Flüchtlingshilfe, ein paar Gedanken und Geschichten

Vorneweg: Eine Portion Rechner hatte ich ja sukzessive deutsch/englisch/arabisch für Flüchtlinge eingerichtet und den letzten letztens bei einer Familie untergebracht, dazu gleich die Geschichte. Falls ich jemanden im Umkreis hab, der wo arbeitet, wo gelegentlich noch Lubuntu16.04-taugliche Rechner ausgemustert werden, die man für wenig Geld weiterverwerten könnte, ich hab immer gern so ein paar als Reserve dastehen und bin für Hinweise dankbar :)

Folgendes ist eine Geschichte, wie sie wahrscheinlich zuhauf passiert, aber ich finde, sie sollten auch erzählt werden. Meine Teuerste macht regelmäßig Flüchtlingsberatung, und in dem Kontext bin ich dann gelegentlich zugange, wenn wo ein Rechner gebraucht wird oder bei Bewerbungsschreiben etc., und so ergab es sich, das wir mit eingerichtetem Rechner zu einer Familie fuhren, wo es an selbigem eben mangelte.

Es war recht amüsant, dem einen achtjährigen Sohn zu erklären, wie man die Benutzer/Sprachen wechselt, der dann dem Vater und den Geschwistern erklärt, wie das geht – er darf zur Schule und kann deswegen am besten Deutsch, für den älteren Bruder gibts noch keinen Schulplatz und der Integrationskurs für den Vater ist irgendwann in sechs Monaten. Die Schwester ist gehbehindert und dass sie eine Wohnung im dritten Stock bekommen haben, macht ein Übriges: sie kann nur extrem schwer die Treppen steigen. Mit Rechner können sie immerhin nun online Deutsch üben, bis es dann Schulplätze und Kurs gibt. Weiterlesen…

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Der Programirer

Es fiel mir letztens beim Sortieren von irgendwas entgegen: „Der Programirer“ ein Ausdruck, den mir irgendwer vor -zig Jahren mal während meiner Zeit als PC-Hiwi im Computerpool an der Uni Tü an den Arbeitsplatz gelegt hatte, wenn ich mich richtig erinnere. Es erinnerte mich an eine der Uralt-„Humorkritik“-Ausgaben der Titanic, wo mal ein Buch über Bürohumor besprochen wurde, die immergleichen, hundertmal kopierten Zettel mit Bürojokes, „Arbeitswoche“-Snoopy-Verballhornungen, „Vor zwei Wochen wusste ich noch nicht, wie man Indschenör schreibt, und jetzt bin ich einer“-Sprüchen und was es an zeitlosen Gags der Schreibtischarbeit noch so gibt. Tenor der Buchkritik war, dass die Büro-Witzkopien gemeinhin meist wenig originell waren, aber einige kleinere Schätzchen durchaus kursierten. Jahre später kommt es mir wie eine Vorwegnahme heutiger Memkultur vor.

Bei der die Techies und Sysadmins meiner Ansicht nach immer gut dabei waren und schon früh die Latte höher legten – ich erinnere mich insbesondere noch an die „Choose to sysadmin“-Trainspotting-Persiflage, mit den „matching combat boots, die verschaffte mir einen der ersten „Oh, die meinen mich“-Effekte, als die irgendwann dort über den Aufsichtsrechnern hing.

„Der Programirer“ ist eine, nun, vielleicht nicht so direkt zum „Fick, ja!“-schreien animierende Illustration, aber irgendwie freute ich mich sehr, als sie mir in die Hände fiel, die Google-Bildersuche spuckte zur Überschrift nichts bildliches aus und so bin ich guten Mutes, einen ansonsten vielleicht verschollungsbedrohten (? was ist denn das „läuft Gefahr, verschollen zu werden“? Überhaupt, Präsens verschollen?) Vorläufer der Bayeux-Memes für die Nachwelt zu erhalten.

Der Programirer

Der Programirer

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33c3, Rückblick: wo bleibt das Positive?

33c3, drei von vielen Welten

33c3, drei von vielen Welten

Himmel, dass ich mal so einen Blogeintrag überschreibe. Abgesehen davon, wie mutmachend es trotz vorher geäußerter Bedenkenträgerei ist, mit 12.000 feinen Menschen einen Congress zu machen, dessen Selbstorganisationsproblem sich weitgehend damit beschreiben ließ, dass es mehr freiwillige Helfer als notwendig gab? Vier Stockwerke voller Schöner Dinge.

