Lem, Lokaltermin, INDECT und noch so ein paar Gedanken

Heut frühVor ein paar Wochen las ich die TP zu INDECT und stellte mal wieder und nicht als erster fest, dass Lem eine ganze Latte von Sachen sehr treffend prognostiziert hat und das mit früherem Eintrittszeitpunkt als vorhergesehen. Für vieles aus einem meiner absoluten Lieblings-Lems, „Lokaltermin“ gilt das nicht oder nur im übertragenen Sinn, aber ich denke, aktuell kann man Lokaltermin lesen und einige erhellende Einsichten dabei haben. Überhaupt kann man immer Lem lesen, das macht schlau. Im Unterschied möglicherweise zu dem Text hier, der endet leider in vergleichsweise trivialen Erkenntnissen.

Also. Packt euch nun bitte „Lokaltermin“ beim Buchhändler eures Vertrauens ein, lest es und kommt dann wieder, ich muss dazu ein wenig vor mich hin denken.

Angefangen und nun verwirrt wegen der Schweizgeschichte? Nicht irritieren lassen, kommen völlig andere Sachen, und ich mag Lems Schweiz-Bild. Ab dem Institut für Geschichtsmaschinen wirds ein wenig irrwitzig, aber das ist eine der großartigsten Passagen bei Lem überhaupt, die nebenbei meiner Ansicht nach mehr zur Prognosefähigkeit der Sozial- und anderer Wissenschaften aussagt wie, achtung Insider, der Bauer Eduard von der schwäbischen Alb. So, jetzt aber fertiglesen.

//nachträglich gewünscht: eine kurze Inhaltsangabe. You got it:

Kurz zum Inhalt. „Lokaltermin“ ist an sich die Folgereise einer der Reisen Ijon Tichys aus den Sterntagebüchern, nur eben im Romanformat. Anlass: Auf der Erde wird die Simulation außerirdischer Zivilisationen eingeführt, uim diplomatische Beziehungen simulieren zu können, bis die Technik so fortgeschritten ist, damit man sie auch faktisch aufnehmen kann. Dabei stellt sich heraus, dass eine der Reisebeschreibungen Tichys einen leichten Eklat verursacht hat, weil er einen Vergnügungspark oder sowas in der Art für die eigentliche Zivilisation gehalten hat. Er wird informiert mit mehr oder weniger vagen Beschreibungen (bzw. Simulationen) der Entia (des Planeten) sowie Losannien und Kurdland (der beiden dort existierenden Zivilisationen).

Losannien ist auf höchstem technischen Niveau in die „Ethosphäre“ eingetreten, eine künstliche Umwelt, die Unglück und Schaden verhbindert. Die Kurdländer leben auf und in Sauriern, die ihrerseits wieder in Sümpfen leben, in einer technologisch eher rückständigen Zivilisation. Die große Frage: wem gehts denn nun besser? Tichy fliegt hin, besucht erst Losannien und dann Kurdland und lässt sich von Ortsansässigen darüber aufklären, wie es zu der unterschiedlichen technologischen Entwicklung kam, welche sozialen Umbrüche diese notwendig machten und welche durch die Technik wiederum hervorgerufen wurden. Was vordergründig wie eine Kapitalismus/Sozialismus-Persiflage klingt, ist aber letzten Endes eine Abhandlungen der Möglichkeiten und gesellschaftlichen Folgen technologischer Quasiallmacht, die zwar beliebige Beglückung einerseits erzeugen kann, deren Bewohner aber an diesem Glück durchaus zweifeln und gelegentlich eben auch lieber in einem kurdländischen Sauriermagen sitzen und schlechten Eintopf futtern.

//ende Inhaltsangabe.

Nu. Lokaltermin gehabt, die verstrippten Lagen von Losannien und die Sümpfe und Saurierinnereien Kurdlands erforscht? Fein. Nun also INDECT, ein Projekt zur Maximierung der Sicherheit im öffentlichen Raum, der Früherkennung und Verhinderung von Gewalt, Rechtsverstößen und überhaupt aller Widrigkeiten des Zusammenlebens. INDECT verspricht, ein Sicherheitssystem zu errichten, welches Kommunikation und öffentlichen Raum gleichermaßen erfasst, Gefahren so früher erkennen und verhindern kann, böse Zungen werden sagen, ein umfassendes Überwachungsregime errichten wird. So richtig transparent ist das natürlich alles nicht, mehr hier, an der Stelle will ich nur drauf eingehen, dass eben einmal mehr die EU-Schleife gedreht und mit einem passenden „Forschungsprojekts“-Charakter versehen wird – damit wird die Geschichte einfach recht fern, sowohl politisch (Brüssel ist weit und schwer zu beeinflussen) als auch sozial (es geht ja um wissenschaftlich fundierte, vollkommen rationale Ansätze).

