Lem und die Geschlechterverhältnisse, unsortierte Ergänzungen

Nebenan schreibt der Gurkenkaiser über Lem und Geschlechterrollen und macht das mit einem in meinen Augen vollkommen unzureichenden Ausschnitt aus dem Lemschen Oevre. Ich hab mich nun doch ein wenig länger ins Thema getippt und klopp das mal hier rein, nachdem ich ja durchaus öfter über Lem tickere. Also. Bitte erst hier gucken und dann weiterlesen.

Mir erscheint nebenan ein Aspekt chronisch unterbelichtet: dass Lem das Thema „Geschlechtlichkeit“ aus – zu interpretierenden Gründen – einfach wenig interessiert bis abgestossen hat. Am fruchtbarsten scheinen mir da a) die Robotermärchen und b) und insbesondere, Lokaltermin. Ich würde soweit gehen und sagen, eine Analyse des lemschen Verhältnisses zu Geschlechtlichkeit ist ohne Lokaltermin vollkommen sinnlos, da dort am drastischsten seine „Ablehnung“ der menschlichen Sexualität als solcher deutlich wird. Zweigeschlechtlichkeit und Sexualität selbst des öfteren, die „Ekligkeit“ der menschlichen Sexualität im Besonderen eben in Lokaltermin, da übrigens ohne Rücksicht auf männlich/weiblich.

Seine oftmals stereotypen Männer/Frauenbilder mag ich da gar nicht gross in Schutz nehmen, mir drängt sich da nur eben auf, dass ihn das als eher „randständiges“ Phänomen der Menschheit schlicht wenig interessiert hat und er sich dabei eben nur schwer an der Oberfläche bedient hat – ums mit der Stimme des Herrn zu sagen: die Verschiedenheiten der Menschen sind angesichts der Verschiedenheiten kosmischer Intelligenzen eher unbedeutend bzw. für die Analyse uninteressant. Ins Komische gedreht werden sie allenfalls in den Robotermärchen, wo – weils der Geschichte dient – oftmals stereotype, märchenhafte Darstellungen von Männlichkeit oft erfrischend dekonstruiert werden. Aber eben auch hier vor der Folie des eigentlichen Dualismus Mensch-Roboter, vor dem eben der sekundäre zwischen Mann und Frau zurücktritt.

Nochmal abgeschwiffen, weils mich jetzt doch beschäftigt: die SM-Eskapaden, die praktisch immer mit der Entwicklung „phantomatischer“ Strukturen einhergehen oder die „Cyborgisierung“ des Sexlebens werden bei Lem auch meist bei beiden Geschlechtern thematisiert, ohne dass mir sich eine „diskriminiernde“ Sicht aufstößt. Ich habe, wie gesagt, den Eindruck, das „Geschlechterproblem“ interessiert ihn eher weniger. In den „theoretischen“ Werken scheint mir das ein paar mal aufzutauchen – der Vorwurf in „Phantastik und Futurologie“, dass die SF eben schlechte Standardgeschichten in ein Raumschiff verfrachtet und fertig ist der SF, wohingegen eben genau das, was „Standardgeschichten“ mit ihren menschlichen, allzumenschlichen Themen eben genau das nicht sind, was die SF ausmacht. Männer und Frauen gibts dann eben, soweit sie überhaupt nötlg sind (und bei Lem deswegen ja auch oft genug gar nicht). Dann fällt mir noch eine Passage in „Lem über Lem“ ein, wo er sich eben über die Sexualisierung der westlichen Gesellschaft auslässt und da eben insbesondere über diese in Form von männlich dominiertem Sexismus, der ihn eben abstößt. Er baut sich darüber eben kein alternatives Geschlechtermodell, sondern nimmt das eben als Ausgangslage, das Thema so weit wie möglich allenfalls als Defizit der menschlichen Gesellschaft – insbesondere als „Ablenkung“ von den eigentlich wichtigen (philosophioschen? ontologischen?) Fragestellungen zu begreifen.

