JusProg: Von Jugendschutzprogrammen und unerwarteten Ablebensgründen

Letztens bekam ich die Vorbeben mit, dass dem einzigen von der KJM zertifizierten Jugendschutzprogramm ebendiese Zertifizierung entzogen werden soll, führte einige nette Gespräche und nun ists soweit. Torsten Kleinz schreibt was bei SpOn und liefert einen schönen Überblick. Das Thema verfolge ich schon etwas länger, daher ein paar Anmerkungen, Zuspitzungen und wilde Theoriefindungen meinerseits. Denn an sich hielt ich sowas für überfällig, wundere mich grade aber sehr über die Gründe.

Kurz Rahmeninformationen. Die KJM ist die Kommission für Jugendmedienschutz, die den Jugendschutz im Privatrundfunk und im Internet reguliert. Extrem verkürzt: sie ist quasi die „staatliche Seite“, die qua gesetzlicher Verpflichtung ein Interesse dran hat, dass „Jugendmedienschutz faktisch stattfindet“. Das Ganze als Verbandsorganisation der Landesmedienanstalten, weil Rundfunk Ländersache ist.

Die FSM ist die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter und somit quasi die „Unternehmensseite“: sie hat unter anderem ein durchaus wirtschaftliches Interesse daran, dass „Jugendmedienschutz faktisch stattfindet“: denn dann sind etwaige strengere Regulierungen nicht notwendig und kann man in Ruhe Geld verdienen. Daher liegt auch der FSM aus durchaus naheliegenden Gründen daran, dass es in Deutschland eine funktionierende Jugendschutzlösung auch und grade fürs Internet gibt.

Die gabs bislang mit JusProg, dem Jugendschutzprogramm des gleichnamigen e.V., der selbiges entwickelte. Und wer sich wundert, dass nun in der FSM-Mitgliederliste ebenso wie im JusProg e.V.-Vorstand Namen wie RTL, Vodafone, Pro7/Sat1 auftauchen: das ist weder ungewöhnlich noch hat es ein „Geschmäckle“, denn natürlich sind es genau dieselben Interessen, die von denselben Akteuren vertreten werden: wir verpflichten uns zu freiwilliger Selbstkontrolle, und dazu gehört auch, dass wir eine Lösung anbieten, um bei Bedarf jugendgefährdende Inhalte im Netz von den Eltern auf der Kiste sperren zu lassen.

Nochmal extrem verkürzt: Die Unternehmen (FSM) versprechen den Ländern (KJM), dass sie (freiwillig) die notwendigen Maßnahmen ergreifen, damit der Jugendschutz im Netz gewährleistet ist, und das erreichen sie unter anderem mit einer geeigneten Jugendschutzsoftware (JusProg). Die KJM schaut sich JusProg an, findets in Ordnung, alle sind glücklich und man redet nicht weiter drüber. Gedanke meinerseits: Schon gar nicht darüber, dass das alles niemanden interessiert, nichts nützt und niemandem was anderes bringt außer Ärger. Denn dann müsste man sich eingestehen, dass man völlig sinnlos Zeit und Ressourcen vergeudet, um zumindest so zu tun, als ob man einen verlorenen Posten halte. MAN REDET NICHT WEITER DRÜBER.

Nun schaute sich die KJM JusProg aber wieder an und fands nicht mehr in Ordnung. Nur für Windows, nur für Chrome, das sei nicht mehr zeitgemäß. Zertifizierung ade, und nun steht die FSM im Regen, denn das einzige Programm, das ihren Mitgliedern ermöglicht hat, potentiell jugendgefährdende Inhalte ins Netz zu stellen, fällt weg. Wenns kein anerkanntes Programm zum Filtern gibt, müssen die erwähnten strengeren Regulierungen her, konkret im Raum stehen wieder die schon in seligen Nullerjahren für ausreichend Spott sorgenden Sendezeitbeschränkungen. Unnötig zu erwähnen, dass die FSM das alles unangemessen findet, schließlich gäbe es bereits iOS-Versionen und „in Zusammenarbeit mit Vodafone“ auch Filter für iOS *und* Android.