Weiter handelt es sich um ein großtechnisches System, dessen Folgen notwendigerweise komplex und nicht prognostizierbar sind. Das macht eine konkrete Kritik wiederum schwer bis unmöglich, die notwendigerweise diffus-kassandrische Skepsis ist gelinde gesagt schwer in einem breiten öffentlichen Diskurs kommunizierbar.

Was hat das mit Lokaltermin zu tun?

In „Lokaltermin“ thematisiert Lem was ähnliches – eine Gesellschaft, die mit hochentwickelter, aber notwendigerweise umstrittener und in den Folgen nicht umfassend überschaubarer Technik nicht nur eine sichere, angenehme und durchaus luxuriöse Umwelt schaffen will, sondern eben auch ihren Fortbestand nicht anders sichern kann. Die notwendigen technischen Maßnahmen zum (friedlichen) Fortbestand haben ihrerseits schwer konkret fassbare Auswirkungen auf diffus-erhabene Leitbilder wie Freiheit und Selbstverantwortung. Kurz für die Nichtleser: Die „Gripser“ ersetzen in Losannien die „dumme Materie“ durch eine „Ethosphäre“, die schädliche Handlungen auf subatomarer bis makroskopischer Ebene verändern. Waffen zerfallen, greift man jemanden damit an, Wasser zerfällt in atembares Gas, wird jemand darin versuchsweise ersäuft usw.

Was mir an Lem jetzt zu denken gibt: die überraschend „diffuse“ Reaktion der dort beschriebenen Gesellschaft, die sich mit vordergründig absurder Komik in die Gegebenheiten arrangiert und eben pseudoeskapistische Tendenzen aufbaut. Im Fall von Losannien besteht das beispielsweise in der temporären Auswanderung nach Kurdland, die zweite auf dem Planeten existierende, (mal wieder vordergründig) rückständige Gesellschaft. Deren Mitglieder leben auf und vor allem in riesigen Sauriern, die Kurdel genannt und in der bewohnten Variante als „Staatsschreitwerk“ bezeichnet werden.

Was mich am (über die Jahre immer mal wieder gelesenen)* „Lokaltermin“ beim letzten Indiehandnehmen frappiert hat: auf einmal spricht mich der selten direkt ausgesprochene, aber immer über den Wassern schwebende Gedanke des Technologie- (und damit Technokratur-)Fortschritts als unabänderliche Rahmenbedingung, die allenfalls kritisch kommentiert und von der Mehrheit hingenommen wird. Es passieren unvorhergesehene, nicht mal unbedingt negative Dinge, die Wissenschaft diskutiert, die Ingenieure bauen und die Gesellschaft nimmt hin bzw. entwickelt neue und unterschiedlich ausgerichtete Strukturen des Eskapismus. Ähnlich stelle ich mir INDECT vor und andere aktuell stattfindende Entwicklungen. Es interessiert nicht mehr wirklich, wie die Facebook-Ads ausgewählt werden, die wir sehen, und eine große Rolle werden die für unser Leben in den selteneren Fällen spielen, das kann bei einem PreCrime-Monster wie INDECT ganz anders aussehen, was konkrete Auswirkungen angeht, aber der Knackpunklt ist eben, dass das Entstehen dieser Auswirkungen für den Einzelnen (und wohl zu weiten Teilen auch von den Akteuren) nicht mehr unbedingt durchschaut werden können. Kunststück – der ganze Witz großtechnischer Informationssysteme ist das Verarbeiten von Datenmengen, die ein Mensch eben nicht mehr überschauen und verarbeiten kann.

Was lässt sich daraus lernen?

Das ist grade mein Problem. Ich neige beispielsweise zur technischen und sozialen Sicherstellung von „Fallback-Lösungen“ – man soll nicht (nur) auf einen wohlmeinenden Staat vertrauen, der das Postgeheimnis wahrt, sondern für alle Fälle trotzdem ein starkes Kryptosystem in der Hinterhand haben, beispielsweise. Der Gedanke zugespitzt ist eines meiner Lieblingsargumente für das Fortbestehen von Nationalstaaten: gäbe es eine friedlich vereinte Weltgesellschaft, würden keine Fluchtmöglichkeiten mehr existieren.

Das bei Lem beschriebene „Problem“ ist an sich trivial und bekannt – natürlich interessiert sich der Großteil der Leute für den Großteil der Dinge nicht bzw. ist das seit langer Zeit gar nicht mehr zu bewältigen, selbst wenn man sich interessieren mag. Vielleicht sollte man eben wie erwähnt Wert auf die Fallbacks legen, vielleicht die eskapistischen Tendenzen stärker mal beobachten – was sind die, wie sehen die aus? Aus welchem Unbehagen speisen die sich? Welche verursachen wiederum Unbehagen bei den Akteuren der Überwachungsregimes?

