Onlinejournalismus, Soziogramme und Netzwerkanalyse. Kann man machen?

Mark Lombardi: Visualisierung einer Beziehung in einem Soziogramm

Mark Lombardi: Visualisierung einer Beziehung in einem Soziogramm

Der Grundgedanke: warum haben wir im Online-Journalismus X Themenseiten mit seo-relevanten Namen/Begriffen, aber keine vernünftigen Netzwerkanalysen und Soziogramme? Ganz platt zugespitzt: es wird viel über Filz, Hinterzimmer- und Lobbypolitik geredet, geklagt und versucht, aufzudecken, aber es gibt wenig (und schon gar keine „massentauglichen“ Handwerksmittel dazu. Irgendwie scheint mir alles notwendige im Netz rumzuliegen, aber Übersichten gibts weder im Kleinen noch im Großen.

So richtig vermisst hatte ich das bisher nicht, aber ich wusste bisher auch nicht recht, was man eigentlich bräuchte, und grade habe ich das Gefühl, da müsste es eine Lösung geben. Der Anlass: eine Doku über den politischen Künstler Mark Lombardi, die Anfang des Jahres auf Arte lief. Es gibt eine längere Filmfassung, auf die Arte auch hinweist, weiter ging eine hochinteressante Rezension auf Telepolis an mir vorbei. Die schaute ich gestern an, wer will, kanns via Youtube nachholen. Vorweg: jetzt wirds etwas lang und verschachtelt, aber ich würd mich freuen, wenn insbesondere die einschlägigen Akteure aus der Onlinejournalistenecke zumindest mal querlesen.

Kurzfassung: Lombardis Kunst besteht aus reinen Soziogrammen: Schaubildern von Personen und Institutionen sowie ihrer Beziehungen. Das ganze, soweit ich es beurteilen kann, durchaus sauber und aus öffentlichen Quellen recherchiert. Dafür, dass das alles schon eine Weile her ist (Lombardi starb 2000) ist es a) schwer an mir vorbeigegangen und b) verwunderlich, wie wenig Versuche es gibt, das irgendwie netzbasiert nachzubauen.

Was kannte ich bislang in der Richtung? Ich erinnere mich, dass Liedtkes „Wem gehört die Republik?“, ich meine, 2000, eines der Standards war, wenns drum ging nachzuschlagen, wie Konzerne und Aufsichtsräte der damaligen Deutschland AG verflochten waren. Buchform und vergleichsweise eindimensional, wenn man es mit den heutigen technischen Möglichkeiten betrachtet. Analog funktioniert die interessante grafische (Flash)-Visualisierung bei theyrule.net, die sich auf die USA und dort über öffentliche Quellen verfügbare Informationen bezieht. In erster Linie visualisiert theyrule.net Personen und Vorstandsposten, Quelle unter anderem littlesis.org, wo deutlich detailierter Verbindungen nachgezogen werden, bis hin zu einzelnen Partei- und Wahlkampfspenden.

Theyrule, Netzwerkvisualisierung

Theyrule, Netzwerkvisualisierung

Wir wollen mehr Details. Was machte Lombardi? Er recherchierte die wirtschaftlichen und politischen Verbindungen und Netzwerke der Akteure einzelner politischer Ereignisse oder Prozesse, die dann eben nicht mehr das einzelne Ereignis, der einzelne Prozess blieben, sondern auf einmal in einem umfassenderen Bild eingebettet waren. Die Art der Verknüpfungen, die er visualisierte, variierten teils von Bild zu Bild, aber beschränkten sich auf eine Handvoll „handfester“ Beziehungsarten.

Eine solche Visualisierung der bekannten Verflechtungen, „eine Karte des sozialen und politischen Terrains“, wie Lombardi im Film selber sagt, schafft Information. Neue Information aus dem, was ohnehin öffentlich ist, denn, so trivial es klingt, und wie auch im Film gesagt: er habe nicht viel mehr gemacht, als „die Punkte zu verbinden“, im Wortsinn.

Mark Lombardi, Soziogramm (Ausschnitt)

Mark Lombardi, Soziogramm (Ausschnitt)

Solche Schaubilder wünsche ich mir an sich für alle Hintergrundberichte, bei denen die einzelnen Interessen der Akteure zur Diskussion oder in Frage stehen. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das einzige mir aufgefallene Auftauchen einer solchen Struktur in der Berichterstattung ausgerechnet in einer heftig diskutierten Folge der „Anstalt“ stattgefunden hat und ausgerechnet von größeren deutschen Medienvertretern daraufhin (erfolglos, hurra!) Klage eingereicht wurde, weil ihnen ihre Zuordnung zu verschiedenen Interessensgruppen nicht wirklich geschmeckt hat.

