Eine Lanze für den Cyberspace, ein Diss an das Reallife…

…irgendwie so wollte ich das provokant überschreiben, was mir schon seit einigen Wochen im Kopf rumspinnt und worüber ich auf der re:publica auch die eine oder andere streitbare Debatte hatte, ganz zu schweigen von jenen anschließend bei der angeber.in. Achtung, wird lang und leicht wissenschaftlich.

Kurz vorweg: Alle Welt redet davon, dass Netzkommunikation trotz aller schöner Netzdinge irgendwo unvollständig, verarmt, unecht, künstlich, distanziert usw. ist, im Gegensatz zum Reallife, wo alles mögliche hinzukommt, was dem Cyberspace fehlt – Mimik, Gestik, Wissen um die Echtheit des Gegenübers, Sehen, Fühlen, Riechen und so weiter. Was auch immer das Netz macht, von den Smileys bis zur Webcam, diese Defizite kann es nicht ausbügeln. Wer viel im Netz kommuniziert, hat ein Kommunikationsproblem, ist ein Nerd, sozial geschädigt, menschenscheu oder was auch immer, wer viel im RL kommuniziert, ist offenbar „normal“, kommunikativ, aufgeschlossen usw. Diese Ansicht ist nicht vollkommen blödsinnig, aber sie ist von einer extrem naiven Sicht auf die Dinge geprägt, und es wundert mich, dass noch nie ein Kommunikationswissenschaftler oder ein Systemtheoretiker (wo seid ihr?) mit dem Kram aufgeräumt hat. Btw., wenn ich im Folgenden ein wenig Fachchinesisch verwende: in der Regel ist die jeweilige Terminologie im luhmannschen Sinn gemeint. Womit ich mir nicht anmaßen will, ein ernsthafter Systemtheoretiker noch ein besonders aufmerksamer Luhmannschüler zu sein.

Was ich hier zur Debatte stellen und vertreten will:

  • Werden „Reallife“ und Netzkommunikation gegenübergestellt, wird das RL kommunikationstechnisch extrem schöngefärbt. Um die „Unechtheit“ des CS-Kommunizierens darzustellen, wird ein so absolut nicht zutreffendes Bild von RL-Kommunikation gezeichnet. Eine ordentliche Kommunikationstheorie liegt dem Vergleich in der Regel nicht zugrunde, sondern eine diffuse Laienpsychologie, die RL-Kommunikation auf ne Weise überzeichnet, die in der Praxis kein Mensch aushalten würde. Demgegenüber wird (fairerweise) auch dem Netz-Kommunizieren keine ordentliche Kommunikationstheorie zugrunde gelegt, was diesem in der (Schein)Debatte interessanterweise aber zum Nachteil gereicht.
  • Starke These: Internetkommunikation ist *regelmäßig* einer extrem starken Inklusion der Kommunikationspartner gegenüber offen, während dies im Reallife häufig als Pathologie empfunden wird. Ein sehr großer Teil der RL-Kommunikation ist extrem zweckgebunden und rollenmäßig festgelegt, während Kommunikationen dieser Art im Netz überwiegend mit Skripten und automatischen Systemen abgewickelt werden und nicht mehr von Menschen „abgeleistet“ werden müssen. Fazit: Kommunikation im Internet ist im Durchschnitt ergebnisoffener und „inkludierender“, als es die Kommunikation im Reallife im Schnitt ist.

Was ich nicht vertreten will:

  • Mitnichten will ich behaupten, Netzkommunikation sel dem Reallife per se überlegen. Das wäre derselbe Denkfehler in Grün. Es geht mir nur drum, dass Reallife-Kommunikation nicht per se so toll und facettenreich ist und Internetkommunikation nicht per se irgendwie verarmt. Ansonsten bin ich sehr dafür, dass sich Menschen „in echt“ treffen, sehen, miteinander reden, sich riechen, tätscheln, küssen und sonstwie interagieren, wie es die Sinnesorgane nur so hergeben (und natuerlich auf ne Weise, mit der alle Beteiligten einverstanden sind. Safe, sane, consensual, nie die heilige Dreifaltigkeit vergessen :o) ).