Im Hackcenter liebte ich dieses Jahr den XKCD-Malroboter. Eine Filzstift-Abstoßer-Zahnriemen-Gravitationskombi, die XKCD-Comics malte.

XKCD-Malmaschine.

XKCD-Malmaschine.

Letztere hingen in über die Zeit wachsender Zahl in der Gegend der Metalab-Außenstelle. Die war an sich direkt nebenan, um die Aaaaaaa…-Assembly (diverse österreichische Hackergruppen, u.a. der für den XKCD-Bot verantwortlich zeichnenden realraum, danke an MacLemon für den Hint) zwei Tische weiter nun Chaos West und meine Aussicht, wenn ich mal an der Kiste saß.

Works for me, Anfang, und works for us, einige Stunden später. Nerds anlocken ist einfach, man muss nur einen unbenutzten Tisch mit LAN und Strom erschließen. Anschließend ne Runde drehen, dann sind alle Ports besetzt und man wird vor dem Platznehmen freundlich drauf hingewiesen, dass man hier leider kein Gigabit-Ethernet habe.

Aussicht von der Homebase

Aussicht von der Homebase

33C3. Plasterouter works for us.

33C3. Plasterouter works for us.

Winkekatzen. Sie sind wichtig, gar systemrelevant, beispielsweise als Testbildmotiv im VOC. Man traf auch auf paranoidere, alubehütete Zeitgenossen.

33c3, Testbild im VOC

33c3, Testbild im VOC

33c3, Alubehütete Winkekatze

33c3, Alubehütete Winkekatze

Und wo keine (mehr) waren, da wurde ihr Fehlen mit angemessenem technischen Aufwand beklagt. Ich präsentiere: die traurigste Laufschrift ever:

Argh, jetzt wurde ich doch etwas betrübt, ich wollte doch positiv bleiben. Die Katti werkelt bei Calliope, lernte ich bei den Coffeenerds, und einen fertigen und einen Prototypen hatte ich dann auch in der Hand und fand das Projekt allerliebst – Kleincomputer zum Coden lernen für ab Grundschule. Kluges Konzept, passende Features/Hardware und man kanns noch bis 15.1. crowdfunden: aktuell kommen sie mit dem Produzieren nicht hinter dem Bedarf her. Mich würds freuen, wenn das weiter wächst und gedeiht. Nachdem hier nun der dritte Rasbpi an den Start ging, wollte ich ein wenig nach spannenden Anwendungsfällen für Einplatinencomputer Ausschau halten, aber irgendwie ist mir nur der Calliope untergekommen.

Ansonsten ein Dialog bei Mitch/Hardwarehacking, wo ich noch zwei Kits fürs Heimverbasteln einpackte und gerade eine Mutter mit ca. sechsjährigem Kind am Aussuchen war, was es zum Einstieg löten konnte. Sie meinte, eine der „I can solder“-Badges sei ja schon cool, ich merkte an, dass die Trippy Waves auch einfach zu löten seien und spannender. – Ja? – Ja, ich mach die öfter, weil die bauen wir immer in die Köpfe unserer Tiere ein. – Befremdeter Blick, Verhaspelungen beim Erklären, dass es um Pappmache-Tiere mit Leuchtaugen geht.

Die Bauinspirationen waren dann weniger feinelektronischer denn grobmotorischer Art. TIL: Paletten sind systemrelevant, und die Hängemattenkonstruktionen in einer der Lounges schienen mir irgendwie utopiastadttauglich. Ich glaube, ich will sowas bauen.

Paletten sind systemrelevant

Paletten sind systemrelevant

33C3, Hängematten-Konstruktionsinspiration

33C3, Hängematten-Konstruktionsinspiration

Um nochmal mit einem Makel in was angenehmes einzusteigen: ich muss den massiven Rückgang der Dildopräsenz anprangern. Früher waren mehr Dildos, und ich wünsche mir bei allem ansonsten fortschrittlichen Denken meinerseits eine Rückbesinnung! Eines Abends stiefelte ich zu den Kinkygeeks und wollte von ein paar berufeneren Menschen wie mir ihre Einschätzung zur Entwicklung an der Sextechfront haben. Hintergrund die Porn-Fachtagung letzten April und der seitdem irgendwie kontinuierlich andauernden Auseinandersetzung mit dem Thema.

