36c3, Nachträge

Poststilleben mit Einhorn

Poststilleben mit Einhorn

Wieder gut angekommen, und wieder der obligatorische Stimmungsrückblick. Es gab Kontrast: Missi war zum ersten Mal seit Berlin wieder auf einem Congress und klar ist da ein wenig mehr Bruch in der Wahrnehmung als bei mir, der ich halt immer nach und nach auf jedem Congress zur Kenntnis nahm, dass alles halt wieder ein bisschen größer und ein bisschen anders, beiliebe nicht schlechter wurde. Einiges seh ich durchaus auch gewertet, manches neutral und/oder ambivalent, und ich mags mal runterschreiben.

Wachstum

Ich bleibe dabei: dass das alles größer wird, stört nicht, im Gegenteil.

Flipdot, multichromatisch, Detail

Flipdot, multichromatisch, Detail

Flipdot. Wurde größer.

Flipdot. Wurde größer.

Je mehr Leute sich a) mit den hier besprochenen Themen auf die hier praktizierte Weise beschäftigen, desto besser. Je mehr sie das weiterverbreiten, mitnehmen, anwenden können, dito. Diese Teilhabe von vielen fitten Leuten, die zum einen auch am Tag drei nicht zwischenrein aus Sauerstoffmangel tot umfallen und zum anderen ohne Quetschungsverletzungen vom Saal ins Hackcenter kommen, ist prima. Vom überhaupt reinkommen ganz zu schweigen. Einfachste Positionierung, eigentlich.

Aussicht von der Homebase

Aussicht von der Homebase

Winkekatzen. Wichtig.

Winkekatzen. Wichtig.

Wellnessifizierung

Hihi, ich dachte es mir bei der einen oder anderen Talkankündigung der Kinky Geeks, es irritierte mich erheblich bei irgend einem Tantraaushang und dann liefs es mir noch bei Plomlompom über den Weg:

Späti. Alles, was mensch braucht.

Späti. Alles, was mensch braucht.

„…Die self-organized-Sessions indes bezeugen Hippiesierung: Kakao-Zeremonien, Kontakt-Impro, Tantra, Mushrooms, und ganz viel Yoga und Massage, ja bin ich hier auf einem Burn oder was :D“

Er macht seinen Punkt. Ich bekenne mich diesbezüglich mitschuldig, vor Jahren auf einem Camp bei LQDN ein Massageangebot gesehen zu haben und spontan mit einem „Könnt ihr da nicht mal einen Workshop draus machen?“ hingegangen zu sein.

Hintergrund weniger das beliebte Nerdklischee vom ForeverAlone-Guy im Keller mit Pizza und tagelslichtabwehrenden Maßnahmen. Nur seh ich an mir wie auch an anderen, dass typische Verhaltensweisen die klassische „Körperachtsamkeit“ eben zu ner guten Idee machen. Man sitzt viel am Rechner, an Elektronik, man verkrampft, man ist im Tunnel, man macht was X Stunden und merkt hinterher, hm, die Rückenmuskulatur dankt grade. Weiterlesen

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36c3, Tag 3: Onlineshopping, Lichtblicke, Landesdatenschutz

Sonnenaufgang 36C3

Sonnenaufgang 36C3

Es ist so eine Sache, auf Hackerevents persönlich kritische (Bezahl-) Infrastrukturen zu nutzen. Die erste Morgenaktion war das Aushängen einiger Hackerspace-Passport-Plakaten vom Chaos West. In dem Zug testete ich nochmal den zugehörigen QR-Code und nachdem ich angefangen hatte, gleich auch den Shop. Ich greife vor: man kann sich beim Chaos West einen Diplomatenpass klicken, der dann für Sichtvermerke diverser Hackerspaces genutzt werden kann. Bearbeitungsgebühr kann man bar oder wahlweise über vier verschiedene Onlinepayments abwickeln, im letzteren Fall kriegt man den Pass postlagernd bei der Chaospost.

Paypal auf dem Congress, SecOp says no.

Paypal auf dem Congress, SecOp says no.