Kritik der Reallife-Kommunikation

„Reallife“-Kommunikation wird in den einschlägigen Debatten in der Regel implizit zugeschrieben, dass sie die beteiligten Personen in ihrer Gänze oder zumindest in zahlreichen Facetten ihres Seins einbindet und abbildet, auf mehreren Ebenen und Kanälen anschlußfähig ist, eine gewisse „Unmittelbarkeit“ und „Echtheit“ aufweist – um ein überstrapaziertes Wort zu bemühen, ihr wird eine gewisse „Ganzheitlichkeit“ unterstellt, die in einer anständigen Kommunikationstheorie zwar als naiv und faktisch nicht vorhanden abgetan werden würde, in der Gegenüberstellung mit Netzkommunikation aber allzu bereitwillig stillschweigend unterstellt wird.

Nun ist es kein Problem, diese „Ganzheitlichkeit“ nun ebenso zu unterstellen und anschließend nach Belieben zu zerlegen. Faktisch passiert das jedoch höchst selten in den entsprechenden Diskussionen, weswegen ich jetzt einfach mal die große Luhmann-Keule auspacke und noch schnell den Boden bereite. Kurze Theorieeinführung:

Gesellschaft besteht aus Kommunikationen. Diese strukturieren sich nach gesellschaftlichen Subsystemen, die ihre jeweils eigene Logik, ihr eigenes Medium, ihren eigenen Code ausbilden. Was in diesen Code übersetzbar ist, kann vom System wahrgenommen werden, was nicht, das gehört zu einer mehr oder weniger diffus erscheinenden Umwelt. Beispiel Wirtschaftssystem: das Wirtschaftssystem kommuniziert durch Geldzahlungen. Was in Geld übersetzt werden kann, wird wahrgenommen, was nicht, nicht. Dasselbe gilt für andere Systeme, wie Recht, Religion, Politik, Wissenschaft usw. Menschen kommen in diesen Systemen ebenfalls allenfalls als Umwelt vor. Leiste ich eine Geldzahlung, werde ich im Wirtschaftssystem wahrgenommen.

Eine Reduktion auf diesen „Umweltaspekt“ eines Gesellschaftssystems erfährt der größte Teil unserer Kommunikationen. Weitere „Kommunikationsebenen“ mögen das verschleiern, tatsächlich aufgehoben wird die Reduktion in der Regel jedoch nicht, noch werden Anschlussmöglichkeiten regelmäßig wahrgenommen, die einen anderen als den ursprünglichen Systemkontext herstellen. Weil wir grade mit der Wirtschaft angefangen haben: Auch wenn ich das Bäckereiprekariat (Googleloch!) noch so freundlich grüße und es mich wiederum noch so sympathisch anlächelt, ändert das nichts am Kern der Interaktion, und die dreht sich darum, dass ich das verdammte Brötchen einpacke und dafür eine Geldzahlung leiste.

Eine Inklusion der Person in ihrer Gänze findet nur in Ausnahmefällen statt. In dem Maß, wie Gesellschaft komplexer, die Zahl und die Art unserer Rollen in derselben komplizierter und vielfältiger werden, desto schwieriger und auch seltener wird Kommunikation, die quasi in alle Richtungen anschlußfähig ist. Was durchaus ein Vorteil ist und die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft stärkt, da vieles schlicht nicht mehr ausgehandelt, geprüft, geklärt werden muss. Nur befördert es nicht gerade eine „Ganzheitlichkeit“ der Interaktion, die per se existieren soll, nur weil sich eben zwei Menschen in Fleisch und Blut gegenüberstehen. Häufig genug ist diese Körper- und Ganzheitlichkeit ein Aspekt so mancher Kommunikation, auf den man auch gerne verzichten hätte können.