Das ist niedriger Nacht-Videotraffic

Das ist niedriger Nacht-Videotraffic

Stellt sich raus, die Leuchtdildos vom letzten Jahr waren von einer heuer nicht anwesenden Hedonistengruppe, weiter ergab sich beim Vorstellen des Hintergrunds meines Reinplatzens und Rumfragens eine längere Unterhaltung zum Thema Porn, Jugendschutz, Empowerment und Normalisierung von Lebensentwürfen, und irgendwann war die Nacht rum, fixte der Mate die Augenlider nicht mehr richtig und war der Videotraffic auf sehr nächtliche Level abgesackt.

Ich meine, es war der erste Tag, und da war der Schlafrhythmus noch vollkommen unangepasst, und so ergab es sich, dass ich nach drei Stunden wieder in einem Talk saß. Mikroskope!

Mikroskopie mit freier Software

Mikroskopie mit freier Software

Auch so eine der „Ach, ich bin wach, es ist noch kaum wer da, und die Sciencegeschichten auf YouTube guckst ja gerne“-Spontananguckereien, und was soll ich sagen. Einer der erfreulichsten Talks, die ich mitbekam, und das trotz eines mir eher fremden Themas. Da bauen Leute Software zur Bildbearbeitung und -schärfung, die wiederum ermöglicht, ansonsten millionenschwere Mikroskopietechnik zu Preisen und mit Leistungen bereitzustellen, die im reichen Westen den Unterschied machen, ob da auch mal ein Studi im Praktikum mit schwerem Gerät rumspielen kann oder nur die Handbücher lesen darf, oder ob eine geile Mikroskopiediagnostik in einem weniger entwickelten Land überhaupt bereitgestellt werden kann oder eben nicht.

SHA, Sowjetmacht plus Elektrifizierung.

SHA, Sowjetmacht plus Elektrifizierung.

Bringen uns diese Dinge weiter? Ay, Revolvermann, meilenweit weiter bringen sie uns.

Und sonst? Ebookwarez wirkten schwächer auf mich dieses Jahr, und ein 12GB-.mkv des kinox-Camrips von Rogue One ist, nun ja, tapfer :) Bis zum Camp muss ich rausfinden, wie FTP auf IPv6 vernünftig funktioniert. Überhaupt, Camp. Im Sommer ist Camp! Und ich find das Plakat schon so derb hart fickend geil, ich freu mich. SHA2017, Sowjetmacht und Elektrifizierung, wir sehen uns.

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33C3, ein Rückblick von mehreren

33C3. Ein Stern.

33C3. Ein Stern.

Dieses Jahr fiels mir schwerer als sonst, die Jahresdosis Zuversicht und Glaube an die Menschheit zu tanken. Mag sein, dass es dran lag, dass doch sehr stark die allgmein beschissene Situation thematisiert wurde, dass selbst eine großartige Geschichte wie Searchwing (drohnengestützte Seenotrettung im Mittelmeer) bei mir irgendwie mit dem „es ist zum Kotzen, dass wir sowas brauchen“ hängenblieb.

Drohnen zur Seenotrettung im Mittelmeer

Drohnen zur Seenotrettung im Mittelmeer

Karten und Drohnen waren so ein bisschen latenter Schwerpunkt bei mir, das Thema Raum, Erschließung/Aneignung stupst immer ein wenig was in mir an, und nachdem ich mir vorgenommen hatte, ein wenig mehr in die „springt mich jetzt nicht direkt an“-Talks zu gehen – nachdem man in anderen Bereichen einfach „eh drin“ ist. „A new dark age“ von James Bridle war eine Mischung zwischen Kunst, Datenanalyse und Performance und möglicherweise ein „Nochmalangucker“, weil ich das Gefühl hatte, einiges nicht verstanden zu haben. Hintergrund ist die Erfassung immer größerer Datenmengen, die unser Agieren in der Welt bestimmen. Das aber naturgemäß fehlerhaft, egal, wie detailiert wir analysieren, Stichwort Wettervorhersage. Bedingt wird das unter anderem auch durch die spezifisch technische und damit abstrahierte sowie mit ihren eigenen Artefakten behaftete Erhebung dieser Daten.