Zu guter Letzt: anders gehts teilweise in den „sozrealistischen“ Frühwerken zu, wenn ich mich recht entsinne, wo sozialismusbedingt gleichberechtigt Mann und Frau in den Kosmos vorstossen. Ein Szenario, zu dem ich Lem einfach mal unterstelle, dass es ihm aufgrund der herrschenden Verhältnisse als zu verlogen vorkam, um es auch nur in die Utopie zu kippen. Ergänzend: im „Gast“ scheint mir Lem die „literarische Hommage“ an rilkesche Liebesgeschichte wichtiger gewesen zu sein als eben die Widersprüche sozrealistischer Geschlechterbilder. Btw., es könnte interessant sein, dieselbe Analyse bei Lem mal in Bezug auf die spirituelle Ebene zu machen und seine „Kirchenkritik“ herauszuarbeiten. Der hat er sich meinem Eindruck nach etwas vehementer und vielschichtiger gewidmet als der Geschlechterfrage.

Zum ersten Kommentar nebenan: Le Guin ist auch die mir einzig bekannte explizite Ausnahme in Sachen SciFi/Geschlechterrollen, wo aber meines Erachtens nach die literarische Qualität gelegentlich unter der sozialtheoretischen Sendungsaufträgen leidet. Bei Asimov sind wir besser dran, da gibts wenigstens keine literarische Qualität, die unter einem nichtvorhandenen theoretischen Hinterfüttern leiden könnte… Hm. Herberts Dune?

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5 Responses to Lem und die Geschlechterverhältnisse, unsortierte Ergänzungen

  1. Maximilian S. says:

    Ah, auch ein Lem-Experte. Hab dich auch gleich mal auf Google+ abonniert. ;)

    „Lokaltermin vollkommen sinnlos, da dort am drastischsten seine “Ablehnung” der menschlichen Sexualität als solcher deutlich wird.“

    „Seine“ würde ich hier nicht sagen. Im Christentum wird der Sex bekanntlich als Sünde betrachtet bzw. die Lust verteufelt. Lems Theorie ist, dass sich diese Betrachtung daraus entwickelt hat, dass Geschlechts- und Ausscheidungsorgane im Menschen zusammenfallen. Der Sex wird also nicht als etwas vollkommen Reines betrachtet, weil „unreine“ Ausscheidungsorgane beteiligt sind.

    Das ist ein Beispiel dafür, wie unsere Biologie die Kultur prägt. Im Roman Lokaltermin gab es in der Kultur Entianer aufgrund der grundlegend anderen Sexualität ihrer Bewohner deshalb nie eine Verdammung der Sexualität. Im Roman wird Tichy einmal von losannischen Studenten befragt, was es mit dem seltsamen Verhalten der Menschen im Zusammenhang mit Sexualität oder Nacktheit auf sich habe. Als er versucht, ihnen das Konzept „Scham“ näherzubringen, scheitert er kläglich. Bei den Entianern ist der Sex eine Mischung aus Wettrennen, Blütenbestäubung und sportlichem Massen-Event. Erotische Gefühle oder sexuelle Scham hat die dortige Evolution gar nicht erst erfunden, weil man dem bestäubten Weibchen meist das bestäubende Männchen nicht zugeordnet werden kann. Wenn ich mich recht erinnere, hat dort ein Kind sogar immer mehrere Väter, es sind also mehrere Samenzellen zur Befruchtung notwendig.

    Ich kenne außer „Lokaltermin“ keinen anderen SF-Roman, wo eine plausible „alternative Sexualität“ vorgestellt wird, die völlig anders ist als die menschliche. Nebenbei kenne ich bisher auch keinen Roman, wo eine fremde Zivilisation so genau beschrieben wird wie hier: Inklusive der spezifischen Biologie der Bewohner, ihrer beiden völlig verschiedenen Kulturen, ihrer Philosophiegeschichte, ihrer Technologie (die „Syntur“) und der Probleme, die sich daraus ergeben.

    Anscheinend hast du „Phantastik und Futurologie“ gelesen. Kennst du auch seine „Philosophie des Zufalls“? Im zweiten Band bespricht er ausführlich die recht ungewöhnliche Entstehungsgeschichte seines „Lokaltermin“.