Weitgehende bis vollständige Inklusion, ich wage gar zu behaupten, bereits die Inklusion mehrerer System- und Kommunikationsebenen ist hingegen eher Sonderfall als die Regel. Ich pack jetzt nochmal die Wikipedia zu Luhmann aus, weil da das besser und klarer steht, als ich es jetzt zusammenbringen würde:

„Liebe fungiert – nach Luhmann – in der heutigen funktional ausdifferenzierten Gesellschaft in erster Linie als ’symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium‘, das unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich machen soll. Die Gesellschaft differenziert sich immer stärker in einzelne Teilbereiche. Jedes einzelne Individuum ist nicht mehr nur in einem Bereich, z. B. der Familie verwurzelt, sondern in vielen Teilbereichen, etwa Freizeit oder Beruf. Auch ist es immer auch nur zu einem Teil verortet und bewegt sich ständig zwischen verschiedenen Bereichen hin und her….
Dem Einzelnen fällt es vor diesem Hintergrund zunehmend schwerer, sich selbst zu bestimmen. Hinzu kommt, dass diese Individualität und Identität im kommunikativen Austausch mit anderen bestätigt werden muss. Diese ‚höchstpersönliche‘ Kommunikation nimmt in einer derart ausdifferenzierten Gesellschaft aber ständig ab, denn zum einen wird durch die Vielzahl an Rollen in den beschriebenen Teilbereichen (z.B. als Tochter, Sekretärin, Freizeitsegler, etc.) dort auch nur unpersönliche Kommunikation erfahren, und zum anderen begreift sich der Mensch als Individuum, also etwas Besonderes, Einzigartiges, anders als die Anderen. … Liebe als Kommunikationsmedium motiviert dazu, sich dem Anderen unter Ausblendung von Idiosynkrasien in seiner ‚Ganzheit‘ zu nähern und nicht unter der verengenden Perspektive des jeweiligen Sozialsystems (z.B. als Freizeitsegler). Durch diese Komplettannahme entsteht eine wechselseitige Bestätigung des ‚Selbst-Seins‘ und des jeweiligen ‚Weltbezugs‘.“

Ich denke, man sieht, auf was ich rauswill. Kommunikationseigenschaften, die in der Netzkritik allzugerne Kommunikationen im Reallife generell zugeschrieben werden, sind in Wahrheit höchst speziell und (zumindest aus Sicht der Systemtheorie, die ich in diesem Kontext aber für einen sehr leistungsfähigen Ansatz halte) die Ausnahme, mitnichten die Regel. Verglichen wird in den meisten Debatten zum ach so entmenschlichten Cyberspace nicht „Netzkommunikation“ und „Reallife-Kommunikation“, sondern „Netzkommunikation“ und „Reallife-Inklusion von Individuen in einer Liebesbeziehung“.

Jetzt aber die eigentliche Pointe, das

Lob der Netzkommunikation

Die zitierte „verengende“ Perspektive des jeweiligen Sozialsystems“ tritt in der Netzkommunikation sowohl in geringerem Ausmaß als auch seltener auf als im Reallife. Selbstverständlich werde ich einen Mitbieter bei eBay ebenso unpersönlich wahrnehmen wie der Bäckereiverkäufer den Brötchenkäufer, natürlich interessiert mich der Weltschmerz des Users vielleicht nicht besonders, der mir auf meine Anfrage gerade erklärt hat, wie man mit AutoGK XviDs erstellt, vermutlich werde ich niemals davon erfahren.

Das Netz ist aber geradezu prädestiniert dazu, diese „verengenden Perspektiven“ aufzubrechen. Auch ein Technikblogger hat die Möglichkeit, eine Kategorie „Dies und das“ in seinen Blog einzubauen, dazu braucht er nur einen weiteren Tag zu setzen. Auch ein eingefleischter Konsolenjunkie auf dem g:b wird sich mal ins Offtopic oder, bewahre, ins Zwischenmenschliche verirren und dort feststellen, dass der Tippgeber zum PSP-Unbricken nebenbei nicht weiß, wie er seiner Vordersitzerin seine unsterbliche Liebe gestehen soll. Und natürlich kann ich meinen Bäckereifachverkäufer auch zufällig auf Bochum Total treffen, aber selbst da erfahre ich nicht mit derselben Wahrscheinlichkeit bäckereifremdes von ihm, wie es beim Treffen in einem anderen „Themenbereich“ im Netz praktisch zwangsläufig der Fall ist, weil eben niemand kaum jemand seine PSP-Probleme ins Zwischenmenschliche schreibt. Treffe ich dieselbe Person in einem anderen „Themenfeld“, bekomme ich quasi frei Haus die Informationen und Inhalte geliefert, die dieser dort kommunizieren will.