Drohnenshilouette, Originalgröße

Drohnenshilouette, Originalgröße

Beispiel Artefakte: Satellitenbilder nehmen gelegentlich Verkehrsflugzeuge auf, die dann als langgestreckte Überlagerung mehrerer Bilder des Flugzeugs in mehreren Farben erscheinen, was an der Bildschärfung nach Farbkanälen liegt, die bei Satellitenbildern erfolgt. Bridle malt diese farbversetzten Flugzeugshilouetten originalgroß auf den Boden. Ob sie in Satellitenbildern wieder auftauchen, weiß ich nicht, aber es wäre ein schöner Loop eines technischen Artefakts in die Wirklichkeit und zurück.

Andere Aktionsform: Drohnenshilouetten. Nachdem den meisten Menschen trotz vieler Beriche zum Thema nicht nachvollziehbar sein *kann*, wie man unter Drohnenüberwachung und latenten -schlägen lebt, malt er auch hier originbalgroß die Shilouetten in Städten auf den Boden.

Ähnlich im Übrigen „Berechnete Welt„, wo Karl Urban erfreulich unaufgeregt ähnliche Überlegungen von Wettervorhersage zur „Weltvorhersage“ machte. Ich bin ja gern skeptisch, was „Big Data“-basierte Prognosen angeht, aber er differenzierte da zwischen Short- und Longscale (zB. Technikfolgenabschätzung) und den jeweiligen technischen/prognostizistischen Limitierungen. Beispiele: Korrelationen zwischen langfristigen Wetterwechseln und Epidemien, mit denen erfolgreich ein Choleraausbruch prognostiziert werden konnte, aber auch entlang von Social Media-Analysen vor gesellschaftlichen Unruhen. Interessante Beobachtung dabei: Zunehmendes Scheißebrüllen ist eher weniger relevant, zunehmende Koordinierung/Gruppenbildung hingegen schon. Beunruhigende Beobachtung dabei: die Zensur in China sei bezüglich reiner Ablehnung des Regimes auf einer ziemlichen Laissez-Faire-Schiene: man kann durchaus laut sagen, dass einem das System stinkt, die Löschquoten sind da unauffällig. Alles, was aber mit Multiplikatorenabsicht rausgehauen wird, hat wiederum extrem hohe Löschquoten: er schließt daraus, dass hier durchaus schon systematische Analysen stattgefunden haben. Unmutsäußerungen werden, da folgenlos, stehen gelassen und alles, was tatsächlich Dynamik entfalten könnte, wird gezielt im Keim erstickt. Man kriegt den Eindruck, man könne sich durchaus frei und kritisch äußern, faktisch wird aber nur sehr effizient, quasi minmimalinvasiv und mit maximalem Effekt zensiert.

Guerillabeam

Guerillabeam

Guerillabeam-Beam

Guerillabeam-Beam


Fahrbarer 3D-Drucker

Fahrbarer 3D-Drucker

Ich denke, man sieht das Problem: aus solchen Sachen geh ich raus und hab das Gefühl, gleichermaßen klüger und ratloser geworden zu sein. Draußen sind schöne Dinge – Pixelhelper in klein kann man mit 3d-gedruckter Halterung und einer ordentlichen Taschenlampe machen, und die 3d-Drucker wurden praktischerweise auch schon mobil. Viel Kunst und Schönheit gabs, aber trotz ein paar Tage Sackenlassen ists grade etwas anders als die vergangenen Male. To be continued.

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#KeinGeldFürRechts – Streit um Selbstverständlichkeiten

Dass sich die AfDeppen und Pedgidioten über sowas wie #keingeldfürrechts echauffieren, geschenkt. Wenn das Dreckspack von „Zensur“ und „Boykott“ faselt, dann weiss es offensichtlich nicht, was das ist, wie es auch vieles andere nicht weiss, und ich bin kein Nachhilfelehrer und kein Sozialarbeiter für Merkbefreite, Konkret; ich muss mich nicht damit auseinandersetzen. Dass darüber aber auch in der Branche und von ansonsten intelligenten Menschen ernsthaft diskutiert wird, erstaunt mich.