Ruppsel testet also Paypal auf dem 36c3, es funktioniert. Pass kann ich ab vier Uhr abholen. Bis dahin setzte ich mich spontan in einen „Wir bauen uns zuhause einen Quantencomputer„-Talk, das Projekt ist noch nicht ganz abgeschlossen, aber das Hochvakuum plus Ionenfalle steht, die Laserbeschaffung wird der nächste Schritt. Lebe deinen Traum, ich finds fein und würde gerne spontan einen Utopiastadt-Teilchenbeschleuniger anregen.

Diplomatischer Pass.

Diplomatischer Pass.

Das Peng-Kollektiv machte einen sehr schönen Arbeitsrückblick über die Aktionen der letzten Jahre, teils auch durchaus sehr selbstkritisch. Einer der „Mutmach-Talks“, aber angesichts dessen, was grade die öffentliche Debatte dominiert, und wie die einschlägigen Akteure dabei unterwegs sind… ich weiß nicht. Ich ertappte mich dieses Jahr ein paar mal dabei, nicht wirklich in die diesbezüglichen Sessions/Talks gehen zu wollen, weil es mich deprimiert. Whatever. Peng deprimierte nicht. Und dann wars vier und ich ging meine Papiere abholen. Weiterlesen

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36c3 Tag 2: SCADA, Löterei, DoH und Beobachtungen am Rande

Papercraft, 36c3

Papercraft, 36c3

Ich schaute mir zum Wachwerden einen SCADA-Talk an: Sicherheit von (insbesondere) Turbinen und ihre Steuerung in Kraftwerken, Angriffsvektor ein spezifisches Siemens-Setup. Mit der Voranmerkung, dass da responsible disclosure gefahren und alle Sicherheitslücken in der Folge auch vergleichsweise zügig geschlossen wurden. Was in dem Umfeld nicht unbedingt trivial ist, weil es
a) sehr spezifische Anwendungsfälle sind, man
b) in einer Kraftwerksanlage nicht eben mal auf Zuruf die Turbinensteuerung runterfahren kann und
c) da eben nicht nur die spezifische Steuerung, sondern noch viele andere Faktoren reinspielen mit der für Industrieanlagen typischen Trägheit. Es war aber wie immer gruselig. Rahmenbedingungen beispielsweise:

SCADA: Turbinensteuersysteme hacken

SCADA: Turbinensteuersysteme hacken

· man kann die Standardpasswörter googlen
· es ist nicht trivial, sie zu ändern
· es ist auch nicht trivial, Updates zu installieren (nur während Wartungszeiten)
· die alte Geschichte „Irgendwann legt einer ein Cat5 auf den Leitstand“ ist hier nicht der Punkt, Siemens sieht einen beispielsweise Airgap laut Spezifikation vor, die Praxis eine DMZ, weil extern gewartet/kontrolliert/suppportet werden muss und Zugriff für Regulierer, Energiemarktplätze, Netzbetreiber etc. vorhanden sein muss. Es ist kompliziert und es hat nicht unbedingt mit Unfähigkeit zu tun, wenn sich Angriffsvektoren ergeben.

Kurzgefasst:
Angriffe wurden in der Regel über einen anonymen User ohne eigene Privilegien begonnen, der aber eben Systemprozesse aufrufen und Parameter mitgeben kann. Mir klangs nach klassischer Privilege Escalation, der Begriff fiel nicht, ich weiss nicht, obs eine Fehleinschätzung meinerseits oder nur eine andere Einordnung in der russischen Szene ist. Weiterlesen

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36c3, Tag 1

Eine Rakete.

Eine Rakete.

Es ist spät, die Hacker schlafen, Ruppsel tippert ein wenig Rückblick. Ankunft, obligatorische Runde übers Gelände, alles sehr erfreulich und eher spontan schaute ich mir gleich auf der Chaos West-Bühne einen kurzen Slot zu Freedombone an. Kleines, schlankes, distroartiges Paket, mit dem man auf schmalbrüstiger Hardware ein recht komplettes Basis-Selfhosting machen kann mit eigener Webplattform, Mailserver, DNS und optionalem Einklinken in Freifunk, direktem Tor/Onionrouting usw. Halt alles, was man für ein wenig Basiskollaboration braucht, ohne bei den üblichen Verdächtigen in den Diensten zu hosten (Talk-Aufzeichnung). Und dann musste ich eher widerstrebend in den Talk zur elektronischen Gesundheitsakte und bin unentschieden.

