Cookiesterben, Trackingmöglichkeiten und GAFA-Requests, mein begrenzter Wissensstand

Folgendes wird wieder so eine Balance zwischen „Oh Gott, das versteht keiner“ und „Da outest du dich mal wieder mit allenfalls Basiswissen und genierst dich nicht mal“, aber nun. Es geht um Tracking, Personalisierung und Cookies, und wie das aktuell funktioniert (bzw. nicht), seit alle ernsthaften Browser 3rdParty- und überhaupt Trackingcookies blocken. Ich vereinfache eingangs vieles sehr bewusst und später stoße ich an eigene Wissensgrenzen, bitte ersteres hinnehmen und mir bei zweiteren bitte gerne auf weitere Sprünge helfen, danke. Ebenfalls sinnvoll zu erwähnen: IANAL.

Die gute alte Zeit

Früher(tm) hat man in eine Seite einfach Trackingpixel eingebunden – Dateien, die von Trackingdienstleistern geladen wurden und die dann ihr Cookie abgesetzt haben. Prinzip: Ruppsel geht auf example.com, example.com ruft ein Pixel von Google und eines von facebook über ihre Seite auf, die Ruppsel deswegen wacker und unbesehen mitlädt. Beide Pixel schauen, ob es von google bzw. facebook bei Ruppsel ein Cookie gibt. Es gibt keins, also setzen sie ein Cookie (drin steht ne eindeutige ID).
Ruppsel surft weiter zu example.net, die, wie es das Schicksal so will, auch von Google und facebook ein Trackingpixel haben. Beide werden geladen, gucken, obs ein Cookie gibt – hurra, da ist eins. Google und facebook wissen nun, dass ich auf example.com und example.net war.

Nun melde ich mich bei YouTube an und hoppla, schon kann Google das mit den vorhandenen Cookiedaten verknüpfen und mir demnächst Werbespots von example.org einblenden, weil die Kunden der beiden Wettbewerber erreichen wollen und Google dafür Geld geben.

DSGVO und Cookieblocker

The new normal.

The new normal.

Diese beiden Faktoren haben das Prinzip nachhaltig verändert: die DSGVO setzt eine aktive Einwilligung in entsprechende Datenweitergaben voraus, gängige Browser blockieren alle Cookies, die nicht von der Domain kommen, die vom Browser selber aufgerufen wurde: wenn Ruppsel auf example.com ist, kann da noch so viel von google.com geladen werden, ein Cookie setzen dürfen sie trotzdem nicht. Bzw., doch, je nach Browser kommen da noch teils einzelne Cookies durch, in der Regel explizit die, die dem (anonymisierten) Tracking des Seitenbesuchs dienen, nicht dem seitenübergreifenden Nachverfolgen und -profilen. Allein, selbst da kann man sich nicht wirklich drauf verlassen (looking at you, Safari).

Was passiert?
Es werden bei einem großen und weiter wachsenden Teil von Webseitenbesuchern keine Cookies beispielsweise von Google Analytics mehr gesetzt. Nun ist HTTP aber im Grunde ein „zustandloses Protokoll“, ein Webserver weiss nicht, wer ihn da vor fünf Minuten genervt hat, er gibt eben immer das raus, was vom Nutzer angefragt wird. Es erkennt niemanden von sich aus wieder, dafür braucht es… Cookies. Oder ähnliches. Auf der Webseite selber mag das kein Problem sein – man ruft Seite A auf und kriegt Seite A. Man ruft Seite B auf und kriegt B, und wenn man Seite C nur kriegen kann, wenn man vorher einen Haken auf B gesetzt hat, dann setzt die Seite dabei ein „Haken auf B steht“ – Cookie und wenn das da ist, wird C ausgeliefert und wenn nicht, nicht. Weil das Cookie von der im Browser aufgerufenen Domain kommt, funktioniert das alles auch. Nun kommen aber „von extern“ gesetzte Cookies nicht mehr zuverlässig an.

Google Analytics, haben wir Sitzungen?