Im Blog- oder Chatbereich meine ich dasselbe Phänomen zu erkennen, welches mich zur Formulierung der folgenden These anregt:

„Begegnungen und Kommunikationen im RealLife neigen dazu, die Verengungen des jeweiligen Sozialsystems zu reproduzieren, Begegnungen und Kommunikationen im Netz neigen dazu, selbige aufzubrechen oder schaffen zumindest leichtere Möglichkeiten dafür.“

Der „Ausbruch“ aus vorgegebenen Systemlogiken wird im Reallife schnell als Pathologie wahrgenommen, während er im Netz oftmals bereits durch die technische Infrastruktur vorgegeben ist. Während es eher selten vorkommt, dass man seinen Bank-Sachbearbeiter nach seinen politischen Überzeugungen oder seiner Meinung zu Science Fiction-Autoren fragt, ist es beispielsweise im gulli:board Sache eines rechten und eines linken Mausklicks zu schauen, was der Mitdiskutant in einem Politik-Thread anderswo in Sachen Filmgeschmack oder Beziehungsgestaltung zu sagen hat. Der möglicherweise folgende Kommunikationsanschluss dort wird nicht als Pathologie, sondern völlig normale Interaktion verstanden.

Auch in Chats oder in Blogs ist der „Ausbruch“ aus thematischen und persönlichen Einzelaspekten möglich bis gewollt, gewünscht und vorgegeben. Themen einer Runde wechseln, Einträge werden unter verschiedensten Kategorien und Bereichen getätigt, dabei geht die Rahmenstruktur nie verloren, wie sie zwischen der Bäckerei und Bochum Total zwangsläufig vollkommen wechselt. Wiedererkennbarkeit, Verknüpfbarkeit werden mittels Nicknames, verwendeter Websites, Benutzerprofile mit ihrer jeweiligen Post-History geschaffen. Communities und Netzwerke neigen zur Vereinnahmung von immer mehr Lebens- und Themenbereichen, was permanent weitere Anschlussmöglichkeiten schafft sowie Möglichkeiten, jenseits der „SciFi-Diskussion mit dem Bank-Sachbearbeiter“-Pathologie im Rahmen einer allgemein akzeptierten Normalität vollkommen unterschiedliche Bereiche der Lebenswelt anderer kennenzulernen bzw. die eigenen mitzuteilen.

Um den Fehler der Netzkritik nicht zu wiederholen: ich will mitnichten behaupten, dass Netzkommunikation zu einer vollständigen Inklusion der Personen, zu einer Überwindung von verengten Systemlogiken in der Kommunikation führt, ich will gar so vorsichtig sein die Behauptung zu unterlassen, sie werde im Vergleich zum Reallife häufiger erleichtert. Meine These sei einfach mal, dass ihre diesbezüglichen Inklusionsfähigkeiten unterschätzt werden und es sich die Netzkritik mit ihrer allzu oft recht rosagefärbten Grundvorstellung der Reallife-Kommunikation ein wenig leicht macht. Ich glaube, sie würde einer etwas genaueren Überprüfung durchaus standhalten.

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13 Responses to Eine Lanze für den Cyberspace, ein Diss an das Reallife…

  1. mike says:

    Top-Artikel. Gehört in jede Bookmarksammlung zum späteren rauskramen für Diskussionen mit RL-Geschädigten. ;)

    Wo ich aber vorsichtig einharken bzw. hinzufügen will, ist eine Meinung, die ich nicht 100% vertrete, die sich aber festigt und durch deinen Beitrag weitere Nahrung bekommt:
    RL ist tot, VL ist tot. Meiner Meinung nach, kann man das in 08 langsam als eins (lebendig) betrachten. Und wenn nicht 08, dann – ähem – schmeiss ich 2010 in den Raum.

  2. mike says:

    Der Trackback da oben ist btw was aus der Kategorie, von doofen Menschen, die einem in der Fussgängerzone was von Aufmerksamkeit abzuziehen versuchen, die man im VL ganz gut investieren könnte.