Die Technik musste man gar nicht direkt hacken. Vielleicht tut sie ja.

Die Technik musste man gar nicht direkt hacken. Vielleicht tut sie ja.

Details wurden ja recht schnell in den größeren Medien weiterverbreitet, aber die Kurzfassung und ein paar Gedanken. Die „Elektronische Gesundheitsakte“ soll ein lebenslanges, umfassendes Archv von Gesundheitsdaten sein, das zentral, sicher und komplett unter der Kontrolle der zugehörigen Person stehend gehostet und nach Belieben granular verschiedenen Akteuren/Dienstleistern im Gesundheitsbereich zugänglich gemacht werden soll. Das ist mindestens ambitioniert. Die Technik sei aber sicher, die flächendeckende Einführung soll nächstes Jahr anlaufen. Nachdem das u.a. Gematik und T-Systems machen, nun ja. Und prompt mussten die Referenten gar nicht groß die Krypto-Infrastruktur hacken, sondern konnten direkt einfach die einzelnen Komponenten alle nach Belieben ordern, einsetzen, die notwendigen Praxis/Arztdaten aus bekannten oder leicht recherchierbaren Quellen zusammensuchen. Praxisausweis, Patientenkarte, Arztausweis und Konnektor konnten alle beschafft und in Betrieb genommen werden. Es gibt schon einige Talks im Mediaserver, wenn der Post hier livegeht, wahrscheinlich auch der schon, aktuell ist er noch nicht da.

Infinity Cube.

Infinity Cube.

Sonnenbrillenschaf ist bestes Schaf.

Sonnenbrillenschaf ist bestes Schaf.

Nun überwiegt grade allenthalben die Kritik – zurecht, durchaus. Weiterlesen

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Cookiesterben, Trackingmöglichkeiten und GAFA-Requests, mein begrenzter Wissensstand

Folgendes wird wieder so eine Balance zwischen „Oh Gott, das versteht keiner“ und „Da outest du dich mal wieder mit allenfalls Basiswissen und genierst dich nicht mal“, aber nun. Es geht um Tracking, Personalisierung und Cookies, und wie das aktuell funktioniert (bzw. nicht), seit alle ernsthaften Browser 3rdParty- und überhaupt Trackingcookies blocken. Ich vereinfache eingangs vieles sehr bewusst und später stoße ich an eigene Wissensgrenzen, bitte ersteres hinnehmen und mir bei zweiteren bitte gerne auf weitere Sprünge helfen, danke. Ebenfalls sinnvoll zu erwähnen: IANAL.

Die gute alte Zeit

Früher(tm) hat man in eine Seite einfach Trackingpixel eingebunden – Dateien, die von Trackingdienstleistern geladen wurden und die dann ihr Cookie abgesetzt haben. Prinzip: Ruppsel geht auf example.com, example.com ruft ein Pixel von Google und eines von facebook über ihre Seite auf, die Ruppsel deswegen wacker und unbesehen mitlädt. Beide Pixel schauen, ob es von google bzw. facebook bei Ruppsel ein Cookie gibt. Es gibt keins, also setzen sie ein Cookie (drin steht ne eindeutige ID).
Ruppsel surft weiter zu example.net, die, wie es das Schicksal so will, auch von Google und facebook ein Trackingpixel haben. Beide werden geladen, gucken, obs ein Cookie gibt – hurra, da ist eins. Google und facebook wissen nun, dass ich auf example.com und example.net war.

Nun melde ich mich bei YouTube an und hoppla, schon kann Google das mit den vorhandenen Cookiedaten verknüpfen und mir demnächst Werbespots von example.org einblenden, weil die Kunden der beiden Wettbewerber erreichen wollen und Google dafür Geld geben.

DSGVO und Cookieblocker

The new normal.

The new normal.