Springen wir zu Google Analytics. Wenn ich wissen will, wo sich Nutzer auf meiner Seite rumtreiben, nutze ich Google Analytics, weil es so ziemlich das beste ist, was man dazu nehmen kann. Wie oft werden welche Seiten aufgerufen, kommen die Nutzer über Anzeigen, über Links, über die Suche, wie lange bleiben sie auf Seite X, wieviele Seiten schauen sie sich an usw., und wer bei „wie viele Seiten schauen sie sich an“ am Kopf kratzte, hat mitgedacht. Woher soll Google wissen, dass der User auf Seite A derselbe ist wie der, der kurz darauf Seite B aufrief? Denn der Trackingcode wird nach wie vor über jede Seite aufgerufen, aber wie kann Google zuordnen, dass es immer derselbe Nutzer ist?

Analytics. Der Peak da bin ich.

Analytics. Der Peak da bin ich.

Bis vor einiger Zeit: klar, übers Cookie. Inzwischen kann man sich darauf schlicht nicht verlassen. Schau ich in Analytics, sehe ich aber unverändert, dass in diesem wie auch im letzten Jahr sich die Leute im Schnitt 1,3 Seiten hier anschauen, bevor sie woandershingehen. Oder dass sie eben auch mal sechs Blogeinträge durchblättern, damals wie heute. Es gibt nun die Leute, die sagen, klar, Google almighty kann eh alles und auch in unser Hirn und durch unsere Webcam gucken, aber wenn ich das einem Kunden sage, wird der mich für bekloppt erklären und sein Geld woanders ausgeben. Wir brauchen schon was handfesteres.

1st Party-Cookies und Browser-Requests

Google und auch Facebook behelfen sich (unter anderem) damit, Cookies via Javascript über die aufgerufene Seite auszuliefern: Der Trackingcode wird aufgerufen und sagt, jemand hat Seite A auf example.com aufgerufen, jemand hat Seite B auf example.com aufgerufen usw. Ein Cookie wird von example.com gesetzt, in dem eine ID steht. Weiterlesen

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Ich bin Kunst (und Utopiastadt Soziale Skulptur 2019)

Social Sculpture Award Preisverleihung 2019 Utopiastadt, Hutmacher

Social Sculpture Award Preisverleihung 2019 Utopiastadt, Hutmacher

Heute war a) Workout wie jeden Samstag und b) wurde Utopiastadt der „Social Sculpture Award“ verliehen: eine Auszeichnung als „Soziale Skulptur“ im Sinne von Beuys. Kreatives Formen von Gesellschaft bzw. dessen Akteure verstand er durchaus als Kunstwerk. Das ist an sich fein, dass es 10TEUR draufgibt, ohnehin, und dass dazu noch ein anschließendes Buffet kommt, nun, das verleitet mich zum Jammern auf hohem Niveau: Nach Brechstangenaction und Kellerfenstersanierung müssen es nicht grade die veganen Appetithäppchen sein, aber hey.

Hier wütete eine handgeschmiedete marrokanische Brechstange

Hier wütete eine handgeschmiedete marrokanische Brechstange

„Utopiastadt wird ausgezeichnet als ökologisch-soziales Modellprojekt, das den stillgelegten Mirker Bahnhof in Wuppertal einer neuen sozialen Nutzung zugeführt hat. Hier werden im Interesse einer aktiven Transformation unterschiedliche Initiativen zu einem vielfältigen Netzwerk zusammengeführt, das neue Impulse setzt, die der ganzen Region zugute kommen“,

schreibt es in der Presseerklärung der Social Sculpture Corporation, und ich kann das unterschreiben, ebenso wie das, was dann von der Stifterin, einem Juryangehörigen, OB Mucke und seitens ein, zwei UST-Vertretern laudatiiert und gedacht wurde. Über Denkanstöße und Würdigungen geh ich aber einfach mal im Schnelldurchlauf, weil ich zu was kommen will, was mir fehlte:

· unglaublich viele Projekte und Events
· von Coworkingspace zum Stadtentwicklungsprojekt
· Permanentes Aushandeln und Gestalten gesellschaftlichen Miteinanders
· integrativ grade auch in Bezug auf andere (städtische, soziale, ökonomische…) Akteure
· „ist“ oder „wird“ man soziale Skulptur (Kunstexperten sagen: sowohl als auch)
· Teilhabe/Partizipation und Niedrigschwelligkeit
· enorme Erhaltungs- und Gestaltungsleistung
· alle irgendwie verrückt
· Kunst in theoretischer Auseinandersetzung und praktischem Gestalten, dabei
· Reflexion im Sinne von *re*-flektieren (was gegebenes spiegeln/verarbeiten/bedenken) wie auch dem „ausstrahlen“ (utopisches Rausdenken)
· usw… Weiterlesen

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Sibylle Berg, GRM

Grm. Weniger flauschig, wie es aussieht.

