dmexco 2016, Weltbilder in Werbe- und Netzbranche

Der neue heiße Möbeltrendscheiß bei den Netstartups

Der neue heiße Möbeltrendscheiß bei den Netstartups

dmexco ist rum, nach… drei? Jahren Pause war ich mal wieder, und ich weiß nicht recht. Das „Schaulaufen der Werbebranche“, die „Onlinewerber, die Onlinewerbern Onlinerwerbekram verkaufen wollen“, es lästert sich leicht und ich fürchte, ich stimme in Teilen ein. Ich geh zugegebenermaßen weder hin, um mir was zu kaufen, noch, um irgendwas an den Mann zu bringen, vielleicht fand ichs deswegen auch durchaus erhellend und, ganz neutral gesagt, zukunftsweisend. Ich lief viel rum und interessierte mich vortragstechnisch insbesondere für IoT, aber ich sortier mal nach Themen.

Das Internet of Things. Es fing da eigentlich spannend an, Bosch, Osram und Iconmobile, Disclaimer, ich sag das als bekennender Bosch-Fanboi. Durchaus eine Latte spannender Statements zur weiteren Vernetzung von Heim und Infrastruktur, und ich nenns mal schon mutig rausgedacht in die Post-Autofahrzeit. Später ähnliches Thema, anderes Panel mit Red Bull, einem Küchenausstatter und noch wem, Tenor „Überall Sensoren, alles vernetzen und Daten produzieren, hinten fällt Mehrwert und Targeting raus“, und da kann ich mir dann nicht mehr helfen, ich hör beliebige Szenarien und verstehe immer nur „Wir hängen n Milliarden Geräte mit TCP/IP-Stack in Chinaplaste ins Netz und können die von überallher nutzen/steuern/hacken lassen.“ Intelligente Kühlschränke öden mich aus einigen Gründen an, eine integrierte Kühlschrankcam zum im Supermarkt nochmal gucken, ob man noch Joghurt daheim hat, fänd ich nett, aber ich werd schon hibbelig, wenn die Handvoll Rasbpis nicht up to date sind, und die kann/muss ich nicht mal aus dem öffentlichen Netz von draußen ansteuern. Es ist nicht der richtige Rahmen für diese Themen, aber es erstaunt mich dann doch immer wieder, wenn das Thema schlicht nicht vorkommt. Man kann meiner Ansicht nach nicht über besagte Milliarden IP-fähige Hardware reden, Versprechungen der leichten Konfigurier- und allzeitigen Erreichbarkeit von überallher machen und nichts dazu sagen, wie man da Datenschutz, Sicherheit/Updates und sowas wie eine glaubhafte Verhinderungsstrategie der gängigeren Horrorszenarien („Mein Provider behauptet, mein Kühlschrank ddost“) unterbringt.

dmexco 2016, Symbolbild

dmexco 2016, Symbolbild

Red Bull war dabei wirklich witzig: Thema Sensorik und die typischen RB-Actionhelden, bei denen eben Herzschlag, Blutdruck, Endorphinlevel, whatever live zum Videodreh mitgemessen, visualisiert/einbezogen werden und nach Wunsch auch als Datalayer zur Verfügung stehen. Kann man dann mit dem eigenen Fitnesstracker gucken, wie nahe man mit Bordmitteln an die Werte einer Mountainbike-Drahtseil-Canyonüberquerung vom RB-Video kommt. Ich muss zugeben, triggert mich selber gar nicht und mein Verhältnis zu RB ist hochambivalent, aber das ist eine dieser coolen Spielereien, mit denen man mich kriegt.

Sensoren, mein Arsch

Sensoren, mein Arsch

In diesem IoT-Panel kam dann auch eine der „Wir sitzen auf wahnsinnig vielen Daten aus Produkten und Sensorik und könnten noch viel mehr kriegen“-Diskussionen, als Beispiel wurde eine Zahnpastatube („die kann doch mit Sensorik intelligent werden“, ächz) und eine Versicherung (!!, „die könnte sich doch für die Zahnpastatubendaten interessieren“, aargh!) angeführt, und da wünsche ich mir dann schon die Uzi mit Bullshitsensorik und Zielautomatik, optional einen intelligenten Drohnenangriff, aber allein, die richtig heißen Scheiß hat halt nur das Militär.

Das bringt mich zu den Welt- und Menschenbildern. Auch hier, der Mensch arbeitet oder konsumiert. Auf einer Marketingmesse ein irgendwie sinnvoll und einleuchtend aufs Wesentliche reduziertes Modell, aber meine Güte, hab ich nur die Statements/Inputs verpasst, wo das mal nicht so war? Das Finale der „Future of marketing“, dem BVDW Challenge Award 2016 wurde ausgetragen, zwei Präsi-Teams hatten ein Marketingkonzept 2025 für Randstad (Zeitarbeit) entwickelt. Zweimal Powerpointbullshit zum im Strahl kotzen. Der Mensch ist umso leichter vermittelbar, desto nackiger er sich macht, und dann nach Möglichkeit projektbezogen dynamisch beauftragbar, und Randstad „unterstützt“ beim optimalen Selbstvermarkten der flexibel buchbaren Arbeitskraft der Freelancer und Digital Nomads der Zukunft.