An sich ist es einfach. Wer wo werben will und wo nicht, bleibt jedem überlassen. Niemand schreit „Boykott“ und „Zensur“, wenn sich ein Unternehmen weigert, meine Plakatwand zu mieten. Weiter bin ich als Marketingmensch verantwortlich für das Marketingbudget meiner Kunden. Das soll der positiven Wahrnehmung seines Produkts, seiner Marke, seiner Werbebotschaft dienen. Wenn ich das sonstwo auf beliebigen Seiten verbrenne und mich nicht kümmere, in welchem Umfeld er erscheint und ob es zu ihm passt, mach ich meinen Job schlecht.

Kurz: es ist eine verdammte *Selbstverständlichkeit*, dass man nachprüft, auf welchen Channels/Seiten Displaykampagnen ausgespielt werden und wenn das Umfeld nicht passt, dann schmeisst man das raus. Dass da diverse Rapefugees- und Hasseiten generell drunterfallen und explizit aus dem Targeting genommen werden, ist meiner Ansicht nach keine Frage, sondern bei Nichterfolgen ein Grund, seiner Agentur derbe den Kopf zu waschen.
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Depressionen: wir haben einen Rollback

Notwendige Richtigstellung

Notwendige Richtigstellung

Einigemale spülte es mir letztens dieses unsägliche Wald -> „This is an Antidepressant“, Pillen -> „This is Shit“-Meme in die Timeline, und während mich die Propaganda der einschlägigen Esotrottel und Alternaiven eher nicht berührt, war es, hihi, deprimierend, das von Leuten zu lesen, die ich an sich durchaus für intelligent halte. Soweit, so ärgerlich, aber die Geschichte scheint allenfalls ein Aspekt zu sein vom offenbar stattfindenden Rollback in Sachen Depression und ihre Behandlung. Jedenfalls begegnet mir das auf einer zunehmenden Zahl von Kanälen. Mein Eindruck: unter dem Druck mehr oder weniger prominenter Suizide mag man die „Volkskrankheit“ anführen, ihre, gottseidank, längst stattgefundene Enttabuisierung und heutzutage gute Behandelbarkeit ansprechen und sich drunter mit dem mundgemalten „Hilfe bei Suizid-Gedanken“-Hinweis verantwortlich gerieren. Aber wenn die Prominenz das Selbstmorden dann wieder ein paar Monate bleibenlässt, dann ist das Feindbild Pharmamafia irgendwann halt wieder attraktiver und die von Depression Betroffenen bestenfalls arme Verführte. Schlimmstenfalls Scheißefresser, die zu blöd sind, um den nächsten Wald zu finden, wo man sich bekanntermaßen im Grünen bei frischer Luft wieder zusammenreißen kann.

Wirklich irritiert hatte mich Doccheck. Eingangsfrage zum „Antidepressiva-Reflex war die dem Autor bei Depressionen unangebracht scheinende Frage „Warum hat der Patient kein Antidepressivum?“, Zitat „Diese verführerische Frage nach dem scheinbar Naheliegenden taufe ich den Antidepressiva-Reflex.“

Scheinbar naheliegend. Klar, scheinbar naheliegend wäre auch zu fragen, warum das gebrochene Bein nicht im Gips ist, und hier wie dort bin ich sicher, dass es genügend Fälle gibt, wo man diese Fragen vollkommen zufriedenstellend beantworten kann: das nicht verordnete Medikament, der nicht gemachte Gipsverband gut und richtig begründet werden können. Nur: diese Frage ist zu stellen und die Antwort ist zu begründen, sie ist mitnichten „scheinbar“ naheliegend, sondern beste ärztliche Praxis, und einem Doc, der sie nicht stellt, würde ich bestenfalls Nachlässigkeit unterstellen, denn die nachgefragte Information ist behandlungsrelevant und wichtig. Weiterlesen…

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Advertising-friendly Youtube-Videos: IMO etwas wenig Wirbel

Vor ein paar Wochen stieß ich auf ein Statement von Gronkh, in dem er seine, nun, „Bedenken“ angesichts der neuen Youtube-Monetarisierungsrichtlinien darlegte. Die beinhalten, dass „nicht werbefreundliche“ Inhalte in Zukunft von der Monetarisierung ausgenommen werden können. Auf den zweiten Blick merkte ich, das Video ist ein paar Monate alt und hakte es erstmal unter „heißer gekocht als gegessen“ ab.

