Aber wer braucht schon kritische Psychologen. Kurzer Nachruf und SpOn-Diss.

Ich les grade einen Spiegel Online-Artikel, laut dem die letzte Professur für Kritische Psychologie geschlossen wird (das scheint mir die Faktenlage) und damit ein etwas überkommenes Kuschelrelikt aus wirklichkeitsfremden 68-Zeiten mit den üblichen Stricklieseln und K-Gruppenführern wenig bedauerlich spätablebt (das scheint mir die propagandistische Intention der Berichterstattung zu sein). Weil ich viel Zeit meines Studiums mit der Kritischen Psychologie verbracht habe, fühle ich mich verpflichtet, da ein paar Sachen geradezurücken. Für die tl;dr-Fraktion: ganz unten ist ein schöner Screenshot.

Dass einer der hellsten Köpfe der Psychologie da mit einem Marxzitat und einem Kinderbuchdiss abgewickelt wird, will ich der Frau Hasel schenken. Man braucht ein wenig Schmalz im Hirn, um ein Standardwerk Holzkamps durchzuarbeiten, „Lernen“ kann ich aber zumuten, die „Grundlegung der Psychologie“ ist in der Tat nicht ganz leicht zu lesen und zu verstehen, aber hallo, dafür geht man an die Uni und deswegen braucht man dazu a) ein wenig Hirn und b) ein wenig Anstrengung desselben. Aber wie gesagt geschenkt, einfach ein anderes, symptomatisches Zitat, das ich einfach mal exemplarisch, kurz und schmerzlos abschießen und zerlegen mag.

„Außerdem sei das marktwirtschaftliche Denken in die Köpfe eingedrungen, es zähle die unmittelbare Verwertbarkeit akademischer Inhalte. Da haben es Wolkenkuckucksheime wie die Kritische Psychologie schwer.“


Ich erspare mir die längliche Erörterung, wohin dieses kurzfristige, pseudoökonomisierte Denken schon ganz andere Branchen letztens hingeführt hat und was der Bildung unter diesen Bedingungen droht. Der interessanteste Aspekt des Satzes ist, dass er exakt bestätigt, was er als „Wolkenkuckucksheim“ der Kritischen Psychologie dissen will: nämlich dass Bildung, Erziehung und Lernen ökonomisiert sind und sich – heute verstärkt, wie der Artikel auch beschreibt – entlang tatsächlicher oder empfundener ökonomischer Zwänge entlang bewegen. Spätestens hier hätte einem beim Schreiben auffallen können, dass man sich grade derbstens ins eigene Bein geschossen hat, aber ich bin sicher, Frau Hasel schrieb eben auch unter ökonomischen Zwängen, d.h. eben nicht frei, kritisch und selbstbestimmt, und dann kommt Quatsch bei raus. Das hätte sie bei Holzkamp lernen können, aber gut. Wie gesagt, so kann man den „Abschiedsbesuch“ von SpOn nach Belieben zerlegen, ich spar mir die Mühe und bring ein paar konkrete Erfahrungen und Lernprozesse meinerseits. Keine Panik bei fachterminisch klingenden Überschriften, ich bleib ganz auf dem Boden.

Defensives und expansives Lernen

Die Jugend/Leute/Arbeitnehmer/egal sind desinteressiert, unaufgeschlossen, stupide, unselbständig. Die Klage liest man gelegentlich, neh? Es sollte doch eigentlich mit einer Lerntheorie was anzufangen sein, die untersucht, warum manche Sachen mit Begeisterung, Interesse und in Selbständigkeit gelernt und angewendet werden, während andere auch unter größten Sanktionsdruck nicht in die Hirne der verstockten Deutschen reingeprügelt werden können. Woran das liegen kann, schrieb ich vor einigen Jahren hier, Seite 3-5. Dass wir es verdammt nötig haben, dass Menschen zu lernen beginnen, weil sie sich für etwas begeistern, weil sie ihre Perspektiven, Handlungsspielräume, Möglichkeiten erweitern wollen, und dass wir es weniger brauchen, dass immer mehr Totwissen unter immer größeren Zwängen in Köpfe reinsanktioniert wird, die sich nur noch dafür interessieren, wie sie der nächsten Repression wovon auch immer irgendwie ausweichen, dürfte klar sein. Wir sind mittendrin in einem System, das ausschließlich auf ökonomischen Druck setzt, wenn irgend jemand zu irgendwas angetrieben werden soll. Hinterher wundert man sich, wenn man angepasste Fachidioten oder alternativ Totalverweigerer hat.