2025: Fickend große Daten unterstützen dich

2025: Fickend große Daten unterstützen dich

Bevor der Lagerist die Kisten stapeln darf, gleichen wir automatisch ab, ob die ehrenamtlichen Engagements des Kandidaten zur Firmenphilosophie passen, mein Arsch. In diesem Stil zwei *Finalistenteams* eines Future Marketing-Awards, und wenn sich die Visionen der nächsten Generation auf sowas und die Anmerkung beschränken, Randstad werde irgendwann auch Roboter verleihen, dann kann Trump meinetwegen die Nukes starten, weil scheiß drauf. Im Ernst, dass eine Marketingmesse immer durchweg reaktionär-phantasieloses Technokratengewichse ist, geschenkt, aber was besseres als das Niveau hier haben wir echt nicht drauf? Die digitale Avantgarde, der BVBW, der sich als Slogan mal ganz unbescheiden ein „Wir sind das Netz“ behochstapelt hat? Ich atme ein, ich atme aus.

Das schöne an der Preisverleihung zur Zukunft des Marketings: Es konnte beim anschließenden „Deutschland 4.0“-Panel nicht schlimmer kommen, obgleich ich mir das tatsächlich unbedingt und allein aus der Motivation heraus geben wollte, mich ein wenig wohlig zu gruseln.

Deutschland 4.0. Kanns schlimmer kommen?

Deutschland 4.0. Kanns schlimmer kommen?

Und falls ja, wer ist dann schuld?

Und falls ja, wer ist dann schuld?

Das TED-Ergebnis zur Frage, warum alles scheiße ist, war noch einigermaßen überraschend und wurde dann auf das Expertenpublikum aus Fachkreisen und -branchen geschoben, und das wars dann auch schon. Es ist alles gar nicht so schlecht, Uber sind nicht durch die Bank Riesenarschlöcher, und sowas wie soziale Absicherung und die Neigung, Disruption nicht als Wert an sich feiern zu wollen, haben schon sowas wie eine Existenzberechtigung.

Scanblue. War ein bisschen cool.

Scanblue. War ein bisschen cool.

Die Technik. Da mags an mir liegen, ich kriegte das ins Extrem getriebene Buzzwordbingo mit, irgendwo im Vorbeilaufen erhaschte ich aus dem Augenwinkel eine Bildschirmfolie mit „Extreme Granulation and Hypertargeting“, nun ja. Was mir an „Technischem“ wirklich gefiel, war das Scanner/VR-Ding von Scanblue, die wohl eine neue Technik zum Einscannen von Objekten für VR haben und schnell und günstig Gegenstände so im Original-Look in eine VR packen können. Sie scannen das Schuhangebot von $shop, man setzt sich die VR-Brille auf und kann mit den VR-Greifern dann alles an gescannten Schuhen nehmen, rumdrehen, aus allen Richtungen angucken usw., und ich denke, weniger für die VR-Brille daheim und den 3D-Regalen bei Amazon denn für die Boutiqueläden in der Edeleinkaufsmeile ist das was: man hat 20 Ausstellungsstücke und 20.000 als VR, man sucht sich das aus, was gefällt und wenn man heimkommt, steht schon der Hermes-Paketbote vor der… jaja, Scherz. Aber was in die Richtung.

Wo bleibt das Positive?
Ein Berliner Werbestartup hatte einen Spätiverschnitt aufgebaut und verteilte auch an mich zuverlässig Mate, obgleich ich beim Holen immer offenherzig bekannte, ich sei nicht ihre Zielgruppe, ihr Produkt für mich uninteressant, ich wolle einfach nur Mate trinken. Targeting done right, denn: Hauptsache, der Kunde ist glücklich. Ich wars.

Gut: Mate vom Späti.

Gut: Mate vom Späti.

Immer und generell besser: Pornhub

Immer und generell besser: Pornhub

Fickend richtig gemacht!

Fickend richtig gemacht!

Außerdem war eine der Outreachagenturen von Pornhub da, und Pornhub machen alles richtig. Ich stiefelte grade mit Olesya plaudernd rum und rechne es auch ihr hoch an, dass sie es vollkommen vertretbar hielt, dass ich die Plauderei sehr aprupt unterbrechen und meinen Helden huldigen musste. Sie freuten sich, ich glaube, ich war auch überzeugend. Aber im Ernst, wer sowas raushaut, ist einfach der geilste, da kann einfach alles andere einpacken und Bier holen gehen.

Omclub: Panorama mit Breakdance und Bungee

Omclub: Panorama mit Breakdance und Bungee

Tja, und Omclub. Ich muss zugeben, es erstaunt mich dann doch immer wieder, was Randolf da so raushaut, obwohl ich ihm ja durchaus alles mögliche zutraue, oder grade deswegen. Und um diesen wechselhaften Halbrant hier noch melancholisch ausklingen zu lassen: man lernt dann auch, dass die Zeiten mit Messetag durchhauen, Party bis vier, dann heim und nach kurzem Powernap zur Arbeit rum sind. Insofern mein dmexcofazit, vollkommen unironisch: erhellend in durchaus vielerlei Hinsicht. Nächstes Jahr setze ich trotzdem wahrscheinlich wieder eine Runde aus.

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3 Responses to dmexco 2016, Weltbilder in Werbe- und Netzbranche

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