Nun kam ein etwas drastischer (zusammengeschnittener?) Nachklapp, den ich kurz zusammenfasse mit
– nicht werbefreundliche Inhalte werden tatsächlich in steigender Zahl aus der Monetarisierung rausgenommen
– entsprechend wandert jetzt eine wachsende Zahl von Videos nach Twitch, und
– scheiß YouTube.

Langfassung hier:

Meine Gedanken dazu: „nicht werbefreundlich“ ist laut den Richtlinien alles, was eben auch den „allgemeinen“ YouTube-Communityrichtlinien widerspricht. Das betrifft Gewaltdarstellungen, Obszönität, aber auch explizit so beunruhigende Sachen wie die Realität, sollte sie „umstritten“, „heikel“ oder „tragisch“ sein. Das ist gelinde gesagt schwierig.

Die Werbung ist ein scheues Reh.

Die Werbung ist ein scheues Reh.

Man kann nun kommen und sagen, tja, andere Plattform. Überhaupt, selber hosten. Außerdem, die öffentlich-rechtlichen. Andererseits finde ich es schon ein wenig verwegen, wenn auf jeder Aleppo-Bildberichterstattung von $beliebigezeitung problemlos ein Doubleclick-Werbeplatz draufgeklatscht werden kann und die Videostreamer eben mal aus den Programmen gekickt werden, weil fick dich. Im Übrigen scheinen ohnehin die „etablierten“ Newschannel die besagten Probleme nicht zu haben. Weiterlesen…

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dmexco 2016, Weltbilder in Werbe- und Netzbranche

Der neue heiße Möbeltrendscheiß bei den Netstartups

Der neue heiße Möbeltrendscheiß bei den Netstartups

dmexco ist rum, nach… drei? Jahren Pause war ich mal wieder, und ich weiß nicht recht. Das „Schaulaufen der Werbebranche“, die „Onlinewerber, die Onlinewerbern Onlinerwerbekram verkaufen wollen“, es lästert sich leicht und ich fürchte, ich stimme in Teilen ein. Ich geh zugegebenermaßen weder hin, um mir was zu kaufen, noch, um irgendwas an den Mann zu bringen, vielleicht fand ichs deswegen auch durchaus erhellend und, ganz neutral gesagt, zukunftsweisend. Ich lief viel rum und interessierte mich vortragstechnisch insbesondere für IoT, aber ich sortier mal nach Themen.

Das Internet of Things. Es fing da eigentlich spannend an, Bosch, Osram und Iconmobile, Disclaimer, ich sag das als bekennender Bosch-Fanboi. Durchaus eine Latte spannender Statements zur weiteren Vernetzung von Heim und Infrastruktur, und ich nenns mal schon mutig rausgedacht in die Post-Autofahrzeit. Später ähnliches Thema, anderes Panel mit Red Bull, einem Küchenausstatter und noch wem, Tenor „Überall Sensoren, alles vernetzen und Daten produzieren, hinten fällt Mehrwert und Targeting raus“, und da kann ich mir dann nicht mehr helfen, ich hör beliebige Szenarien und verstehe immer nur „Wir hängen n Milliarden Geräte mit TCP/IP-Stack in Chinaplaste ins Netz und können die von überallher nutzen/steuern/hacken lassen.“ Intelligente Kühlschränke öden mich aus einigen Gründen an, eine integrierte Kühlschrankcam zum im Supermarkt nochmal gucken, ob man noch Joghurt daheim hat, fänd ich nett, aber ich werd schon hibbelig, wenn die Handvoll Rasbpis nicht up to date sind, und die kann/muss ich nicht mal aus dem öffentlichen Netz von draußen ansteuern. Es ist nicht der richtige Rahmen für diese Themen, aber es erstaunt mich dann doch immer wieder, wenn das Thema schlicht nicht vorkommt. Man kann meiner Ansicht nach nicht über besagte Milliarden IP-fähige Hardware reden, Versprechungen der leichten Konfigurier- und allzeitigen Erreichbarkeit von überallher machen und nichts dazu sagen, wie man da Datenschutz, Sicherheit/Updates und sowas wie eine glaubhafte Verhinderungsstrategie der gängigeren Horrorszenarien („Mein Provider behauptet, mein Kühlschrank ddost“) unterbringt.