Ich wiederum vertrete ja den Standpunkt, dass man halt selber schuld ist, wenn man von .de aus Porn vermarkten will. Insofern könnte ich mir das Popcorn nehmen und mich zurücklehnen, allein, an sich wartete ich schon seit Jahren auf sowas wie jetzt, nur dass es eben aus einem anderen Grund passiert: nämlich, dass niemand JusProg verwendet.

Denn das eingangs bei beiden Parteien attestierte Interesse daran, dass „Jugendmedienschutz faktisch stattfindet“, ist nicht identisch. Bei der KJM ist das ein Anspruch, dem Verfassungsrang beigemessen wird und der sich direkt aus Grundgesetz und Menschenwürde speist. Das Ziel ist, dass Jugendschutz tatsächlich und überall garantiert ist. Bei der FSM verstehe ich unter dem Anspruch eher, dass es eben ein zuverlässiges Mittel geben muss, das eingesetzt werden kann, sollte jemand (z.B. Eltern) ein Interesse daran haben. Mittel ist da, alles gut, der Rest ist Sache der Nutzer. Und dass nicht diese unterschiedlichen Sichtweisen nun kollidieren, sondern ein eher diskutables Plattformproblem, erstaunt mich. Denn demnach hat es bisher wie gesagt offenbar nicht interessiert, dass Jusprog halt keinerlei relevante Verbreitung hat.

Ey! Ab achtzehn!

Was bringt mich auf dieses schmale Brett in Sachen „keine Verbreitung“? Nun, JusProg bietet Webmastern die Möglichkeit, die eigene Seite mit einer Selbsteinstufung bezüglich der Altersfreigabe zu versehen. Wer also schnell wissen will, wo Bild die Ab18-Inhalte versteckt, kann einfach unter https://www.bild.de/age-de.xml nachschauen. Ich hatte vor dem ersten Pornmarketingvortrag seinerzeit aus Jux mal die korrupt.biz gelabelt, es ist wirklich recht einfach und an sich eine okaye Umsetzung.

Es liefert aber auch schöne Möglichkeiten, sich ein Bild der faktischen Verbreitung von JusProg zu verschaffen, und dafür braucht man die eigene Seite nicht mal zu labeln. Weil prinzipiell jede Webseite gelabelt sein könnte, muss das Programm, falls aktiv, auf jeder aufgerufenen Seite nach besagter age-de.xml-Datei fragen und sich gegebenenfalls an deren Angaben orientieren. Sprich, jeder Rechner, auf dem JusProg läuft, hinterlässt in jedem Serverlog Anfragen nach besagter age-de.xml und kriegt im Zweifelsfall halt ein „404, gehen Sie bitte weiter“. Zu deutsch, jeder kann in seinen Serverlogs gucken, wie oft nach dem File gefragt wird. Ich hatte geguckt und sagte 2016 wie auch 2018 „Das benutzt niemand. Also, wirklich niemand.“

Nun hab ich privat Serverlogzugriffe auf Sites mit meinetwegen ein paar zehn- bis fünfzigtausend Zugriffen im Monat und man kann sich streiten, ob das eine repräsentative Stichprobe ist. Ich fragte damals bei ein paar Bekannten rum, wo auch mal die sechs- bis siebenstellig aufwärts-Zahlen anfielen und hörte von 0 bis „na, so 10, 20 vielleicht“. Wirklich korrigieren meine ich mich da nicht zu müssen, allenfalls in Richtung „Nun, NIEMAND ist vielleicht etwas pointiert, aber näher an der tatsächlichen Situation als alles andere“. An dieser Stelle: wer größere Serverlogs (und ich meine Serverlogs, keine Analyticsdaten) zum mal durchgrepen hat und mir ein „Wie gehabt, Richie, ne age-de.xml ruft auch 2019 kein Schwein ab“ zurufen will, bittegerne. NACHTRAG: Alvar Freude hatte bereits 2015 zu diesem Zweck schon ein Perlscript gebaut und, soweit ich mich erinnere, mein Interesse an der ganzen Thematik überhaupt geweckt. Danke, Alvar, und sorry fürs vergessen, aber vier Internetjahre sind ja mindestens drölfzig alteweissemännerjahre. ENDENACHTRAG.