Screenie, SpOn Themen-Übersichtsseite, mittlerer Nutzwert

Screenie, SpOn Themen-Übersichtsseite, mittlerer Nutzwert

Grade da sehe ich aber den Bedarf, mit sowas zu arbeiten. Und jetzt sehe ich eben in den gängigen Portalen, die an einer solchen Visualisierung ein Interesse haben sollten, eben die einschlägigen Artikelsammlungen (hier beispielsweise SpOn zu Eckart von Klaeden). Wie man sieht, gehts um SEO: man linkt mit dem Namen auf eine Übersichtsseitem, damit die hohe Google-Autorität zum Namen kriegt und diese hoffentlich auch auf die jeweils einzelnen Artikel ausstrahlt. Jetzt der revolutionäre Gedanke: man steckt mal ähnlich viel Aufwand in die Visualisierung des Beziehungsgeflechts der Person, um die es geht. Ich bin sicher, es würde beim Einordnen der ganzen Vorgänge besser helfen als die platte Artikelauflistung. Und ich meine das nicht mal boshaft – sowas wäre ein hervorragendes Hintergrundmaterial für alle folgenden berichtenswerten Vorgänge.

Die Technik macht da vieles möglich. Man kann einzelne Soziogramme um isolierte Ereignisse oder Personen bauen. Man kann diese auch untereinander verknüpfen. Man kann – wie bei theyrule schon angefangen – die Knoten mit weiterführenden Informationen versehen. Man kann die Verbindungen beliebig vielfältig machen – der einfache „Pfeil“, der bei der Anstalt zum Klageanlass wurde, kann ja problemlos mit der Beteiligungssumme, dem Beschäftigungsverhältnis, der Art der Abhängigkeit, whatever ausgewiesen und mit einem Quellenlink versehen werden.

Ausgliederung - Visualisierung in einem Soziogramm

Ausgliederung – Visualisierung in einem Soziogramm

Was sind die Probleme? Mir kommen einige in den Sinn. Die großen Medienhäuser werden damit nicht direkt den geldwerten Vorteil verbinden, wie man ihn mit der SEO-Optimierung eben hat. Und in Zeiten der permanenten Zusammenkürzung der Redaktionen seh ich da auch die Engpässe, wenns ans Umsetzen geht, es braucht da gar keine VT a la „die Verlagschefs wollen nicht, dass ihre Atlantikbrücken-Kontakte rauskommen“, auch wenn ich einem Diekmann und ähnlichen Kalibern durchaus unterstelle, keinerlei Interesse an der Verbreitung mancher Infos zu haben. Ich denke, da tun die „Sachzwänge“ grade einiges, aber wenn mich ein @johl eines besseren belehrt, würd ich einen Mate drauf aufmachen.

Bei den Krautreportern würde ich ähnliche Konzepte gern sehen. Da wie auch woanders kann ich mir vorstellen, dass es auch mit reinspielt, da der „Konkurrenz“ das Leben noch einfacher zu machen bei erhöhtem eigenen Aufwand, nichtsdestotrotz, in die Richtung sollte die Geschichte ja grade auch gehen, wenn ich mich recht erinnere: Sachen zu machen, die ansonsten in einer immer hektischeren und auf Agenturdurchsatz angelegte Publikationsmaschine eben hintenrunter fallen oder sonstwie unattraktiv sind. Ich mag das Allgemein-Draufkloppen an sich nicht, aber ich les die KR nach anfänglichem Interesse praktisch nicht trotz grundsätzlichem Wohlwollen allem „Wir machen jetzt mal statt rumzugreinen“ gegenüber, und mag das grade explizit als durchaus konstruktives „Wär das was für euch?“ verstanden wissen.