dmexco 2016, Symbolbild

dmexco 2016, Symbolbild

Red Bull war dabei wirklich witzig: Thema Sensorik und die typischen RB-Actionhelden, bei denen eben Herzschlag, Blutdruck, Endorphinlevel, whatever live zum Videodreh mitgemessen, visualisiert/einbezogen werden und nach Wunsch auch als Datalayer zur Verfügung stehen. Kann man dann mit dem eigenen Fitnesstracker gucken, wie nahe man mit Bordmitteln an die Werte einer Mountainbike-Drahtseil-Canyonüberquerung vom RB-Video kommt. Ich muss zugeben, triggert mich selber gar nicht und mein Verhältnis zu RB ist hochambivalent, aber das ist eine dieser coolen Spielereien, mit denen man mich kriegt. Weiterlesen…

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Torstrike, da war doch was….

…jedenfalls weiss ich wen, der weit die Klappe aufhatte, was „die Tor-Community“ für eine Bande Arschlöcher seien, sowas wie #torstrike für den ersten September anzuleiern. Es gab auch die, die einen, ich zitiere mich selber, „Aufruf von ein paar Versagern ohne Nodes“, als einen „Generalstreik des Netzwerks“ ankündigten. Nun, der erste September war ja vor einigen Tagen, und Tor Metrics hat die Messpunkte inzwischen auch.

Scheiße, Bernd, Torstrike!

Scheiße, Bernd, Torstrike!

Was war? Es gab verdammt *mehr Kapazität*.

Ich finde in beiden Fällen das anschließende Klappehalten schlicht und ergreifend scheiße. Im einen Fall, weil es offenbar unerträglich ist anzuerkennen, dass sich unter Digitalaktivisten im Tor-Kontext größtenteils offenbar unerwartet verantwortungsvolle und engagierte Menschen befinden, und ich frage mich schon, was im Hirn von Menschen los ist, die sowas nicht etwa freut, sondern bei denen so eine Erkenntnis offenbar zum zähneknirschenden Klappehalten führt. Im anderen Fall, weil es sehr wohl einen Effekt gab, wenn ich die Kurve hier nicht überinterpretiere: die verfügbare Bandbreite ging hoch, der Traffic hingegen hatte eine Delle. Die ist nicht die Welt, aber sie scheint mir ein Indiz dafür zu sein, dass da merkbar Leute das Tor-Netz nicht verwendet haben. Ich vermute, weil sie Schiss hatten, dass sie eben nicht sicher seien. Weiterlesen…

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Ice Cream Man revisited (THE NATIVES REMEMBER)

Das Internet ist eine wunderbare Sache, und anlässlich der „Online Marketing Natives“ war ich letztens am Stöbern in alten Zeiten Daten. Und dabei lief mir mein erstes aktives und dokumentiertes Lebenszeilchen im Internetz wieder über den Weg, das seinerzeit mit Pine (haha, Pine!) von einer HP-Pizzaschachtel abgesetzt wurde und noch heute zu meinem Amüsement beiträgt anlässlich seines fragwürdigen urheberrechtlichen Status. Mai ’96 fragte ein junger tübinger Student nach den Solo-Tabs von Jonathan Richmans „Ice Cream Man“. Damals hatte ich recht frisch den Switch vom E-Bass zur Akustikklampfe gemacht und tapfer ein A F#m D E aus einer Liveversion rausgehört, die, ich schwöre, identisch ist mit der, die ich nun auf Youtube fand. Es lohnt durchaus, bis zum Ende dranzubleiben, auch wenn sich am Song zugegebenermaßen wenig ändert. So ab Minute 1.40 kommt ein…Ukulele? -Solo, und ich hatte es seinerzeit einfach nicht rausgekriegt. Ich glaube, es sollte mir peinlich sein, aber gottseidank muss mir inzwischen nichts mehr peinlich sein.

Nochmal, das Internet ist eine wunderbare Sache. Anno ’96 bekam ich im Usenet die Antwort von einem Joe H., es sei Richman und damit könne es so schwer nicht sein (autsch), aber wenn der CD-Berg vom Plattenspieler abgeräumt ist, wolle man sich mal ans Solo-Tabben machen. Was folgte? Nix. Jahre musste das Netz ohne Ice Cream Man-Tabs darben. Ich nehms Joe nicht übel, wer Zappa in seiner Mailsignatur hat, kann so verkehrt nicht sein und wer weiß, vielleicht stapeln sich die CDs einfach seitdem immer noch auf dem Plattenspieler.
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