Grm. Weniger flauschig, wie es aussieht.

Es zu kaufen, war an sich ein Nobrainer, aber zusammen mit GRM kaufte ich auch „Willkommen in Night Vale“ und noch irgendwas, und es sagt was über mein Verhältnis zu Sybille Berg aus, dass ich erst mal alles andere las, bevor ich mich an GRM machte. Bei der Lektüre fiel mir eine Parallele zu Houellebecq auf: ich weiss immer schon vorher, dass es schmerzhaft wird, aber lese das nächste Buch trotzdem. Meine erste Begegnung war noch zu Unizeiten „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“, und ich erinnere mich, dass mich das Buch damals etwas verstört zurückließ.

Nachdem ich ein Durchleser bin, der Sachen gelegentlich schneller wegliest, als es ihm lieb ist, hats weiter auch was zu sagen, dass ich GRM ein paar mal weglegen musste. „Oh, Ruppsel wird ein Weichei auf seine alten Tage“, ich weiß nicht recht. ich musste ein paarmal an die von mir durchaus verehrte Frau Nerdinger denken, die sich irgendwann mal drastisch gegen Elendsporno und Dystopien gewandt hat und Visionen einforderte, auf die man hinarbeiten könne.

Nun also GRM, und wie kann ein Buch schlecht sein, in dem ein von mir ebenfalls durchaus verehrter Herr Urbach zum Schluss mit Dank bedacht wird? Das Buch ist gut, sprachlich wie inhaltlich, aber es tut eben weh beim Lesen und wieso „aber“, ich denke, genau das ist der Sinn der Übung. Vier Kinder sind die Hauptpersonen, eine Latte Nebenprotagonisten nehmen auch Gestalt an, und die Welt ist eben die Dystopie, die jegliche positiven Entwürfe zum drauf hinarbeiten missen lässt. Böswillig kann man sagen, eine recht linear fortgeschriebene, konsequente Fortentwicklung von Rechtsruck, Ökonomisierung, Überwachung und Spaltung plus erwartbare Effekte ökologischer und sozialer Kollapse, kurz, mehr von allem, was uns jetzt bereits ans Knie pisst.

Zwei kleinere Spoiler im Folgenden. Weiterlesen

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Oh, Onlinewerbung funktioniert mal wieder nicht

Kann nicht funktionieren. Muss man wissen.

Kann nicht funktionieren. Muss man wissen.

Grade macht ein Artikel von Jesse Frederik und Maurits Martijn die Runde, der als nichts weniger denn Beleg dafür genommen wird, dass Onlinemarketing nicht funktioniert. Er macht einige Punkte, die gut genug sind, um drüber nachzudenken, ich kann mir aber nicht helfen: er scheint mir dahingehend falsch zu liegen, dass er wohl einige schöne Denkfehler der Branche bzw. Missverständnisse und typische Mechanismen aufzeigt (diesbezüglich ist er durchaus lehrreich), aber daraus die Schlüsse zwei Hausnummern zu groß zieht.

Ich will exemplarisch ein paar Hauptpunkte vorstellen und ein paar Gedanken dazu absondern. Wie meist mit dem Vorbehalt, dass ich schwer von der SEO- und recht wenig von der Paid-Ecke geprägt bin und einige Auswüchse der letzteren für durchaus ablebenswürdig halte.

Brand-Bidding

Praktisch die Hälfte des durchaus langen Artikels dreht sich um „Brand-Bidding“ – eBay zahlt Millionen an Google, damit ihre bezahlte Werbung dort steht, wo ohne diese Millionen das organische Suchergebnis stünde, wenn jemand nach „eBay“ googelt. Die Geschichte ist schön, lehrreich und macht klar, dass man für fünf Pfenning nachdenken sollte, bevor man einen Channel alleine betrachtet. Dass man unglaublich viel Besucher über eine Paid-Kampagne kriegt, mit der man Leute anspricht, die eh nach einem suchen, geschenkt. Dazu ein wirklich schönes Zitat aus dem Artikel, das sich jeder meiner Kollegen durchaus merken sollte, aus verschiedenen Gründen:

„Bad methodology makes everyone happy,” said David Reiley, who used to head Yahoo’s economics team and is now working for streaming service Pandora. „It will make the publisher happy. It will make the person who bought the media happy. It will make the boss of the person who bought the media happy. It will make the ad agency happy. Everybody can brag that they had a very successful campaign.“

Ich kenne an sich niemanden, der zu sowas wie Brandbidding nach vorgestelltem Muster rät, die eBay-Geschichte hört sich völlig verstaubt an und ist es wahrscheinlich auch. „Kannibalisiert eure Channels nicht“, meines Erachtens nach Basiswissen. Ich kenne Unternehmen, die machen es trotzdem. Sie machen es nicht, weil die bösen Marketer das Management verarschen und für teuer Geld schöne Kurven malen wollen, solang keiner genauer hinguckt, sie machen es gelegentlich gegen den Rat der entsprechenden Personen und manchmal aus anderen Gründen, von denen ich kurz welche anreißen will. Weiterlesen

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Marokko, noch mehr Gedanken und etwas Verärgerung

Astapor. Weg übers Flussbett.

Astapor. Weg übers Flussbett.

Wir sind nun in Ait Ben Haddou angekommen, besser bekannt als Astapor, seinerzeit befreit von der Khaleesi Danaerys I. Sturmtochter Targaryen, erste ihres Namens, der Unverbrannten, Sprengerin der Ketten, Mutter der Drachen usw., ein geschichtsträchtiger Ort, wenngleich man von den damaligen Geschehnissen nicht mehr viel sieht. Wie in den anderen südlichen Landesteilen alles wahlweise steinig und trocken, alternativ geprägt von Ackerbau und Viehzucht, und natürlich nun hier und um Ouazarzate einiges touristisches, aber es wäre auch sehr schade drum, wenn Landschaft, Gebäude etc. von niemandem gesehen würden. Wir versuchten heute, zum gestauten See vor Ouazarzate zu fahren, aber es hat nur bedingt funktioniert.

Die Karte ist nicht das Gebiet.

Die Karte ist nicht das Gebiet.

An sich ist der Stausee ein Wasserreservoir, aber aktuell ist da nicht viel reserviert, was man auch am Weg nach Astapor sieht: an sich laufen wir hier durch ein Flussbett. Da fließt auch Wasser, aber eben nicht immer. Ähnlich verhielt es sich bei der vorigen Station, Adzg, dort besichtigten wir ein dortiges Kollektiv – offenbar eine beliebte Organisationsform – welches Datteln verarbeitete (Sirup, Marmelade, Speisedatteln) und wo es auch noch die „Hennagärten“ gab – wo unter den Palmen eben auch Henna angebaut wurde. Das ganze bewässert über einen Brunnen, betrieben von zwei alten Renault-Automotoren, die auf Gasflaschenbetrieb umgerüstet waren und dort eben irgendwo in der Pampa standen.

Den ganzen ausgetrockneten Fluss entlang ist so Dörfchen an Dörfchen, es sieht mir alles sehr nach Subsistenzwirtschaft aus und wurde mir bei ein, zwei Gesprächen auch größtenteils als solche beschrieben.

Brunnen. Powered by Renault.

Brunnen. Powered by Renault.

Fluss. Nun, manchmal.

Fluss. Nun, manchmal.

Ich kenne mich mit den hiesigen Bodenverhältnissen wenig aus jenseits von „Wüste, Schwemmland, Fluss, +2 Nahrung“ nach CIV V, aber vermute, dass es eben ein recht lehmig/sandiges Schwemmland ist mit praktisch keinen Humusanteilen und der Nährstoffgehalt entsprechend aussieht. Weiterlesen

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Marokko/Marrakesch, unsortierte Assoziationen