Diese beiden Faktoren haben das Prinzip nachhaltig verändert: die DSGVO setzt eine aktive Einwilligung in entsprechende Datenweitergaben voraus, gängige Browser blockieren alle Cookies, die nicht von der Domain kommen, die vom Browser selber aufgerufen wurde: wenn Ruppsel auf example.com ist, kann da noch so viel von google.com geladen werden, ein Cookie setzen dürfen sie trotzdem nicht. Bzw., doch, je nach Browser kommen da noch teils einzelne Cookies durch, in der Regel explizit die, die dem (anonymisierten) Tracking des Seitenbesuchs dienen, nicht dem seitenübergreifenden Nachverfolgen und -profilen. Allein, selbst da kann man sich nicht wirklich drauf verlassen (looking at you, Safari).

Was passiert?
Es werden bei einem großen und weiter wachsenden Teil von Webseitenbesuchern keine Cookies beispielsweise von Google Analytics mehr gesetzt. Nun ist HTTP aber im Grunde ein „zustandloses Protokoll“, ein Webserver weiss nicht, wer ihn da vor fünf Minuten genervt hat, er gibt eben immer das raus, was vom Nutzer angefragt wird. Es erkennt niemanden von sich aus wieder, dafür braucht es… Cookies. Oder ähnliches. Auf der Webseite selber mag das kein Problem sein – man ruft Seite A auf und kriegt Seite A. Man ruft Seite B auf und kriegt B, und wenn man Seite C nur kriegen kann, wenn man vorher einen Haken auf B gesetzt hat, dann setzt die Seite dabei ein „Haken auf B steht“ – Cookie und wenn das da ist, wird C ausgeliefert und wenn nicht, nicht. Weil das Cookie von der im Browser aufgerufenen Domain kommt, funktioniert das alles auch. Nun kommen aber „von extern“ gesetzte Cookies nicht mehr zuverlässig an.

Google Analytics, haben wir Sitzungen?

Springen wir zu Google Analytics. Wenn ich wissen will, wo sich Nutzer auf meiner Seite rumtreiben, nutze ich Google Analytics, weil es so ziemlich das beste ist, was man dazu nehmen kann. Wie oft werden welche Seiten aufgerufen, kommen die Nutzer über Anzeigen, über Links, über die Suche, wie lange bleiben sie auf Seite X, wieviele Seiten schauen sie sich an usw., und wer bei „wie viele Seiten schauen sie sich an“ am Kopf kratzte, hat mitgedacht. Woher soll Google wissen, dass der User auf Seite A derselbe ist wie der, der kurz darauf Seite B aufrief? Denn der Trackingcode wird nach wie vor über jede Seite aufgerufen, aber wie kann Google zuordnen, dass es immer derselbe Nutzer ist?

Analytics. Der Peak da bin ich.

Analytics. Der Peak da bin ich.

Bis vor einiger Zeit: klar, übers Cookie. Inzwischen kann man sich darauf schlicht nicht verlassen. Schau ich in Analytics, sehe ich aber unverändert, dass in diesem wie auch im letzten Jahr sich die Leute im Schnitt 1,3 Seiten hier anschauen, bevor sie woandershingehen. Oder dass sie eben auch mal sechs Blogeinträge durchblättern, damals wie heute. Es gibt nun die Leute, die sagen, klar, Google almighty kann eh alles und auch in unser Hirn und durch unsere Webcam gucken, aber wenn ich das einem Kunden sage, wird der mich für bekloppt erklären und sein Geld woanders ausgeben. Wir brauchen schon was handfesteres.

1st Party-Cookies und Browser-Requests

Google und auch Facebook behelfen sich (unter anderem) damit, Cookies via Javascript über die aufgerufene Seite auszuliefern: Der Trackingcode wird aufgerufen und sagt, jemand hat Seite A auf example.com aufgerufen, jemand hat Seite B auf example.com aufgerufen usw. Ein Cookie wird von example.com gesetzt, in dem eine ID steht. Weiterlesen

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Ich bin Kunst (und Utopiastadt Soziale Skulptur 2019)

Social Sculpture Award Preisverleihung 2019 Utopiastadt, Hutmacher

Social Sculpture Award Preisverleihung 2019 Utopiastadt, Hutmacher

Heute war a) Workout wie jeden Samstag und b) wurde Utopiastadt der „Social Sculpture Award“ verliehen: eine Auszeichnung als „Soziale Skulptur“ im Sinne von Beuys. Kreatives Formen von Gesellschaft bzw. dessen Akteure verstand er durchaus als Kunstwerk. Das ist an sich fein, dass es 10TEUR draufgibt, ohnehin, und dass dazu noch ein anschließendes Buffet kommt, nun, das verleitet mich zum Jammern auf hohem Niveau: Nach Brechstangenaction und Kellerfenstersanierung müssen es nicht grade die veganen Appetithäppchen sein, aber hey.