    Zum „Geschlechterproblem“ bei Lem: Der „Gurkenkaiser“ erwähnt folgenden Aufsatz:

    Jekutsch, Ulrike: Das Geschlecht der Maschine: Geschlechterdifferenz in Stanislaw Lems Erzählungen „Rozprawa“ und „Maska“. In: Stanislaw Lem – Mensch, Denker, Schriftsteller. 179-202.

    Leider hat er ihn offenbar selbst nicht gelesen, zumindest nicht die beiden Erzählungen auf die sich Ulrike Jekutsch bezieht. Das ist schade, denn bei diesen Erzählungen handelt es sich um „Die Verhandlung“ und „Die Maske“. Ich habe den Text von Jekutsch leider auch nicht gelesen, weil das Buch über 50 Euro kostet.

    In der „Verhandlung“ tritt der mutmaßlicher Android Burns auf, von dem aber nicht ganz sicher ist ob er ein Mensch ist oder, wie er behauptet, ein Android. Er äußert Pirx gegenüber unter anderem seine nicht-menschliche Sicht auf den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Ob es sich dabei auch um Ansichten von Lem selbst handelt? Ich halte es für relativ wahrscheinlich, zumindest um seine Theorien. Zum Beispiel sagt Burns:

    „[…] ich habe den Eindruck, daß den Männern – selbst solchen, die nicht daran gewöhnt sind – der Umgang mit uns [Androiden, die Menschen perfekt gleichen] leichter fällt. Männer finden sich mit Tatsachen ab. Frauen wollen sich mit manchen Tatsachen einfach nicht abfinden. Sie sagen weiter ‚Nein‘, selbst wenn es nichts anderes mehr gibt als ‚Ja‘.“
    Und später:
    „Eine logische Maschine unterscheidet sich vom Gehirn dadurch, daß sie nicht mehrere einander ausschließende Programme auf einmal haben kann. Das Gehirn kann sie haben, hat sie immer, deshalb ist es auch ein Schlachtfeld bei Heiligen oder ein Tummelplatz von Widersprüchen bei gewöhnlichen Sterblichen… Das Neuronennetz der Frau ist anders als das des Mannes. Das betrifft nicht die Intelligenz. Im übrigen ist der Unterschied nur statistischer Natur. Frauen ertragen eine Koexistenz Widersprüchen besser – im allgemeinen. Nebenbei schaffen aus diesem Grund hauptsächlich Männer die Wissenschaft, weil sie von der Suche nach einer einzigen, also nicht widersprüchlichen Ordnung geprägt ist.“

    Das ist zugegebenermaßen etwas aus dem Kontext gerissen. Die „Verhandlung“ kann ich dir aber auch ohne diesen Aspekt empfehlen, falls du sie noch nicht kennen solltest. Sie ist z.B. in den Sammlungen „Pilot Pirx“, „Eintritt nur für Sternenpersonal“ und „Die Jagd“ enthalten.

    Und nun zu „Die Maske“: (Spoilerwarnung!)
    Hier geht es um eine schöne Frau, die in einem mittelalterlichen Setting einen Mann liebt, den sie gar nicht kennt, und die auch nicht weiß, woher sie eigentlich kommt. Der Roman ist aus ihrer Perspektive geschrieben. Später stellt sich dann – auch für sie selbst überraschend! – heraus, dass sie selbst eine Tötungsmaschine in Gestalt eines metallischen Skorpions ist, die eben diesen Mann aufspüren und töten soll. Zusammen mit ihrem neuen Skorpion-Körper übernimmt auch der einprogrammierte Tötungsinstinkt die Kontrolle. Das Weibliche in ihr und damit die Liebe zu ihrem Zielobjekt verschwindet aber nicht komplett. Als Leser stellt sich Frage, was passiert wenn die „Skoprion-Frau“ den Mann aufgespürt hat. Wird sie ihn töten? Oder wird sich das weibliche (und damit menschliche) vielleicht doch gegen den „Tötungsinstinkt“ durchsetzen können? Die Skorpionfrau weiß es bis zum Schluss selbst nicht. Anzumerken ist, dass sie keineswegs unter einer gespaltenen Persönlichkeit leidet. Es handelt sich stattdessen IMO um zwei widersprüchliche Eigenschaften ihrer Persönlichkeit. Am Ende stirbt dann der Mann nicht durch sie, sondern durch eine andere Verletzung, kurz bevor sie ihn erreicht. Der Konflikt wurde ihr also abgenommen. Der Skorpion legt sich dann bis zum Morgen (es ist Nacht) neben die Leiche. Vielleicht weil durch seinen Tod nun ihr Tötungsinstinkt verschwunden ist und „die weibliche Seite“ bei ihm sein möchte.

