Die Roboter werden uns nicht retten

Ich hätte Franks Artikel in der FAZ nicht gelesen, aber Noxymo stupste mich drauf und in der Folge musste ich mir ein paar Gedanken machen.

Kürzestraffung Frank: die Maschinen/Roboter/Algorithmen werden unsere Arbeitswelt künftig schneller umkrempeln, als das Dampfmaschine, Agrarrevolution oder Elektrifizierung je gekonnt haben, alle Arbeits- und Gesellschaftsbereiche stehen vor einer drohenden? zu erhoffenden? Automatisierungswelle, die auch und gerade die „nur von Menschen zu machende Aufgaben“ durchfluten wird. Wir brauchen schnellstens Strategien, um die damit einhergehenden Umbrüche in der Organisation von Arbeit/Verteilung von Gütern noch rechtzeitig aufzufangen. Lösungen: Maschinensteuer und Grundeinkommen.

Kürzestraffung Noxymo: Frank pickt sich grade ein paar Hype-Rosinen aus dem allgemeinen Fluss der Weiterentwicklung, um eine allgemeine Bedrohungslage auszurufen, prognostiziert von mehreren möglichen Disruptionsfeldern auf eine sicher kommende, allgemeine solche und ignoriert einen festen, wenn nicht gar wachsenden Bedarf an menschlicher Arbeit. Eine „Maschinensteuer“ ist in dem Kontext eine technokratisch gedeutete Vermögenssteuer, die man idealerweise gar nicht erst abgeschafft hätte. Angesichts einer anzustrebenden Mehrbesteuerung von Vermögen und einer geringeren solchen von Arbeit und Konsum bewegen wir uns hier aber tatsächlich seit Jahrzehnten in die völlig falsche Richtung.

Kürzestfassung ich:
mir scheint, dass Noxymo seine Punkte durchaus richtig macht. Es fehlen aber ein paar, die man auch noch machen sollte.

Irgendwie symptomatisch scheint mir Franks Rede von der Automatisierung der Produktion. Er sollte es wissen, dass die, Zitat er, „Automatisierung und Flexibilisierung der Produktion“ in keiner Weise „zunehmend“ ist, sondern schlicht und ergreifend schon lange da. Ich frage mich überhaupt, warum er in der Metaphorik der Industriegesellschaft spricht, wobei es ihm aber bei der diagnostizierten Disruption auf den Punkt gebracht eben um den Umbruch der Dienstleistungsgesellschaft geht, denn er redet praktisch nur von Bedrohungen des Dienstleistungssektors. Ich erlaubte mir ein STRG-F über seinen Text (btw., mich würde interessieren, wieviele Dienstleistungsjobs allein STRG-F überflüssig gemacht hat), und stieß auf *einen* Treffer bei nicht ganz ausgeschriebenem Wort: „…Sportreportagen etwa lassen sich aus den von spezialisierten Dienstleistern bereitgestellten…“.

Franks Befürchtung: der Dienstleistungsbereich wird ebenso von der Automatisierung heimgesucht werden, wie es in beispielsweise der KFZ- oder Agrarbranche schon längst der Fall ist, nur eben viel schneller, und gleich gehts los. Ich teile seine Ansicht, dass wir da noch viel Weiterentwicklung zu sehen bekommen, aber von einem „das geht jetzt gleich los, und es wird heftig“, kann meiner Meinung nach keine Rede sein: das ging schon vor 20 Jahren los und hält seitdem an.

Das Aufzählen diverser Ausnahmen von dieser Entwicklung hat mir Noxymo teils abgenommen, ich wil hier gar keine langweilige Fortsetzung, sondern eher auf meinen Punkt kommen, dass die „befürchteten Prozesse“ schon seit Jahren laufen und man wohl Anschauungsmaterial hat. Einem Sportreporter, den man mit einem Algo wegrationalisieren kann, weine ich keine Träne nach, dass die Flughafendurchsagen irgendwo seit irgendwann aus Indien gesprochen werden, schrieb Ulrich Beck selig irgendwann zu meiner Studienzeit, ich bin sehr für Inder mit Jobs, aber wenn bald ein Algo die Flughafendurchssagen macht, muss ich doch die Ärzte zitieren: es könnte mir nichts egaler sein.