  3. Korrupt says:

    Ich hab mal aufgeraeumt. RL/VL kam mir selber auch ein wenig angestaubt vor, zugegeben, aber diese Unterscheidung machen *wir* vielleicht nicht mehr, aber ich glaube, noch recht viele bis die meisten Leute draussen im Zombieland.

    Ganz am Rande: bei Princo las ich gestern noch, dass grade eine Reihe von Bloggercollegen ausgerechnet Callboy Torsten in einer Arbeitsrechtgeschichte beistehen. Mich hat das vollkommen von den Socken gehauen – eine Sache, die fuer viele viele Monate hinweg eine Sau war, die eben durch Kleinbloggersdorf getrieben wurde, Gerichtsverhandlungen, Strafanzeigen, Krieg gefuehrt wurde, und jetzt hilft man sich. Das VL kann noch so anonym und voller Gedisse und Foermchenschmeissen sein, irgendwie werden die Leute alle irgendwann eingebunden, in allen moeglichen Beziehungen. Haettest das vor nem Jahr jemandem erzaehlt… :)

  4. madchiq says:

    Queer is here. :o

  5. Korrupt says:

    Das versteh ich jetzt nicht.

  6. Princo says:

    Das haben sie in der Polylux-Redaktion auch gesagt.

  7. Pingback:Das Internet macht nicht dumm, sondern normal | Tales from the Mac Hell

  8. bjoern says:

    Deine Kritik an der angeblichen Armut der Interaktion im Netz kann ich nachvollziehen. Den Begriff Interaktion verwende ich deshalb, weil es hier nicht um Kommunikation gehen kann, zumindest im systemtheoretischen Kontext. Nur die Kommunikation kann kommunizieren, nicht Menschen. Interaktion ist allerdings auch wiederum fehlerhaft, da Interaktionssysteme auf der reziprok wahrgenommenen Anwesenheit der Beteiligten beruhen. Dies aber nur am Rande, es ist hier nicht weiter wichtig.

    Allerdings hinkt der Vergleich zwischen dem Gespräch beim Bäcker mit den Diskussionen in einem Chat oder einem Forum. Die kurze Interaktion beim Brötchenkauf ist eine Operation eines Unternehmens (Systemtyp Organisation) im Wirtschaftssystem, mit dem Umschwenken auf SciFi, verlässt diese das Wirtschaftssystem und wird eine freie – also von den Funktionssystemen losgelöste – Interaktion. Im Chat oder Forum ist die Interaktion von vornherein von den Funktionsystemen losgelöst. Die Irritationen, die von dem SciFi-Gespräch ausgelöst würden, würden auch in einer Netzinteraktion ausgelöst werden, wenn sie im Chat/Forum eines Unternehmens stattfänden. Umgekehrt würde in einer temporär auf ein Thema festgelegten Internet plötzliches Abweichen irritieren, jedoch bieten Chats und Foren den Teilnehmern die Möglichkeit unproblematisch aus der bestehenden Interaktion auszutreten und gleich eine neue zu starten. Nichts anderes ist jedoch auch auf einer Party möglich.

    Oben sagte ich, Interaktion seien nur unter der Bedingungen gegenseitig wahrgenommener Anwesenheit möglich. Diese Bedingung trifft auf weder auf Foren und Chats zu. Der reinen Lehre nach sind über das Netz abgesehen von Videochats keine Interaktionen möglich. Luhmann konnte diesen Punkt nicht beachten, denn sein (zu) früher Tod lies ihn am Netz nicht mehr teilhaben. Um es auf den Punkt zu bringen: Chats (als seltsamen Zwitter aus Interaktion und geschriebener Semantik) sind – zumindest meinem Kenntnisstand nach – systemtherotisch unbeackertes Feld. Für Foren gilt teilweise Gleiches.

    Zu weiteren Ausführung kommt jetzt meinen Luhmannkeule:

    Soziales Systeme (Interaktionen, Organisationen und Funktionssystemen) sind sinnkonstituierende und anhand von Sinn operierende System. Sinn ist die Differenz von Aktuellem und Potentiellem, jedes von Kommunikation behandelte Datum verfällt und wird durch ein potentielles Datum ersetzt. Sinn ist also der Verweisungshorizont von Kommunikation. Neben sozialen Systemen operieren auch Bewußtseinssystem mit Sinn.