Hier wütete eine handgeschmiedete marrokanische Brechstange

Hier wütete eine handgeschmiedete marrokanische Brechstange

„Utopiastadt wird ausgezeichnet als ökologisch-soziales Modellprojekt, das den stillgelegten Mirker Bahnhof in Wuppertal einer neuen sozialen Nutzung zugeführt hat. Hier werden im Interesse einer aktiven Transformation unterschiedliche Initiativen zu einem vielfältigen Netzwerk zusammengeführt, das neue Impulse setzt, die der ganzen Region zugute kommen“,

schreibt es in der Presseerklärung der Social Sculpture Corporation, und ich kann das unterschreiben, ebenso wie das, was dann von der Stifterin, einem Juryangehörigen, OB Mucke und seitens ein, zwei UST-Vertretern laudatiiert und gedacht wurde. Über Denkanstöße und Würdigungen geh ich aber einfach mal im Schnelldurchlauf, weil ich zu was kommen will, was mir fehlte:

· unglaublich viele Projekte und Events
· von Coworkingspace zum Stadtentwicklungsprojekt
· Permanentes Aushandeln und Gestalten gesellschaftlichen Miteinanders
· integrativ grade auch in Bezug auf andere (städtische, soziale, ökonomische…) Akteure
· „ist“ oder „wird“ man soziale Skulptur (Kunstexperten sagen: sowohl als auch)
· Teilhabe/Partizipation und Niedrigschwelligkeit
· enorme Erhaltungs- und Gestaltungsleistung
· alle irgendwie verrückt
· Kunst in theoretischer Auseinandersetzung und praktischem Gestalten, dabei
· Reflexion im Sinne von *re*-flektieren (was gegebenes spiegeln/verarbeiten/bedenken) wie auch dem „ausstrahlen“ (utopisches Rausdenken)
· usw… Weiterlesen

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Sibylle Berg, GRM

Grm. Weniger flauschig, wie es aussieht.

Grm. Weniger flauschig, wie es aussieht.

Es zu kaufen, war an sich ein Nobrainer, aber zusammen mit GRM kaufte ich auch „Willkommen in Night Vale“ und noch irgendwas, und es sagt was über mein Verhältnis zu Sybille Berg aus, dass ich erst mal alles andere las, bevor ich mich an GRM machte. Bei der Lektüre fiel mir eine Parallele zu Houellebecq auf: ich weiss immer schon vorher, dass es schmerzhaft wird, aber lese das nächste Buch trotzdem. Meine erste Begegnung war noch zu Unizeiten „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“, und ich erinnere mich, dass mich das Buch damals etwas verstört zurückließ.

Nachdem ich ein Durchleser bin, der Sachen gelegentlich schneller wegliest, als es ihm lieb ist, hats weiter auch was zu sagen, dass ich GRM ein paar mal weglegen musste. „Oh, Ruppsel wird ein Weichei auf seine alten Tage“, ich weiß nicht recht. ich musste ein paarmal an die von mir durchaus verehrte Frau Nerdinger denken, die sich irgendwann mal drastisch gegen Elendsporno und Dystopien gewandt hat und Visionen einforderte, auf die man hinarbeiten könne.

Nun also GRM, und wie kann ein Buch schlecht sein, in dem ein von mir ebenfalls durchaus verehrter Herr Urbach zum Schluss mit Dank bedacht wird? Das Buch ist gut, sprachlich wie inhaltlich, aber es tut eben weh beim Lesen und wieso „aber“, ich denke, genau das ist der Sinn der Übung. Vier Kinder sind die Hauptpersonen, eine Latte Nebenprotagonisten nehmen auch Gestalt an, und die Welt ist eben die Dystopie, die jegliche positiven Entwürfe zum drauf hinarbeiten missen lässt. Böswillig kann man sagen, eine recht linear fortgeschriebene, konsequente Fortentwicklung von Rechtsruck, Ökonomisierung, Überwachung und Spaltung plus erwartbare Effekte ökologischer und sozialer Kollapse, kurz, mehr von allem, was uns jetzt bereits ans Knie pisst.

