Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. Buchrezension.

Aus dem Umfeld der Spackeriadiskussion kam die Anfrage rein, ob mich das so beititelte Buch von Bernhard Pörksen und Hanne Detel interessieren würde, es interessierte, Pörksen ist Prof an der Uni Tübingen, ich denke, seit nach meiner Zeit, denn damals gabs in der Richtuing in Tü noch nicht so richtig viel, aber nach Pörksens Buch zu urteilen, ist man da heute auf nem anderen Stand in der dortigen Medienwissenschaft. Vorab: Gelesen, für gut und weiterempfehlenswert gefunden, wenn man sich für die Thematik interessiert, sollte mans lesen. Auch vorab: insbesondere auch, weils zum Fragenstellen und Weiterdenken anregt, denn (wie solls anders sein) es fehlt mir natürlich wieder einiges, was ich mit von einem Buch zu diesem Thema erwarte. Aber das nun in länger.

Der entfesselte Skandal. Bernhard Pörksen.

Was ist der „entfesselte Skandal“ im „digitalen Zeitalter“? Pörksen spricht von Medienereignissen, die gestützt durch die Dynamik des Internet eine erhebliche Resonanz mit, nun, „Skandalcharakter“ hatten und zum einen große Reichweite und zum anderen erheblichen Einfluss/schwerwiegende Folgen für entweder Einzelne oder eben ganze Staaten, Organisationen etc. hatten. Beispiele: die gecrowdsourcte Guttenberg-Überführung als Plagiator und Titelerschleicher, die immerhin gegen die BILD-Propaganda seinen zügigen Abtritt zur Folge hatte, die Demontage der US-Außenpolitik durch Wikileaks, aber auch der Bus-Onkel in Honkong, der es zu einem Millionenpublikum auf Youtube brachte oder die vorerst gescheiterte Karriere zweier BA-Mitarbeiterinnen, deren Intim-Emailwechsel versehentlich an den Abteilungsverteiler und von dort aus recht direkt in die Klatschspalten ging. Diese und einige weitere Netzgeschichten mit Großreichweite werden en Detail beschrieben und analysiert. Was ist das Gemeinsame dieser doch recht unterschiedlichen Fälle? Eine enorme Reichweite und resultierende Bekanntheit von digitalen Dokumentationen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren und in Kombination mit dieser eine erhebliche Sprengkraft bergen. Weiter, dass es neue Mechanismen der Skandalisierung gibt (vom politisch/aktivistisch aktiv betriebenen Medienscoop bis hin zum „going viral“-Selbstläufer privater Kommunikation), die dafür sorgen, dass selbst per se unbedeutende Medien und Dokumente durch das Zusammentreffen verschiedener (und teilweise völlig unklarer) Faktoren eine enorme Reichweite und damit Sprengkraft für die persönliche Biografie und/oder ganzer Institutionen bergen.

Grob zerfallen die vorgestellten Ereignisse in zwei Gruppen – eine Klassifizierung, die Pörksen nicht explizit vornimmt, die meiner Ansicht nach aber recht offen zutage tritt: einmal Sachverhalte, die im Interesse einiger oder vieler Akteure bewusst nicht in die Öffentlichkeit gelangen sollen (Bradley Mannings Material für Wikileaks, der Sachverhalt um Guttenbergs Doktorerschleicherei) und gegen den Willen der Akteure „aufgedeckt“ werden konnten. Zum anderen Sachverhalte, von denen die Akteure nicht annahmen, dass sie überhaupt Verbreitung finden würden, auch wenn diese natürlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren (die BA-Tratschmails, das Star Wars Kid, der Hongkonger Busonkel). Und was mich nun umtreibt, sind weniger die Antworten, die im Buch gegeben werden, als die Fragen, die sich vorher und nachher auftun, allen voran die nach den Unterschieden der Fälle, während Pörksen eben in erster Linie die Gemeinsamkeiten analysiert – den Kontrollverlust, den auch der öfter angeführte mspro regelmäßig konstatiert, der auch in seinen unterschiedlichen Ausprägungen betrachtet wird.

Kennt man die Dynamiken, die eine netzgestützte Medienkommunikation, -verbreitung und -bearbeitung entwickeln kann (und diese arbeitet Pörksen in erster Linie heraus), dann werden die jeweils unterschiedlichen Faktoren dieser Kontrollverluste interessant, die im Fall von Guttenberg und Abu Ghraib einerseits und den BA-Klatschmails oder dem Honkonger Busonkel andererseits zum Tragen kommen – im einen Fall eine teils individuelle, teils kollaborative Beschaffung und mediale Aufarbeitung eines Zeitgeschehens, das an sich prädestiniert für den Informations- und Rechercheauftrag der „alten“ Medien ist. Im anderen Fall haben wir das teilweise zufällig, teilweise auf konkrete und auszulösende Trigger reagierende „boulevardeske“ Internetpublikum, welches eine Geschichte unkontrollierbar verbreitet und in einen öffentlichen Fokus rückt, die in Papierzeiten allenfalls lokale Episode geblieben wäre. Im ersten Fall übernimmt eine Netzöffentlichkeit eine Rolle, welche klassisch Massenmedien und investigativer Journalismus in einer Gesellschaft zukommt, um grundlegende Kontroll- und Informationsaufgaben wahrzunehmen, ohne die eine aufgeklärte Demokratie schlicht nicht auf Dauer funktionieren kann. Der Kontrollverlust wird wirksam in klandestinen, aber einflussreichen Institutionen und Netzwerken, er wirkt gewissermaßen emanzipativ, herrschaftskritisch. Im zweiten Fall ist allenfalls eine breit geteilte Lust am Skurrilen oder an der boulevardesken Empörung zu beobachten, die für die Verbreitungsdynamik mit allen Nebenfolgen für die betroffenen Personen sorgt. Diese Lust kann man mit etwas Mühe noch ins exemplarische Durchsetzenwollen gemeinsam geteilter Wert- und Moralvorstellungen hinbiegen, aber selbst das ist in der Regel eher mühsam. Als Kontrollverlust gegenüber einem primitiven und unkontrollierten Boulevard kann man kleinere bis beherrschende Aspekte der verschiedenen Fälle dieser Sorte abtun, die restlichen Faktoren sind schwer zu greifen. Persönlich denke ich, dass die (auch im Buch angesprochene) „zum Mem werden“-Prozesse, die regelmäßig im Netz ablaufen, eine Rolle spielen, damit erklärt man aber Unklarheit a mit Unklarheit b. Ich mag an der Stelle auch auf Nils Löbers Arbeit zu Jugendkultur und Memen auf Imageboards, konkret Krautchan hinweisen, die ich vor einiger Zeit beim Entstehen mitlesen durfte, wo einiges auftaucht, was in den hier behandelten Fällen ins „going viral“ mit reinspielen wird.