    Semantiken sind kondensierter Sinn. Es sind Handlungsanweisungen, wie im Sinn zu verweisen ist (Bücher, peer-review, wissenschaftliche Theorien und Methoden etc.)

    Die Letztelemente oder Operationen eines sozialen Systems sind Kommunikationen. Wie oben erwähnt, können Menschen nicht kommunizieren, sie können Kommunikationen nur reizen. Kommunikation ist ein Selektionsvorgang aus der Differenz von Information und Mitteilung und dem Verstehen. Information ist dass, wovon die Kommunikation handelt, sie ist im Alltagsverständnis die Kommunikation schlechthin. Mitteilung ist die Art, in der die Information mitgeteilt wird (geflüstert, geschrien, in wütendem Ton etc.) . Verstehen ist die Bezeichnung einer Seite der Differenz von Information und Mitteilung.

    Jetzt zu meinem Vorschlag der Unterscheidung von Netz- und RL-Interaktion.

    In einer face-to-face-Interaktion, die /nicht/ schriftlich fixiert wird, erzwingt Sinn durch die Zeitlichkeit des Operiens, die beteiligten Bewußtseinssysteme zur äußersten Aufmerksamkeit. Jedes Datum verschwindet schon im Moment seiner Aktualisierung und wird durch Potentielles ersetzt. Ein Zurückgreifen ist schwer möglich.

    In einer solchen Interaktion ist die Bezeichnung des Mitteilungsaspekes einer Kommunikation nicht ungewöhnlich. Ein zu scharf vorgetragenes Argument führt dann nicht dazu, dass die Information Gegenstand wird, sondern die Art der Mitteilung. Es wird fortan darüber diskutiert, /wie/ diskutiert wird.

    Um es in alltäglichen Worten auszudrücken: Im direkten Gespräch habe ich durch die Beobachtung der Art der Mitteilung die Möglichkeit mir Gedanken über Hintergedanken meines Gegenübers zu machen.

    Dies ist in Chats oder Foren erschwert. Der Mitteilungsaspekt ergibt sich nur durch den Kontext und er ist interpretativen Leistungen unterworfen. Die im Allgemeinen benutzten Hilfsmittel beim Chatten (^^ :-) etc) sind unabhängig von den (unwillkürlichen) Reaktionen des Gesprächspartners (Mimik, Gestik etc.).

    Diesem eindeutigen Nachteil stehen jedoch auch Vorteile gegenüber. Foren haben aufgrund ihrer Verschriftlichung die Möglichkeit zu Semantik kondensiert zu werden. Durch die Abfolge und Mittelbarkeit ihrer Beitrage sind sie dazu gegeignet Semantiken hervorzubringen. Ihre Entbindung von der Zeitlichkeit des Operierens der Kommunikation führt zur Möglichkeit (oder sogar Erzwingung) der genaueren und tieferen Betrachtung des Inforamtionsaspektes (zumal die Bezeichnung des Mitteilungsaspektes erschwert ist).

    Chats wiederum haben hier eine Zwischenstellung. Sie sind umittelbarer und ihre Verschriftlichung ist meist nur temporär. Dies kann jedoch auch zu einer tieferen Betrachtung führen und im Gegensatzt zur face-to-face-Interaktion sind Rückgriffe auf Gesagtes möglich, wodurch die Interaktion verbindlicher werden kann.

    Okay, ist alles quick’n’dirty und wahrscheinlich auch ein wenig wirr. Ist ja auch schon spät^^. aber ich denke, es passt ganz gut in den Kontext. Weitere Überlegungen in die Richtung könnte man mit Parsons /pattern variables/ anstellen, zumal Luhmann ja Parson-Schüler war. Auch vielleicht Berger/Luckmanns ‚Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit‘ könnte noch etwas bringen.

    PS: Wer braucht Kommunikationstheoretiker, wenn es doch Soziologen gibt^^

  9. Korrupt says:

    Ha, genau sowas hatte ich mir erhofft!

    Um von hinten anzufangen: Ja, an sich schon. Die Soziologen koennen das schon auch alleine, ihre Wahrnehmung in den einschlaegigen Debatten ist grade aber ein wenig gering. Woran das liegt, lass ich mal dahingestellt.