Zwei kleinere Spoiler im Folgenden. Weiterlesen

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Oh, Onlinewerbung funktioniert mal wieder nicht

Kann nicht funktionieren. Muss man wissen.

Kann nicht funktionieren. Muss man wissen.

Grade macht ein Artikel von Jesse Frederik und Maurits Martijn die Runde, der als nichts weniger denn Beleg dafür genommen wird, dass Onlinemarketing nicht funktioniert. Er macht einige Punkte, die gut genug sind, um drüber nachzudenken, ich kann mir aber nicht helfen: er scheint mir dahingehend falsch zu liegen, dass er wohl einige schöne Denkfehler der Branche bzw. Missverständnisse und typische Mechanismen aufzeigt (diesbezüglich ist er durchaus lehrreich), aber daraus die Schlüsse zwei Hausnummern zu groß zieht.

Ich will exemplarisch ein paar Hauptpunkte vorstellen und ein paar Gedanken dazu absondern. Wie meist mit dem Vorbehalt, dass ich schwer von der SEO- und recht wenig von der Paid-Ecke geprägt bin und einige Auswüchse der letzteren für durchaus ablebenswürdig halte.

Brand-Bidding

Praktisch die Hälfte des durchaus langen Artikels dreht sich um „Brand-Bidding“ – eBay zahlt Millionen an Google, damit ihre bezahlte Werbung dort steht, wo ohne diese Millionen das organische Suchergebnis stünde, wenn jemand nach „eBay“ googelt. Die Geschichte ist schön, lehrreich und macht klar, dass man für fünf Pfenning nachdenken sollte, bevor man einen Channel alleine betrachtet. Dass man unglaublich viel Besucher über eine Paid-Kampagne kriegt, mit der man Leute anspricht, die eh nach einem suchen, geschenkt. Dazu ein wirklich schönes Zitat aus dem Artikel, das sich jeder meiner Kollegen durchaus merken sollte, aus verschiedenen Gründen:

„Bad methodology makes everyone happy,” said David Reiley, who used to head Yahoo’s economics team and is now working for streaming service Pandora. „It will make the publisher happy. It will make the person who bought the media happy. It will make the boss of the person who bought the media happy. It will make the ad agency happy. Everybody can brag that they had a very successful campaign.“

Ich kenne an sich niemanden, der zu sowas wie Brandbidding nach vorgestelltem Muster rät, die eBay-Geschichte hört sich völlig verstaubt an und ist es wahrscheinlich auch. „Kannibalisiert eure Channels nicht“, meines Erachtens nach Basiswissen. Ich kenne Unternehmen, die machen es trotzdem. Sie machen es nicht, weil die bösen Marketer das Management verarschen und für teuer Geld schöne Kurven malen wollen, solang keiner genauer hinguckt, sie machen es gelegentlich gegen den Rat der entsprechenden Personen und manchmal aus anderen Gründen, von denen ich kurz welche anreißen will. Weiterlesen

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Marokko, noch mehr Gedanken und etwas Verärgerung

Astapor. Weg übers Flussbett.

Astapor. Weg übers Flussbett.

Wir sind nun in Ait Ben Haddou angekommen, besser bekannt als Astapor, seinerzeit befreit von der Khaleesi Danaerys I. Sturmtochter Targaryen, erste ihres Namens, der Unverbrannten, Sprengerin der Ketten, Mutter der Drachen usw., ein geschichtsträchtiger Ort, wenngleich man von den damaligen Geschehnissen nicht mehr viel sieht. Wie in den anderen südlichen Landesteilen alles wahlweise steinig und trocken, alternativ geprägt von Ackerbau und Viehzucht, und natürlich nun hier und um Ouazarzate einiges touristisches, aber es wäre auch sehr schade drum, wenn Landschaft, Gebäude etc. von niemandem gesehen würden. Wir versuchten heute, zum gestauten See vor Ouazarzate zu fahren, aber es hat nur bedingt funktioniert.