Zurück zum Thema, bzw. der Kritik. Pörksen zeigt sehr anschaulich, welche Dynamik „Skandale“ im Netz entwickeln können, ungeachtet der (Un-)Bekanntheit der Akteure oder ihrer gesellschaftlichen Relevanz. Die Frage, die er offenlässt, ist die nach den „Nieten“ – und auch hier muss man unterscheiden zwischen den Skandalen, die an sich aufgedeckt „gehören“ und denen, deren regelmäßige „Aufdeckung“ bzw. massenhafter Verbreitung man sich nicht ernsthaft wünschen wird. Es steht außer Frage, dass es gesellschaftlich durchaus von Nutzen wäre, wenn Hochstapler und Betrüger in führenden Positionen schnell und zuverlässig als solche entlarvt würden, Auf der anderen Seite wird sich niemand wünschen, sämtliche schlüpfrigen Emailwechsel aus deutschen Amtsstuben regelmäßig veröffentlicht zu sehen – ungeachtet dessen, dass eben doch immer mal wieder eine Sau durch den Boulevard getrieben wird.

An der Stelle fühle ich mich an Lem erinnert und seiner „De Impossibile Vitae“-Rezension: der statistisch hergeleiteten Unmöglichkeit der persönlichen Existenz, zu deren individueller Entstehung so viele unwahrscheinliche Zufälle zusammenwirken müssen, dass in der Summe die Wahrscheinlichkeit quasi gegen null geht. Trotzdem gibts uns alle, und das eben, weil die Nieten nicht auftauchen. Und genau das ist auch die leere Stelle in Pörksens Buch: was ist mit den Nieten? Den „aufdeckenswerten“ Skandalen, die eben trotz massenhafter Verbreitung von Digitaltechnik und weltumspannender Datenkommunikation nicht veröffentlicht werden oder schlicht keine Reichweite entwickeln? Was ist mit dem massenhaft herumliegenden „Privatkompromat“ auf eigens dafür eingerichteten Meine-Ex- und ähnlichen Portalen – denn auch hier sind alle Faktoren für den Kontrollverlust gegeben, ja, dieser bereits eingetreten, aber er entwickelt keine (oder nur sehr begrenzte) Virulenz. Was ist zuletzt mit den zahllosen Pannen und Misständen in Unternehmen/der Wirtschaft, wo der Shitstorm eben zuverlässig ausbleibt oder der Missstand eben eine allgemeine und akzeptierte Normalität geworden ist? Was passiert? Die Ing-Diba kriegt von Peta aufs Maul, weil in ihren Spots jemand in ein Wurstbrot gebissen hat. Glücklich die Wirtschaft, die mit solchen Shitstorms zur Ethik erzogen werden muss.

Das bringt mich zum letzten Punkt und einer inhaltlichen Kritik, da ich denke, dass das Buch hier auch in der Fallauswahl zu einer fehlerhaften Fokussierung führen könnte. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Buch zum Kontrollverlust über digitale Daten und die daraus resultierenden global gewordenen Skandale diversester Natur eben über die zum Skandal gewordenen Fälle spricht. So begründet jedoch das Buch vor den globalen Großeffekten einer zum Mem gewordenen Handlung warnt, so verwischt wird der Blick auf den jeweiligen „blinden Flecken“. In gesellschaftlicher Dimension: dass trotz neuer Medien relevante Informationen nur unter erheblichen Umständen und Gefahren und – naturgemäß – mit vermutlich hoher Dunkelziffer an nicht aufgedeckten Fällen verbreitet werden. Aus privater Sicht: dass ungeachtet der bekanntgewordenen und zu bedenkenden Worstcases sich der Großteil der Leute eben nicht global, sondern im Nahumfeld blamiert. Effizienter und dauerhafter als früher, wo die Inhalte eben nicht konserviert, kopiert, archiviert werden konnten.

Der entfesselte Skandal. Bernhard Pörksen, Hanne Detel

Bernhard Pörksen, Hanne Detel
„Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter.“
Herbert von Halem Verlag
248 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,80 EUR
ISBN 978-3-86962-058-9

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One Response to Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. Buchrezension.

  1. -til- says:

    Also ich find das Buch klasse! klare empfehlung!!!

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