Katzen beim Metzger

Katzen beim Metzger

So, hier sind wir nun schon ein paar Tage und ich muss ein paar Assoziationen niederschreiben. Marrakesch ist eine tolle Stadt, macht mich aber permanent nachdenken über Sachen zuhause, und die kleinste davon ist, wie eine Stadt ohne Fixierung aufs Auto funktioniert. Der größte Teil der Medina ist für Autos praktisch nicht befahrbar, dem allgemeinen Chaos tuts keinen Abbruch, selbiges findet aber in einem vollkommen okayen Ausmaß statt, YMMV. Am meisten beschäftigt mich aber in durchaus marxscher Definition die Produktionsweise. Marrakeschs Innenstadt ist ein Wirrwar von kleinen Läden, in denen es immer wieder weitgehend dasselbe gibt (Lederwaren, Lampen, Deko, Metallarbeiten, Gewürze, Färbemittel, Kosmetik, Essen usw.) und ähnelt da durchaus ein wenig den einschlägigen Metropolen, nur sind hier in der Regel die Werk- und Produktionsstätten direkt dabei, nebenan, drei Ecken weiter. Sprich, wir haben meinetwegen drei Schuhgeschäfte, und dazwischen eben auch drei Winzig-Werkstätten, in denen besohlt, genäht, genietet wird usw.

Schmiede. Macht u.a. machtvolle Brecheisen.

Schmiede. Macht u.a. machtvolle Brecheisen.

Schweißen diverser Tore und Möbel

Schweißen diverser Tore und Möbel

Das ganze bis zu den Schmieden, die sich in einer der Gassen etwas konzentrieren, und dem Gerberviertel, das genauso riecht, wie man denkt. Wir haben an jeder dritten Ecke eine kleine Holzwerkstatt, wo die einen natürlich die Schachfiguren für die Touris drechseln, aber die anderen eben mal die fetten Hauseingangstüren schnitzen oder Möbel bauen, mit gezapften Holzverbindungen und der Handsäge. Bei den Metallwerkern schweißen sie Karren, Bettroste, Fenstergitter und Zauntore zusammen und ich schwöre, die Elektrodenschweißgeräte sind älter als unseres.

Gerberei.

Gerberei.

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Den eigenen Nazi-Wurzeln hinterherrecherchieren…

…ist so eine Sache. Es ist ne Weile her, da rauschte auf Twitter ein Statement ungefähr der Art an mir vorbei, dass die Nichtaufarbeitung der NS-Vergangenheit in Deutschland ja eine generelles und nicht nur ein staatliches/institutionelles Versagen sei, dass durchgehend die Familiengeschichten geschönt seien und ja offenbar alle, (wie wir seit Oettinger wissen) selbst Verbrecher wie Filbinger irgendwie auch „im Widerstand“ waren, man fragt sich, wer eigentlich dabei war.

Ich empfand einen Anflug von schlechtem Gewissen: ich werd zu der Generation gehören, die als letztes die eigene Verwandtschaft hätte fragen können, was da eigentlich Sache war. Jetzt ists aber auch schon ein paar Jahre her, dass meine Großmutter starb, und ich fragte seinerzeit nicht. Das hat auch damit zu tun, dass sie eine Kriegswitwe war und mein Großvater in Stalingrad blieb. Entsprechend hatte ich nie viel von ihm erfahren und ein gutes Stück weit auch Hemmungen zu fragen. Ich hatte eine Großmutter, die nicht wirklich einfach, aber eine herzensgute Frau war, einen Vater, der uns immer vermittelte, dass es uns nie so wie ihm gehen sollte: aufzuwachsen ohne einen Vater, der sein Kind lieben und sich kümmern konnte. Natürlich will man in solchen Kontexten keine Großväter als Täter sehen. Ich fürchte, wahrscheinlich erfährt man im Folgenden mehr über mich denn über die Familienvorgeschichte. Aber nun.

Meine ersten Erinnerungen dahingehend, dass mein Großvater bei mir unter Naziverdacht geriet, betreffen interessanterweise ein Jugendbuch, das ich irgendwo mal beim Stöbern fand. „Der wahre Robinson“ von Oskar Kloeffel, ich erinner mich, dass ich den „richtigen“ Robinson damals schon gelesen hatte, das Buch fand, las und sehr eigenartig fand. Das ist nun sehr lang her, aber um die ferne Erinnerung noch weiter zu verkürzen: eine Robinsonade, in der der „Robinson“ sich die Hälfte der Zeit den Kopf zerbricht, ob er seinem (farbigen) Freitag trauen kann, weil der ja wild und degeneriert ist, ob er sich und seine Kultur verrät, wenn er mit ihm kooperiert usw., der naive Richie damals kapierte es schlicht nicht, aber es blieb hängen und irgendwann mit mehr Kontext verstand er ein wenig besser, warum das seinerzeit wohl als gute Jugendliteratur gegolten haben könnte.