Die Karte ist nicht das Gebiet.

Die Karte ist nicht das Gebiet.

An sich ist der Stausee ein Wasserreservoir, aber aktuell ist da nicht viel reserviert, was man auch am Weg nach Astapor sieht: an sich laufen wir hier durch ein Flussbett. Da fließt auch Wasser, aber eben nicht immer. Ähnlich verhielt es sich bei der vorigen Station, Adzg, dort besichtigten wir ein dortiges Kollektiv – offenbar eine beliebte Organisationsform – welches Datteln verarbeitete (Sirup, Marmelade, Speisedatteln) und wo es auch noch die „Hennagärten“ gab – wo unter den Palmen eben auch Henna angebaut wurde. Das ganze bewässert über einen Brunnen, betrieben von zwei alten Renault-Automotoren, die auf Gasflaschenbetrieb umgerüstet waren und dort eben irgendwo in der Pampa standen.

Den ganzen ausgetrockneten Fluss entlang ist so Dörfchen an Dörfchen, es sieht mir alles sehr nach Subsistenzwirtschaft aus und wurde mir bei ein, zwei Gesprächen auch größtenteils als solche beschrieben.

Brunnen. Powered by Renault.

Brunnen. Powered by Renault.

Fluss. Nun, manchmal.

Fluss. Nun, manchmal.

Ich kenne mich mit den hiesigen Bodenverhältnissen wenig aus jenseits von „Wüste, Schwemmland, Fluss, +2 Nahrung“ nach CIV V, aber vermute, dass es eben ein recht lehmig/sandiges Schwemmland ist mit praktisch keinen Humusanteilen und der Nährstoffgehalt entsprechend aussieht. Weiterlesen

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Marokko/Marrakesch, unsortierte Assoziationen

Katzen beim Metzger

Katzen beim Metzger

So, hier sind wir nun schon ein paar Tage und ich muss ein paar Assoziationen niederschreiben. Marrakesch ist eine tolle Stadt, macht mich aber permanent nachdenken über Sachen zuhause, und die kleinste davon ist, wie eine Stadt ohne Fixierung aufs Auto funktioniert. Der größte Teil der Medina ist für Autos praktisch nicht befahrbar, dem allgemeinen Chaos tuts keinen Abbruch, selbiges findet aber in einem vollkommen okayen Ausmaß statt, YMMV. Am meisten beschäftigt mich aber in durchaus marxscher Definition die Produktionsweise. Marrakeschs Innenstadt ist ein Wirrwar von kleinen Läden, in denen es immer wieder weitgehend dasselbe gibt (Lederwaren, Lampen, Deko, Metallarbeiten, Gewürze, Färbemittel, Kosmetik, Essen usw.) und ähnelt da durchaus ein wenig den einschlägigen Metropolen, nur sind hier in der Regel die Werk- und Produktionsstätten direkt dabei, nebenan, drei Ecken weiter. Sprich, wir haben meinetwegen drei Schuhgeschäfte, und dazwischen eben auch drei Winzig-Werkstätten, in denen besohlt, genäht, genietet wird usw.

Schmiede. Macht u.a. machtvolle Brecheisen.

Schmiede. Macht u.a. machtvolle Brecheisen.

Schweißen diverser Tore und Möbel

Schweißen diverser Tore und Möbel

Das ganze bis zu den Schmieden, die sich in einer der Gassen etwas konzentrieren, und dem Gerberviertel, das genauso riecht, wie man denkt. Wir haben an jeder dritten Ecke eine kleine Holzwerkstatt, wo die einen natürlich die Schachfiguren für die Touris drechseln, aber die anderen eben mal die fetten Hauseingangstüren schnitzen oder Möbel bauen, mit gezapften Holzverbindungen und der Handsäge. Bei den Metallwerkern schweißen sie Karren, Bettroste, Fenstergitter und Zauntore zusammen und ich schwöre, die Elektrodenschweißgeräte sind älter als unseres.

Gerberei.

Gerberei.

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