    Mein Luhmann ist in den letzten Jahren auch ein wenig zum Luhmann fuer Grobmotoriker verkommen, ich denke, man merkts. Ein paar Sachen liessen mich aber aufhorchen. Vorweg ein generelles Ack zur Begriffsklaerung.

    Zwei Elemente von Luhmanns Systemtheorie scheinen mir da fuer eine naehere Betrachtung geeignet zu sein. Das eine ist der von dir bereits angesprochene Sinn, das andere die strukturelle Koppelung. Ich werd das vermutlich ungenuegend trennscharf denken. Genauer: ich hab das Gefuehl, ich denk da vor allem an Anschlussfaehigkeit.

    Die Anschlussfaehigkeiten virtueller Interaktion sehe ich – ironischerweise wegen der von dir angesprochenen Reduktion des Aspekts der Mitteilung – als generell weiter gefasst. Durch Verschriftlichung ist die Zeitlichkeit ein Stueck weit aufgehoben, insbesondere aber der, ich nenns mal „Rauschpegel“ ist per se reduziert, ebenso der Einfluss der Systemumwelt.

    Eine im System nicht mehr anschlussfaehige Kommunikation wird ja als Rauschen, als Stoerung wahrgenommen. Das Netz beguenstigt da in meinen Augen den „Rauschpegel“, in dem aus der Stoerung wieder eine anschlussfaehige Kommunikation wird. Um auf meine Anfangsthese zurueckzukommen: die von dir angesprochenen Irritationen sind leichter aufzuloesen. Dein Argument Unternehmenschat vs. Party leuchtet mir ein, ein solcher Interaktionswechsel ist im RL jedoch – umweltbedingt – schwerer. Ich kann nicht aus der Besprechung raus und zur Party nebenan. Wohl aber habe ich die Moeglichkeit, neben der virtuellen Unternehmenskonferenz ein anderes Gespraech zu fuehren, das gar mit Personen, die sowohl im Unternehmenskontext wie auch als Privatperson aktuell anwesend sind. (und ja, mir ist klar, dass auch das zu Irritationen fuehren kann, nur sind diese wiederum voraussetzungsvoll. Wenn ich waehrend der Dienstbesprechung nach dem Wohlbefinden der Kinder frage, liegt es an mir, diese Kommunikation aus dem „offiziellen“ Kontext auszublenden, die Irritation zu vermeiden, durch Fluestern oder wasweissich. Im virtuellen Fall ist der *Nachweis*, dass diese parallele Kommunikation stattgefunden hat, selbst voraussetzungsvoll, die Irritation nicht quasi „default“, sondern die Ausnahme, die weiterer Handlung bedarf.) Ist generell (insbesondere der potentiell stoerende) Einfluss der Umwelt fuer netzbasierte Kommunikationen geringer?

    Aehnliches gilt in der Parallelitaet mehrerer Systemcodierungen und -kommunikationen in anderen angesprochenen Kontexten, das jedenfalls meine These. Falls es als Abbuegelversuch rueberkommt, so ists nicht gemeint: ich glaube nicht einmal, dass daran eine wie auch immer geartete Zuschreibung der Begrifflichkeiten Sinn, Mitteilung oder Semantik etwas aendert. Aber ich merk grade auch, dass es ein wenig spaet fuer mich ist :)

    Berger und Luckmann: meine These, dass man die gesellschaftliche Konstruktion… alle paar Jahre lesen kann und immer was dabei dazulernt, ist in meinem konkreten Fall noch nicht widerlegt. Faellig waers mal wieder. Aktuell wuerde mir in dem Kontext aber vor allem der Gedanke einfallen, wie Wirklichkeiten konstruiert werden, von spezieller hin zu allgemeiner Handlungspraxis, die dann eben mystisch/theoretisch/sonstwie hinterfuettert wird. ich denke, Prozesse dieser Art lassen sich im Netz, insbesondere in Communities, quasi im Kleinformat und in Zeitraffer beobachten. Weiter, dass da wohl einige Hebel in der Wissenssoziologie sind, mit denen man das soziale Phaenomen Internet knacken kann, aber wie das spezielle, anfangs aufgeworfenen Problem da bearbeitbar wird, seh ich spontan und ohne erneute Lektuere nicht.