Ein Nachweis der arischen Abstammung

Ein Nachweis der arischen Abstammung

Was erfuhr ich sonst über ihn? Nicht viel – meine Großeltern heirateten kurz vor dem Krieg (1937), er war wohl Arbeiter im Nachbarort, und dann war er zuerst direkt auf dem Frankreichfeldzug und später dann in Russland. Ich erinnere mich an eine Erzählung, dass mein Vater ihn kaum, wenn überhaupt bewusst (weil Baby) gesehen hatte und das sollte auf einem Zwischenstopp der Bahn gewesen sein, mit dem er an die Ostfront gebracht wurde, und bei der Durchreise von West nach Ost noch mal schnell Frau und Kind treffen konnte. Und aus Stalingrad dann zum einen, dass er ein Bein verloren hatte und zum anderen, dass er zuletzt von einem anderen Soldaten im Schneetreiben gesehen wurde, der ihm zurief, in welche Richtung der Sanka sei, und in die sei er dann auch verschwunden. Dann nichts mehr, die einschlägigen Hilfs- und Recherchedienste hatten auch Jahrzehnte später nichts zu berichten. Weiterlesen

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CCCamp2019, es war mir ein Fest

c-base, nachts. Überhaupt, Camp nachts.

c-base, nachts. Überhaupt, Camp nachts.

Ja, nachts ist das Camp immer noch mal ne Liga für sich. Ich war einmal mehr begeistert vom Input, den Leuten, der Stimmung und dem gelegentlich bewussten Realisieren, dass eine bessere Welt möglich ist, aber an der Stelle lass ichs nun auch mit den ganz großen Kalibern. Unpassend, aber mit etwas unbehaglichem Hintergedanken: an sich wärs mir lieber, wenn das „nächstes mal noch geiler“ nicht weiter über die „große“ Campausstattung gefahren wird, sondern etwas dezentraler, kleiner, über Villages usw. Was ja bereits jetzt stattfindet, aber ums zuzuspitzen: ich tausche jederzeit zwei der großen Flakscheinwerfer gegen einen Cat5-Kabel-Gartenzaun mit LED-Leuchtaugengartenzwergen. Whatever.

Einhörner, Lichter, alles.

Einhörner, Lichter, alles.

Die Infrastruktur war ansonsten eine sehr feine Sache, Mate- und Tschunknachschub jederzeit sicher und ich ließ mir leider nur erzählen von einer „Betonmischmaschine, Rum, Mate, Limetten, Zucker und Trockeneis“-Aktion, die eine interessante Diskussion lostrat, wie unser GPA-Betonmischer ggf. auf vertretbar hygienische Weise in eine Tschunkmischmaschine transformiert werden könnte. Ich musste dann aber gehen, als es spannend wurde, weil ich einen Workshop unbedingt mitnehmen musste: Hirnwellen scannen mit DIY-Einfachstelektronik. Die mit dem erstaunlichsten Label-Zustimmungsstatement kam, das ich bisher sah. Es gibt theoretische Szenarien, mittels derer man sich bei inkorrekter Anwendung den Vorderhirnlappen toastet, deswegen kann man das Hirnwellen-Messkit leider nicht im Netz ordern.

Spätverkauf, CCCamp2019.

Spätverkauf, CCCamp2019.

icibici-Warnung vor dem Workshop

icibici-Warnung vor dem Workshop

Im Endeffekt gehts aber nur um drei Elektroden, die via Frequenzmodulation und -verstärkung Hirnwellen auffangen und via Audioeingang an weitgehend beliebiges Gerät ausliefern können. Man sollte die Kabel flechten (damit alle die gleichen Störeinstreuungen kriegen) und abschirmen (damits möglichst wenige sind). Dann packt man sich die Elektroden an den Kopf, fixiert mit einer (in meinem Fall pinken) Billigbademütze (teuerstes Einzelteil des ganzen Kits) und misst bzw. experimentiert. Es gibt eine Applikation, mit der man quasi via Hingucken Knöpfe drücken kann: man hat z.B. „Ja“ und „Nein“ als unterschiedlich schnell blinkende Icons auf dem Screen. Guckt man drauf, wird die Blinkfrequenz des jeweils fokussierten Buttons im Sehzentrum teils nachgebildet und messbar – die Messung der jeweiligen Blinkfrequenz löst dann den Klick auf den passend blinkenden Button aus. Getestet, und Treffer waren reproduzierbar sehr deutlich über Zufall.

