. Eher vor kurzem begann ich, mich auch an Adminwahlen zu beteiligen, weil man dann doch irgendwann eine Portion Namen kennt und weiß, wie sie unterwegs sind. Und an sich ist das ja bei mir wie auch eigentlich allen weitgehend öffentlich einsehbar. Selbiges offengelegt, zu einigen subjektiven Betrachtungen.
Enzyklopädische Relevanz und ihre Kriterien
Ich halte mich selber für einen Inklusionisten, wenn man mich fragt: Ich will Artikel und Inhalte im Zweifel lieber behalten. Das gern gebrachte „Plattenplatz reicht“-Argument würde aber auch ich vehement ablehnen. Relevanzkriterien sind keine Beurteilung von wem oder was auch immer, sie sind auch keine Regelhuberei oder Selbstzweck, sie sind ein (notwendiges!) Mittel für insbesondere zwei Zwecke:
– Sicherstellung zuverlässiger Quellen und
– Streitvermeidung.
Grundprinzip der Wiki ist: Bekanntes wird abgebildet. Bekannt ist, was in zuverlässigen Sekundärquellen steht. Wenn ich auf der korrupt.biz schreibe, dass ich ein geiler Typ bin, charmante Konversation betreibe und angenehm rieche, kann ich in der Wiki keinen Personenartikel über mich schreiben und das damit belegen. Wenns der Spiegel schreibt, ists was anderes, es würde trotzdem gelöscht (ich komm drauf zurück). Wenn der Spiegel fünf Jahre lang in seinem Silvesterrückblick schreibt, dass Ruppsel einmal mehr der charmantest konversierende, wohlduftendste Typ des Jahres war, dann kommen wir langsam ins Geschäft. Dann schreib das nicht nur ich über mich, dann ists auch keine Eintagsfliege, kein „jemand macht halt seinen Job und wird mal erwähnt“, dann wirds zeitüberdauernd bemerkenswert und ist unabhängig belegbar.
Und jetzt kommen wir zu den schlimmen Relevanzkriterien. Irgendwo zwischen „Spiegel führt Ruppsel als wohlduftenden geilen Typ“ und „kürt ihn fünfmal in Folge zum wohlduftendsten geilen Typ des Jahres“ muss man den Strich ziehen. Und ja, man *muss*, denn sonst führt man die Debatte in jedem einzelnen neuen Fall wieder neu und muss dazu noch begründen, warum mal so und mal so entschieden wurde. Am einen Ende gibts schlicht zu wenig belegte Information für einen sinnvollen Artikel. Am anderen Ende sind wir safe. Die Grauzone dazwischen muss irgendwie in das Schwarzweiß von bleibt/muss weg.

Der Grund, warum praktisch jede Porn-DVD einen Wiki-Artikel kriegen könnte
So kams zur Entwicklung der Relevanzkriterien und ich bin unendlich dankbar, dass das vor meiner aktiven Zeit geschah. Deswegen sind die RK auch extrem ausdifferenziert und unterscheiden sich zwischen verschiedenen Themenfeldern, Personengruppen, Berufen, Organisationen etc.pp. massiv. Meinetwegen im Sport sind Kriterien vergleichsweise einfach abzugrenzen (ab welcher Liga? Wettbewerben welcher Ebene, ab welchen Plätzen?) und Artikelgegenstände ironischerweise auch meist hervorragend dokumentiert. Natürlich entstehen so Ungleichgewichte und lassen sich beliebig absurde Relevanzvergleiche mit gelinde gesagt eigenartigen bleibt/muss weg-Folgen konstruieren. Was tun? Um mich selbst zu zitieren:
„Über wen nicht ausreichend öffentlich berichtet wird, kann nicht rein, weils keine unabhängigen Quellen gibt. Ich ahne, das ist einigermaßen unvermeidlich. Das „ausreichend“ wurde nach X Kategorien definiert und niemand traut sich mehr, das aufzudröseln, weil endlose Diskussion und kein Konsens. Daher im Übrigen auch laxere Regeln in manchen Bereichen mit viel Berichterstattung (zb. Sport, Porn-Sternchen etc.) und denen mit weniger (haha, Sozialwissenschaften).
Welche Regeln sollen es sein, die verhindern, dass jeder Linkedincoach sich seine Werbeseite baut und ermöglichen, dass „relevante“ Leute zuverlässig eingeschlossen sind? Wer will welche Sonderregelungen wie überzeugend durchsetzen? Das ist alles nicht neu, x-mal diskutiert und ich kann nicht mal sagen, was ich selbst gut fände.“
Bis zu diesem Problem kommt man in den einschlägigen Erregungen in der Regel nicht (und an der Stelle danke an die, die hier noch lesen). Tatsächlich könnten Relevanzkriterien sicherlich in vielen Bereichen verbessert, verfeinert, an veränderte Realitäten angeglichen werden, mit Fokus auf welche Unausgewogenheit auch immer, nur müsste das jemand ™ erarbeiten, definieren, in die Diskussion bringen und schlussendlich einen Konsens herstellen. Letzteres nicht alleine, sondern mit allen anderen zusammen, aber das machts nicht leichter. Im Gegenteil, und deswegen passierts selten bis sehr selten. Meinem Empfinden nach sind alle immer mehr oder weniger unglücklich mit der konkreten Ausgestaltung der RK, aber gleichzeitig verdammt froh darüber, dass wir sie haben, weil ohne sie fliegt einem schlicht alles um die Ohren.
Um hier mal einen sehr positiven Schlenker zu machen: ich wage die tapfere These, dass die eher träge RK-Kriterien-Weiterentwicklung auch damit zu tun hat, dass der Großteil der Leute halt eigentlich eine geile Enzyklopädie schreiben will und das auch lieber tut, als sich das x-te mal durch ermüdende und in der Regel wenig effektive Grundsatzdiskussionen zu quälen. Ist das gut, ist das schlecht? Im Kontext der „$wichtiges-lemma wird gelöscht, aber $pornsternchen bleibt stehen!“-Debatten entstand irgendwann der Begriff „Pornikel“ für die einschlägigen Kurzartikel mit begründet bestreitbarem Mehrwert, alleine wegen der Begriffsschöpfung bin ich ein wenig versöhnt, aber das kann man natürlich auch anders sehen.
Die enWiki macht das viel entspannter!
Ich hab wenig in der englischen Wiki geschrieben, meine Wahrnehmung ist (bei schmaler Erfahrungsbasis) eine andere. Die RK werden mehr oder weniger verschieden zur deWiki sein, es müssen aber dieselben Fragen geklärt und dieselben Probleme gelöst werden als in der deWiki, und es entstehen dieselben Konflikte. Ich hab mich nebenan bislang an einer LD beteiligt (RadioTux, blieb) und kann vergleichend sagen, dass in der deWiki ohne neue Löschgründe keine neue Löschdiskussion möglich gewesen wäre wie hier geschehen („2nd Nomination“). Eine erkennbare Struktur (Diskussionsdauer, Entscheidung) sehe ich dort auch nicht, aus der Hüfte würde ich sagen, hier ist die deWiki klarer, freundlicher(!) und verlässlicher. Weiterlesen →