Möglicherweise habe ich den Siegeszug von JusProg in den deutschen Kinderzimmern nur nicht mitbekommen, aber falls das nicht der Fall ist, kommen mir Fragen in den Sinn:

· Was ist das Problem, wenn ein Jugendschutzprogramm nicht nur auf Windows, sondern nun auch auf iOS und Android von niemandem verwendet wird?
· Gab es vorher keins? Warum nicht?
· Was ändert sich an einer bisherigen Reichweite von Null durch eine zusätzliche Reichweite von Null?
· Wenn fehlender Jugendschutz auf iOS ein Problem sein soll, warum war eine Jugendschutz-Marktdurchdringung auf Windows an der Messbarkeitsschwelle keines?

Ich ging an sich immer davon aus, ein sehr schlechtes Bild vom deutschen Jugendschutz zu haben. Andererseits scheint mir die „Wir wissen alle, wie sinnfrei das alles hier ist, also tun wir so, als obs ne funktionierende Lösung gibt und reden nicht weiter drüber“-Theorie auch das Ergebnis eines Gedankengangs zu sein, für den es einen gewissen Realitätsbezug wie auch einen Rest Denkfähigkeit braucht. Und im Nachinein betrachtet fand ich das Vorgehen ja auch eigentlich ziemlich clever von allen Beteiligten.

Sagen wir so: mit diesem Zuschreiben von Realitätsbezug, Denkfähigkeit und Cleverness kann mein damaliges Bild so schlecht gar nicht gewesen sein.

P.S. Persönlich halte ich alle Jugendschutzlösungen, die nicht auf Routerebene funktionieren, für grundsätzlich bekloppt. Ich halte auch die auf Routerebene für bekloppt, aber immerhin nicht vollkommen sinnfrei. Auf Ebene der Smartphones mach ich es mir vielleicht ein wenig leicht, aber würde die These zumindest testen wollen, ob ein schmalbandiger Datentarif kombiniert mit gefiltertem WLAN nicht deutlich bessere Learnings in Sachen Kosten/Nutzenabwägungen zeitigen würde. Wer abwägen muss zwischen dreißig Sekunden HD-Pornhub und zwei Wochen Whatsapp ohne Bildversand, könnte durchaus was fürs Leben lernen.

P.P.S. Ganz großen Dank an liebe Menschen, die mir Daten rüberwerfen. Das bewegt sich grade in Bereichen wie „200k Besucher/Monat, 2 Abrufe Age-de.xml; 100k Besucher/Monat, 0 Abrufe age-de.xml“, und grade, dass es manchmal eben dieses unterpromillige Auftauchen gibt, das hat so eine charmante Melancholie, ich stell mir immer vor, das ist der Tester bei JusProg.

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2 Responses to JusProg: Von Jugendschutzprogrammen und unerwarteten Ablebensgründen

  1. Carsten says:

    Also angesichts der Mitglieder in dem Verein und der Tatsache, dass die ja durchaus ein bisschen Kleingeld haben, wundert es mich doch massiv, dass die es nicht geschafft haben, ihre Software für weitere Plattformen anzubieten – da muss man doch davon ausgehen, dass die das einfach nicht wollen?

    Ach ja, Zugriffe in diesem Jahr bei jbo.de auf die age-de.xml: 2 und beide heute mittag…

  2. Korrupt says:

    Das „heute mittag“ find ich schon wieder lustig :)
    Was die Plattformen angeht: mein Gedankengang war eher, dass es ja reicht, wenn man eine Alibiveranstaltung betreibt, nachdem es ja um einen faktisch stattfindenden, durchgängigen „Schutz“ nicht gehen kann, weils halt eh nicht geht. Mich wundert eher, dass man sich nicht um wenigstens *etwas* mehr Marktdurchdringung gesorgt hat. Ich meine, wir reden von fetten Medienkonzernen, die an sich kein Problem haben sollten, zumindest einem Prozent der Wohnbevölkerung nahezulegen, mal was zu installieren, wenn an ihrer Kiste auch mal die Bildgirls aufgerufen werden und das Kind auch mal die Browserhistory entdecken könnte.

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