Praxisbezug

Wenn ich irgendwo selbständiges Arbeiten, Denken und eben und gerade Lernen gelernt hab, dann in der Kritischen Psychologie. Ich hatte das Glück, dort lang als Tutor, Projektmitarbeiter, Hilfskraft etc. zu arbeiten, und wenn ich nicht als Theorieleiche aus der Uni gekommen bin, dann wegen der Möglichkeiten zur Mitarbeit dort. Heute wird geklagt über fehlendes Praxiswissen, fehlende Erfahrung, Weltfremdheit und totem Bücherwissen, dort hab ich vom Untersuchungsdesign über Befragungen, Beobachtung, Interviews, Auswertung und Publikation an Studien mitarbeiten können. Wer nicht nachts um zwölf im Stuttgarter Osten auf den geparkten Daimlern vor dem Dopeumschlagsplatz Fragebögenuntersuchungen zu Orientierungen Jugendlicher gemacht hat, hat ein unvollständiges Bild der Realität, auch wenn er sich dreimal Sozialwissenschaftler schimpft oder in fünf Ausschüssen zur Zukunft Deutschlands sitzt. Es ließe sich beliebig fortsetzen, das Ergebnis ist immer, dass ein Hörsaal ein Hörsaal und die Welt draußen die Welt draußen ist und dazwischen ein Unterschied. Wer das Rausgehen mit Kuschelsoftigachtundsechzigerei verwechselt, hat in der Regel gute Gründe fürs Nichtwissenwollen, was eigentlich los ist.

Subjektorientierung

Der Mensch ist ein Subjekt. Das handelt, und es handelt aus bestimmten Motiven und unter bestimmten Voraussetzungen. Viele dieser Voraussetzungen sind ökonomisch geprägt, das ist eine solche Trivialsterkenntnis, dass ich schon wieder in die Tischkante beißen könnte, wenn ich ich an das Kleinfaseln eben dieser Erkenntnis bei SpOn denke. Um die Ökonomie gehts gar nicht, es geht drum, dass man mit einer solchen Perspektive lernt, eben diese Subjekte zu verstehen und eben ihre Weltdeutungen zu sehen, wenn man sie denn erfahren will oder ihnen etwas vermitteln möchte oder kapieren will, warum sie sich so verhalten, wie sie es eben tun. Ich erinnere mich an eine Anekdote meines Dozenten – Josef Held, um ihn mal zu nennen und gleich anzufügen, wenn ich gelegentlich ein paar Sachen zu verstehen scheine, dann hat das sehr oft mit ihm zu tun – jedenfalls, sie machten eine Videoarbeit mit Schülern. Sie waren erschreckt, wie negativ die Sicht auf die Schule und das Schülerdasein war, das sich ergab, als man sie eben machen ließ, wie *sie* sich verstanden wissen wollten. Sie nannten die entstandene Dokumentation „Wie der Mensch zum Schüler wird“, und ich bin sicher, es hätte sich bis heute viel draus lernen lassen. Tipp: damals gabs noch keine Killerspiele.

Nun ja. Sowas lernte man eben im „linken Biotop“, so SpOn, der neben diesem Satz eine herrliche Werbeanzeige in eigener Sache schaltet.

Spiegel Online erklärt, wie man prima lernt

Spiegel Online erklärt, wie man prima lernt

Die ist natürlich weder ökonomisiert noch weltfern, und die Unterzeile beinhaltet wohl mehr Information über heutige Lehr- und Lernkultur, als es 600 Seiten Grundlegung der Psychologie je könnten.

Lesestoff, wenns interessiert. Für die ökonomische Verwertbarkeit übernehme ich keine Haftung. Und Obacht, selber denken macht unglücklich.

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