    Eine Erzählung, die ziemlich untypisch für Lem ist. Nicht nur weil eine Frau bzw. eine „Teil-Frau“ die Hauptrolle spielt. Aber kann man daraus irgendetwas über Lems Verhältnis zu den Geschlechtern ablesen? ich bezweifle es. Aber, wie gesagt, ich habe den erwähnten Aufsatz von Jekutsch nicht gelesen…

    • Korrupt says:

      Hoi,

      etwas spät, aber sorry – sind einige interessante Punkte bei und ich wollt nicht zwischen Tür und Angel ein „oh, spannend“ druntermalen, weil es fielen mir doch einige Sachen mehr dazu ein.

      Vorweg: klar kenn ich die Geschichten alle, ich sollte den Lem weitgehend komplett haben. Mit Ausnahme der Philosophie des Zufalls, eben bestellt :). Was die „alternative Sexualität“ angeht – die bereits erwähnte Ursula K. LeGuin macht da mit „Winterplanet“ einen interessanten Versuch, in Sachen Sex und SF hab ich irgendwo hier auch schon das eine oder andere Mal Philip Jose Farmer erwähnt, der indessen in einer ganz anderen Liga spielt und bei dem man die gelegentlich interessanten sexuellen Alternativentwürfe unter viel schlechtem amerikanischen SF-Trash suchen muss. Es spricht vielleicht für sich, dass mir keine konkrete „Alternativsexualität“ mehr einfällt von ihm. Unbenommen aber die Originalität in Lokaltermin. Das in erster Linie meiner Ansicht nach aber aus etwas anderen Gründen: weil eben sehr stringent eine Biologie entworfen wird, die es vollkommen schlüssig erscheinen lässt, dass sie vollkommen andere soziale Überformungen zeitigt. Ich drücke mich absichtlich so aus, denn einerseits
      – zeigt Lem sehr schön, wie aus einer alternativen Biologie eine vollkommen andere Besetzung von Sexualität und Fortpflanzung (Sport, Promiskuität) hergeleitet werden kann
      – setzt er damit aber einen „biologischen Determinismus“, der hinter die Konstruiertheit von Sexualität und ihrer Normierung zurückfällt. Denn dass Sex unter Menschen die von Lem gekonnt überspitzten Assoziationen von Unreinheit, Schmutz und moralisch hochreglementierten Intimbereichen weckt, ist eben nicht naturgegeben und unabänderlich, sondern kann an sich ebenfalls nach Belieben kulturell überformt werden.

      Lem dekonstruert einerseits wunderbar die „Absolutheit“ der verbreiteten Deutung und Normierung von Sexualität mit einem Gegenentwurf, der nach „christlich-moralischen“ Maßstäben (Öffentlich! Promisk! Als Sport!) herrlich kontrastiert, aber eben erneut einen praktisch totalen biologischen Determinismus postuliert. Wer sich auf menschliche Art begattet, „wird halt schmutzig“, wenn wir unsere sexuelle Unreinheit abstreifen wollen, müssen wir uns schon in Entianer verwandeln und uns zukünftig bestäuben. Da springt er gut los, landet aber schlussendlich zu kurz. Absichtlich? Ich kanns nicht wirklich beurteilen.