Ich denke, Lem ist hier weiter als die „typischen“ Dystopen a la Orwell und Huxley, eben weil der Aspekt des Zwangs oder der Benebelung wegfällt, die Probleme werden vielmehr offen benannt, diskutiert, es wird gar versucht, sie im Interesse von Mehrheiten etc. zu steuern. Das Ergebnis ist indessen ähnlich.

Zu guter Letzt: Lem ist ein Pessimist, und natürlich geht er nicht von einer Steuerbarkeit der Entwicklung aus. Er scheint mir aber durchaus richtig zu liegen und hat in Lokaltermin einige der zugrundeliegenden Prozesse schön und anschaulich gemacht. Mir macht es ein wenig Sorge, dass selbst ein scharfer Verstand wie Lem hier keine Optionen aufzutun weiß, jenseits des besagten Eskapismus. Hier zur Erinnerung: ich rede hier von „invasiven“ Systemen wie INDECT, nicht von Technologie oder (naheliegend) dem Netz als solchem.

* Es gibt ein paar Bücher, die man so alle paar Jahre wieder lesen kann und aus denen man immer etwas neues lernt. „Lokaltermin“ gehört dazu, auf der Uni wars lange Zeit „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ von Berger und Luckmann, ich würde gegebenenfalls auch Gödel, Escher, Bach dazuzählen, aber sicher bin ich eigentlich nur bei Lem.

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6 Responses to Lem, Lokaltermin, INDECT und noch so ein paar Gedanken

  1. madchiq says:

    Netter Zeitvertreib gerade in Bezug Fortschrittsdenken und Technologie-Kultes neben so gepflegter Lektuere: „Ismael“ von Quinn. (Hierzu wuerd mich auch mal die Meinung von einem Soziologen interessieren.)

  2. Korrupt says:

    Klingt mir nach den Amazon-Rezis jetzt ein wenig wie ne Mischung zwischen „Die Möwe Jonathan“ und Sofies Welt“, beides meine ich nicht als Kompliment :o). Von daher –
    ist das was für mich? Dann les ich das mal gerne.

  3. Korrupt says:

    Drei Bücher abkanzeln in einem Satz, und eins davon nicht mal gelesen. Mach mir das einer nach.

  4. draver says:

    Nachdem ich nur ca 1/4 des Textes verstanden habe, weiss ich, was ich dringend lesen muss, um den Rest auch noch zu verstehen.

    Wie liest sich Lokaltermin so? So rasch (im Vergleich) wie die Sternentagebuecher oder doch so zaeh, da komplex und genial, wie ‚Also sprach Golem‘?
    Empfiehlst du noch irgendeine andere Lemsche Lektuere, die man vor Lokaltermin des Verstaendnisses wegen aufgesogen haben sollte?

  5. Korrupt says:

    Guggs,

    dann pack ich oben eben mal noch ne kurze Inhaltsangabe rein. Stilistisch… ich würds wo zwischen den Sterntagebüchern, „Friede auf Erden“ und „Fiasko“ einsortieren – es hat das irrwitzige der Sterntagebücher oft, aber eben auch die philosophisch/sozialwissenschaftliche Exkurse (die in der „absurderen“ Form hervorragend funktionieren, wenns zu „tiefsinnig“ wird, dann schimmert manchmal ein wenig zu viel Pathos (einmal im Gespräch mit einem Unsterblichen, beispielsweise). Aber kaum mit dem Golem zu vergleichen. Eher noch mit den späteren Märchen in der Kyberiade, in denen Trurl versucht, das allgemeine Glück zu schaffen, und dabei scheitert; sowie mit dem futurologischen Kongress.

    Wie oben angemerkt – die Sterntagebücher kommen „chronologisch“ vorher, was die Thematik angeht, ist die Kyberiade eher dran, aber die muss man ja eh lesen :)

  6. madchiq says:

    Du hast Jonathan und Sofie gelesen? Respekt. Hab bei beiden relativ schnell aufgegeben (bei Jonathan beim Titelbild, bei Sofie kurz nach der Antike), werd mich also hueten, hier mitzu-abbrechen.

    Der Anfang ist mau – imho braucht’s den aber, danach gewinnt’s an Fahrt und wird am Ende nicht ganz, aber doch ein bisschen rosarot, um nicht zu sagen, doch ein bisserl sozialdarwinistisch. Ich denk, Du bist Anspruchsvolleres gewohnt (^^), nach Deiner Rezi ueber „Denn wir sind anders“, kannste das aber auch vertragen.

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