  10. bjoern says:

    Wenn wir Soziologen beginnen würden in den Pfründen anderer Sozialwissenschaften zu wildern, würden einige Menschen arbeitslos :-D

    Bezeichnent ist, dass der Studiengangsbeauftragte für die politikwissenschaftlichen Studiengänge hier in Puddingtown, sich immer wieder darüber lustig machte, dass Absolventen und Studenten anderer (Teil)Sozialwissenschaften, dem Funktionssystem das ihre Disziplin beackert eine Führungsrolle zusprechen. Da kann der Soziologe nur lachen. Es dürfte recht unbestritten unter Soziologen sein, dass wir in einer funktional differenzierten Gesellschaft leben und funktionale Differenzierung bedingt eben Gleichberechtigung der Funktionssysteme.Nicht verwunderlich, dass er ’seiner‘ Politikwissenschaft im Geiste dann immer den Zusatz ’soziologische‘ gab. Da fragt man sich doch, was der Punkt ist? Dass der frischgebackene Politikwissenschaftler bessere Chancen bei der Bewerbung hat, weil – ob des Wortes Politik – er vorgeben kann, sich im selben Dünkel zu bewegen wie sein Arbeitgeber in spee? Tsts.

    Aber merkst du, was ich mache? Ich produziere Rauschen… :-)

    Also zurück zum Thema!

    Anschlussfähigkeit besteht in freien Interaktionen ja sowieso in alle erdenklichen Richtungen, im Netz also nicht mehr als anderswo. Aber durch die Technik wird hier natürlich der Austritt aus/die Überschneidung von Interaktionen erleichtert. Was dein Beispiel der Überschneidung von Interaktionen angeht, d’accord, durch die relative Zeitlichkeit im Netz, ein Vorteil der Netzinteraktion. Sinn spielt hier natürlich auch eine Rolle, da er ja – sagen wir – potentielle Anschlussfähigkeit ist.

    Was die erweiterte Anschlussfähigkeit wegen des reduzierten Mitteilungsaspekts angeht, irrst du etwas. Nicht die Anschlussfähigkeit generell ist erweitert, sondern die Bezeichnung des Informationsaspekts ist wahrscheinlicher.

    Dies entspricht ja auch alltäglichen Erfahrungen. Face-to-face-Diskussionen laufen auch bei nicht-pubertären Beteiligten schneller aus dem Ruder (ich verzichte auf die Betrachtung flame-wars Vierzehnjähriger im Netz). Aber dies führt ja eben wieder zum großen Vorteil der Verschriftlichung im Netz, also der entsteheung von Semantiken, oder meinenthalben Protosemantiken.

    Deinen Hinweis auf strukturelle Kopplung bleibt mir unklar. Ich denke, es geht dir um die Kopplung zwischen Interaktions- und Bewußtseinssystem und damit die Möglichkeit von Menschen Kommunikation überhaupt reizen zu können? Oder meinst du damit die oben von dir angesprochene größere ‚Inklusion‘ im Netz die mehr Anschlussfähigkeit produziert?

    Letzteres ist vielleicht eine Vorteil im Netz. Ich verlasse jetzt mal den systemtheoretischen Kontext ein wenig. Wenn wir über Communities wie MySpace oder StudiVZ etc. interagieren, haben wir die Möglichkeit über die Selbstdarstellung anderer Mitglieder Interaktionen zu beginnen. Es ist, als würde man im RL mit nem T-Shirt voller Buttons rumrennen, die einen Großteil unserer Interessen widerspiegeln…

    Nun denn, so weit erst mal. Ich muss mich noch ein wenig auf meine Inklusion im Wirtschaftssystem konzentrieren^^

    Cheers!

    PS: Was Berger/Luckmann angeht, die wären für mich eher ein Argument gegen Netz-Interaktion. Der Ganze Prozess der Objektivierung von Wirklichkeiten wird durch den Wegfall der körperlichen Externalisierungen erschwert. Ich denke da an das von den Autoren verwendete Crusoe-Beispiel.

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