      Den Burns in der „Verhandlung“ würde ich nicht allzu hoch hängen, der scheint mir weniger „für Lem“ zu sprechen. Ähnliche flache Stereotype von Weiblichkeit ist beispielsweise auch in der „Rückkehr von den Sternen“ zu lesen, wo ein Frauenbild vorherrscht, das nur deswegen nicht als vollkommen reaktionär durchgeht, weil es in eine „entagressivierte“ Zukunftsgesellschaft eingebettet wird, wo es nicht mehr so auffällt (aber die „a´ggressiven“ und natürlich männlichen Rückkehrer eben drastisch kontrastieren). Mir scheint das eher eben ein stilistisches Mittel, um Burns eben mit sowas wie (eben auch stereotypen) Ansichten auszustatten, um der Gestalt die notwendige Individualität zu geben. Ich denke gelegentlich eher, dass Lem seine „Astronauiten-Stereotype“ (auch Pirx und, weniger ausgeprägt, Tichy) mit eher flachen und stereotypen Ansichten zu Frauen ausstattet, wobei ich hier auch eher das Gefühl hab, dass er das eben für die eher technikfixierten Astronauten, Techniker, Raumfahrer als nichts ungewöhnliches empfindet, er damit eher die menschen- und familienscheuen Einzelgängertypen beschreiben will, die eben eher dazu neigen dürften, die (oft eher einsamen) Raumflüge zu machen (man denke an Pirx in „Test“).

      Die „Maske“ wollte ich auch mal wieder lesen, ich kann mir nicht helfen, ich fand die Geschichte eher langatmig und weniger spannend/interessant, wenn man mal rausbekommen hat, was passiert. Der Gedanke, sie wiederzulesen, kam mir nach der Lektüre von „Der Widerstand der Materie“, dder letztens irgendwann erschienenen Briefsammlung Lems. Dort klang ein paarmal an, dass er die „Maske“ doch sehr lieb gehabt haben muss und sie ihm als Geschichte und Idee recht viel bedeutete – da wird sie öfter „gleichberechtigt“ neben anderen Werken von Romanumfang erwähnt. Unter der Geschlechterprämisse hatte ich mir die nie angesehen, die „Weiblichkeit“ der Maske schien mir durch die männliche Zielperson bedingt, aber klar, das ist ja auch schon wieder bemerkenswert konstruiert. An sich hatte ich aber damit die alte Fragestellung verbunden, was passiert, wenn Maschinen vernunftbegabt werden, an der Schwelle zur Autonomie im Handeln stehen und dass da natürlich die „maschinen-fremden“ Faktoren wie Sympathie, Zuneigung etc. auf einmal beginnen, eine Rolle zu spielen. Es ist aber interessant, dass für diese Frage Lem eine weibliche Protagonistin aus der Ichperspektive berichten ließ.

  2. Maximilian S. says:

    So, jetzt komm ich auch mal zu einer Antwort. Bei der Philosophie des Zufalls muss ich dich warnen. :) Besonders der erste Band ist sehr abstrakt, und der zweite setzt einiges aus dem ersten voraus. Im Original erschienen nämlich beide Teile als ein Buch, glaube ich. Es geht größtenteils um Literaturtheorie aus verschiedenen Perspektiven (z.B. der Informationstheorie oder der Logik), aber auch um einige andere Themen. Er erörtert zum Beispiel, wie man das biologische Erbgut als semantische Nachricht im Sinne von Claude Shannons Sender-Empfänger-Modell verstehen kann. Einige moderne Biophilosophen behaupten heute, das ginge grundsätzlich nicht (de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_Biologie#Genetische_Information.2C_genetisches_Programm). Die sollten mal Lem lesen…

    Zur „alternativen Sexualität“: Ja, Winterplanet von Ursula LeGuin erwähnt Lem in der Philosophie des Zufalls auch wenn er über Lokaltermin schreibt. Sie ging ihm aber nicht weit genug, wahrscheinlich weil die Aliens abgesehen von ihrer Zwittrigkeit der menschlichen Zweigeschlechtlichkeit ähneln, zumindest biologisch. Von Philip Jose Farmer habe ich bisher noch nichts gelesen, wohl weil er in „Phantastik und Futurologie“ einige Male erwähnt wurde und nicht übermäßig gut wegkam. Aber vielleicht sollte ich doch mal was von ihm lesen.