Symbolbild: Intelligente Algorithmen

Symbolbild: Intelligente Algorithmen

Branchen werden aussterben oder schwer ausgedünnt: ich denke schon auch, dass weder Reisebüros noch Taxigewerbe in der Mehrzahl eine Zukunftsaussicht haben. Man wird das nicht mit noch einem Nagelstudio und noch einem Frisiersalon auffangen können, geschenkt, wir haben auch keine Gaslampenanzünder mehr. Das Massensterben im Einzelhandel – zugegeben würde mich in dem Kontext mal die Öko- und Flächenbilanz interessieren, mir kommt es immer als eher cool vor, wenn weniger Leute wegen dem neuen OPI-Nagellack mit der Kiste in die Stadt fahren und stattdessen eben der Paketbote einen Großbrief mehr einwirft, wenn er eh fährt. Aus techniksoziologischer Sicht wäre das mal eine sehr interessante Fragestellung: der Individualverkehr erst hat die heutigen Formen von Land, Vorstädten und Zentren möglich gemacht, haben wir mit dem Netz eine Kraft, die hier dezentralisierend wirkt? In welche Richtung sollte hier aus welchen Gründen versucht werden zu steuern? Und wenn wir schon beim netz sind: es ist dort auch durchaus interessant zu beobachten, wie neben der Zentralisierungs- und Rationalisierungswelle der (Print-)Medienbranche auf einmal eine Latte anderer/kleinerer/neuerer Player auf verschiedensten Kanälen entstanden ist, die interessanterweise unter anderem dadurch bekannt/erfolgreich wurden, weil sie eben sie sind, hochspezifische Personen und nicht ein austauschbarer Algo oder Tickerfüller.

Der Dienstleistungsbereich wird weiter wachsen – schon mangels Alternativen. Wenn in dem Zuge der Pflegenotstand etwas behoben würde, fände ich das höchst begrüßenswert, aber ich befürchte auch, dass die Ungleichheit der Besteuerung von Arbeit und Kapital da eher erschwerend wirkt. Dienstleistung kann unter anderem deswegen heutzutage günstiger und flexibler erbracht werden, gerade, weil Algos einem vieles abnehmen. Wie schnell, drastisch oder sonstwie die Entwicklung weitergeht – ich mag mich da nicht um ein „eher schnell“ oder „vielleicht etweas langsamer“ streiten, der zentrale Punkt, der mich an Frank da stört, ist das „Geraune“, mit dem da eine angeblich kommende, aber schon seit jahren stattfindende Entwicklung dramatisiert wird, um anschließend mit einer ausreichend vage beschriebenen Maschinensteuer zu winken, die in der rudimentären Form auch begründen könnte, dass jedes Excel mit einer Strg-F-Sekretärinnenwegrationalisierungssteuer belegt wird und jedes Navi mit einer Abgabe zur Abfederung der Umbrüche in der Straßenatlas-Herausgeberbranche. Es wäre in der Tat einfacher und ironischerweise dabei präziser gewesen zu sagen, dass Kapital stärker und Arbeit und Konsum schwächer besteuert werden sollte.

Am Ende kommt mir der vergnügliche Gedanke, dass Frank vielleicht doch geschaut hat, wie er solche ketzerischen Gedanken so verpackt, dass sie in der FAZ gedruckt werden und auch deren reaktionäre Leserschaft auf richtige Gedanken bringen kann, die diese ansonsten ideologiebedingt nicht wahrnehmen dürfen. Aber das könnte natürlich auch ein klassischer Fall von „Hoffnung ist Mangel an Information“ sein.

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