Tja, und die guten alten Graswurzeln? Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Die Herangehensweise wird die VTler anziehen wie das Licht die Motten. Lombardi hat allein gearbeitet, und ich denke, hier auf die Gruppendynamik und die Schwarmintelligenz zu hoffen, ist eine etwas verwegene Wette, dafür muss ich ja nur gucken, wie die Uploader und Kommentierer der verklagten Anstalt-Folge so heißen (Hint: es handelt sich um Freigeister und Querdenker). Anders als in den USA sehe ich hierzulande auch (noch) nicht die öffentlich und automatisiert/maschinenlesbaren Quellen in dem Maß, dass man einen „Grundstock“ bauen könnte und den dann anreichert. Ich weiss es, wie gesagt nicht, aber es geht mir gerade nach und irgendwie meine ich, dass das Thema unter eben diesen Aspekten mal diskutiert gehört. Wem was kluges dazu einfällt oder mir sagen kann, warum ich da vollkommen auf dem Holzweg bin oder aber wie man genau sowas aufs Einfachste umsetzen kann oder wo es das gar schon gibt – bitte immer gerne. Vielleicht auch was für ein paar Leute, die sich da bei nem Mate auf dem 31C3 ein wenig den Kopf zerbrechen wollen?

Danke fürs Lesen.

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2 Responses to Onlinejournalismus, Soziogramme und Netzwerkanalyse. Kann man machen?

  1. Flo says:

    Ahoi korrupt,

    interessanter Text. Sehe ich ähnlich und dachte ich mir solches schon vor ein paar Jahren mal. Da wars, weil ich überlegte, wie man man rausfinden kann, wer da mit wem zusammenhängt und wo das Geld hingeht und warum alles so scheiße ist und überhaupt!11! Wollte dann auch noch konkret was zu einer Person recherchieren und kam dann auf eine Seite, die sowas schon anbot und sogar unter einem sehr gängigen Namen und glaub recht umfangreich. Also, nicht ganz so umfangreich, wie hier dargestellt, aber von den Verbindungen her war das glaub echt gut.

    Nun hab ich gestern mal ewig die Bookmarks durchgeschaut, aber natürlich nichts mehr gefunden. Könnte Dir auch nicht sagen, wie die Seite hieß. Ich meine, sie „recht blau“ und Kernthema war Business. Also vielleicht fällt jemand anderem ein, was ich meine, oder mir noch, wenn ich die Tage nochmal geschaut hab. Die Thematik ansich und das hier speziell interessieren mich selber auch extremst.

    Journalistisch wäre das aus den genannten Gründen gut, aber eben auch allgemein, um ein Mittel zu haben, mit dem man all die Verflechtungen und Tricksereien auseinandernehmen kann. Andersrum wirds schließlich genauso gemacht, nur haben die die viel cooleren Datenbanken zur Verfügung. Und wer nichts zu verbergen hat… (ok, der war scheiße). Na aber echt mal. All diese Daten müssen doch auch für irgendwas gut sein. Firmenregister, Börsendaten, Statistiken, lauter so Zeugs. Da wirds schon einiges geben, bzw. gibts imho. Grundlegende Filter und Alogrithmen zu schreiben, dürfte auch nicht das Problem sein.

    Vielleicht brauchts dann noch eine Metasprache, um Verbindungen etc. einheitlich ausdrücken zu können. Vielleicht langt so ein Wiki als Basis. Keine Ahnung. Aber interessant und meiner Ansicht nach auf jeden Fall sinnvoll und aussichtsreich. Könnte oder sollte man wirklich nach einem Brainstorming hier woanders umfangreicher analysieren. :-)

    • Korrupt says:

      Sprichst ein paatr gedanken an, die ich im Vorfeld auch hatte – grade die Netzwerkanalyse, die andernorts extensiv praktiziert wird, aber grade da, wo mal Transparenz gefragt wäre, ebnen eher weniger stattfindet. Klar, die Leute sind ja auch nicht auf Facebook befreundet.
      Hingewiesen wurde ich audf Twitter noch auf Opendatacity, da scheint in der Tat in eine solche Richtung gedacht zu werden, wobei da jetzt mehr generell „Datenvisualisierung“ im Vordergund steht. Mal sehen, da wollte ich auf jeden Fall noch nachschnuppern.
      Einer der hauptpunkte war mir aber schon die Sache, dass es eben nicht unbedingt das klassische „Crowdsourcing“-Thema ist (auch wenn ich überlegte, ob es da möglicherweise Tools für Wikipedia brauchen würde, dioe dort für eine einfache „Soziogrammgenerierung“ sorgen könnten. Ich „sehs dort nicht“, irgendwie. An sich denke ich schon, dass es schon ein gutes Stück in die richtige Richtung ginge, wenn solcherlei Schemata gängigere Praxis im ganz klassischen Journalismus würden. Es wird definitiv mehr drinstecken als in diversen illustrierenden Tortendiagrammen.

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