    „– setzt er damit aber einen “biologischen Determinismus”, der hinter die Konstruiertheit von Sexualität und ihrer Normierung zurückfällt. Denn dass Sex unter Menschen die von Lem gekonnt überspitzten Assoziationen von Unreinheit, Schmutz und moralisch hochreglementierten Intimbereichen weckt, ist eben nicht naturgegeben und unabänderlich, sondern kann an sich ebenfalls nach Belieben kulturell überformt werden.“

    Ich denke Lem ist sich durchaus bewusst dass die Kultur (z.B. in Form des Christentums) stark auf biologische Bedürfnisse einwirkt. Und zwar umso stärker, je größer der „Spielraum“ dieser Bedürfnisse hinsichtlich ihrer Dringlichkeit ist. Stark verkürzt: Beim Atmen redet die Kultur den Menschen so gut wie nicht drein, beim Trinken wenig, beim Essen schon deutlich mehr und bei der Sexualität sehr stark. Warum? Beim Atem ist das Intervall der für den Organismus möglichen Abweichungen sehr gering, beim Sex sehr groß. Lem hat das näher ausgeführt im zweiten Band von Phantastik und Futurologie in der Einleitung zum Kapitel „Erotik und Sex“. In der Philosophie des Zufalls zitiert er die Stelle auch als er über den Lokaltermin spricht.

    „Wer sich auf menschliche Art begattet, “wird halt schmutzig”, wenn wir unsere sexuelle Unreinheit abstreifen wollen, müssen wir uns schon in Entianer verwandeln und uns zukünftig bestäuben.“

    Na ja, die „Unreinheit“ ja eine spezifische Wertung des Christentums bzw. der abrahamitischen Religionen, aber keine biologische Tatsache. Selbst wenn der Umstand, dass Ausscheidungs- und Gleschlechtsorgane zusammenfallen, zu dieser kulturellen Bewertung beigetragen haben mag (wie Lem vermutetet). In anderen Kulturkreisen hatte der Sex im Gegensatz zum Christentum sogar sakralen Charakter und wurde von Priestern in diesem Sinne praktiziert. Trotzdem ist die Kultur nicht der einzige Einfluss. Wenn es, wie auf der Entia, in Zusammenhang mit Sex Erotik oder Schamgefühl schon auf biologischer Ebene nicht gibt, dann wird wahrscheinlich auch von der dortigen Kultur (bzw. den Kulturen) die Sexualität ganz anders bewertet werden. Auch die Wertung der Unreinheit liegt für eine dortige Kultur sehr viel weniger nahe, wenn Sex grundsätzlich Gruppensex (also zu einem gewissem Grade öffentlich) ist und sich die Ausscheidungsorgane am unteren Rumpf, die Geschlechtsteile aber im Gesicht befinden.

    Die Maske fand ich auch weniger interessant. Wobei ich mir aber auch nicht ganz sicher bin welche message Lem dabei überhaupt im Sinn hatte. Hat es z.B. einen bestimmten Sinn dass Lem die Frau seitenlang darüber rätseln lässt, wer sie überhaupt ist?

    • Korrupt says:

      Jetzt hab ich auch lange für nur einen Zwischenstand gebtrasucht: nachdem ich von der „Philosophie des Zufalls“ bei einer recht beschissen diesbezüglich ausgezeichneten Amazon-Händlerkiste nur den zweiten Band bekommen hab, ist nun der erste da und so ca. viertels durch. Ich meld mich zu der ganzen Thematik nochmal :)

  3. Maximilian S. says:

    Viel Erfolg, der erste Band ist zäh. :) Ich habe übrigens auch Lem weitergelesen: Flop/Frieden auf Erden, sehr gut. Jetzt fehlt mir nur noch Fiasko und Die Irrungen/Das Hospital.

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