Icibici-Hirnstromscanner, Drahtflechten

Icibici-Hirnstromscanner, Drahtflechten

Hirnstromscanner auf dem CCCamp2019, fertig und einsatzbereit

Hirnstromscanner auf dem CCCamp2019, fertig und einsatzbereit

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CCCamp2019, ein paar Eindrücke

Zivilisierte Existenz auf dem CCCamp2019

Zivilisierte Existenz auf dem CCCamp2019

Das Camp dieses Jahr ist, ich lege mich fest, großartig und ich bin grade ein wenig tiefenentspannt, und das ist ein wenig eine neue Erfahrung für mich auf Hackerzusammenkünften. Tag 0 angekommen, Aufbau, und nun ja, wir reden ja nicht von Luxus, sondern den Grundlagen einer zivilisierten Existenz.

Wie immer auf dem Camp: ich neige mehr zum rumstiefeln, gucken, quatschen, chillen, statt in jedem zweiten Workshop/Vortragsslot zu sitzen, und ich bin dieses Jahr auch ein wenig mit dem Gedanken hier, mich ein wenig für den ganzen Utopiastadt/GPA-Komplex inspirieren zu lassen. Was die Paletteninstallationen angeht, wurde insbesondere mit dem Duschwunderland ziemlich vorgelegt.

Duschwunderland-Palettenliegewiese

Duschwunderland-Palettenliegewiese

Okaye Theke.

Okaye Theke.

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Newslettertracking, die böse Marketerperspektive

Das nimmt grade ein wenig überhand mit der Trackingdekonstruktion, und ich sehs nicht als mein Kernthema, aber jetzt lief mir erst Netzpolitik mit dem Newslettertracking über den Weg und nun eskalierts der von mir außerordentlich geschätzte diplix nochmal eins weiter (1), und dann juckts den Tippfinger. Vorab: folgendes soll absolut keine Rechtfertigungsschrift sein, sondern schlicht eine weitere Perspektive aufs Problem, das ich zugegebenermaßen jetzt nicht als sonderlich groß empfinde. Weiter bin ich einmal mehr kein explizit mit NL-Marketing befasster Onlinewerber, hab aber durchaus damit zu tun gehabt und eine Latte Backends und Auswertungen von hinten gesehen und auch durchaus strategisch mitgeplant.

tl;dr: Viel tolles Marketinggerede von Marketingdienstleistern ist Marketinggerede, viele maximalinvasiv wirkende Techniken sind in der Praxis weitgehend irrelevant, es geht nicht immer ums User maximal durchleuchten, sondern oft genug ums „wir haben den geilsten Tech, kauft unsere Plattform“. Ein Newsletter ist eine ausgelagerte Webseite, auf der man angemeldet surft, handle mit es.

Kurzgefasst das Problem: In Newslettern sind Trackingpixel, mit denen wird gemessen, ob und wann der Newsletter geöffnet wird. Das ganze in der Regel individualisiert, sprich, ich sehe, wann du (ja, genau du) meinen NL aufgemacht hast. Wenn du einen Link in einem Newsletter klickst, ist der in der Regel auch kein Link der Art https://www.example.com/zielseite, sondern https://www.example.com/zielseite?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=heutigesdatum-nl&utm_content=produktlink-3 und wenn man das selber nachbauen will, Google hat ein Tool dafür. Sinn davon: wer klickt, wird auch auf der Webseite als Besucher erfasst, der über Link X vom Newsletter Y kam.

Ausgebaut das Problem: wer jetzt seinen Newsletterordner durchsieht, findet dort aber meist keine Links nach Muster https://www.example.com/zielseite?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=heutigesdatum-nl&utm_content=produktlink-3, sondern vielmehr was deutlich kryptischeres in der Art von https://nl.example.com/u/bla.php?v1=xyz&v2=abc&usw, und das liegt daran, dass die Newsletterplattform gleich via Subdomain in die eigene Domain integriert wird. So kann idealerweise auch gleich das passende first Party-Cookie gesetzt werden, kann man individuelle kryptische URLs für jeden einzelnen Empfänger generieren und diese nach wiederum individualisiertem Usertracking auf eine URL mit den oben genannten Parametern weiterleiten, damit der Webseitenbesuch wieder separat weiter erfasst wird. Weiterlesen

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